Zwischen Schwarz und Weiß. Die Figuren der Schachnovelle von Stefan Zweig


Bachelorarbeit, 2012
43 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Der Autor: Stefan Zweig
1.2. Inhalt der Novelle
1.3. Klassische Novellendefinition

2. Die Figuren
2.1. Der Ich-Erzähler
2.1.1. Forschungsüberblick
2.1.2. Die Erzählsituation
2.2. Mirko Czentovic
2.2.1. Forschungsüberblick
2.2.2. Als Autist
2.3. McConnor
2.3.1. Forschungsüberblick
2.3.2. Als Vermittler
2.4. Dr. B.
2.4.1. Forschungsüberblick
2.4.2. Als Süchtiger
2.4.3. Psychische Folgen der Isolationshaft

3. Schach als „Falke“

4. Interpretation
4.1. Das Verhältnis zwischen Czentovic und Dr. B.
4.2. Das Ende der Novelle

5. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Schachnovelle erfreut sich auch heute noch, 70 Jahre nach ihrer Entstehung, großer Beliebtheit. Der unglaubliche Erfolg der 110 Seiten umfassenden Geschichte hängt zum einem mit ihrer Qualität zusammen, zum anderen mit dem Umstand, dass ihr Autor Stefan Zweig sein künstlerisches Lebenswerk mit dieser Novelle beschloss. Nur Stunden vor seinem Freitod 1942 verschickte er die Version letzter Hand. Noch im selben Jahr wurde das Werk veröffentlicht. Im Juni 2012 erschien die Schachnovelle in der 64. Auflage im Fischer-Verlag. Sie wurde mehrfach als Hörbuch oder Hörspiel umgesetzt. Die letzte Version erschien 2009 mit Christoph Maria Herbst als Sprecher im Argon Verlag.

Auch im Schulunterricht gehört die Schachnovelle keineswegs zur Randlektüre. Sie erfreut sich unter den Deutschlehrkräften einer gewissen Beliebtheit. Marcel Reich-Ranicki empfahl in seinem Kanon der deutschen Literatur die Novelle für den Schulunterricht. Sie erschien auch in seiner Kanon-Sammlung der Erzählungen im siebten Band von zehn im Jahr 2003.

Die Novelle wurde neben der Lektüre auch für Adaptionen genutzt. Bereits 1960 erschien die Literaturverfilmung mit Gerd Oswald als Regisseur. Der gleichnamige Film orientiert sich jedoch nur vage an Zweigs Schachnovelle. Die Figur des Ich- Erzählers fehlt, stattdessen wurden die Balletttänzerin Irene Andreny (Claire Bloom) und der Nationalsozialist Hans Berger (Hansjörg Felmy) als neue Figuren hinzugefügt. Neben der Veränderung der Figuren dreht sich die Handlung unter anderem um den Konflikt Irenes, die sich zwischen Hans Berger und Dr. von Basil (Curd Jürgens) entscheiden muss. Die Schachpartien zwischen Dr. von Basil und Czentovic (Mario Adorf) verkommen fast zu einer Nebensächlichkeit.[1] Es sollte die erste und vorerst letzte Verfilmung des Werks sein. Trotzdem fand die Geschichte ihren Weg auf die Theaterbühne. 2008 wurde sie im Altonaer Theater in Hamburg unter der Regie von Helmut Peschina aufgeführt.[2] Die Schachnovelle scheint es also in die Reihen der zeitlosen Klassiker geschafft zu haben.

In dieser Arbeit sollen die Figuren der Geschichte aus einem neuen Blickwinkel betrachtet werden. Denn Stefan Zweigs Charaktere sind keinesfalls einfach zu durchschauende Persönlichkeiten. Hinter ihrem Handeln steckt immer eine tiefere Motivation, die es zu ergründen gilt. Unter dieser Prämisse wird jede auftretende Figur einzeln beleuchtet. Neueste Erkenntnisse der Psychologie und Medizin werden herangezogen, um ihre Verhaltensweisen zu erklären. Nach diesen Einzelanalysen folgt ein Kapitel über das Schachspiel selbst, das alle Figuren verbindet. Die Wichtigkeit dieses Brettspiels für die Handlung der Novelle soll ebenso durchleuchtet werden wie die Beziehung jeder Figur zum königlichen Spiel. Anschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse zusammengeführt und ergeben eine neue Bewertungsmöglichkeit der Beziehungen der Figuren zueinander. Hierbei wird vor allem das Verhältnis von Protagonist und Antagonist untersucht. Doch zunächst widmet sich diese Arbeit kurz allgemeinen Betrachtungen über den Autor und die Gattung Novelle.

