Geheimnis und Detektion - Edgar A. Poes "Die Morde in der Rue Morgue als Vorbild des klassischen Detektivromans


Seminararbeit, 2003

13 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Die Detektivgeschichte – Definition und Historie

2. Der Fall

3. Die Detektion
3.1. Der Detektiv
3.2. Spurenlesen – Die analytische Methode der Deduktion

4. Konstruktion der Elemente
4.1. Geheimnis und Ermittlung

5. Schlussbemerkung

1. Einleitung

1.1. Die Detektivgeschichte – Definition und Historie

Im 19. Jh. bildete sich eine Gattung der Literatur heraus, die vor allem im anglo-amerikanischen Sprachraum beheimatet ist – der Detektivroman. Als Sonderform der Kriminalliteratur bezeichnet, steht in ihm die Aufklärung eines Verbrechens durch den Detektiv oder den Polizeibeamten im Vordergrund. Die Aufklärung vollzieht sich meist in mehreren Schritten, wobei der Leser bis zum Schluss im Unklaren gelassen und häufig, wie auch der Detektiv, auf eine falsche Fährte gelockt wird. Die eigentliche Verbrechensgeschichte ist mit Beginn des Romans in der Regel abgeschlossen, während die Ermittlungsgeschichte im Detail geschildert wird. Begleitet wird der Detektiv häufig von einer sogenannten "Watsonfigur"[1], die als Vermittler zwischen dem Detektiv und dem Leser auftritt.

Die übliche Definition des Detektivromans kann auf "Whodunit" (Wer hat es getan?) von Wystan Hugh Auden reduziert werden. Der Aufbau des klassischen Detektivromans ist ein streng analytischer und folgt nach Meinung Audens weithin der aristotelischen Poetik: Perepetie – Umschlagen der Handlung ins Gegenteil; Anagnorisis – Umschlagen der Unwissenheit in Erkenntnis; Katharsis – Reinigung.[2]

Als Begründer des Detektivromans gilt der Amerikaner Edgar A. Poe (1809-1849), der zwischen 1841 und 1845 eine Reihe von Detektivgeschichten veröffentlichte, wobei die erste dieser Reihe "Die Morde in der Rue Morgue" (The Murders in the Rue Morgue) den nachhaltigsten Einfluss auf die Gattung ausübte.[3] Sie steht nach allgemeiner Auffassung am Anfang der Geschichte der Detektivliteratur, obgleich es Vorläufer wie E. T. A. Hoffmann gab, in dessen Werk "Fräulein von Scuderi" bereits detektivische Elemente vorhanden waren. Auch in der antiken Literatur ("König Ödipus" von Sophokles) lassen sich kriminalistische Züge entdecken. Poes Erzählung wurde 1841 in "Graham's Magazine" veröffentlicht und von Poe selbst als "Story of Ratiocination" bezeichnet. Mehrere Elemente darin sind für spätere Autoren prägend, fast kanonisch geworden und gelten noch heute als klassische Motivistik des Detektivromans.

2. Der Fall

Bei dem Verbrechen in der Rue Morgue handelt es sich um den Doppelmord an Mutter und Tochter, der zu Beginn der Geschichte bereits verübt wurde. Durch einen polizeilichen Zeitungsbericht erfahren der Detektiv der Ich-Erzähler, und der Leser von der sonderbaren Tat. (19)[4] Der Zugang zum Tatort ist von innen versperrt. Jedoch existieren Ohrenzeugen, die draußen Schreie vernehmen können. (19) Die von Poe gewählte Situation des Tatortes ging als das Problem des „closed room“ b.z.w. "locked room", des von innen verschlossenen Raumes, in den Themenfundus des Genres ein und ist ein später oft genutztes Motiv, das von Poe vorgebildet wurde. Der geschlossene Raum ist der bewachte Platz, die abgeschirmte Öffentlichkeit, in die der Mörder nicht eindringen kann und an dem er trotzdem die Tat vollbrachte und den er offensichtlich danach auch nicht verlassen konnte.

Die Tatortkonstellation in Zusammenhang mit der Grausamkeit des Verbrechens verstärkt das Mysterium, das Geheimnis um den Mord, das über die Vorstellungskraft des Lesers hinausgeht und Entsetzen hervorruft.

"Das Zimmer war in einem chaotischen Zustand – das Mobiliar zertrümmert [...] Auf einem Stuhl lag ein Rasiermesser, mit Blut beschmiert. Auf dem Feuerrost fanden sich [...] dicke Strähnen grauen Menschenhaars, blutbesudelt auch sie und allem Anschein nach mit den Wurzeln ausgerissen." (19 )

Gleichzeitig stellt diese Beschreibung eine Bestandsaufnahme der vorgefundenen Spuren ( Tatwerkzeug u.s.w.) am Tatort dar. So wie es ebenso eindeutige fehlende Spuren gibt, deren Verbleib aufzuklären ist. Mutter und Täter sind "spurlos" verschwunden, die Leiche der Tochter war in den engen Rauchfang des Zimmers gezwängt. (20)

Boileau/ Narcejac formulierten dazu:

"Poe ahnte, daß das Geheimnis unser Gemüt und unseren Verstand heftig erschüttern, eine Art schreckliche Herausforderung sein muß, damit wir danach den Nachforschungen des Detektivs folgen."[5]

Außerdem sind die am Tatort von draußen vernommenen Schreie durch ihre Unstimmigkeit in den Zeugenaussagen nicht identifizierbar. Somit stellt sich für die Polizei eine scheinbare Unlösbarkeit des Falles dar. Dieses Element des Konflikts zwischen ermittelnder Polizei und Detektiv erwies sich als konstitutiv für spätere Detektivromane:

"Seit Poe hat sich daher als Merkmal des Detektivromans herausgebildet, daß das polizeiliche Wahrnehmungsvermögen hermetisch gegen die Möglichkeit blockiert, die weniger eindeutige Lösungen bieten."[6]

Auch der Ich-Erzähler, ebenso wie die Bevölkerung ist in Schrecken über die bestialische Tat versetzt und sich über die Rätselhaftigkeit des Falles einig. Diese Haltungen der indirekt beteiligten Personen bieten Identifikationsmöglichkeiten für den Leser. Da niemand eine Lösung für das Rätsel anbieten kann, ist es der geniale Detektiv, nach dem es an dieser Stelle verlangt.

