Igor Tuveris "Berichte aus der Ukraine". Narrative Strategien in dokumentarischen Comics


Hausarbeit, 2015
30 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Berichte aus der Ukraine: Reportage-Comic und Trauma-Narrativ
2.1 Das Genre Reportage-Comic bzw. dokumentarischer Comic
2.2 Holodomor: Tabu und Trauma

3 Narrative Strategien
3.1 Modus
3.2 Authentifizierungsstrategien

4 Zusammenfassung

Literatur

Primärquellen

Sekundärquellen

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Der Italiener Igor Tuveri, alias Igort, zählt bereits seit den frühen 1980er Jahren zu den bedeutendsten Mitgliedern der Künstlergruppe Valvoline. Seine Arbeiten waren damals in fast allen renommierten Comicmagazinen vertreten. Nachdem sich Igort zehn Jahre lang ausschließlich auf den japanischen Comicmarkt konzentrierte, zeichnet er mittlerweile auch wieder für den europäischen Markt. Neben seiner Tätigkeit als Comicautor ist er auch Herausgeber der Coconino Press, einem italienischen Verlag für Autorencomics.[1]

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, Igorts Berichte aus der Ukraine [Erinnerungen an die Zeit der UdSSR] aus dem Jahr 2011 näher zu beleuchten. Dabei soll besonderes Augenmerk auf die folgende Forschungsfrage gelegt werden: Wie gestaltet Igort Berichte aus der Ukraine als einen dokumentarischen Comic und welche narrativen Strategien insbesondere in Bezug auf Modus und Authentifizierung nutzt er, um über das Tabuthema und Trauma Holodomor zu berichten?

Die Arbeit gliedert sich daher wie folgt: Kapitel zwei betrachtet einerseits die Besonderheiten des Genres Comic-Reportrage bzw. dokumentarischer Comic und ordnet Igorts Berichte aus der Ukraine in dieses Genre ein. Dabei wird auch auf charakteristische Merkmale in Bezug auf die Gestaltungsweise des Werks hingewiesen. Außerdem umreißt Kapitel zwei in aller Kürze das Thema Holodomor, das ein wiederkehrendes in Berichte aus der Ukraine darstellt und befasst sich außerdem mit dem Trauma-Narrativ. Kapitel drei konzentriert sich auf zwei ganz konkrete narrative Strategien, nämlich Modus und Authentifizierung, und untersucht, wie diese in Berichte aus der Ukraine angewendet werden.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit auf gendergerechte Formulierungen verzichtet. Es wird stets die maskuline Form stellvertretend für beide Geschlechter verwendet. Dies soll aber keinesfalls diskriminierend wirken.

2 Berichte aus der Ukraine: Reportage-Comic und Trauma-Narrativ

2.1 Das Genre Reportage-Comic bzw. dokumentarischer Comic

Das Genre der modernen Comic-Reportage wurde durch Joe Saccos Palästina, welches 1993-1995 erstmals in Form einer Heftserie erschien, begründet. Durch Saccos Pionierarbeit entdeckten schnell auch andere Künstler den Comic als ein Medium, mit Hilfe dessen die Vergangenheit dokumentiert werden kann.[2]

Schikowski zufolge gibt es bislang keine klare Abgrenzung des Genres Reportage-Comic. Von Sach- über Dokumentar- bis hin zu autobiographischen Comics scheint alles möglich zu sein.[3] Grünewald hingegen nennt als konstituierendes Charakteristikum von dokumentarischen Comics die Tatsache, dass sie in ihrem Kern inhaltlich die gesellschaftliche Wirklichkeit reflektieren. Ob der Inhalt eines Comics dabei faktisch oder fiktiv ist, ist unerheblich. Voraussetzung für einen dokumentarischen Comic ist es jedoch, dass er nicht nur Informationen vermitteln, sondern in erster Linie eine Wirkung auf Seiten der Rezipienten erzielen will. Dabei spielen ästhetische Aspekte des Comics unverkennbar eine tragende Rolle.[4]

