Lessing und die klassische Ästhetik


Hausarbeit, 2015
12 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Antike Kunst im Spannungsfeld der Freiheit und Mythologie

3. Lessing und die klassische Ästhetik
3.1 Kants „ästhetisches Urteil“
3.2 Hegels „Ästhetik der Sinnlichkeit“

4. L’art pour l’art - „die Kunst um der Kunst willen“

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

… denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit …

Johann Christoph Friedrich von Schiller (1759 - 1805), deutscher Dichter und Dramatiker (Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen, 1795, 2. Brief)

Künstlerische Freiheit und Ästhetik hatten bereits in der Antike einen hohen Stellenwert in der Kultur und Gesellschaft, was wohl bei keinem antiken Werk besser zur Geltung kommt als bei der Laokoon-Gruppe, die zahlreiche Dichter und Denker der Aufklärung - unter anderem selbstverständlich Lessing - beschäftigt hat.

Denn es gibt auch zahlreiche andere Werke aus dem antiken Griechenland, welche man besonders zahlreich aus den damaligen Tempeln barg, die jedoch geheiligt und in erster Linie zur Anbetung gedacht waren respektive im Auftrag religiöser Autoritäten oder zumindest unter starkem Einfluss der mythologischen Religion entstanden.

Es gab jedoch auch freie Künstler, die bestimmte religiöse sowie sittliche Konventionen ihrer Gesellschaft ignorierten und dadurch „ohne allen äußerlichen Zwang auf die höchste Wirkung ihrer Kunst haben arbeiten können.“[1]

Als solchen äußerlichen Zwang für den Künstler in der Antike konstatiert Lessing vor allen Dingen die Mythologie als religiöse Instanz der Hellenen, welche die Kunst zur Schaffung von sogenannten geheiligten Objekten in Tempeln angeheuert und von ihr allzu oft lediglich als bloßes Hilfsmittel für fremde Ziele und Zwecke, wie beispielsweise zur Anbetung, Gebrauch gemacht hat.

Das Anliegen von religiös motivierten Kunstwerken sei also nicht das Schöne an und für sich gewesen, sondern überwiegend die Vermittlung von Symbolik und Bedeutung, was Herder wohl als „sinnliche Erscheinung“ formulieren würde. Kunst solle freilich jedoch causa sui, sprich ihrer selbst willen und nicht eines äußerlichen Zweckes wegen betrieben werden, weshalb Lessing zweckgebundene Werke der Antike kritisiert und ihnen den Status als Kunstwerk abspricht.

An dieser Stelle der Argumentation Lessings möchte ich ansetzen und der Frage nachgehen, inwiefern dieser interessante Gedanke, nämlich die Kunst als sich selbst genügend zu betrachten, zur Zeit der Aufklärung geläufig war und wie unterschiedlich er von den damaligen Dichtern und Philosophen aufgefasst wurde.

Des Weiteren soll reflektiert werden, welche Auffassungen von Ästhetik zu der Zeit Lessings herrschten, wie sie jeweils definiert bzw. begründet wurden und in welchem Maße sie in der Schrift Laokoon. Oder: Über die Grenzen der Malerei und Poesie durch den Stift Lessings wiederzuerkennen sind.

Hierbei soll vor allem auch die Problematik des Begriffs der „Schönheit“ sowie des „Schönen in der Kunst“ anhand der Überlegungen Kants und Herders thematisiert werden, den Lessing in seinem Werk zum Laokoon immer wieder gerne aufgreift.

Darüber hinaus möchte ich ebenfalls klären, inwiefern die hellenische Mythologie Einfluss auf bestimmte antike Kunstwerke ausübte und welcher Symbolik sie sich hierbei bediente, deren geschichtlichen Hintergrund ich untersuchen und zum besseren persönlichen Verständnis derselben weiter vertiefen möchte, was Lessing im 9. Kapitel seiner Schrift leider nur oberflächlich und meiner Meinung nach auch ziemlich ungenau behandelt, was möglicherweise damit zusammenhängen könnte, dass der damalige Kenntnisstand über die antike Mythologie im Allgemeinen viel höher und die Beschäftigung mit dieser Thematik selbstverständlicher war, als es heutzutage leider der Fall ist.

