Arbeitnehmer als Unternehmer ihrer Selbst. Die Bedeutung des Arbeitskraftunternehmers für die Erziehungswissenschaft


Bachelorarbeit, 2013

42 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. homo oeconomicus - der unternehmerische und produktive Mensch
2.1 Die Entstehung einer liberalen Regierungskunst
2.2 Der deutsche Ordoliberalismus

3. Die schleichende Ablösung des fordistischen Massenarbeitnehmers
3.1 Das unternehmerische Selbst
3.2 Der Arbeitskraftunternehmer

4. Employability
4.1 Der Verfall des „Berufs“
4.2 Frühkindliche Bildung als eine Reaktion der Pädagogik auf die Forderung nach Employability

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll zunächst ein kleiner Überblick über die Entstehung des Liberalismus, genauer gesagt des deutschen Ordoliberalismus, gegeben werden. Im Anschluss lassen sich dann die Entstehung und die Anforderungen unserer heutigen Unternehmensgesellschaft näher erläutern. In einem darauffolgenden Schritt wird die zunehmende Adressierung der Arbeitnehmer als Unternehmer ihrer Selbst hervorgehoben und anhand des soziologischen Konzepts des Arbeitskraftunternehmers von Günter Voß und Hans Pongratz näher ausgeführt. Im Zuge dieser sich wandelnden Arbeitsverhältnisse gerät unteranderem das traditionelle Konzept des Berufes in die Kritik. Die näheren Gründe für diese Kritik und das alternative Konzept Employability werden anschließend im vierten Kapitel ausführlich dargestellt. Innerhalb dieser Forderung nach Employability soll dann in einem letzten Schritt die Reaktion der Pädagogik näher analysiert werden. Interessant ist in diesem Zusammenhang die zunehmende Bedeutung der frühkindlichen Bildung. Das Bild vom Kindergarten als Bewahranstalt ist längst verblasst. Frühkindliche Einrichtungen haben mittlerweile einen konkreten Bildungs- und Förderungsauftrag. Bildungspläne und Vereinbarungen werden entworfen, Gesetze werden entsprechend geändert und Projekte der Qualitätssicherung und -entwicklung treten in Erscheinung. Die Intention dieser Arbeit besteht darin, kritisch zu überprüfen, inwieweit das Prinzip des Unternehmers unserer Selbst bereits Einfluss auf die Erziehungswissenschaft genommen hat.

2. homo oeconomicus - der unternehmerische und produktive Mensch

Auf der Grundlage des zweiten Bandes der Vorlesungsreihe Die Geburt der Biopolitik von Michel Foucault erfolgt in diesem Kapitel zunächst ein geschichtlicher Exkurs über den Wandel der Regierungskunst. Der Fokus liegt dabei auf der Entstehung des Liberalismus, genauer gesagt des deutschen Ordoliberalismus und dem sich daraus ergebenen Wandel von einer Tauschgesellschaft zu einer Gesellschaft des Unternehmens. Der homo oeconomicus als notwendige Konsequenz aus diesem Wandel zu einer Unter- nehmensgesellschaft soll mithilfe unternehmerischer und produktiver Fähig- und Tätigkeiten den Wettbewerb auf dem Wirtschaftsmarkt unterstützen und fördern.

