Konzepte der neueren Säuglingsforschung und ihre Bedeutung für die Psychomotorische Therapie - eine Literaturstudie


Diplomarbeit, 2001

155 Seiten, Note: 1


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. Gegenwärtige THEORIEN DER ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGIE
2.1 Der Säugling in der psychologischen Forschung
2.2 Die Untersuchungsmethoden der neueren Säuglingsforschung
2.3 Methodenkritik
2.4 Zusammenfassung

3. DIE PRÄNATALE ENTWICKLUNG
3.1 Die frühe embryologische Entwicklung des Menschen nach Erich BLECHSCHMIDT
3.2 Die pränatale Entwicklung der Sinne
3.2.1 Die pränatale Entwicklung des zentralen Nervensystems
3.2.2 Die Augen
3.2.3 Die Ohren
3.2.4 Der Geruch
3.2.5 Der Geschmack
3.2.6 Die Haut
3.3 Die pränatale Entwicklung der Motorik
3.4 Die pränatale Mutter-Kind-Beziehung
3.5 Praktische Folgerungen für die Betreuung von Schwangeren
3.6 Zusammenfassung

4. Die Geburt
4.1 Die Bedeutung der prä- und perinatalen Risiken für die psychologische Entwicklung
4.2 Zusammenfassung

5. DIE POSTNATALE ENTWICKLUNG
5.1 Das Neugeborenenverhalten
5.1.1 Das Saugen und seine psychologische Bedeutung
5.1.2 Das Nachahmungsverhalten von Neugeborenen
5.1.3 Die Ablösung des Neugeborenenverhaltens
5.2 Die Entwicklung der Sinne
5.2.1 Das visuelle System
5.2.2 Das auditive System
5.2.3 Das vestibuläre System
5.2.4 Das olfaktorische und gustatorische System
5.2.4.1 Der Geruchssinn
5.2.4.2 Der Geschmackssinn
5.2.5 Das taktile System
5.2.6 Das kinästhetische System
5.3 Zur Integration der Sinneswahrnehmungen
5.4 Die statomotorische Entwicklung
5.4.1 Frühkindliche Reaktionen und Reflexe
5.4.1.1 Orale Reflexe
5.4.1.2 Die Körperreflexe
5.4.2 Kindliche Aktionen in Haltung, Bewegung und Gleichgewicht
5.4.2.1 Stellreaktionen
5.4.2.2 Bewegungsreaktionen
5.4.2.3 Gleichgewichtsreaktionen
5.5 Motorische Veränderungen im Säuglingsalter
5.5.1 Das Greifen
5.5.2 Die Auge-Hand-Koordination
5.5.3 Das Krabbeln
5.5.4 Das Laufen
5.6 Der Zusammenhang von Wahrnehmung und Bewegung
5.7 Die Bindungstheorie
5.7.1 Grundannahmen der Bindungstheorie
5.7.2 Repräsentationen von Bindungsmustern und ihre Bedeutung
5.8 Zusammenfassung

6. PERSPEKTIVEN DER ENTWICKLUNGSFORSCHUNG
6.1 Die Entwicklung des Selbstempfindens als organisierendes Prinzip der Entwicklung
6.2 Die vier Selbstempfindungen nach Daniel STERN
6.2.1 Das auftauchende Selbst
6.2.1.1 Amodale Wahrnehmung
6.2.1.2 Physiognomische Wahrnehmung
6.2.1.3 Vitalitätsaffekte
6.2.2 Das Empfinden eines Kern-Selbst
6.2.2.1 Urheberschaft des eigenen Handelns
6.2.2.2 Selbst-Kohärenz
6.2.2.3 Selbst-Affektivität
6.2.2.4 Selbst-Geschichtlichkeit
6.2.3 Das subjektive Selbst
6.2.3.1 Affektabstimmung
6.2.4 Das verbale Selbst
6.3 Zusammenfassung