Denn es waren, kulturhistorisch gesehen, gerade die antiken Mythologien und von ihnen geprägte Kulturen der früheren Menschheitsgeschichte, welche ästhetisch relevante Kunst hervorbrachten oder zumindest in enger Relation zu ihr standen. Somit war die Kunst zeitweise stark von der Religion geprägt und auch umgekehrt, unter anderem weil die ersten als bildende Kunst bezeichneten Objekte aus der Steinzeit nachweislich religiöse bzw. kultische Inhalte zum Gegenstand hatten, was eine kurze Auseinandersetzung mit den mythologischen Glaubensvorstellungen und -inhalten unausweichlich macht, möchte man sich mit ihrer künstlerischen Verarbeitung im antiken Griechenland befassen.

2. Antike Kunst im Spannungsfeld der Freiheit und Mythologie

Liest man das 9. Kapitel von Lessings Schrift „Laokoon oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie“, so fällt dem Rezipienten bereits auf den ersten Seiten auf, dass er es hier nicht mehr mit dem gewohnten Literaturtheoretiker und Dramatiker, sondern eher dem Kunsttheoretiker Lessing zu tun hat. Lessing leitet dieses Kapitel mit dem altbekannten gesellschaftlichen Problem der Kunst sowie auch der Dichtung ein, welches uns auch heute noch beschäftigt und kaum an Aktualität verloren hat: Die „völlige Freyheit“ des Künstlers „ohne allen äußerlichen Zwang“ in seinem Schaffen.[2] Wenn der antike Künstler sein Werk zur Anbetung oder für das „Vergnügen des Betrachters“ zweckentfremdet hat, so habe er nicht mehr als Künstler im eigentlichen Sinne dieses Ausdrucks gehandelt (nämlich der Schaffung eines Kunstwerks), sondern vielmehr lediglich wie ein schlichter Handwerker ein Objekt zur primitiven Nutzung hergestellt, sei sie nun von gottesdienstlicher oder auch unterhaltender Art, was die Authentizität und damit einhergehend auch Glaubwürdigkeit seines Werkes vernichten lässt.

Für Lessing war also in Hinblick auf Qualität und Ästhetik eines Kunstwerks von enormer Wichtigkeit, welche Absichten der jeweilige Künstler bei seinem Schaffen verfolgte und wie er diese Absichten an seinem Kunstobjekt schlussendlich in die Tat umgesetzt und verarbeitet hat.

Dieses Problem veranschaulicht er anhand der vielen Statuen aus der Antike, die den griechischen Gott Bacchus auf unterschiedliche Art und Weise darstellen. Bacchus, oder besser bekannt als Dionysos, der Gott des Weines und der Fruchtbarkeit, wurde in Statuen, die damals eigens für Tempel hergestellt wurden, dergestalt gebildet, dass ihm aus den Schläfen seines Menschenhauptes Hörner hervorragten, die ihn einem Stier gleichen ließen.[3]

Der Stier verkörperte sowohl in der griechischen als auch ägyptischen Mythologie - gerade wegen seiner engen Relation zum Ackerbau - Wachstum und Fertilität, wohingegen der Wolf Sinnbild für das Absterben und den Niedergang war.[4]

Das Sinnbild der Potenz war also für die meisten antiken Bildhauer womöglich der Anlass dafür, dass sie Statuen des Bacchus für die Tempel eigens mit Stierhörnern versahen, was sie damals für Anhänger der griechischen Mythologie somit zu Anbetungsobjekten par excellence machen musste. Lessing hingegen argumentiert damit, dass Bacchus in der griechischen Sage über die fromme Hypsipile, die ihren Vater aus dem Tempel zu Lemnos in der Gestalt des Gottes rettet, stets mit Hörnern erscheint, die als Sinnbild sein Wesen bezeichnen. Dies sei der Grund dafür, weshalb „nur der freye Künstler, der seinen Bacchus für keinen Tempel arbeitete“, auf die sinnbildlichen Hörner verzichten konnte, mit der Folge, dass nur diese Werke außerhalb der Tempel in der frühen Periode des Christentums verschont wurden, da sie keine auffälligen, götzendienstlichen Konventionen zeigten und somit frei von möglicher Anbetung waren.[5]

