Deus Sol Invictus. Der Sonnengott im Spiegel des römischen Herrscherkultes


Hausarbeit, 2012

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Elagabal
2.1. Vorgeschichte
2.2. Der Gott von Emesa
2.3. Der Aufstieg zur Herrschaft
2.4. Religionspolitische Maßnahmen
2.5. Reaktionen und Widerstand

3. Aurelian
3.1. Das geteilte Reich
3.2. Der Aufstieg Sols
3.3. Die Einrichtung des Kults in Rom
3.4. Die Identität von Aurelians Sonnengott
3.5. Ausblick: Sonnenkulte nach Aurelian

4. Sol Invictus versus Elagabal

5. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

Seit Urzeiten übt die Sonne eine enorme Faszination auf die Menschheit aus. Ob in Ägypten, Mesopotamien, Japan oder Altamerika – in zahllosen Kulturen wurde und wird der strahlende Himmelskörper als Gottheit verehrt. Als Symbol der Ewigkeit und des Neubeginns erfreute sich der Sonnenkult auch im alten Rom großer Beliebtheit, ja er inspirierte die antiken Kaiser sogar dazu, die solare Symbolik für ihre machtpolitischen Interessen einzusetzen. Und wie kaum eine andere Gottheit hat Sol Invictus, die unbesiegte Sonne, seine Spuren in der langen Geschichte des römischen Weltreichs hinterlassen.

Die Bedeutung des Sonnengottes für die Herrscherkulte der antiken Kaiser kann kaum überschätzt werden. Von Augustus bis zu Konstantin, die Verbindung von solarer Bildhaftigkeit und politischer Macht bildete das propagandistische Rückgrat zahlreicher Kaiser. Aus diesem Grund möchte ich mich in dieser Arbeit der besonderen Rolle widmen, die der Sonnengott im Herrscherkult der römischen Kaiser gespielt hat. Neben einer allgemeinen Betrachtung solarer Selbstinszenierung soll dabei besonders der Frage nachgegangen werden, wo die Wurzeln des Sonnenkultes liegen, ob in Rom oder im Orient – eine Frage, die in der Forschung noch immer für hitzige Diskussionen sorgt.

Um den gegebenen Rahmen nicht zu sprengen, werde ich mich im Folgenden hauptsächlich auf die prominentesten Beispiele solarer Selbstinszenierung beschränken, namentlich Elagabal, Aurelian und – in Grundzügen – Konstantin. Für jeden dieser drei Kaiser spielte der Sonnengott eine entscheidende Rolle in seiner Propaganda und Religionspolitik. Verbunden mit der Frage nach den Wurzeln des Sonnenkultes steht dabei besonders ein Vergleich zwischen den Religionen und den politischen Maßnahmen Elagabals und Aurelians im Vordergrund. Beide Kaiser versuchten in Rom einen neuen Kult zu etablieren, jedoch mit völlig unterschiedlichen Folgen: Während die Religion dem aus Syrien stammenden Elagabal zum Verhängnis wurde, machte der gefeierte Kriegsheld Aurelian den Sonnengott zu einer festen Größe im römischen Pantheon.

Wichtigste Quelle für die Untersuchung herrschaftlicher Propaganda sind die zahlreichen Münzen, die die Selbstinszenierungen der römischen Kaiser auf eindrucksvolle Weise vor Augen führen. Aber auch die schriftlichen Quellen dürfen nicht vernachlässigt werden. Für meine Arbeit waren besonders die „Römische Geschichte“ von Cassius Dio sowie die Historia Augusta von Bedeutung. Doch so unersetzlich beide Werke sind, so gefährlich ist auch ihr Gebrauch. Während Dios Werk zu Zeiten von Elagabals Nachfolger Alexander Severus entstand und ein entsprechend einseitiges Bild des exzentrischen Vorgängers zeichnet, bemüht sich der unbekannte Autor der Historia Augusta gar nicht erst um Historizität. Sowohl die Biographie von Elagabal als auch die von Aurelian sind an etlichen Stellen frei ausgeschmückt und verfolgen meist ein ganz anderes Ziel als die Wiedergabe der historischen Wirklichkeit. Umso wichtiger ist daher die Zuhilfenahme der umfangreichen Forschungsliteratur. Für diese Hausarbeit war besonders das Werk von Stephan Berrens „Sonnenkult und Kaisertum“[1] unersetzlich, wirft es doch einen überaus umfassenden, aber auch kritischen Blick auf das zur Verfügung stehende Quellen- und Literaturmaterial und scheut sich nicht vor offener Kritik am oft zitierten Standardwerk Halsberghes[2]. Ferner sollen auch die nicht minder wichtigen Beiträge von Martin Frey[3] und Alaric Watson[4] erwähnt werden, die mit kompetentem und kritischem Auge das Wirken Elagabals und Aurelians untersucht haben.