1.1. Der Autor: Stefan Zweig

Da sich viele Interpretationen auf Zweigs Biografie beziehen, soll hier kurz auf diese eingegangen werden.

Stefan Zweig wird am 28. November 1881 in Wien als zweiter Sohn von Ida und Moritz Zweig geboren. Seine Eltern gehören zum jüdischen Großbürgertum. Zweig kann sich in höheren gesellschaftlichen Kreisen Österreichs problemlos bewegen. Während seiner Schulzeit liest er viel und unternimmt erste eigene Schreibversuche. Nach der Matura beginnt er ein Studium der Philosophie, Literatur und romanischer Sprachen in Wien und Berlin. Neben selbst verfassten Essays und Gedichten arbeitet er an Zeitschriften mit und übersetzt auch Werke anderer Dichter ins Deutsche. Zweig promoviert 1904 im Fach Philosophie an der Universität Wien. Auf seinen zahllosen Reisen durch Europa lernt er weitere Künstler kennen und tauscht sich mit ihnen aus.

Ein einschneidendes Ereignis für Zweig ist der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914. Er arbeitet im Kriegsarchiv, erlebt aber auf einer Dienstreise die Grausamkeit des Krieges. Daraufhin zieht er in die neutrale Schweiz, schreibt und übersetzt viele pazifistische Schriften. Nach Ende des Krieges zieht er nach Salzburg. Die nächsten Jahre sind von beruflichem und privatem Erfolg geprägt. 1920 heiratet er Friderike von Witernitz, die schon seit mehreren Jahren seine Partnerin ist.

Mit Hitlers Machtergreifung in Deutschland wendet sich jedoch das Blatt. Am 10. Mai 1933 werden in Berlin bei der öffentlichen Bücherverbrennung durch nationalsozialistische, deutsche Studenten auch Zweigs Werke ins Feuer geworfen, da er jüdischen Glaubens ist. Nachdem sein Haus in Salzburg am 18. Februar 1934 von der österreichischen Heimwehr nach Waffen durchsucht wird, verlegt Zweig seinen Hauptwohnsitz nach London, besucht das europäische Festland jedoch regelmäßig.

Er folgt 1936 der Einladung der brasilianischen Regierung zum internationalen PEN-Kongress nach Buenos Aires und besucht auf seiner Reise zum ersten Mal Brasilien. Zweig ist dort eine gefeierte Persönlichkeit. Das friedliche Zusammenleben der Brasilianer entspricht Zweigs Idealbild von einer rassenfreien Gesellschaft.

Nach seiner Rückkehr in sein Haus in London beginnen die Brücken zu seiner österreichischen Heimat zu bröckeln. Zweig lässt sich 1937 von Friderike scheiden. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich ist er zunächst staatenlos, am 12. Mai 1940 erhält er jedoch die britische Staatsbürgerschaft.

In seinem 1939 erschienenen Roman Ungeduld des Herzens thematisiert er noch einmal seine alte Heimat. Die Handlung spielt in der österreichischen Monarchie vor dem ersten Weltkrieg, also der Zeit, die Zweig selbst als die friedlichste in Erinnerung hat. Im selben Jahr heiratet er seine Sekretärin Charlotte Altmann, die Lotte genannt wird. Er fühlt sich von der Londoner Gesellschaft ausgeschlossen, da die Engländer ihm aufgrund seiner deutschsprachigen Herkunft mit Skepsis begegnen. Er reist nach Ausbruch des 1. Weltkriegs auf den amerikanischen Kontinent. Trotz des nicht abreißenden Flüchtlingsstroms aus Europa plant Zweig nach seiner Reise wieder in sein Haus in Bath zurückzukehren, da dort viele seiner begonnenen Arbeiten und Recherchen liegen. Obwohl es ihm im Verhältnis zu anderen Exilanten sehr gut geht, leidet er zunehmend an Depressionen. Wie so oft flüchtet sich Zweig, als er wieder in New York ist, vor seinen psychischen Problemen ins Schreiben. Die politische Lage macht ihm Sorgen und er empfindet das Leben aus dem Koffer zunehmend als sehr aufreibend. Er fährt mit dem Schiff von New York nach Rio de Janeiro zurück. Dort mietet er ein Haus im nahegelegenen Petropolis.