3. Lessing und die klassische Ästhetik

Am Interessantesten wird es im 9. Kapitel, wenn Lessing seine Vorstellung von Kunst respektive Kunstwerken darlegt. Seiner Meinung nach verdienen es nur diejenigen Kunststücke, den Status eines echten Kunstwerkes zu erhalten, „in welchen sich der Künstler wirklich als Künstler zeigen“[6] kann.

Doch es stellt sich dem Leser an dieser Stelle unausweichlich die Frage: Woran erkenne ich als Laie der bildenden Kunst, ob sich der Künstler in seinem Kunstwerk nun wirklich als Künstler äußert bzw. zeigt, oder nicht?

Diese Frage würde Lessing wohl mit einem sehr kurzen und prägnanten Satz beantworten: Wenn die Schönheit die einzige Absicht des Künstlers gewesen ist.[7]

Nun wird der Kunstrezipient der Postmoderne in seiner von Relativismus geprägten Denkart heftig die Stirn runzeln und dem widersprechen, gebe es doch keine absolute und bedingungslose Vorstellung von Schönheit, sondern allenfalls eine solche, die lediglich subjektiv ist und folglich im Auge des Betrachters läge.[8]

[...]


[1] Gotthold Ephraim Lessing: Laokoon. Oder: Über die Grenzen der Malerei und Poesie. Mit beiläufigen Erläuterungen verschiedener Punkte der alten Kunstgeschichte. Stuttgart: Reclam 1994, S. 80.

[2] Gotthold Ephraim Lessing: Laokoon. Oder: Über die Grenzen der Malerei und Poesie. Mit beiläufigen Erläuterungen verschiedener Punkte der alten Kunstgeschichte. Stuttgart: Reclam 1994, S. 80.

[3] Vgl. Johann Georg Pfister: Über die Glasgefäße der Alten und den Handel damit. In: Jahresbericht des Historischen Vereins für Mittelfranken. Bd. 33 (1865), S. 38.

[4] Vgl. ebd.

[5] Gotthold Ephraim Lessing: Laokoon. Oder: Über die Grenzen der Malerei und Poesie. Mit beiläufigen Erläuterungen verschiedener Punkte der alten Kunstgeschichte. Stuttgart: Reclam 1994, S. 81.

[6] Gotthold Ephraim Lessing: Laokoon. Oder: Über die Grenzen der Malerei und Poesie. Mit beiläufigen Erläuterungen verschiedener Punkte der alten Kunstgeschichte. Stuttgart: Reclam 1994, S. 82.

[7] Vgl. Gotthold Ephraim Lessing: Laokoon. Oder: Über die Grenzen der Malerei und Poesie. Mit beiläufigen Erläuterungen verschiedener Punkte der alten Kunstgeschichte. Stuttgart: Reclam 1994, S. 82.

[8] Vgl. Giuliana Bruno: Falten der Schönheit: Film, Mode und Architektur. In: Schönheit. Vorstellungen in Kunst, Medien und Alltagskultur. Hg. von Lydia Haustein und Petra Stegmann. Göttingen: Wallstein 2006, S. 93.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Lessing und die klassische Ästhetik
Hochschule
Universität Basel  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Lessings Laokoon oder der Versuch einer diskurshistorischen Kontextualisierung
Note
1,5
Autor
Jahr
2015
Seiten
12
Katalognummer
V295654
ISBN (eBook)
9783656936299
ISBN (Buch)
9783656936305
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gotthold Ephraim Lessing, Lessing, Laokoon, Kunst, Dichtung, Lyrik, Poesie, Literatur, Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Religion, Antike Kunst, Mythos, Mythen, Malerei, Mythologie, Freiheit, Bacchus, Dionysos, Ästhetik, Causa sui, Schönheit
Arbeit zitieren
Ugur Koc (Autor), 2015, Lessing und die klassische Ästhetik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295654

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