Nach einer kurzen Einführung in die Verehrung des Sonnengottes bei früheren Kaisern, werde ich im Folgenden zunächst einen allgemeinen Blick auf Elagabal, seinen Glauben und seine Politik werfen. Anschließend werde ich mich Aurelian zuwenden und neben einer Betrachtung seiner politischen Vorgehensweise besonders die genaue Identität des Gottes zu klären versuchen, den der aus Illyrien stammende Kaiser zu seinem Schutzpatron erwählte. Nach einem kurzen Ausblick auf die Religionspolitik Konstantins soll abschließend die Frage geklärt werden, wo die Wurzeln der solaren Selbstinszenierung zu finden sind und inwieweit Aurelian als geistiger Erbe Elagabals angesehen werden kann.

2. Elagabal

2.1. Vorgeschichte

Der Einsatz des Sonnengottes als Werkzeug herrschaftlicher Selbstinszenierung reicht zurück bis zu den Anfängen des römischen Prinzipats. Als Ausdruck der Verheißung eines neuen, goldenen Zeitalters (saeculum aureum) und dem ewigen Fortbestand des Reiches (aeternitas) nutzte bereits Augustus die Metaphorik der aufgehenden Sonne für die Festigung seiner Macht.[5] Zudem ernannte er den Lichtgott Apoll, der schon seit dem 5. Jahrhundert mit Sol gleichgesetzt wurde, zu seiner persönlichen Hauptgottheit und widmete ihm in Form einer kolossalen Sonnenuhr, des Solarium Augusti, ein weithin sichtbares Denkmal.[6]

Diese Verbindung von solarer Bildhaftigkeit und politischer Macht griffen auch die nachfolgenden Kaiser auf[7] und nutzen das Symbol des Sonnengottes als Anknüpfungspunkt an das goldene Zeitalter, das saeculum aureum der Herrschaft des Augustus.[8] Doch trotz der häufigen Verwendung von Sonnensymbolik als Propagandawerkzeug rückte der Sonnenkult nie in den Mittelpunkt der kaiserlichen Selbstdarstellung, sondern stellte stets nur einen Einzelaspekt der umfassenden Inszenierung dar.[9] Erst die Erhebung Elagabals zum neuen Herrscher über das Imperium sollte den Sonnengott zum uneingeschränkten Herrscher über die römische Götterwelt machen.

2.2. Der Gott von Emesa

In der ganzen Geschichte des römischen Reiches hat wohl kein Kaiser seine Religion so sehr zum Zentrum seines Denkens und Handelns gemacht wie Elagabal[10]. Sein ganzes politisches Vorgehen, ja seine gesamte Lebensführung beruhte auf der tiefen Verbundenheit mit der Religion seiner Heimat, der syrischen Stadt Emesa.[11] Bevor wir uns also dem Herrscherkult und den religionspolitischen Maßnahmen des jugendlichen Kaisers widmen, scheint es sinnvoll, den Blick zunächst auf den Kult von Emesa und den orientalischen Gott zu richten, der für kurze Zeit das Pantheon Roms beherrscht hat.

Obgleich einige Historiker wie beispielsweise G. R. Thompson die Vermutung aufgestellt haben, die Verehrung des Gottes Elagabal habe monotheistische Züge besessen, dürfte die Religion Emesas rein polytheistisch gewesen sein. Nichtsdestotrotz hatte Elagabal aller Wahrscheinlichkeit nach eine herausragende Stellung inne und beherrschte die anderen Gottheiten.[12] Während es sich bei diesen jedoch zumeist um semitische, im ganzen Orient verbreitete Göttergestalten handelte, war Elagabal eine lokale Erscheinung.[13] Verehrt wurde er in Form eines Baetyls, eines schwarzen, bienenkorbförmigen Steines[14], bei dem es sich vermutlich um einen Meteoriten handelte[15]. Nicht ganz eindeutig ist jedoch, welche Aufgabe der emesische Hauptgott innehatte. Denn obwohl Elagabal in nahezu sämtlichen antiken Quellen als Sonnengott bezeichnet wird[16], handelt es sich hier vermutlich um eine zwar „theologisch stimmige“[17], von der ursprünglichen etymologischen Bedeutung des Namens jedoch abweichende Form. Aller Wahrscheinlichkeit nach leitet sich der Name Elagabal von dem aramäischen ´Ih´bl bzw. dem arabischen ´Ilahâ Gabal ab, was ‚Gott Berg’ bedeutet.[18] Eine durchaus plausible Deutung, denn die Verehrung von Berggottheiten im antiken Anatolien und Nordsyrien war schon zu hethitischer Zeit weit verbreitet.[19]