Zweig kann in der Abgeschiedenheit endlich zur Ruhe kommen und seinem Nomadenleben zumindest zeitweilig ein Ende setzten. Er vermisst jedoch seine Freunde und die Möglichkeit jederzeit an Recherche-Material für seine Bücher gelangen zu können. In dieser Phase entdeckt er erneut das Schachspielen für sich, das er schon in Wiener Kaffeehäusern betrieben hat. Er kauft sich ein Buch mit Meisterschachpartien, die er abends mit Lotte nachspielt. Auch gegen seinen Nachbarn Ernst Feder tritt er gelegentlich in einer Partie an. Seine Idee für die Schachnovelle wird geboren. Es ist das letzte Werk, das er vollendet.

Für Zweig ist die Fröhlichkeit des Karnevals im Februar 1942 nicht mit den Meldungen über Europa zu vereinbaren. In der Zeitung liest er vom Fall Singapurs und vom Fortschreiten des faschistischen Afrikakorps zum Suezkanal. Wieder in Petropolis schickt er drei Skripte der Schachnovelle je an seinen amerikanischen Verleger Benjamin Huebsch in New York, seinen Freund und Übersetzer Alfredo Cahn in Buenos Aires und an seinen deutschen Exil-Verleger Gottfried Bergmann des Fischer-Verlages in Stockholm.[3]

Noch am 21. Februar 1942 spielt Stefan Zweig mit Ernst Feder eine Partie Schach. In der Nacht vom 22. auf den 23. Februar begehen er und Lotte mit einer Überdosis des Schlafmittels Veronal Selbstmord. Der Grund für seinen Freitod ist im Endeffekt der zweite Weltkrieg und seine Folgen, die der sensible Zweig nicht ertragen konnte. Auch wenn er an ein baldiges Ende des Krieges glaubt, so kann er sich nicht vorstellen, dass die Welt im Frieden noch dieselbe ist. Die Vorstellung nicht in seiner Sprache schreiben zu können, macht ihn zunehmend unglücklich. Er wird sich bewusst, dass er vermutlich sein Haus in Bath und auch das darin enthaltene Material nicht wiedersehen wird. In seiner Erklärung, die man nach seinem Tod auf dem Schreibtisch fand, verabschiedet er sich mit den Worten: „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus“[4].

1.2. Inhalt der Novelle

Die Schachnovelle spielt mitten im Zweiten Weltkrieg auf einem Passagierschiff, das von New York nach Buenos Aires fährt.

Der Ich-Erzähler und sein Freund bemerken, dass der Schachweltmeister Mirko Czentovic unter viel Presserummel an Bord geht. Die beiden erinnern sich an Einzelheiten der Lebensgeschichte des jungen Mannes. Nach dem Tod seines Vaters wird der zwölfjährige Südslawe von einem Pfarrer aufgenommen. Er hat Lernschwierigkeiten und scheint sich nicht für die Welt um sich herum zu interessieren. Durch einen Zufall wird sein Talent im Schachspielen entdeckt. Seine Fähigkeiten sind auf diesem Gebiet so groß, dass er einen Gönner findet, der ihm eine Schachausbildung bezahlt. Schließlich wird er Schachweltmeister. Seine einzigen Interessen scheinen Schach und Geld zu sein. Der Einundzwanzigjährige ist stolz auf seinen Erfolg und bemüht, seine leidlichen intellektuellen Fähigkeiten zu verbergen.

Der Ich-Erzähler interessiert sich für den außergewöhnlichen Menschen und versucht Kontakt zu ihm aufzunehmen. Zu diesem Zweck spielt er öffentlich Schach, erst gegen seine Frau, später gegen den schottischen Tiefbauingenieur McConnor. Czentovic wirft im Vorübergehen einen Blick auf ihr Spiel, woraufhin McConnors Ehrgeiz geweckt ist und er den Weltmeister um eine Partie bittet, die dieser gegen Honorar annimmt. Die erste Partie, bei der alle schachbegeisterten Passagiere zusammen gegen den Meister spielen, gewinnt Czentovic. In der zweiten Partie kommt den Amateuren ein Unbekannter zur Hilfe, der durch seine Spielweise ein Remis erreichen kann. Den Vorschlag, allein gegen den Meister zu spielen, lehnt der Unbekannte ab.