Igorts Berichte aus der Ukraine legt großen Wert auf die Orientierung an Fakten, was auch durch die angewendeten Authentifizierungsstrategien, welche unter Punkt 3.2 noch näher betrachtet werden, augenscheinlich ist. Igort will mit seinem Comic aber nicht nur Fakten vermitteln, sondern Bewusstsein für die Geschichte und gegenwärtige Situation der Menschen in der Ukraine schaffen. Dazu lenkt er die Aufmerksamkeit der Rezipienten in allererster Linie auf die im Comic dargestellten Protagonisten, indem er sie in den allermeisten Fällen in Normalperspektive, und daher in Augenhöhe zum Leser[5], darstellt. Außerdem erzeugt Igort atmosphärische und emotionale Nähe zwischen Rezipient und Figuren[6], indem letztere zumeist im Mittelpunkt eines Panels, und daher im Aufmerksamkeitsfokus des Lesers stehen. Dies erreicht er, indem er die Protagonisten zumeist in Halbtotale, Amerikanischer Einstellung, Nah- und Großaufnahmen darstellt[7]. Eine weitere Auffälligkeit in der Figurendarstellung ist, dass die Protagonisten dem Rezipienten häufig direkt in die Augen zu blicken scheinen, wie beispielsweise in den Abbildungen 1 und 2. Beide Abbildungen sind auch exemplarische Beispiele für die Einstellungsgröße, die die Aufmerksamkeit des Rezipienten auf die Protagonisten lenkt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Normalsicht, Nahaufnahme, Augenkontakt[8]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Der Protagonist steht im Zentrum des Bildes und blickt dem Rezipienten in die Augen[9]

Auch in Berichte aus Russland [Der vergessene Krieg im Kaukasus] wendet Igort eine ganz ähnliche Strategie an. Hier stehen ebenso hauptsächlich die Figuren durch die gewählte Perspektive sowie den in den Panels dargestellten Bildausschnitt im Fokus der Aufmerksamkeit des Rezipienten. Auffällig ist hierbei, dass es meist die Opfer sind, die in Normalsicht dargestellt werden, während die Täter häufig in Aufsicht gezeigt werden. Besonders stark kommt dies in Abbildung 3 zur Geltung. Hier werden die Opfer in Normalsicht gezeigt – der Rezipient befindet sich also auf einer Ebene mit ihnen. Ein Täter wird durch den Stiefel am Panelrand angedeutet. Die Opfer müssen zu ihm hinaufsehen, ebenso wie dies der Leser tun müsste, da er sich schließlich auf Augenhöhe mit den Opfern befindet. Außerdem sieht der Rezipient den Opfern sehr oft in die Augen, während die Täter entweder den Blick in die Augen des Lesers wie in Abbildung 4 zu scheuen scheinen oder diese überhaupt nur so schematisch dargestellt werden, dass ihre Augen nicht genau zu erkennen sind, wie dies in Abbildung 5 der Fall ist. Abbildung 6 zeigt eines der Opfer, welches dem Rezipienten hilfesuchend in die Augen sieht. Das Opfer wird hier so dargestellt, dass es zum Leser aufblickt – dies kommt aber insgesamt betrachtet eher selten im Werk vor.

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Abbildung 3: Opfer in Normalsicht, Täter in angedeuteter Aufsicht[10]

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Abbildung 4: Abgewandter Blick des Täters[11]

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Abbildung 5: Schemenhaft dargestellte Täter in Aufsicht[12]