2.1 Die Entstehung einer liberalen Regierungskunst

Die königliche Macht definierte sich im Mittelalter im Wesentlichen durch die Armee des Königs und durch das Recht mit ihren Institutionen der Rechtsprechung. Bis zu dem Beginn des 16. Jahrhunderts galten diese Formen der Machtrepräsentation und der Machtausübung als Multiplikator der königlichen Macht. Aufgrund der zunehmenden Begrenzung und Reduzierung der feudalen Mächte durch den König und der daraus resultierenden Ausdehnung der Staatsräson in Gestalt eines Polizeistaates, wurden seit dem 16. und vor allem seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts die Grundgesetze des Königreichs, wie zum Beispiel die Naturrechte oder der Vertrag, zu einem allgemeinen Angelpunkt für die Begrenzung der Staatsräson. Laut den damaligen Juristen, Foucault nennt an dieser Stelle keine konkreten Namen, waren die Grundgesetze für Jedermann und besonders auch für den König unantastbar, da diese für den Staat konstitutiv und genauso absolut gewesen sind wie die königliche Macht. Ab diesem Zeitpunkt dienten die Theorie des Rechts und die Institutionen der Rechtsprechung nicht mehr als Multiplikator der königlichen Macht, sondern als dessen Subtrahenden. Das Recht wurde somit, außerhalb der Staatsräson stehend, zu einem limitierenden Faktor für die bis dato uneingeschränkte Macht des königlichen Herrschers (vgl. Foucault 2004, S. 22-23). Zusammenfassend gesagt, handelte es sich um eine externe Begrenzung der Staatsräson. Die äußerliche Begrenzung durch das Recht waren Grenzen die von Gott gesetzt oder die in einer fernen Vergangenheit formuliert worden sind und die eine rein begrenzende, dramatische Funktion hatten. Die Regierung bzw. der König konnte also nur als illegitim ausgewiesen werden, sofern die Staatsräson diese Grenzen des Rechts überschritt (vgl. ebd. S. 25).

Mitte des 18. Jahrhunderts kam es zu einem grundlegenden Wandel in dem Verhältnis zwischen dem Recht und der Staatsräson. Laut Foucault handelte es sich hier um den Eintritt in „ein Zeitalter der kritischen gouvernementalen Vernunft“ (ebd. S. 29). Es ging nicht mehr um die Aufgabe der Regierung bzw. dem Regierenden Grenzen zu setzen, sondern vielmehr beschäftigte man sich mit deren Selbstbegrenzung. Anders gesagt, die Regierungskunst sollte nicht mehr äußerlich durch das Recht begrenzt werden, sondern dem Prinzip einer internen Begrenzung der gouvernementalen Vernunft folgen. Die gouvernementale Vernunft ließ sich also als eine neue Denkrichtung oder als eine neue Form der Vernunft verstehen, mit dessen Hilfe die Regierung in der Lage war, in Abhängigkeit von ihren Zielen und als das beste Mittel zur Zielerreichung, sich in ihrem Handeln selbst zu begrenzen. Folglich ging es ab der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht mehr primär um die Wahrung der Grundrechte, sondern man wendete sich gegen ein Übermaß von Regierungstätigkeit (vgl. ebd. S. 25-29). Nun stellt sich aber die Frage, wie es zu dieser neuen Vernunft kam und was die Selbstbegrenzung der gouvernementalen Vernunft ermöglichen konnte. Die Antwort auf diese Frage lautet: die politische Ökonomie. Sie „ist eine Art von allgemeiner Reflexion auf die Organisation, die Verteilung und die Begrenzung der Macht in der Gesellschaft.“ (ebd. S. 30). Im Gegensatz zum Recht des 16. und 17. Jahrhunderts hatte sich die politische Ökonomie nicht außerhalb der Staatsräson entwickelt, sondern im selben Rahmen der Ziele in der die Staatsräson angesiedelt war. Sowohl die politische Ökonomie als auch die Staatsräson hatten letztendlich das gemeinsame Ziel den Staat zu bereichern (vgl. ebd. S. 30-31). Des Weiteren stellte sich die politische Ökonomie nicht als externe Kritik gegenüber der Staatsräson dar, sondern sie reflektierte die Regierungspraktiken im Hinblick auf ihre Wirkungen. Anstatt also diese Praktiken auf ihr Recht zu prüfen, um ihre Legitimität festzustellen, interessierte sich die politische Ökonomie für die Auswirkungen der jeweiligen Regierungspraktiken und deren möglichen negativen Folgen. Foucault nennt diese Untersuchung der möglichen Auswirkungen auch die Frage nach der Wahrheit. Diesen möglichen Folgen kann natürlich durch bestimmte Formen der Steuerung und durch bestimmte Regierungshandlungen entgegengewirkt werden, allerdings wird die Regierung nie in der Lage sein, diese völlig und endgültig aufzuheben (vgl. ebd. S. 31-33). „Mit anderen Worten, die politische Ökonomie entdeckt […] eine bestimmte Natürlichkeit, die der Regierungspraxis selbst eigentümlich ist.“ (ebd. S. 33) Alle Handlungen, wie zum Beispiel die Erhöhung der Steuern, haben eine natürliche Konsequenz und solange die Regierung diese Konsequenzen ignoriert oder nicht berücksichtigt, wird das negative Auswirkungen für sie haben. Das neue Kriterium des Regierungshandelns war nun Erfolg oder Misserfolg und nicht mehr Legitimität oder Illegitimität (vgl. ebd. S. 34). Indem also die Regierung durch das Prinzip der Wahrheit über die Auswirkungen ihres Handelns informiert wurde, musste sie ein gesundes Gleichgewicht zwischen dem Zu-viel- und dem Zuwenig-Regieren finden. Daher resultierte also schlussendlich der Gedanke der Selbstbegrenzung.