Auf Drängen der anderen Passagiere bemüht sich der Ich-Erzähler um seinen unbekannten Landsmann, Dr. B. Dieser willigt in eine Partie gegen den Weltmeister ein und berichtet dem Erzähler daraufhin, welche besondere Beziehung er zum Schach habe. In Österreich sei er ein alteingesessener Rechtsanwalt gewesen, der sich auch um die finanziellen Geschäfte einiger Klöster und Angehöriger des Kaiserhauses kümmerte. Mit Hitlers Aufstieg in Deutschland sei seine Arbeit zunehmend gefährlicher geworden. Ein Spion habe ihn an die Geheime Staatspolizei verraten und Dr. B. sei inhaftiert worden. Um Informationen von dem Anwalt zu erpressen, habe man ihn durch Isolationshaft gefoltert. Nach fünfeinhalb Monaten habe er vor einem Verhör ein Buch mit Schachpartien gestohlen und begonnen, in seiner Zelle diese nachzuspielen. Nachdem er alle blind reproduzieren konnte, habe er angefangen Partien gegen sich selbst zu spielen. Dies habe zu einem krankhaften Zustand und schließlich zu seiner Haftentlassung geführt. Er wolle sich mit einer einzigen realen Partie gegen Czentovic davon überzeugen, dass sein Spielen nicht nur Wahnsinn war.

Dr. B.s Zustand während der Partie gegen Czentovic ist stabil. Der Österreicher gewinnt. Der Geschlagene fordert Revanche, die Dr. B. trotz seiner Vorgabe, nur ein Spiel zu spielen, annimmt. Während der zweiten Partie wird Dr. B. zunehmend nervös, auch weil Czentovic längere Überlegungspausen braucht. Nach einem nicht gerechtfertigten Schach-Ruf Dr. B.s bricht dieser die Partie auf Zureden des Erzählers ab. McConnor ärgert sich darüber, Czentovic spricht ihm eine ungewöhnliche Begabung zu.

1.3. Klassische Novellendefinition

Schon im Titel wird die Gattung der Schachnovelle genannt. Ihre Konstruktion der Figuren hängt sehr eng mit ihrer Gattung zusammen, weswegen ein detaillierter Blick auf diese geworfen werden soll. Es handelt sich um eine Novelle, also eine Erzählung. Erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts wird der Begriff überhaupt erst für Erzähltexte verwendet.[5] Eine Definition ist, wie bei den meisten literarischen Gattungen, auf keinen Fall in Stein zu meißeln, jedoch lassen sich Gemeinsamkeiten finden.

Es handelt sich um epische Texte mittlerer Länge, die sich von Großformen wie dem Roman oder Kleinformen wie der Kurzgeschichte dadurch abgrenzen, dass sie eine ganze Geschichte und nicht nur einen Ausschnitt erzählen, diese jedoch nicht in allen Einzelheiten.

Die Handlung wird von einem zentralen Ereignis bestimmt. Die wohl berühmteste Definition von Novellen hat Goethe gegeben: Er befand, dass sich die Handlung derselben um eine „sich ereignete unerhörte Begebenheit“[6] zu drehen habe. Auch andere Autoren sprechen von einer „Scene“, einem „Vorfall“ oder einem „Punkt“, an dem sich der Verlauf ganz unerwartet ändert.[7] Es gilt in der Novelle also von etwas Neuem zu berichten, damit sich das Zuhören beziehungsweise Lesen lohnt. Hierzu wird oft von alltäglichen Begebenheiten erzählt, die sich jedoch von normalen Situationen durch irgendeine Besonderheit unterscheiden. Die Erzählung hat somit einen Bezug zum Leben des Lesers oder Hörers und erhöht damit außerdem ihren Anspruch auf Wahrheit, der ebenfalls charakteristisch ist.[8]

Ähnlich wie beim Drama spitzt sich die Haupthandlung auf einen Höhepunkt zu, der oft auch gleichzeitig der Wendepunkt ist. Theodor Storm nennt die Novelle aufgrund ihres tektonischen Aufbaus auch die „Schwester des Dramas“[9].