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Abbildung 6: Blick eines Opfers in die Augen des Rezipienten[13]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Da Rezipienten beim Lesen von Comics zwangsweise die Leerstellen bzw. Gutter füllen müssen, die in diesem Medium unvermeidbar sind, werden die Leser sehr nahe an das Dargestellte herangebracht. Dies wiederum erleichtert die Identifikation und lässt die dargestellten Inhalte hoch intensiv werden. Je weniger Text ein Comic enthält, desto mehr Fantasie und Kombinationsgabe ist auf Seiten der Rezipienten nötig. Ist ein Comic jedoch mit viel Text ausgestattet, werden die Interpretationsmöglichkeiten eingeschränkt und der Leser wird stringenter zur Geschichte hingeführt.[14]

Berichte aus der Ukraine ist relativ textintensiv angelegt. Dies wird insbesondere auf jenen Seiten deutlich, die Personen einführen (Abbildung 7) oder den geschichtlichen Hintergrund erläutern (Abbildung 8). Nach der Klassifizierung von McCloud sind diese Seiten als textlastige Verbindungen zwischen Wort und Bild einzustufen. Das bedeutet, dass die Bilder lediglich das Geschriebene illustrieren, dabei aber nichts Neues beitragen, das die Geschichte weiterentwickeln würde.[15]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Textlastige Gestaltung – Personeneinführung[16]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Textlastige Gestaltung historischer Einschübe[17]

Innerhalb der einzelnen dargestellten Lebensgeschichten gibt es ebenfalls sehr viele textlastig gestaltete Panels. Auffällig ist hierbei auch, dass sich der Text größtenteils in Kommentarboxen befindet. Sprechblasen kommen zwar vor, sind aber verhältnismäßig selten. Dies erklärt sich vor allem dadurch, dass in den Lebensgeschichten die Erzählte Zeit mehrere Jahrzehnte umfasst, die Erzählzeit jedoch nur wenige Seiten. Dementsprechend sind sie durch häufige Scene-to-Scene Übergänge[18] gekennzeichnet, da diese es möglich machen, viel Handlung in wenige Panels zu verpacken. Folglich ist auch relativ viel Begleittext nötig, damit der Rezipient der Handlung folgen kann und in der Lage ist, die Gutter zu füllen. Beispielhaft dafür steht Abbildung 9. Fokussiert Igort jedoch einen bestimmten Schicksalsschlag bzw. einen bestimmten Moment im Leben eines der Protagonisten der Lebensgeschichten, so gibt es auch Seiten, die völlig ohne Text auskommen und somit bildlastig sind. Kommt hier trotzdem Text vor, ist er maximal als Soundtrack der Sequenz zu bezeichnen[19]. Für solche Seiten sind entschleunigte Panelübergänge wie beispielsweise Action-to-Action, Moment-to-Moment oder Aspect-to-Aspect charakteristisch.[20] Abbildung 10 und Abbildung 11 stellen eben diese detaillierten und entschleunigten Momentaufnahmen dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9: Textlastige Gestaltung der Lebensgeschichten[21]

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Abbildung 10: Bildlastige Darstellung – Entschleunigung und Konzentration auf einen bestimmten Moment[22]

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Abbildung 11: Bildlastige Darstellung mit einer als Soundtrack genutzten Textebene[23]

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Zu guter Letzt sollen an dieser Stelle auch noch jene Panels erwähnt werden, die das Montageprinzip nutzen. Dies bedeutet, dass Wörter einen integralen Bestanteil des Bildes darstellen, wie dies beispielsweise in Abbildung 12 der Fall ist.

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Abbildung 12: Einmontierte Worte[24]