Die politische Ökonomie informierte nicht in Form der Theorie die Regierung über mögliche Auswirkungen ihres Handelns, sondern der Ort, an dem sich das Prinzip der Wahrheit manifestierte, war der Markt. Damit dieser Markt aber unverfälscht die Wahrheit über die Regierungspraxis formulieren konnte, musste dieser sich weitestgehend selbst überlassen werden (vgl. ebd. S. 54). Das heißt, der bisherige, durch starke Interventionen und Reglementierungen belegte Markt des 16. und 17 Jahrhunderts, zum Beispiel bezüglich der Produkte, die auf dem Markt verkauft werden durften, die Art der Herstellung der Produkte oder die festgesetzten Preise, wandelte sich zu einem Ort des freien Tauschgeschäftes und der Veridiktion in dem das Eingreifen und Reglementieren der Regierung nicht mehr von Nöten war. Einerseits bestimmten nun Nachfrage und Angebot die Marktpreise und andererseits spiegelte der Markt die richtigen oder falschen Regierungshandlungen wider (vgl. ebd. S 53-56). Zu Beginn des 16. Jahrhunderts und besonders in der Mitte des 18. Jahrhunderts ließen sich dementsprechend erste Anzeichen einer liberalen Regierungskunst erkennen, besonders auf der wirtschaftlichen Ebene. Die Freiheit des Marktes bedeutete aber nicht ein Verschwinden des öffentlichen Rechts. Trotz einer inneren Selbstbegrenzung der Regierung durch die gouvernementale Vernunft musste es weiterhin eine äußere Begrenzung der öffentlichen Macht durch das Recht geben. Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es zwei wesentliche Formen der Begrenzung des Regierungshandelns, die jeweils eine unterschiedliche, aber nicht unbedingt sich gegenseitig ausschließende Auffassung von Freiheit hatten. Die eine Form nennt Foucault den „juridisch-deduktiven Weg“ (ebd. S. 65.), der sich auf die Festlegung der natürlichen Menschenrechte beruft, in diesem Sinne also vergleichbar mit der traditionellen Durchsetzung der Naturrechte im 17. Jahrhundert, und die andere Form der Begrenzung nennt er den „englischen Radikalismus“ (ebd. S. 67), der jegliche Intervention der Regierung nach ihrer Nützlichkeit befragt (vgl. ebd. S. 65-70). In dem also durch die Analyse der Regierungspraxis nach faktischen Grenzen für die Gouvernementalität gesucht wurde, gründete sich diese zweite Form der Begrenzung auf die neue Ökonomie der gouvernementalen Vernunft (vgl. ebd. S. 66 u. 68). Im Laufe der Jahre, genauer gesagt mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts, hatte sich letztendlich der Ansatz des englischen Radikalismus durchgesetzt, bei dem es nicht mehr nur um die Nützlichkeit als Kriterium für die Ausarbeitung von Grenzen für die öffentliche Macht ging, sondern auch um die Bildung eines öffentlichen Rechts und eines Verwaltungsrechts (vgl. ebd. S. 72).

