Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts und ihre Wirkung auf die deutsche Sprache


Hausarbeit, 2014

13 Seiten, Note: 13 Punkte


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Was ist eine Sprachgesellschaft

Historischer und kultureller Kontext

Die fruchtbringende Gesellschaft
Entstehung
Reglements
Mitglieder und Verlauf des Bestehens
Satzung und Ziele der Fruchtbringenden Gesellschaft

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Hält man heute ein Deutsches Wörterbuch, eine Grammatik oder eine Übersetzungen in Händen, stellt sich unweigerlich die Frage, wo dieses Wissen seinen Ursprung genommen hat und wer die Wegbereiter für unseren heutigen Sprachgebrauch und die kodifizierte Schriftsprache waren.

Eine tragende Rolle kommt dabei den Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts zu, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die, in Ansehen und Ursprünglichkeit beeinträchtigte deutsche Sprache, wieder zu reinigen, diese zu erhalten und vor allem gegenüber anderen Volkssprachen zu etablieren. Dabei gilt es der „Fruchtbringenden Gesellschaft“, welche gesellschaftlich und im Hinblick auf das bedeutende Wirken Ihrer Mitglieder, besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

So schrieb Georg Neumark, dass die Muttersprache "Uns ganz rein in der ersten Milch / gleichsam eingeträufelt/ nachmals aber durch fremdes Wortgepräg/ wässerig und versalzen worden". Somit war es Aufgabe der Sprachgesellschaften, die deutsche Sprache wieder ihrer ursprünglichen „und angebohren Teutschen Reinlichkeit" zurückzugeben und sie „von fremd-drückenden Sprachjochen" zu befreien.[1]

Im Verlauf dieser Arbeit soll das Streben der Sprachgesellschaften im Allgemeinen und das Wirken der Fruchtbringenden Gesellschaft im Besonderen dargestellt und ihr historischer und kultureller Kontext näher beleuchtet werden.

Was ist eine Sprachgesellschaft

Unter dem Begriff Sprachgesellschaft versteht man im Allgemeinen, Vereinigungen oder Sozietäten, bei denen die Sprache im Fokus aller Aktivitäten steht. Das Primärziel dieser Sprachgesellschaften ist die „Sprachpflege“ und die „Spracharbeit“, die sich sowohl mit Sprachstruktur und Sprachkritik als auch mit dem Anwenden von Sprache befasst. Die wichtigste Hypothese ist dabei, das Sprache neben ihrer kommunikativen Funktion und dem Bilden eines lexikalisch-grammatischen Systems, immer auch kulturelle, politische und gesellschaftliche Funktion hat und nicht losgelöst von eben diesen betrachtet werden soll. Der Begriff der Sprachgesellschaft entstand im 19. Jahrhundert und bezeichnet ausschließlich die entstanden Sozietäten des 17. Jahrhunderts.[2]

Im Fokus der Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts standen sowohl die Aufwertung und Kodifizierung der deutschen Volkssprache als auch die Kultivierung und „Reinigung“ von ausländischen Einflüssen. Bei diesen Bestrebungen spielte auch der Patriotismus keine unerhebliche Rolle, da der deutschen Sprache dieselbe Achtung verschafft werden sollte wie den anderen Volkssprachen auch und man die alten deutschen Tugenden aufrechterhalten bzw. wiederherstellen wollte[3].

Um diese Ziele und die Entstehung der Sprachgesellschaften nachvollziehbar und transparent machen zu können, ist es unabdingbar sich mit den damaligen historischen Gegebenheiten zu befassen und diese näher in Augenschein zu nehmen. Daher soll im Folgenden ein grober Rahmen der politischen Ereignisse geschaffen werden, um die Anliegen der Sprachgesellschaften als eine Reaktion bezüglicher dieser Faktoren zu erkennen.

Historischer und kultureller Kontext

Ausschlaggebend für die politische Situation Deutschlands im 17. Jahrhundert war die Reformation Dr. Martin Luthers. Seine reformatorischen Gedanken lösten nämlich gleichzeitig auch eine Gegenbewegung aus, die zu einer konfessionelle Spaltung Europas führte. Während Spanien, Italien, Ungarn, Polen und zuletzt auch Frankreich im Zuge der Gegenreformation wieder zum Katholizismus kamen, so setzte sich in England, der Schweiz und den Niederlanden die Reformation durch und es kam recht zügig wieder zu einem ausgeglichenen Machtverhältnis.