Ein weiteres wichtiges Merkmal der Novelle ist ihre Musterhaftigkeit. Die Erzählung zeigt exemplarisch Verhaltensweisen und Situationen, die einen belehrenden Charakter haben. Der Leser oder Zuhörer kann an ihnen ein Grundproblem erkennen und wird teilweise mit einer möglichen Lösung vertraut gemacht. Hierbei ist es für Novellen typisch, dass sie auf wenige Figuren beschränkt sind, die in einem geschlossenen Raum miteinander interagieren. Zum Beispiel treten in Heinrich von Kleists Die Marquise von O nur die Marquise, ihre Eltern, ihr Bruder und der Graf von F… auf. Die gesamte Rahmenhandlung spielt sich im Haus der Eltern ab, Rückblenden führen den Leser jedoch an andere Orte.

Inhaltlich ist die Novelle oft in eine Rahmen- und Binnenhandlung unterteilt. Ganz charakteristisch ist auch das Erzählen in sogenannten Novellenzyklen. Eine Rahmenhandlung führt einige Personen zusammen, die dann die Geschichten der Binnenhandlungen erzählen. Zum Beispiel in Boccaccios Werk Decamerone, in dem zehn junge Menschen vor der Pest aufs Land fliehen und zehn Tage lang jeder von ihnen eine Geschichte erzählt. Aber auch Novellen, die keinem Zyklus angehören, sind meist in Rahmen- und Binnenhandlungen unterteilt. Der Rahmen dient oft dazu, die Binnenerzählung glaubhafter zu machen, so beginnt beispielsweise Theodor Storms Der Schimmelreiter mit einer Erklärung, wie der Erzähler auf den Stoff gekommen ist. Binnenerzählungen können allerdings auch Rückblenden sein, deren Folgen in der Rahmenhandlung deutlich werden.

In der Schachnovelle finden sich „die Vorgaben der Gattung in traditioneller Form eingelöst“[10]. Ihr Umfang ließ Zweig selbst am Erfolg der Novelle zweifeln, als er in einem Brief an seinen Freund Hermann Kesten bemerkt: „Ich habe eine Novelle geschrieben in meinem beliebt-unglücklichen Format, zu groß für eine Zeitung und ein Magazin, zu klein für ein Buch“[11]. Doch entspricht der Text der für Novellen geforderten Länge. Die Handlung führt unweigerlich zu der unerhörten Begebenheit, nämlich, dass ein einfacher Spieler den Schachweltmeister in fairem Kampf schlagen kann. Der Sieg Dr. B.s über Czentovic ist auch gleichzeitig der Wendepunkt der Handlung, da sich der Zustand des Siegers dramatisch verschlechtert und seine Krankheit erneut ausbricht.

Die Situation in der Schachnovelle ist trotz ihrer Einzigartigkeit doch ein Beispiel für das menschliche Verhalten und den Umgang verschiedener Charaktere und Menschentypen miteinander. Die Erzählung erfüllt also den Anspruch des Exemplarischen und es treten besonders wenige Personen auf, die sich nur innerhalb des begrenzten Raums des Schiffs bewegen können.

In vielen modernen Novellen fehlt die Rahmen- und Binnenhandlung, zum Beispiel bei Franz Kafkas Die Verwandlung. Doch in der Schachnovelle sind die Lebensgeschichten der beiden Hauptfiguren in einen Rahmen gebettet, der auf dem Schiff spielt. Durch die Hintergrundinformationen zu den beiden Schachspielern wird ihre Unterschiedlichkeit herausgehoben und ihre Motive werden näher beleuchtet. Auch wie und von wem die Binnenerzählungen wiedergegeben werden, ist hierbei entscheidend. Diese Punkte werden in den folgenden Kapiteln betrachtet.

Neben dieser klassischen Auffassung von Novellen führt Paul Heyse noch die sogenannte Falkentheorie an, die im Zusammenhang mit den Erläuterungen zum Schachspiel untersucht werden soll.

2. Die Figuren

Wie bereits erwähnt, ist es charakteristisch, dass nur wenige handelnde Personen in einer Novelle vorkommen. Im Wesentlichen sind es vier Figuren, die miteinander interagieren: der Ich-Erzähler, Mirko Czentovic, McConnor und Dr. B. Sie sollen in dieser Arbeit einzeln analysiert werden. Hierzu wird zuerst der Stand der Forschung herangezogen, dann werden eigene Überlegungen angestellt. Später werden die Ergebnisse aller Figuren zusammengefasst und die daraus resultierenden Interpretationsmöglichkeiten besprochen. Diese vier Charaktere werden in der Reihefolge behandelt, in der sie in der Schachnovelle auftauchen.

