"Lenore" von Gottfried August Bürger. Frischer Wind für die Balladendichtung


Hausarbeit, 2012

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Gottfried August Bürger
1.1. „Lenore“ in der Forschung
1.2. „Lenore“ als erste Kunstballade

2. „Lenore“ als Erneuerung der Dichtung
2.1. „Lenore“
2.1.1. Balladeninhalts
2.1.2. Formaler Aufbau
2.1.3. Interpretation
2.2. Über „Lenore“
2.2.1. Die Sage der Lenore und andere Inspirationen Bürgers
2.2.2. Exkurs: Kritik an Bürgers Werk
2.2.3. Die Zeit der Entstehung der „Lenore“
2.2.4. Die Kunstballade als neue Gattung

3. Bürgers Einfluss auf seine Nachwelt

Literaturverzeichnis

1. Gottfried August Bürger

Bei dem Namen Gottfried August Bürger denken die meisten Leser zuerst an sein berühmtestes Werk: die Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen. Doch als die Lügengeschichten veröffentlicht wurden, war Bürgers Teil-Autorenschaft[1] daran gar nicht bekannt, diese wurde erst 1789 aufgedeckt.

Bürger spaltete die Meinungen seiner Zeitgenossen. Goethe ließ sich dazu hinreißen Bürgers Wirken so zu beschreiben: „Es ist traurig anzusehen, wie ein außerordentlicher Mensch sich gar oft mit sich selbst, seinen Umständen, seiner Zeit herumwürgt, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen. Trauriges Beispiel: Bürger“.[2]

Das Leben des 1747 geborenen Gottfried August Bürgers war gekennzeichnet von Misserfolgen und nicht fertig gestellten Werken. Er war in seiner Stellung als Amtmann, die er niederlegte, und in seinen drei Ehen nicht erfolgreich.[3] Auch sein späterer Beruf als Dozent und Professor brachten ihm keinen Erfolg. Er musste sich ständig mit Geldsorgen herumplagen. Seine künstlerische Leistung wurde in Teilen hoch gelobt, doch konnte er seine begonnenen Werke oft nicht fertig stellen oder er begann sie gar nicht erst.[4] In anderen Teilen wurden seine Werke vor allem von Schiller scharf kritisiert. Bürger starb 1794 an Schwindsucht.

Doch zwischen April und September des Jahres 1773 schrieb Bürger eine Ballade, die seine Zeit weit überdauern sollte.[5] Seine 1774 im „Göttinger Musenalmanach“ veröffentlichte Ballade „Lenore“ erzählt eine alte Geschichte über Liebe und Tod. „Die Wirkung der »Lenore« war in ganz Europa derart ungeheuer, dass von ihr her die Einbürgerung dieser neuen Gattung in den verschiedenen Nationalliteraturen wesentlich bestimmt wurde“.[6] Diese Reaktion ist nach Weissert nicht nur mit der Ballade selbst und ihrem Inhalt zu erklären, sondern auch damit, unter welchen Umständen und in welcher Zeit dieses Stück geschrieben wurde.[7]

1.1. „Lenore“ in der Forschung

Die Ballade „Lenore“ erfreute sich in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts gewisser Beliebtheit unter einigen Forschern. Doch im 21. Jahrhundert scheint die Forschung ihr Interesse an dem Werk verloren zu haben. Der Name Bürger wird, wie oben bereits erwähnt, fast ausschließlich mit den Münchhausen-Geschichten verknüpft. 1996 ist der Sammelband „G. A. Bürger und J. W. L. Gleim“ von Kertscher herausgegeben worden, in dem sich kein einziger Artikel direkt zur „Lenore“ findet. Lediglich im Artikel „Tod eines Dichters: Gottfried August Bürger, gestorben am 8. Juni 1794“ von Hans-Jürgen Ketzer wird „Lenore“ im Absatz „Die Ballade als Paradigma“[8] erwähnt. Ketzer setzt sich hierin mit der Wirkung von Balladen zu unterschiedlichen Zeiten auseinander. Er nimmt „Lenore“ als Beispiel. Für diese Arbeit interessant sind lediglich seine Ausführungen zur Wirkung der Geisterstrophen auf zeitgenössische und moderne Leser, seine Erklärung über die zeitgenössischen Umstände der Balladenentstehung und seine Aufzählung der für Bürger typischen Stilmittel in einer Fußnote.