Nicht jedoch in Deutschland. Hier standen sich Reformation und Gegenreformation unverrückbar gegenüber und es fanden über Jahrzehnte Machtkämpfe statt, die 1618 schließlich im Dreißigjährigen Krieg mündeten. Unterdessen sich andere europäische Staaten weiterentwickelten, blieb Deutschland in Kleinstaaterei zurück und wurde sowohl politisch als auch geistig zurückgeworfen.[4] Diese Situation ist nicht zuletzt der Führung des Kriegs mit meist nichteinheimischen Söldnern geschuldet, die weder großes konfessionelles noch patriotisches Interesse hatten und sich außerdem nach und nach Spanier, Schweden, Holländer und Franzosen in den deutschen Bürgerkrieg einmischten und sich somit hauptsächlich fremdsprachige militärische Mächte auf deutschem Boden befanden. Auch der enorme Bevölkerungsverlust und die damit verbundene Wiederherstellung der Bevölkerungszahl erfolgten nicht aus eigener Kraft sondern vor allem durch Zuwanderung. Dies waren maßgebliche Faktoren für die sprachliche Struktur des Landes[5] und machten die Ausbildung einer einheitlichen Hochsprache undenkbar.

Das Heilige Römische Deutscher Nationen hatte zudem immens an Macht und Ansehen eingebüßt und die deutschen Territorien waren für fast anderthalb Jahrtausende weitgehend auf sich selbst und ihrer zum Teil provinziellen Rückständigkeit überlassen und der kulturellen Vorrangstellung und dem Vorbild Frankreichs ausgeliefert.[6]

Infolgedessen wandte sich die deutsche Oberschicht der französischen Sprachkultur zu und es wurde weiterhin am lateinischen als Institutions- und Wissenschaftssprache festgehalten. Diese Zuwendung führte zur sogenannten „Alamodesprache“[7] und brachte eine starke sprachliche Überfremdung und Durchsetzung des Deutschen mit vielen Fremdwörtern in allen Gesellschaftsschichten mit sich. Auch das Lateinische herrschte im 17. Jahrhundert sowohl unter den Gelehrten, den Kanzleien und in den Verwaltungen fast unangefochten[8]. Bedingt durch diese Gegebenheiten war die deutsche Sprachkultur im allgemeinen von einer komplementären Dreisprachigkeit, nämlich Deutsch, Latein und Französisch gekennzeichnet[9] mit der auch die nationale Identität schwand und die deutsche Sprache enorm an Geltung einbüßte.

Das Ausmaß dieser Mehrsprachigkeit- und Sprachmischungstendenz hatte seit dem frühen 17. Jahrhundert eine aristokratisch-bildungsbürgerliche Bewegung für die gezielte Kultivierung der deutschen Sprache zu Folge[10] und es entstand ein Bewusstsein für die Erfordernis einer Sprachform und deren Kodifizierung von nationaler Geltung, mit dem Ziel, der deutschen Sprache die Akzeptanz einer Standardsprache zu sichern.[11]

Die fruchtbringende Gesellschaft

Entstehung

Die wohl bedeutendste deutsche Sprachgesellschaft des 17. Jahrhunderts ist die Fruchtbringende Gesellschaft, welche am 24. August 1617 ins Leben gerufen wurde.

Auf Grund des Begräbnisses von Herzogin Dorothea Maria zu Sachsen-Weimar, die bei einem Reitunfall ums Leben gekommen war, kamen am an eben diesem 24. August ihr Bruder Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen mit Verwandten, befreundeten Fürsten und einigen hohen Hofbeamten, in der Weimarer Residenz, Schloss Hornstein, zusammen[12]. Im Verlauf des Trauermahls kam das Gespräch über bereits bestehende ausländische Akademien, die sich „zu erhaltung guten vertauens/ erbauung wolanständiger Sitten/ als auch nützlicher ausübung iedes Volckes Landes-sprachen“[13] zusammen gefunden hatten, auf und man verglich die deutsche Sprache mit anderen Sprachen. Man überlegt „ wie eine sothane Geselschaft zu erwecken und anzustellen/ darinnen man in gut rein deütsch reden/ schreiben/ auch anders/ so bey dergleichen zusammensetzung und erhebung der Muttersprache/ ( darzu ieder von Natur verpflichtet) gebrauchlich und dienlich/ vornehmen möchte“[14] und damit war die Fruchtbringende Gesellschaft gegründet.