Nach dem zweiten Weltkrieg stand Deutschland als ein Staat dar, der die Grundfreiheiten, die Rechte der Bürger verletzt und seine Souveränität auf nicht legitime Weise ausgeübt hatte. Der geteilte und besetzte deutsche Staat hatte zunächst nicht mehr das Recht weder die Vertretung des Volkes zu übernehmen, noch historische Rechte und juridische Legitimität einzufordern (vgl. ebd. S. 120-121). Am 28.04.1948 hielt jedoch der zukünftige Bundeskanzler Ludwig Erhard in Frankfurt eine Rede, in der er die schrittweise Freigabe der Preise der Marktwirtschaft forderte. Das Resultat der Rede war am 24.06.1948 die Freigabe der Industriepreise, der Lebensmittelpreise, 1952 die langsame Freigabe der Kohle- und Elektrizitätspreise und schließlich 1953 die Freigabe des Warenaustauschs für den Außenhandel (vgl. ebd. S. 119 u. 128). Das Problem Deutschlands bestand von nun an nicht mehr, so wie es im klassischen Liberalismus ab dem 18. Jahrhundert der Fall war, in der Begrenzung des Staates um einen Raum für genügend wirtschaftliche Freiheit zu schaffen, sondern in genau dem gegenteiligen Problem. Mithilfe der neu gewonnenen wirtschaftlichen Freiheit mussten die Deutschen versuchen, den deutschen Staat wieder zu legitimieren (vgl. ebd. S.127). Der Liberalismus in seiner traditionellen Form mit der Idee der Freiheit des Marktes, die durch den Staat definiert und unter staatlicher Aufsicht vollzogen wird, war nicht mehr tragbar und wurde durch den gegenwärtigen Neoliberalismus bzw. in seiner deutschen Form des Ordoliberalismus abgelöst. Die Vertreter des Ordoliberalismus erkannten, dass man die Formel des klassischen Liberalismus umdrehen und „die Freiheit des Marktes als Organisations- und Regulationsprinzip einrichten“ (ebd. S. 168) musste. Der Staat sollte nun unter der Aufsicht des Marktes handeln und nicht umgekehrt. Nur so war man in der Lage den Staat zu legitimieren und die Angst, vor allem die der Wirtschaftspartner, vor der Entstehung eines erneuten totalitären deutschen Staates zu mindern (vgl. ebd. S. 168). Tatsächlich hatten es die Ordoliberalen durch eine „Anzahl von Verschiebungen, Veränderungen und Umkehrungen mit der traditionellen liberalen Lehre“ (ebd. S. 170) geschafft, dass die Marktwirtschaft den Staat und die Gesellschaft organisierte und regulierte.

2.2 Der deutsche Ordoliberalismus

Die erste Veränderung betrifft das Wesen des Marktes. Die Ordoliberalen vertreten die Theorie, dass das Wesen des Marktes nicht im Tausch besteht, sondern das Prinzip des Wettbewerbs den Markt organisiert. Kam es im 18. Jahrhundert noch beim Tausch auf die Äquivalenz zwischen zwei Werten an, soll nun die Ungleichheit der Produkte den Marktpreis und den Wettbewerb bestimmen. Des Weiteren verabschieden die Ordo- liberalen das Prinzip des Laissez-faire. Wie bereits schon erwähnt, galt bis zum 20. Jahrhundert die Theorie, dass der Staat vom Markt Abstand nehmen sollte, um einen möglichst natürlichen, freien und vollständigen Tausch oder Wettbewerb ermöglichen zu können. An dieser Stelle brechen die Ordoliberalen diese Tradition und werfen dem traditionellen Liberalismus eine „naturalistische Naivität“ (ebd. S. 172) vor. Der Wettbewerb ist, laut den Vertretern des Ordoliberalismus, keineswegs ein natürliches Phänomen. Nur unter einer Reihe von künstlich und sorgfältig erzeugten Bedingungen, kann der Wettbewerb funktionieren. „Der reine Wettbewerb soll und kann nur ein Ziel sein, ein Ziel, das folglich eine äußerst aktive Politik verlangt.“ (ebd. S. 173). Die Regierung soll also nicht Abstand vom Markt nehmen und falls nötig, hin und wieder an bestimmten Stellen intervenieren, sondern als aktivistischer und aktivierender Staat den Markt permanent wachsam begleiten und unterstützen (vgl. ebd. S. 171-174).