Ursprünglich handelte es sich also bei Elagabal keineswegs um einen Sonnengott. Dies änderte sich jedoch als Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr.[20] arabische Beduinenstämme von Emesa Besitz ergriffen und es unter ihrem Einfluss zu einer Verschmelzung der nomadischen Sonnengottheit Šamaš mit dem lokalen Berggott El-Gabal kam, aus der dann der Sonnengott Elagabal hervorging. Den Kult und den Baetyl des früher in Emesa angebeteten Gottes übernahmen die Beduinen und verliehen ihm in Einklang mit ihren religiösen Vorstellungen den Charakter eines Sonnengottes.[21] Als die griechisch-römische Außenwelt Elagabal schließlich mit dem Sonnengott Helios in Verbindung brachte und ihn in Heliogabalus umbenannte, machte sie also einen sprachlichen Fehler, der jedoch aufgrund der geänderten Bedeutung des Gottes durchaus stimmig war.[22] Dieser Umstand erklärt auch, warum spätere Quellen Elagabal bzw. Heliogabalus in der Regel als Sonnen- und nicht als Berggott bezeichnen.

2.3. Der Aufstieg zur Herrschaft

Elagabal wurde vermutlich im Jahre 203 n. Chr. in Rom als Varius Avitus Bassianus geboren.[23] Aufgrund seiner Zugehörigkeit zur ehemaligen fürstlichen Familie von Emesa erbte er die Priesterwürde des lokalen Obergottes Elagabal.[24] Einen großen Teil seiner Kindheit dürfte der spätere Kaiser in jener syrischen Stadt verbracht haben. Es verwundert daher nicht, dass ihm die Rituale, Sitten und Traditionen des Orients viel vertrauter waren als die Bräuche Roms und er auch nach der Ausrufung zum Kaiser wenig erpicht war auf eine Änderung seines bisherigen Lebensstils.[25] Ebenso verhielt es sich mit seiner Religion, dem Glauben an den Gott Elagabal, dem schon seine Vorväter als Priester gedient hatten. Ihrem Vorbild folgte der junge Varius Avitus im Jahre 217, als er selbst zum Priester dieses Gottes ernannt wurde.[26]

Doch auch der andere Zweig von Elagabals Familie war bedeutsam und einflussreich: Seine Mutter Julia Soaemias war die Tochter der Julia Maesa, der Tante Kaiser Caracallas. Als entferntes Mitglied der Kaiserfamilie genoss sie in Syrien ein angenehmes Leben, war jedoch abgeschnitten von der politischen Bühne Roms.[27] Ihr Bestreben, dieser Machtlosigkeit ein Ende zu bereiten, so sind sich die meisten Quellen einig, sei letztlich der Grund dafür gewesen, dass Elagabal auf den Kaiserthron gelangte. Große Geldgeschenke sowie die aus der Luft gegriffene Behauptung, ihr Enkel Varius Avitus sei der uneheliche Sohn des beim Militär überaus beliebten Caracalla, führten zur Auflehnung gegen Macrinus und zur Ausrufung des erst 14-jährigen Jungen zum Kaiser, der sich fortan in Anlehnung an seinen angeblichen Vater Marcus Aurelius Antoninus nannte.[28]

2.4. Religionspolitische Maßnahmen

Als Abkömmling einer Familie mit langer priesterlicher Tradition stellte der Glaube für Elagabal von Anfang an eine Konstante innerhalb seines ungewöhnlichen Lebens dar, der er sich von ganzem Herzen verschrieb. Als er schließlich zum Kaiser erhoben wurde und damit in die höchste der damaligen Welt denkbaren Machtstellung aufstieg, führte er dies mit Sicherheit auf die Gunst des von ihm am stärksten verehrten Gottes zurück – Elagabal. Vermutlich betrachtete er es daher als zwingend notwendig, die ihm verliehene Macht ganz darauf zu verwenden, seinem Gott zu dienen.[29]