Über die an der Gründung teilnehmenden Personen besteht trotzdem Unsicherheit. Sicher ist, dass die drei Brüder Johann Ernst der Jüngere Herzog zu Sachsen-Weimar, Friedrich Herzog zu Sachsen-Weimar und Wilhelm Herzog zu Sachsen-Weimar, sowie Kaspar von Teutleben und Christoph von Krosigk anwesend waren. Desweiteren nahmen wahrscheinlich Johann-Casimir Fürst zu Anhalt, Ludwig, Fürst zu Anhalt und Friedrich von Kospoth an der Gründung teil, um nur einige zu nennen.[15]

Die Anfänge der Sprachgesellschaften lagen, wie oben bereits erwähnt, in den ausländischen Akademien und waren besonders in Italien verankert. Dort gab es in den bedeutendsten Städten bereits im 15. Jahrhundert Gesellschaften dieser Art und die Aufgabe der Mitglieder bestand darin, den Gebrauch der Volkssprache auch für die Wissenschaft und Literatur zugänglich zu machen und weiterzuentwickeln. Die bedeutendste italienische Sprachgesellschaft ist die „Accademia della Crusca“, welche 1582 in Florenz gegründet wurde und bereits Anfang des 17. Jahrhunderts das berühmte Wörterbuch „Vocabulario degli Accademia della Crusca) veröffentlichte.[16] Diese diente auch als direktes Vorbild für die Entstehung der Fruchtbringende Gesellschaft, da der Gründervater, Fürst Ludwig von Anhalt-Köthen, am 21. August 1600 selbst zum Mitglied der Accademia ernannt wurde[17].

[...]


[1] Vgl. Neumark, G. (1668). Der neu-sprossende teutsche Palmenbaum - Die Fruchtbringende Gesellschaft. Weimar,1668. Nachdruck. München 1979 S. 85

[2] Vgl. Gardt,A. (1998). Die Sprachgesellschaften des 17. und 18. Jahrhunderts. In: Sprachgeschichte.Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 1. Teilband. Hg. Werner Besch u.a.. Berlin/New York 2. S. 332

[3] Vgl. Vogel, K.F.O. (1972). Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts. Stuttgart, J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH, S. 9 f

[4] Vgl. Engels, H. (1983). Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts. Gießen, Wilhelm Schmitz Verlag, S. 1 f

[5] Vgl. ebd. S. 4 f

[6] Vgl. Polenz, P. (1994) Deutsche Sprachgeschichte. Vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Band II: 17. und 18. Jahrhundert, Berlin/New York S. 4

[7] Vgl. Engels (1983) S.158

[8] Vgl. ebd. S. 156

[9] Vgl. Polenz, P. (1994) S. 63

[10] Vgl. ebd. S. 107

[11] Vgl. Schmidt W. (2004) Geschichte der deutschen Sprache. Stuttgart, S. Hirzel Verlag S 121

[12] Vgl. Engels (1983) S. 95

[13] Vgl. Vogel, K.F.O. (1972). S. 15

[14] Vgl. ebd

[15] Vgl. ebd

[16] Vgl. Vogel, K.F.O. (1972). S. 7

[17] Vgl. Engels (1983) S. 96

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts und ihre Wirkung auf die deutsche Sprache
Hochschule
Universität Kassel
Note
13 Punkte
Autor
Jahr
2014
Seiten
13
Katalognummer
V295707
ISBN (eBook)
9783656936787
ISBN (Buch)
9783656936794
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprachgesellschaften, jahrhunderts, wirkung, sprache
Arbeit zitieren
Anna Oberkircher (Autor), 2014, Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts und ihre Wirkung auf die deutsche Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295707

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