Allgemein auffällig an den Figuren der Novelle ist, dass es sich nur um Männer handelt. Die einzigen Frauen, die erwähnt werden, sind die Frau des Erzählers und die Krankenschwester, die sich nach seinem Zusammenbruch um Dr. B. kümmert. Die Ehefrau des Erzählers wird bald nach ihrem Auftauchen am Schachbrett durch McConnor ersetzt. Sie ist also austauschbar und somit für eine Interpretation nicht interessant. Ganz abgesehen davon, wird sie nur ein einziges Mal erwähnt (vgl. S. 25).[12]

Die Krankenschwester hingegen versetzt Dr. B. in helle Aufregung, da er „seit einem Jahr keine Frau gesehen“ (S. 88) hat. Die Pflegerin stellt durch ihre Weiblichkeit also Dr. B.s Übergang aus der grausamen Folterhaft der Gestapo, wo er nur mit Männern zu tun hatte, in eine bessere Zukunft dar. Der erste Mensch, mit dem er nach der Haft Kontakt hat, ist diese Frau und sie gibt ihm, was er ein Jahr lang vermisste: „eine weiche, warme, eine fast zärtliche Frauenstimme“ (S. 88). Dr. B. kann nicht fassen, dass es ein menschliches Wesen gibt, „das gütig war“ (S. 89). Sie steht für die Hoffnung, dass er nun besser behandelt wird und wieder normal leben kann. Außerdem symbolisiert sie die weiblichen Attribute: Geborgenheit, Zärtlichkeit, Güte und Mitgefühl. Ihre „holde Erscheinung“ (S. 88) hat aber auch eine sexuelle Unternote.

Die Verarbeitung von sexuellen Ereignissen ist ein oft gewähltes Thema Zweigs für seine Novellen, zum Beispiel in Verwirrung der Gefühle oder Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau.[13]

Doch in der Schachnovelle ist nichts davon zu finden. Zweig scheint extra keine Frauencharaktere konstruiert zu haben, damit die Frage nach einem sexuellen Anstrich eindeutig geklärt ist. Ingrid Schwamborn führt hierzu an, dass „Aufgrund seiner extremen Anforderungen an die Abstraktionsfähigkeit und die schöpferische Einbildungskraft […] das Schachspiel […] als ein Spiel angesehen [wird], das an erster Stelle für Männer bestimmt sei“[14]. Schwamborn mag im Hinblick auf die Entstehungszeit (1941/42) der Schachnovelle Recht haben. Nicht nachvollziehbar hingegen ist allerdings ihre Schlussfolgerung, dass das Schachspiel stellvertretend für eine homoerotische Begegnung stehe.[15] Nur weil es sich in der Geschichte um eine reine Gesellschaft aus Männern handelt, sollte man nicht so voreilig sein, ihnen Homosexualität zu unterstellen. Einzig der Krankenschwester könnte eine gewisse sexuelle Tendenz nachgesagt werden. Allerdings ist diese Tendenz eher schwach und auf jeden Fall heterosexuell.

Viel einleuchtender scheint die Interpretation, dass es in der Schachnovelle nicht um sexuelle Abenteuer geht. Nur weil Zweig in seinen früheren Novellen Sex als Thema nahm, sollte man sich nicht dazu hinreißen lassen, in allen späteren danach zu suchen.

Abgesehen von ihrem Geschlecht haben die Figuren auch ihren gesellschaftlichen Stand gemeinsam. Hartmut Müller bemerkte hierzu, dass in Zweigs Novellen vorrangig Personen aus dem gehobenen Bürgertum auftauchen würden. Diesen Vertretern der guten Gesellschaft stelle Zweig dann einfachere Leute gegenüber, deren Seelenvorgänge allerdings nicht sehr detailliert beschrieben würden.[16] Auch Thomas Haenel äußert sich ähnlich über die Figuren in Zweigs Novellen. Er bemerkt, dass die Personen je nach ihrer gesellschaftlichen Schicht unterschiedlich dargestellt werden: Figuren der Grundschicht von außen, die der Oberschicht von innen.[17]

Diese Beobachtung trifft auch auf die Schachnovelle zu. Der Erzähler und Dr. B. gehören eindeutig zur oberen Mittelschicht Österreichs. Ihr Aussehen und Auftreten kennzeichnet sie ebenso wie Dr. B.s Beruf. Sie drücken sich vornehm aus und beide treten in der Geschichte als Erzähler auf. Man erfährt vor allem von Dr. B. viel über seinen inneren Zustand.