Ein Ziel, dass der junge Kaiser mit ausgesprochener Kompromisslosigkeit verfolgte. So berichtet Herodian, dass Elagabal schon bei seiner ersten Begegnung mit den konservativen Senatoren darauf verzichtete, sich im römischen Stil zu kleiden. Stattdessen ließ er ein Bild von sich malen und in den Senat schicken, damit dieser sich an seinen exotischen Anblick gewöhnen könne.[30] Die Einführung der Traditionen seiner syrischen Heimat in Rom war für Elagabal also von Anfang an beschlossene Sache. Aller Wahrscheinlichkeit nach brachte der Kaiser sogar schon bei dieser ersten Reise in die Hauptstadt den Baetyl mit, den Kultstein des Gottes.[31] Und auch die Historia Augusta berichtet, Elagabal habe nach seiner Ankunft in Rom sogleich damit begonnen, Gottesdienste abzuhalten und auf dem Palatin einen Tempel zu erbauen.[32]

Angesichts dieser früh offenbarten Rücksichtslosigkeit gegenüber den römischen Traditionen entstand im Laufe der Geschichte der Eindruck eines „von allem Anfang an mit Freveltaten […] angefüllten Regimes“[33]. Doch scheint es verwunderlich, dass sich ein Kaiser, der ab dem ersten Tag seiner Herrschaft die römische Tradition mit Füßen trat und ihre Götter erniedrigte, immerhin vier Jahre lang auf dem Thron halten konnte. Aus diesem Fehlen einer spürbaren Reaktion leitet Theo Optendrenk ab, dass die Religionspolitik Elagabals für die römische Gesellschaft eine weit geringere Bedeutung gehabt haben muss, als es die Quellen vermuten lassen.[34] Doch steht diese Erklärung im Widerspruch zu den Quellen, die Elagabal, wie Kissel es formuliert, einhellig als „eines der größten Scheusale auf dem römischen Kaiserthron“[35] darstellen. Besonders die Erhebung des Elagabal über den römischen Hauptgott Iuppiter wurde als heilloses Verbrechen aufgefasst.[36] Auch das grausame Ende des Kaisers, dessen Leichnam durch die ganze Stadt gezerrt, geschändet und in den Tiber geworfen wurde[37], deutet darauf hin, dass dessen Taten als höchst frevelhaft empfunden wurden. Die Behauptung Optendrenks, die Religionspolitik Elagabals habe nur eine geringe Tragweite besessen, lässt sich angesichts solch heftiger Reaktionen also kaum halten.

Um diesen Widerspruch erklären zu können, untersuchte Martin Frey die bisher kaum beachtete Chronologie der Religionspolitik Elagabals und stellte so die These auf, dass es innerhalb von dessen Regierungszeit eine sukzessive Ausweitung der religionspolitischen Maßnahmen, die den Kult in Rom etablieren sollten, zu verzeichnen sei. Anfangs habe der Kaiser noch versucht, die Öffentlichkeit behutsam auf die neue führende Rolle des Sonnengottes vorzubereiten. Dies zeige sich vor allem auf den Münzprägungen der Jahre 218 und 219, den ersten beiden Herrschaftsjahren des Kaisers: Statt sofort den Gott Elagabal abzubilden, sei zunächst nur auf die vermehrte Darstellung des Sonnengottes Sol, erhöht durch diverse Attribute des Iuppiter, zurückgegriffen worden.[38] In der Tat weisen auch die Angaben von Cassius Dio auf einen eher ruhigen Beginn der Herrschaft Elagabals hin. Mehrfach unterstreicht Dio die Toleranz, die die Römer dem ungewöhnlichen Kaiser und seinem fremden Gott anfangs entgegengebracht hätten[39]. Etwa ab dem Jahre 220 bemerke man laut Frey jedoch eine deutliche Abweichung von diesem gemäßigten Kurs. In zunehmendem Maße habe Elagabal nun seinen kaiserlichen Titeln offiziell den des Oberpriesters des Gottes Elagabal (SACERDOS AMPLISSIMUS DEI INVICTI SOLIS ELAGABALI) vorangestellt und somit den syrischen Sonnengott offen über die anderen, römischen Gottheiten erhoben.[40]