Bemerkenswert ist hierbei, dass es sich ausschließlich um russische Wörter[25] (z.B. Panel 3, Abbildung 12) handelt, die aber teilweise in russisch-kyrillischer Schrift, teilweise in ukrainisch-kyrillischer Schrift (Abbildung 12, Panel 2) gezeichnet werden. Dies könnte intendiert sein und symbolisch ausdrücken, dass die ukrainische Sprache und das ukrainische Volk unterdrückt werden. Igort ist sich durchaus der Tatsache bewusst, dass die Ukraine ein Land ist, das sowohl von zwei verschiedenen Sprachen als auch von zwei verschiedenen Kulturen geprägt ist und äußerte sich in einem Interview sehr kritisch zu der Tatsache, dass es heutzutage tatsächlich noch Wissenschaftler gibt, die das Ukrainische nicht als eigenständige Sprache anerkennen indem er dies als Strategie aus der Stalinzeit bezeichnete.[26] Dem durchschnittlichen westlichen Leser wird dies allerdings kaum ins Auge fallen. Vielmehr dürften die einmontierten russischen Worte auf europäische Rezipienten, die kein Kyrillisch – sei es die russische oder die ukrainische Variante – lesen können, bedrohlich wirken, da die einmontierten Worte als Unterdrückung durch das Regime interpretiert werden können.

[...]


[1] vgl. Avant-Verlag: Igort. URL: http://www.avant-verlag.de/artist/igort [Zugriff: 17.02.2015]

[2] vgl. Klaus Schikowski: Der Comic. Geschichte, Stile, Künstler. Stuttgart: Reclam 2014. S. 248 f.

[3] vgl. ibid.: S. 251

[4] vgl. Dietrich Grünewald: Zwischen Fakt und Fiktion: Dokumentarische Bildgeschichten. In: Dietrich Grünewald (Hrsg.): Der dokumentarische Comic. Reportage und Biografie. 6. Wissenschaftstagung der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor). Essen: Bachmann 2013: S. 9-14. S. 12 f.

[5] vgl. Werner Faulstich: Grundkurs Filmanalyse. München: W. Fink 2002: S. 119

[6] vgl. Helmut Korte: Einführung in die systematische Filmanalyse. Ein Arbeitsbuch. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin: Erich Schmidt Verlag GmbH Co. 2004: S. 27

[7] vgl. ibid.

[8] Igort: Berichte aus der Ukraine. [Erinnerungen an die Zeit der UdSSR]. Berlin: Reprodukt 2011: S. 31

[9] Igort 2011: S. 159

[10] Igort 2012: S. 32

[11] Igort: Berichte aus Russland. [Der vergessene Krieg im Kaukasus]. Berlin: Reprodukt 2012: S. 69

[12] ibid.: S. 34

[13] ibid.: S. 37

[14] vgl. Grünewald 2013: S. 13

[15] vgl. Scott McCloud: Comics richtig lesen. Die unsichtbare Kunst. Hamburg: Carlsen Verlag GmbH 2001: S. 161

[16] Igort 2011: S. 23

[17] ibid.: S. 39

[18] vgl. McCloud 2001: S. 82

[19] vgl. ibid.: S. 161

[20] vgl. ibid.: S. 82

[21] Igort 2011: S. 67

[22] ibid.: S. 82

[23] ibid.: S. 83

[24] ibid.: S. 78

[25] Viele der einmontierten Wörter gibt es in beiden Sprachen. Gibt es ein einmontiertes Wort nur in einer der beiden Sprachen, so ist das Wort dem Russischen zuzuordnen.

[26] vgl. Alexandra Kedves: „Hier vollgetankte russische Panzer, da hungernde ukrainische Soldaten“. In: Tagesanzeiger 2014: URL: http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/diverses/Hier-vollgetankte-russische-Panzer-da-hungernde-ukrainische-Soldaten/story/20300206 [Zugriff: 20.02.2015]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Igor Tuveris "Berichte aus der Ukraine". Narrative Strategien in dokumentarischen Comics
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Comics lesen, verstehen und vermitteln
Note
1
Autor
Jahr
2015
Seiten
30
Katalognummer
V295561
ISBN (eBook)
9783656936213
ISBN (Buch)
9783656936220
Dateigröße
2878 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Comic, Narrative Strategien
Arbeit zitieren
Bakk. MA Carmen Peresich (Autor), 2015, Igor Tuveris "Berichte aus der Ukraine". Narrative Strategien in dokumentarischen Comics, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295561

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