McConnor hingegen gehört zwar auch zur besseren Gesellschaft, seine Manieren sind jedoch nicht so fein wie die des Erzählers und seines Landsmannes. Auch das Aussehen des Schotten charakterisiert ihn eher als robusten Lebemann und nicht als feinen Herrn, wie Dr. B. und der Erzähler es sind.

Czentovic wird mehrfach vom Erzähler mit einem Bauern verglichen. Zwar kann der junge Südslawe sich durch sein Schachspiel in den höheren Kreisen der Gesellschaft bewegen, er gehört hier jedoch weder hin noch fühlt er sich hier wohl. Es ist bezeichnend, dass nur der Erzähler über Czentovic berichtet, dieser selbst aber sein Gefühlsleben nicht preisgibt. Diese Beobachtung passt zu Müllers These, dass Zweig Personen der ganz hohen und ganz niedrigen Gesellschaftsschichten nur als Hüllen zeichnet.[18]

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch Haenels These zur Namensgebung der Figuren. Er beobachtet, dass „prominente Persönlichkeiten […] nicht mit vollem Namen genannt“[19] werden. Dies trifft in der Schachnovelle sowohl auf Dr. B. zu, als auch auf den Erzähler, dessen Namen man gar nicht erfährt. Mirko Czentovic hingegen wird mit Vor- und Nachnamen vorgestellt. Damit kennzeichnet Zweig ihn als eine Person, die es nicht wert ist, ihre Identität zu schützen. Diese Beobachtung Haenels soll in den Betrachtungen zu McConnor noch einmal Beachtung finden.

2.1. Der Ich-Erzähler

Die erste Person, die in der Schachnovelle auftaucht, ist ihr Erzähler. Gleichzeitig ist sie allerdings auch die Figur, über die man am wenigsten erfährt. Sie steht deswegen auch nicht im Fokus der Forschungsliteratur.

2.1.1. Forschungsüberblick

Vor allem in älteren Interpretationen zu Zweigs Werk wird oft der Fehler gemacht, den Erzähler mit dem Autor des Werkes gleichzusetzen. So geschieht es beispielsweise 1963 bei Wolfgang Kießling.[20] Denselben Fehler machen auch Donald Daviau und Harvey Dunkle 1973 in ihrer sonst sehr guten Interpretation, indem sie Zweig als den Erzähler annehmen.[21]

Durch diese fehlerhafte Gleichsetzung des Autors mit dem Erzähler der Geschichte, kam es auch immer wieder zu mangelhaften Interpretationen, da keine Reflektion über den Wahrheitsgehalt des Erzählten erfolgte. Dieses Missverständnis wurde jedoch bisher nicht thematisiert.

2009 beschreibt Gerrit Lembke den Erzähler als homodiegetisch und anonym.[22] Er macht damit deutlich, dass in der neueren Forschung eine Gleichsetzung des Autors mit dem Erzähler ausgeschlossen ist.

Der Erzähler ist, obwohl wenig beachtet, ganz entscheidend für die Schachnovelle, da die Geschichte nur durch seine Augen wiedergegeben wird. Selbst den Bericht Dr. B.s kürzt er schließlich (vgl. S. 95). Er kommentiert und bewertet die komplette Geschichte hindurch alle Personen und jede Handlungen. Der Erzähler ist in die Geschichte verstrickt und emotional involviert. Seine Beschreibungen der Personen und Ereignisse sind nicht objektiv. Im Folgenden soll diese besondere Erzählsituation und die daraus abzuleitenden Konsequenzen für die Interpretation der Novelle beleuchtet werden.

2.1.2. Die Erzählsituation

Den folgenden Überlegungen liegt die Erzähltheorie nach Gerard Genette zugrunde. Mit den von ihm eingeführten Begriffen lässt sich die Erzählsituation in der Novelle am treffendsten beschreiben.[23]

In der Schachnovelle treten zwei Erzähler auf. Die Rahmenhandlung wird von einem anonymen Ich-Erzähler geschildert. Er tritt in der Geschichte auch als eine handelnde Person, jedoch nicht als die Hauptperson auf. Er ist also ein homodiegetischer Erzähler, der die extradiegetische Handlung, also die Rahmenhandlung mitteilt. Er blickt mit seiner Erzählung auf ein früheres Ereignis zurück, welches er gerafft wiedergibt. Das Geschehen wird in der Rahmenhandlung chronologisch behandelt. Jedoch gibt es zwei Analepsen, also Rückblenden. Die erste wird ebenfalls vom Erzähler der Rahmenhandlung entfaltet. Es handelt sich um die Ereignisse in Mirko Czentovics Kindheit. Innerhalb dieser metadiegetischen Erzählung ist der Bericht, bis auf eine einleitende Prolepse, chronologisch geordnet. Czentovics Lebensgeschichte wird schlaglichtartig erzählt. Es werden also vereinzelte Ereignisse genauer betrachtet.