Nicht nur auf den Münzen, auch im direkten politischen Gebaren des Kaisers zeigte sich ab dem Jahre 220 eine deutliche Kursänderung. So bestimmte er beispielsweise, dass sämtliche Magistrate und jeder, der eine Opferhandlung begehe, den Gott Elagabal vor allen anderen Göttern anzurufen habe.[41] Die gesamte Obrigkeit Roms war fortan gezwungen, an fast allen Zeremonien teilzunehmen.[42] Überdies wurde der Baetyl, der bisher vermutlich im kaiserlichen Palast aufbewahrt worden war, in den erst kürzlich errichteten Tempel des Elagabal auf dem Palatin gebracht – und mit ihm die Bilder nahezu aller römischen Gottheiten, die nun eine Art „Hofstaat“ des syrischen Gottes bildeten.[43]

Elagabal hatte jetzt alle Hemmungen abgelegt und sein wahres Gesicht gezeigt; ausschweifend feierte er sein orientalisches Erbe. Nicht nur die exzessiven Opferhandlungen, von denen Herodian berichtet[44], begannen zu jener Zeit – es ereilte sich auch einer der größten Skandale in der Geschichte Roms: Die Heirat Elagabals mit Aquilia Severa, der Oberpriesterin der Vesta. Ein Sakrileg, galt die Verletzung der Jungfräulichkeit der Vestalinnen doch als „fluchwürdiges Verbrechen“.[45] Ein Grund für das Handeln Elagabals war vielleicht der Versuch, seine Religion, die in Rom nicht den rechten Anklang fand, mit dem altehrwürdigen Vestakult zu verbinden.[46] Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass der Kaiser sie vor allem deshalb zur Frau nahm, weil sie die höchste und vornehmste Priesterin Roms war.[47] Doch welche Beweggründe Elagabal auch gehabt haben mag, mit jener Tat machte sich der Kaiser äußerst unbeliebt und sah sich offenbar sogar dazu gezwungen, sich für sein Handeln zu entschuldigen.[48]

2.5. Reaktionen und Widerstand

Die Erniedrigung des römischen Pantheons, die ekstatischen Feste nach syrischem Vorbild, die aus römischer Sicht sittenlosen Bräuche seiner Heimat und schließlich die Hochzeit mit der Vestalin Aquilia Severa führten dazu, dass Elagabals Stern zu sinken begann. Der kulturelle Graben zwischen den konservativen Römern und ihrem Kaiser, der die altehrwürdigen Traditionen des Weltreiches mit Füßen trat, wurde von Tag zu Tag tiefer. Was man anfänglich noch wohlwollend mit einem gewissen Reiz für das unbekannte Neue, als exotisches Spektakel eines bizarren jungen Mannes betrachtet hatte, war nun zu einer nicht mehr länger hinnehmbaren Anstößigkeit geworden.[49] Selbst der verzweifelte Versuch von Elagabals Mutter, durch eine Adoption des beim Militär beliebten Severus Alexander, dem Cousin Elagabals, die brenzlige Lage etwas zu beruhigen, scheiterte am Trotz des jungen Kaisers.[50] Im März 220 schließlich erhob sich die Prätorianergarde gegen den Kaiser. Dieser versteckte sich zwar in Todesangst, doch fanden ihn die Soldaten und ließen ihrer Wut freien Lauf. Am Morgen des 12. März 220[51] wurde die verstümmelte Leiche Elagabals durch Rom gezerrt und anschließend in einen Abflusskanal des Tiber geworfen.[52]

Mag das Bild, das die antiken Quellen von dem ungewöhnlichen Kaiser zeichnen, auch noch so einseitig sein, es lässt sich nicht leugnen, dass seine Herrschaft zu den dunkelsten Kapiteln der römischen Geschichte gehört. Elagabals religiöser Fanatismus, seine Unfähigkeit zu Kompromissen und sein fehlendes Feingefühl für die Traditionen Roms führten nach nur vier Jahren auf dem Kaiserthron zu seinem Untergang. Doch so sehr der syrische Sonnengott in jener Zeit auch im religiösen und politischen Zentrum des Reiches gestanden hatte, so gering war sein Einfluss auf den Sonnenkult Roms.[53] Zu wenig hatte die exotische Verehrung des syrischen Gottes gemein mit dem Kult von Sol oder Apoll, auf den sich einst schon Augustus berufen hatte. Doch die Schreckensherrschaft Elagabals führte auch dazu, dass das Anknüpfen an solare Symbolik bei den späteren Kaisern wenig beliebt war.[54] Erst die Herrschaft Aurelians sollte dem ein Ende bereiten und dem Sonnengott erneut zum Aufstieg verhelfen.