Zur Erfüllung dieser neuen Aufgabe des Staates, bedarf es neue Formen der Regierungsinterventionen. Genau genommen handelt es sich um zwei Arten der indirekten Intervention, die regulierenden und die anordnenden Handlungen. Das Hauptziel der regulierenden Handlungen ist die Preisstabilität als Inflationskontrolle mithilfe der Schaffung eines Diskontsatzes. Das heißt, die Banken verschaffen sich genügend Liquidität um Kredite mit guten Zinssätzen an die Unternehmen vergeben zu können, wodurch die Firmen weitere Investitionen tätigen, um längerfristig die Preisstabilität der Produkte garantieren zu können (vgl. ebd. S. 197-198). Die anordnenden Handlungen haben die Funktion, die grundlegenden, strukturalen und allgemeinen Bedingungen des Marktes zu beeinflussen und zu optimieren. Allgemeiner formuliert geht es im Wesentlichen um Regierungsinterventionen, die auf der Ebene der gesellschaftlichen Gegebenheiten die Existenzbedingungen des Marktes positiv beeinflussen sollen. Um also beispielsweise die Landwirtschaft positiv zu beeinflussen, erfolgt indirekt die Veränderung materieller, kultureller, technischer und rechtlicher Grundlagen. Durch die Erforschung besserer Düngemittel oder technischer Werkzeuge erfolgt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine bessere und schnellere Ernte, wodurch der Landwirt in der Lage ist, seine Gesamtproduktion zu steigern. Diese Steigerung der Produktion würde sich wiederum positiv auf die gesamte Marktwirtschaft bzw. auf den Wettbewerb auswirken (vgl. ebd. S. 198-201). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Regierung nun nicht direkt auf der wirtschaftlichen Ebene den Markt beeinflusst sondern durch Interventionen auf der gesellschaftlichen Ebene die Wettbewerbsmechanismen reguliert, um im Umkehrschluss die Existenz des gesamten Marktes zu sichern (vgl. ebd. S. 206-207).

Die Regelung des Marktes gilt also als regulatives Prinzip der Gesellschaft, wobei das regulative Prinzip nicht ausschließlich im Austausch von Waren bestehen soll, sondern in den Mechanismen des Wettbewerbs. Die Ordoliberalen versuchen nicht eine Tausch- oder Handelsgesellschaft wiederherzustellen, sondern eine Unternehmensgesellschaft zu bilden, innerhalb dessen sich der homo oeconomicus, der unternehmerische und produktive Mensch, entwickeln soll (vgl. ebd. S. 208). Aus diesem Ziel der gegenwärtigen Regierungspolitik ergeben sich zwei wesentliche Konsequenzen. Zunächst gilt es, ein soziales Gebilde innerhalb der Gesellschaft zu konstruieren, das die strukturellen Formen eines Unternehmens aufweist. Im Klartext bedeutet das, die Gesellschaft und die gesamte Art und Weise der Lebensführung der einzelnen Individuen nach dem Modell des Unternehmens auszurichten (vgl. ebd. S. 210-211 u. 226). Die zweite Konsequenz, die aus dieser liberalen Regierungskunst hervorgeht und sich aus der ersten Konsequenz ergibt, sind „Veränderungen im Gesetzsystem und [innerhalb] der Institution des Rechts“ (ebd. S. 212). Je mehr die Zahl der Unternehmen in der Gesellschaft steigt und die Regierung diesen Unternehmen den benötigten Freiraum lässt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Konflikten zwischen den Unternehmen kommt. Daher wird sich auf Dauer die Notwendigkeit einer juristischen Schlichtung dieser Konflikte erhöhen und sich eine Vielzahl von Institutionen der Rechtsprechung bilden, die den rechtlichen Rahmen der gegenwärtigen Unternehmensgesellschaft bilden (vgl. ebd. S. 212).