Für diese Arbeit weit ergiebiger ist die Interpretation der „Lenore“ von Winfried Freund in seiner Sammlung „Die Deutsche Ballade“ von 1978. Freund vertritt die Auffassung, dass Bürger mit diesem Stück die erste Kunstballade geschaffen hat. Er begründet dies damit, dass Bürger seinen Rezipientenkreis auf das ganze Volk erweitert habe.

In seiner Interpretation betrachtet er vor allem zwei Teile: den Dialog zwischen Mutter und Lenore und den Geisterritt. Im Mutter-Tochter-Gespräch sieht Freund zwei Weltsichten aufeinander prallen. Die Mutter stehe für eine gläubige, obrigkeitshörige Frau, die ihr Vertrauen in Gott setze. Sie nutze zur Tröstung ihrer Tochter nur auswendig gelernte Bibelzitate. Lenore hingegen ließe sich von ihren Gefühlen leiten, durchschaue „die ideologisch wirksame Verknüpfung von asketischem Jenseitsglauben und aufopferungsvoller Untertanenrolle“.[9] Sie rebelliere mit ihrer Handlung gegen das System, gegen inhumanen Krieg und gegen die Versprechung des Himmels durch die Kirche.

Freund belegt im Weiteren, dass Lenores Verhalten im Gedicht durch den Erzähler negativ bewertet wird. Mit diesem Beweis widerspräche er Schöffler, Schöne und Stäuble, die diese Stelle alle nicht bedacht hätten. Für diese sei die Ballade ein Kernstück des Sturm und Drangs. Dabei bedächten sie jedoch nicht, dass Lenore am Ende scheitere und die durch die Mutter verkörperten Normen triumphierten.

Als Neuerung sieht Freund die dargestellten Gefühle Lenores, die jedoch am Ende keinen Bestand hätten.

Freund erkennt im Geisterritt viele Motive aus dem 17. Jahrhundert wieder. Vor allem das Aufeinanderprallen von „Lust und Vergänglichkeit“[10] sei ein Motiv, das von Gryphius übernommen wurde. Diese Feststellung ist für meine Arbeit interessant, da aufgezeigt werden soll, was alles neu ist an Bürgers Werk, selbst wenn dies bedeutet, dass alte Motive wieder aufgegriffen werden.

In seinem 1976 erschienenen Buch „Die Ballade: Probleme in Forschung und Didaktik“ widmet sich Gerhard Köpf in einem Kapitel auch „Entstehungsgeschichtliche[n] Fragen“. Hierzu nennt er zwei wichtige Texte, die die Entstehung der Kunstballade begünstigten: „1. Herders Abhandlung über den Ursprung der Sprache und dessen Kategorie der Unmittelbarkeit und 2. die Sammlung des Bischofs Percy 1765“.[11] Diese Texte werden auch von vielen anderen Autoren als Grundstein für die Entwicklung der Ballade genannt und sind somit nicht von der Hand zu weisen. Sie sollen in dieser Arbeit betrachtet werden. Köpf gibt einen guten Überblick über die in der Forschung bestehenden Meinungen bezüglich der ersten Kunstballade. Die beiden Autoren, die immer wieder genannt werden, sind Bürger mit „Lenore“, Hölty mit „Adelstan und Röschen“ sowie „Die Nonne“. Köpf führt schematisch auf, wer sich für welchen der Autoren als Begründer ausgesprochen habe. Leider ist die von ihm so gut zusammengefasste Forschung auf dem Stand von 1976 und damit nur in sehr geringem Maß für diese Arbeit verwendbar. Dennoch fasst Köpf selbst zum Ende des Abschnitts in drei Argumenten zusammen, warum er sich für Bürger und gegen Hölty als Begründer der Kunstballade ausspreche. Diese Argumente sind so schlagkräftig, dass sie in dieser Arbeit Beachtung finden sollen.