[...]


[1] Vgl. Neubauer, Martin: Stefan Zweig. Schachnovelle. Lektüreschlüssel. Stuttgart 2006, S. 70ff.

[2] Vgl. http://www.abendblatt.de/kultur-live/article947256/Schachvergiftung.html (Stand: 28.09.2012).

[3] Vgl. Schönle, Siegfried: Klein, aber oho! In: 65 Jahre Schachnovelle. Hrsg. von Susanna Poldauf und Andreas Saremba. Berlin 2007, S. 8.

[4] Zweig, Stefan: Declaracao, Petropolis 22.02.1942. In: Stefan Zweig. Briefe 1932-1942. Hrsg. von Knut Beck und Jeffrey B. Berlin. Frankfurt am Main 2005, S. 345.

[5] Vgl. Kindt, Tom: Novelle [Art.]. In: Handbuch der literarischen Gattungen. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart 2009, S. 541.

[6] Eckermann, Johann Peter: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. In: Goethe. Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche. Hrsg. von Christoph Michel. Band 39. Frankfurt am Main 1999, S. 221.

[7] Kindt: Novelle [Art.], S. 541.

[8] Vgl. Rath, Wolfgang: Die Novelle. Göttingen 2000, S. 12.

[9] Heizmann, Bertold: Interpretationshilfe Deutsch. Schachnovelle. Freising 2006, S. 21.

[10] Kindt: Novelle [Art.], S. 548.

[11] Stefan Zweig: An Hermann Kesten, Petropolis, 15.01.1942. In: Stefan Zweig. Briefe 1932-1942, S. 336.

[12] Die Primärliteratur ist immer in Klammern angegeben. Sie bezieht sich auf die im Literaturverzeichnis angegebene Ausgabe der Schachnovelle.

[13] Vgl. Stefan Zweig: Verwirrung der Gefühle. Drei Novellen. Leipzig 1927.

[14] Schwamborn, Ingrid: Aspekte des Spiels in Schachnovelle. In: Die letzte Partie. Stefan Zweigs Leben und Werk in Brasilien (1932-1942). Hrsg. von Ingrid Schwamborn. Bielefeld 1999, S. 293f.

[15] Vgl. a. a. O., S. 294.

[16] Vgl. Müller, Hartmut: Stefan Zweig mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek 2000, S. 78.

[17] Vgl. Haenel, Thomas: Psychologe aus Leidenschaft: Stefan Zweig. Leben und Werk aus Sicht eines Psychiaters. Düsseldorf 1995, S. 241f.

[18] Vgl. Müller: Stefan Zweig, S. 78.

[19] Haenel: Psychologe aus Leidenschaft, S. 242.

[20] Vgl. Kießling, Wolfgang: Der Weg nach Petropolis. Stefan Zweig. In: Sinn und Form 35 (1983), S. 387.

[21] Vgl. Daviau, Donald G. und Harvey I. Dunkle: Stefan Zweigs Schachnovelle. In: Monatshefte für deutschen Unterricht, deutsche Sprache und Literatur 65 (1973), S. 372.

[22] Vgl. Lembke, Gerrit: Raum, Zeit und Handlung in Stefan Zweigs ‚Schachnovelle’. In: Literatur in Wissenschaft und Unterricht 42 (2009), S. 227.

[23] Siehe Genette, Gerard: Die Erzählung. 2. Auflage. München 1998.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Zwischen Schwarz und Weiß. Die Figuren der Schachnovelle von Stefan Zweig
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Neue deutsche Literatur und Medien)
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
43
Katalognummer
V295609
ISBN (eBook)
9783656939702
ISBN (Buch)
9783656939719
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stefan zweig, zweig, jude, juden, novelle, erzählung, schach, schachnovelle
Arbeit zitieren
Dorothee Salewski (Autor), 2012, Zwischen Schwarz und Weiß. Die Figuren der Schachnovelle von Stefan Zweig, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295609

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