3. Die schleichende Ablösung des fordistischen Massenarbeitnehmers

Wir bereits im letzten Abschnitt erwähnt, versuchten die Ordoliberalen eine Unternehmensgesellschaft zu gründen, innerhalb dessen sich eine neue Art von Arbeitskraft entwickeln sollte, der homo oeconomicus. In diesem Kapitel soll nun in einem ersten Schritt untersucht werden, inwieweit gegenwärtige Regierungs- und Selbstregierungspraktiken dazu beitragen, unternehmerische und produktive Menschen zu produzieren bzw. die Individuen als solche zu adressieren. Im zweiten Teil geht es um einen neuen Typus von Arbeitskraft, die die Soziologen G. Günter Voß und Hans J. Pongratz entworfen haben, der in naher Zukunft den fordistischen Massenarbeitnehmer ablösen könnte.

3.1 Das unternehmerische Selbst

Das unternehmerische Selbst ist nicht direkt eine typisierte Form von Arbeitskraft, sondern es lässt sich vielmehr als ein Subjektivierungsmodell beschreiben, in dem ein normatives Menschenbild, eine Vielzahl von Kontroll- und Regulationsmechanismen, sowie Praktiken der Selbststeuerung, sich innerhalb unserer Gesellschaft verdichten. „Ein unternehmerisches Selbst ist man nicht, man soll es werden.“ (Bröckling 2007, S. 47). Dieses Subjektivierungsmodell beschreibt also die Art und Weise, wie die Individuen beeinflusst werden und sich selbst beeinflussen, um dem Leitbild des Unternehmers zu entsprechen.