[...]


[1] Berrens, Stephan: Sonnenkult und Kaistertum von den Severern bis zu Constantin I. (193-337 n. Chr.), Stuttgart 2004 (= Historia Einzelschriften 185).

[2] Halsberghe, Gaston H.: The Cult of Sol Invictus, Leiden 1972.

[3] Frey, Martin: Untersuchungen zur Religiosität und Religionspolitik des Kaisers Elagabal, Stuttgart 1989 (= Historia Einzelschriften 62).

[4] Watson, Alaric: Aurelian and the Third Century, New York/ London 1999.

[5] Berrens: Sonnenkult, S. 29 f.

[6] Berrens: Sonnenkult, S. 29 f.

[7] Watson: Aurelian, S. 188 f.

[8] Berrens: Sonnenkult, S. 30 f.

[9] Ebd., S. 33.

[10] Sein ursprünglicher Name lautete eigentlich Varius Avitus Bassianus, als Kaiser Marcus Aurelius Antoninus. Nach dem von ihm verehrten Gott hat er selbst sich nie benannt. Um Verwechslungen zu vermeiden, wird im Folgenden der Name des Gottes, im Gegensatz zu dem des Kaisers, stets in kursive Schrift gesetzt.

[11] Bleckmann: Familie, S. 281.

[12] Vgl. Frey: Religiosität, S. 65 f.

[13] Ebd., S. 64.

[14] Frey: Religiosität, S. 45.

[15] Bleckmann: Familie, S. 281.

[16] Frey: Religiosität, S. 45.

[17] Kissel: Genie, S. 155.

[18] Frey: Religiosität, S. 45.; Niehr: Elagabal, S. 955.

[19] Frey: Religiosität , S. 45.

[20] So die Zeitangabe bei Kissel (Kissel: Genie, S. 160). Frey hingegen behauptet, der Zeitpunkt jener Entwicklung ließe sich nicht näher bestimmen (Frey: Religiosität, S. 46).

[21] Kissel: Genie, S. 160.

[22] Bleckmann: Familie, S. 281.

[23] Niehr: Elagabal, S. 955 f.

[24] Bleckmann: Familie, S. 281.

[25] Pietrzykowski: Religionspolitik, S. 1814.

[26] Niehr: Elagabal, S. 955 f.

[27] Heil: Elagabal, S. 192 f.

[28] Ebd., S. 193.

[29] Frey: Religiosität, S. 70 f.

[30] Herod. 5, 5, 5-7.

[31] Frey: Religiosität, S. 76.

[32] H.A. Heliog. 3, 4.

[33] Frey: Religiosität, S. 73.

[34] Optendrenk: Religionspolitik, S. 97 f.

[35] Kissel: Genie, S. 158 f.

[36] Cass. Dio 80, 11, 1 (Xiphilinos 348, 13-21 R. St., Exc. Val. 408 (p. 762)).

[37] Herod. 5, 8, 9.

[38] Frey: Religiosität, S. 78 f.

[39] Cass. Dio 80, 8, 1 (Exc. Val. 403 (p. 761).

[40] Frey: Religiosität, S. 85 f.

[41] Kissel: Genie, S. 177.

[42] Heil: Elagabal (s. Anm. 38), S. 194.

[43] Frey: Religiosität, S. 94 f.; Kissel: Genie, S. 177 f.

[44] Herod. 5, 5, 8-10.

[45] Kissel: Genie, S. 180.

[46] Halsberghe: Cult, S. 89-91.

[47] Frey: Religiosität, S. 87.

[48] Cass. Dio 80, 9, 3 (Xiphilinos 348, 21-349, 31 R. St.).

[49] Kissel: Genie, S. 203.

[50] Frey: Religiosität, S. 95.

[51] Potter: Empire, S. 157.

[52] Kissel: Genie, S. 207.

[53] Berrens: Sonnenkult, S. 55.

[54] Berrens: Sonnenkult, S. 55.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Deus Sol Invictus. Der Sonnengott im Spiegel des römischen Herrscherkultes
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Althistorisches Seminar)
Veranstaltung
Herrscherkult in der Antike
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V295531
ISBN (eBook)
9783656939412
ISBN (Buch)
9783656939429
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deus, invictus, sonnengott, spiegel, herrscherkultes
Arbeit zitieren
Julius Burghardt (Autor), 2012, Deus Sol Invictus. Der Sonnengott im Spiegel des römischen Herrscherkultes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295531

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