1.2. „Lenore“ als erste Kunstballade

Da die neuere Forschungsliteratur nicht sehr umfangreich und die ältere oft überholt ist, soll in dieser Arbeit konkret die Ballade „Lenore“ beleuchtet werden. Im Besonderen, warum gerade diese Ballade von so vielen als erste Kunstballade überhaupt angesehen wird. Denn selbst Wikipedia, das mit Sicherheit am schnellsten aktualisierte Lexikon unserer Zeit, nennt Bürgers „Lenore“ die Begründerin dieser Gattung.[12] Die Frage, ob „Lenore“ die erste Kunstballade sei, scheint damit geklärt, jedoch nicht die Gründe, warum diese und nicht zum Beispiel die ein Jahr früher entstandenen Gedichte von Hölty diesen Neugründungscharakter tragen. „Lenore“ scheint Eigenschaften zu tragen, die es in der Zeit vor ihr nicht gab. Was ist das revolutionäre an „Lenore“?

Die Gründe für ihren Erfolg sollen ebenso beleuchtet werden, wie die Umstände der Epoche, in der sie entstehen konnte. Es soll geklärt werden, was genau dieses Stück zu einer Kunstballade macht und was so neuartig an ihr war, dass sie eine neue Gattung entstehen ließ.

Hierzu sollen zunächst der Text selbst, sein Inhalt, sein formaler Aufbau und seine Interpretationsmöglichkeiten betrachtet werden. Für die Kontextanalyse sind die Stücke, die Bürger inspiriert haben, die „Lenore“ zu schreiben, von besonderem Interesse. Deshalb soll ein Absatz die Entstehung des Werkes, unter Berücksichtigung der von Bürger genutzten Quellen und auf ihn wirkenden Einflüsse, umreißen. In einem Exkurs soll es dann um die Kritik an Bürger gehen, bevor die Entstehung der Kunstballade aus heutiger Forschungssicht beleuchtet werden kann.

2. „Lenore“ als Erneuerung der Dichtung

2.1. „Lenore“

In der Ballade „Lenore“ geht es um die Verarbeitung des Todes von geliebten Menschen. Lenore hat im Krieg ihren Geliebten Wilhelm verloren. Sie sieht deshalb keinen Sinn mehr in ihrem eigenen Leben. Auch ihre Mutter, die sie zu trösten versucht, kann Lenores Todessehnsucht nicht bändigen.

Nachts erscheint der Trauernden ihr Geliebter auf einem Pferd. Sie reiten gemeinsam durch die Nacht. Erst zum Ende wird deutlich, dass der personifizierte Tod in Gestalt Wilhelms Lenore entführt hat.

2.1.1. Balladeninhalts

Das Gedicht kann grob in fünf Erzählabschnitte eingeteilt werden. Die Ausgangssituation wird von einem auktorialen Erzähler in den ersten vier Strophen dargelegt. Lenore hat Albträume und ahnt schon, dass Wilhelm ihr fremdgeht oder im Gefecht gefallen ist.[13] Dennoch wartet sie auf ihn und fragt die anderen Heimkehrer nach seinem Verbleib. Als ihre Hoffnung schwindet, schwindet auch ihr Lebensmut. Sie verzweifelt.