3. Die Detektion

3.1. Der Detektiv

Als ermittelnden Detektiv führt Poe den Chevalier C. Auguste Dupin ein, der von einem "Helfer", dessen Platz der Ich-Erzähler einnimmt, begleitet wird. Dupin stammt aus reichen Verhältnissen, ist aber durch den spärlichen Nachlass seines Vaters dazu gezwungen sein Weltenbummlerdasein aufzugeben und in Sparsamkeit in Paris zu leben. Er ist somit Amateurdetektiv, nicht ausgebildet wie die Polizei in der Spurensuche bei Verbrechensfällen, und steht damit im Kontrast zu den eigentlichen Gesetzeshütern. Dupin ist ein Intellektueller, der sich zufällig des unlösbaren Falles annimmt. Hervorgehoben wird "das Außmaß seiner Belesenheit" und vor allem "die lebhafte Frische seiner Vorstellungskraft" (S. 12 f.). Darüber hinaus beschreibt der Ich-Erzähler eine Fähigkeit, die ihm bei seiner Bekanntschaft mit Dupin besonders auffällt:

"Bei solchen Gelegenheiten konnte ich nicht umhin, eine eigentümliche analytische Fähigkeit (die ich freilich bei seiner reichen Vorstellungskraft hätte erwarten können) an Dupin zu gewahren und zu bewundern." (14 f.)

Der Ich-Erzähler hat hier, wie auch im weiteren Verlauf der Geschichte, die Aufgabe dem Leser die Gedankengänge des untersuchenden Dupin – und des Autors –zu übermitteln. So wird der Leser in den Kreis der Klugen, wohl Unterrichteten und Eingeweihten einbezogen, denen alle Fakten und Gedanken, den Fall betreffend, preisgegeben werden. Dies ist ein weiteres klassisches Element des Detektivromans. Es werden keine Informationen zurückgehalten, die zur Lösung des Falles führen können.

An der Figur Dupin interessiert weiterhin seine Mentalität, die die Tatsache auszeichnet, dass er rätselhafte Vorkommnisse zu seinem Vergnügen, aus Leidenschaft für die Verstandeskräfte löst. (15)

Um ihm etwas von einer unverwechselbaren Persönlichkeit zu verleihen, wird er mit einigen Eigentümlichkeiten ausgestattet: So macht er die Nacht zum Tag; Kerzen brennen wenn er liest und arbeitet - bei seinem Nachfahren Sherlock Holmes ebenfalls. Gabriela Holzmann erwähnt die Wirkung der Dunkelheit auf den Gedankenprozess:

" Gleich Vampiren, die den hellen Schein des Sonnenlichts fürchten, dunkeln die Detektive ihre Räume durch schwere Samtvorhänge ( z. B. in den Sherlock-Holmes-Erzählungen ) oder – später in Chandlers Romanen – durch Jalousien ab, um sich im Raum Kontemplation zu schaffen, der auf ihre Gedankenarbeit in ähnlicher Weise stimulierend wirkt wie der Rauschgiftgenuß."[7]

[...]


[1] Die sogenannte "Watsonfigur" stellt eine Helferfigur für den Detektiv dar und geht zurück auf Arthur Conan Doyles Mr. Watson, der der Weggefährte von Sherlock Holmes ist.

[2] Vgl. Auden, Wystan Hugh: The Guilty Vicarage. In: The Dyer's Hand and other Essays, 1962.

[3] Vgl. Woeller, Waltraud: Illustrierte Geschichte der Kriminalliteratur. Frankfurt a. Main: 1985, S. 59.

[4] Seitenzahlen im Text verweisen auf Edgar Allan Poe. Die Morde in der Rue Morgue und andere Erzählungen. Hrsg. von Günter Gentsch. Aus dem Amerikanischen von Barbara Cramer-Nauhaus, Erika Gröger und Heide Steiner. Frankfurt a. Main und Leipzig: 2001.

[5] Boileau/Narcejac: Der Detektivroman. Luchterhand, Neuwied und Berlin: 1967, S. 44.

[6] Holzmann, Gabriela: Schaulust und Verbrechen. Eine Geschichte des Krimis als Mediengeschichte. Stuttgart: 2001, S. 83.

[7] Ebd. , S. 91.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Geheimnis und Detektion - Edgar A. Poes "Die Morde in der Rue Morgue als Vorbild des klassischen Detektivromans
Hochschule
Technische Universität Berlin
Veranstaltung
Der Detektivroman
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
13
Katalognummer
V29554
ISBN (eBook)
9783638310338
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geheimnis, Detektion, Edgar, Poes, Morde, Morgue, Vorbild, Detektivromans, Detektivroman
Arbeit zitieren
Eileen Seifert (Autor), 2003, Geheimnis und Detektion - Edgar A. Poes "Die Morde in der Rue Morgue als Vorbild des klassischen Detektivromans, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29554

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