Der Topos des unternehmerischen Selbst tauchte in Deutschland erstmals, laut Bröckling, 1984 im Zusammenhang mit einer Analyse über die subjektiven Bewältigungsstrategien von Massenarbeitslosigkeit auf. Wolfgang Bonß, Heiner Keupp und Elmar Koenen stellten fest, dass „berufliche Tüchtigkeit, praktischer Verstand, Lebensklugheit und die Mobilisierung der durchschnittlichen (klein)bürgerlichen, ökonomischen und sozialen Ressourcen zusammengenommen nicht unbedingt und in jedem Fall einen Arbeitsplatz […] erreichbar machen“ (ebd. S. 55). Um aber dennoch eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben, sind die drei Soziologen der Meinung, dass der Arbeitnehmer sich zum „Unternehmer seiner eigenen Arbeitskraft“ (ebd. S. 55) machen muss. Dieser Arbeitnehmer als sein eigener Unternehmer würde nun neben seiner reinen Arbeitskraft weitere differenzierte Kompetenzen, wie zum Beispiel Kenntnisse in der Text- und Datenverarbeitung, Beherrschung von verschiedenen Fremdsprachen oder soziale Fähigkeiten, aufweisen. Die Angst vor einer drohenden Arbeitslosigkeit kann als aktivierendes und motivierendes Potenzial genutzt werden, um sich als handlungsmächtiges Subjekt zu entfalten, statt sich den Kräften des Marktes wehrlos auszuliefern (vgl. ebd. S. 56). Colin Gordon schrieb einleitend in dem Reader The Foucault Effect von 1991, dass das Leben des Unternehmer seiner selbst im wesentlichen darin besteht, „Vorkehrungen für den Erhalt, die Reproduktion und die Sanierung des eigenen Humankapitals zu treffen“ (Gordon 1991, S. 44), sodass das unternehmerische Selbst durch permanentes Regierungshandeln geschaffen und aktiviert werden muss. Die unternehmerischen Fähigkeiten und Kräfte der Individuen müssen dauerhaft gefördert und geformt werden (vgl. Bröckling 2007, S. 60). Nikolas Rose stellte des Weiteren fest, dass im Kontext des unternehmerischen Selbst, ökonomischer Erfolg und Selbstverwirklichung keinen Widerspruch bilden, sondern sich gegenseitig bedingen und verstärken. Das heißt, nicht mithilfe der Strategien des Überwachens und Strafens, sondern durch Aktivierung der Selbststeuerungspotenziale sollen die Individuen einerseits ihr Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein sowie ihre Gesundheit und andererseits auch ihre Arbeitsleistung und ihren Wohlstand maximieren (vgl. ebd. S. 61). Selbst die Kommission für Zukunftsfragen Bayern-Sachsen hat bereits 1997 in ihrem Abschlussbericht geschrieben, dass „[d]as Leitbild der Zukunft [..] das Individuum als Unternehmer seiner Arbeitskraft und Daseinsvorsorge“ (Kommission für Zukunftsfragen BayernSachsen 1997, S. 36) ist. Im Weiteren heißt es, dass das Unternehmerische in der Gesellschaft sich stärker entfalten muss und die Gesellschaft auf Menschen angewiesen ist, die selbst Verantwortung übernehmen und sowohl schöpferisch als auch unternehmerisch handeln können. Ganz im Sinne des Ordoliberalismus soll der Staat bei diesem Übergang Hilfestellung leisten und die Politik muss die Gesellschaft wieder werteorientiert und unter geordneten Rahmenbedingungen steuern. Neben der Politik sollen auch die Wissenschaft und die Medien dazu beitragen, dass der Wille der Bevölkerung, unternehmerisch zu handeln, gefördert und gestärkt wird (vgl. Bröckling 2007, S. 8). Verantwortlich für den wesentlichen Anstoß und für die Verbreitung des Unternehmerseiner-selbst-Diskurs waren weniger wissenschaftliche Publikationen, sozialwissenschaftliche Analysen oder Regierungserklärungen, sondern die Managementliteratur. Tom Peters´ und Robert H. Watermans veröffentlichten 1982 das Buch In Search of Excellence, was mittlerweile mit mehr als fünf Millionen verkauften Exemplaren zu den weltweit meistverkauften Managementbüchern gehört. Die Autoren beschwören in ihrem Buch einen Unternehmer im Unternehmen, der durch eine simulierte, autonome Position seinen Unternehmergeist entfalten und zum selbstständigen Handeln motiviert werden soll. Die Lockerung betrieblicher Hierarchien und die scheinbar neu gewonnenen Freiräume dienen aber nur als Deckmantel für eine kontrollierte Autonomie und stehen ganz im Dienste des Unternehmenserfolgs (vgl. ebd. S. 62-63). Neben Tom Peters und Robert H. Watermans prophezeite auch Gifford Pinchots in seinem Buch Intrapreneuring im Jahr 1985 Methoden, die den Unternehmergeist der Mitarbeiter stärken sollten. Der innerbetriebliche Unternehmer zeichnet sich bei Pinchots durch seine hohe Risikobereitschaft und Innovationsdrang aus. Angeblich sei bei ihm das Streben, sein persönliches Leistungsbedürfnis zu befriedigen, größer als materiellen Gewinn zu erzielen. Beide Bücher kennzeichnen den Wechsel vom Leitbild des organisierten Arbeiters zum unternehmerischen Selbst. Allerdings beziehen sich die Autoren mit ihren Empfehlungen auf das Anforderungsprofil für Mitarbeiter in leitenden Funktionen und noch nicht auf die allgemeinen Bürgerinnen und Bürger in unserer Gesellschaft (vgl. ebd. S. 64-65). Die Ratgeberliteratur der 90er Jahre radikalisiert dann schließlich dieses Programm des Unternehmers im Unternehmen und propagiert den Lebensunternehmer. Das heißt, jeder soll sich für sein Leben genauso verantwortlich fühlen, wie für ein Unternehmen. Der Autor des Ich & Co. - Ratgebers William Bridges entwirft vier Fragen, die sich jeder stellen soll:

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Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Arbeitnehmer als Unternehmer ihrer Selbst. Die Bedeutung des Arbeitskraftunternehmers für die Erziehungswissenschaft
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
42
Katalognummer
V295664
ISBN (eBook)
9783656942177
ISBN (Buch)
9783656942184
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeitskraftunternehmer, Erziehungswissenschaft, Regierung, Steuerung, Ware, Arbeitskraft, homo oeconomicus, Beruf, frühkindliche Bildung, Employability
Arbeit zitieren
Felix Frohnhoff (Autor:in), 2013, Arbeitnehmer als Unternehmer ihrer Selbst. Die Bedeutung des Arbeitskraftunternehmers für die Erziehungswissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295664

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