Ein Dialog zwischen Lenore und ihrer Mutter entspinnt sich im zweiten Abschnitt von Strophe fünf bis elf. Die Mutter versucht ihre unglückliche Tochter zu trösten. Sie rät Lenore, ihre Verzweiflung durch Gebete zu lindern. Doch diese hat kein Vertrauen mehr in Gott, was sie auch zum Ausdruck bringt. So versucht ihre Mutter sie mit weltlichen Argumenten zu beruhigen. Sie äußert die Vermutung, Wilhelm könnte eine andere Frau geheiratet haben. Ihrer Tochter jedoch ist auch mit diesem Trostversuch nicht geholfen. Für sie ist ein Leben ohne Wilhelm, ob dieser tot oder untreu ist, nicht lebenswert. Nachdrücklich wiederholt Lenore ihren Todeswunsch: „O wär’ ich nie geboren! / Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus! / Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!“[14] Die Mutter hat Sorge um Lenores Seelenheil und bittet Gott darum, nachsichtig mit ihr zu sein.[15] Sie hat kein Verständnis für Lenores weltliches Leid.

Der dritte Abschnitt beginnt damit, dass sich der Erzähler wieder einschaltet. Er beleuchtet nun Lenores Innenansicht: „Sie fuhr mit Gottes Vorsehung / Vermessen fort zu hadern“.[16] Die junge Frau ist untröstlich und beginnt an Gott zu zweifeln.

Doch in der Nacht taucht Wilhelm als ein Reiter auf. Er bittet sie, ihn in das „Brautbett“[17] zu begleiten. Schon in dem Dialog der beiden wird deutlich, dass etwas mit Wilhelm nicht stimmt, er erklärt selbst: „Ich darf allhier nicht hausen“.[18] Die Liebende bemerkt diese Hinweise jedoch nicht oder ignoriert sie.

[...]


[1] Bürger übersetzte das Werk „Baron Munchhausens Narrative of His Marvellous Travels und Campaigns in Russia“ von Rudolf Erich Raspe aus dem Englischen ins Deutsche zurück, schrieb einige der Geschichten um und ergänzte andere.

[2] Scherer, Helmut: Gottfried August Bürger. Eine Biographie. Berlin 1995, S. 2.

[3] Vgl. Kluge, Gerhard: Gottfried August Bürger. In: Deutsche Dichter des 18. Jahrhunderts. Ihr Leben und Werk. Hg. von Benno von Wiese. 1. Auflage. Berlin 1977, S. 594.

[4] Vgl. Ebd., S. 606.

[5] Vgl. Falk, Walter: Die Anfänge der deutschen Kunstballade. In: Ballade. Hg. von Christian Freitag. 1. Auflage. Bamberg 1986, S. 51.

[6] Weissert, Gottfried: Ballade. Stuttgart 1980, S. 59.

[7] Vgl. Ebd.

[8] Vgl. Ketzer, Hans-Jürgen: Zum Tod eines Dichters. Gottfried August Bürger, gestorben am 8. Juni 1794. In: G. A. Bürger und J. W. L. Gleim. Hg. von Hans-Joachim Kertscher. Tübingen 1996.

[9] Freund, Winfried: Die Deutsche Ballade. Theorie, Analysen, Didaktik. Paderborn 1978, S. 21.

[10] Freund: Die Deutsche Ballade, S. 24.

[11] Köpf, Gerhard: Die Ballade. Probleme in Forschung und Didaktik. Kronberg/Ts 1976, S. 29.

[12] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Kunstballade, Stand: 20.3.12.

[13] Vgl. L. (Str. 1, V. 3.)

[14] L. (Str. 9, V. 3-6.)

[15] Vgl. L. (Str. 10, V. 3-4.)

[16] L. (Str. 12, V. 3-4.)

[17] L. (Str. 16, V. 8.)

[18] L. (Str. 16, V. 4.)

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
"Lenore" von Gottfried August Bürger. Frischer Wind für die Balladendichtung
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Neue deutsche Literatur und Medien)
Veranstaltung
Lyrik der Empfindsamkeit
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
18
Katalognummer
V295601
ISBN (eBook)
9783656938255
ISBN (Buch)
9783656938262
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ballade, balladen, kunstballade, entstehung der ballade, erste ballade, bürger, gottfried august bürger, g. a. bürger, empfindsamkeit, aufklärung
Arbeit zitieren
Dorothee Salewski (Autor), 2012, "Lenore" von Gottfried August Bürger. Frischer Wind für die Balladendichtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295601

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