7. Psychomotorische Therapie - Definition, ZiELE UND Inhalte
7.1 Entwicklungsüberprüfung und -beobachtung
7.1.1 Entwicklungsfrühdiagnostik
7.2 Sensomotorische und psychomotorische Fehlanpassungen
7.3 Konzeptionelle Ansätze in der Psychomotorik
7.3.1 Die Psychomotorische Übungsbehandlung nach Ernst KIPHARD
7.3.2 Die sensorische Integrationsbehandlung nach Jean AYRES
7.3.3 Der Systemisch-konstruktivistische Ansatz der Psychomotorik
7.3.4 Die kindzentrierte psychomotorische Entwicklungsförderung
7.4 Konsequenzen für die Praxis der Psychomotorik
7.4.1 Selbstkonzept und Identität – Schlüsselbegriffe psychomotorischer Förderung
7.4.2 Die Bedeutung der neueren Entwicklungspsychologie für die Psychomotorik
7.4.3 Säuglingsschwimmen – ein Beispiel der psychomotorischen Förderung
7.5 Zusammenfassung

8. DISKUSSION UND AUSBLICK - DIE BEDEUTUNG DER SELBSTENTWICKLUNG IN DER LEBENSSPANNE

9. Literatur

10. ANHANG
10.1 Glossar
10.2 Danksagung
10.3 Lebenslauf

1. EINLEITUNG

Menschliche Bewegung ist ohne die Beteiligung hintergründig ablaufender psychischer und gefühlsmäßiger Prozesse nicht denkbar. Wahrnehmung und Bewegung werden von ZIMMER (1989, 95) als unmittelbar miteinander verbunden betrachtet und motorische Aktivitäten und Sinneseindrücke als funktionelle Einheit verstanden.

Die Psyche, in der griechischen Mythologie eine Gestalt von vollendeter Schönheit, ist untrennbar mit der Gesamtheit aller Bewegungen, der Motorik verknüpft.

Wenn das Leben des Menschen nur als Bewegung und in Bewegung möglich ist, dann entspricht die Qualität des Lebens der Qualität der Bewegung. Die Lebensbedingungen der westlichen Industriegesellschaft mit ihrem zunehmenden Medienkonsum und ihrer fortschreitenden Urbanisierung schränken die Lern- und Bewegungsmöglichkeiten von Erwachsenen und Kindern so stark ein, daß ein immer größeres Bedürfnis nach psychomotorischer Förderung und Erziehung entsteht.

Daß Bewegungen vom Zeitpunkt der Zeugung an ein wesentliches Merkmal menschlicher Existenz sind und maßgeblich zur Ausgestaltung des Organismus beitragen, verdeutlicht die Darstellung humanembryologischer Erkenntnisse nach BLECHSCHMIDT (1989). Die Erkenntnisse der pränatalen Psychologie sensibilisieren für die Auswirkungen der verschiedenen Umwelteinflüsse, die bereits im Mutterleib auf die Psyche des Kindes einwirken.

Die Untersuchungen von Daniel STERN (2000) und Martin DORNES (1999 & 2001) zur Entwicklung des Selbstempfindens in frühester Kindheit als Grundlage des subjektiven Erlebens, der Selbstreflexion und der sozialen Interaktion, führen zu einer gänzlich anderen Betrachtung des neugeborenen Kindes. Ihre Erkenntnisse zur Entwicklung und Entstehung des Selbstkonzepts - der Selbstwahrnehmung und der Selbstwirksamkeit - tragen zu einem neuen Verständnis der Fähigkeiten von Ungeborenen und Säuglingen bei. Das primäre subjektive Empfinden des Körperselbst, das auch die Gestaltung aller sozialen Kontakte maßgeblich beeinflußt, bleibt für den Menschen während seiner gesamten Lebensspanne relevant.

Das Selbstkonzept, als lebenslang überdauerndes Bild des Menschen von sich selbst, ist nach STERN (2000) daher ebenfalls in hohem Maße Resultat von Bewegungen in Gestalt der Körpererfahrungen.

PETZOLD (1995, 501) betont die große Bedeutung der bewegungspsycho-therapeutischen Ansätze für die Behandlung von Menschen mit zum Teil schwerwiegenden Persönlichkeitsstörungen, wenn er fragt, ob frühe Schädigungen in Form traumatischer Ereignisse oder Deprivation im späteren Leben der Betroffenen zu krankhaften Folgen führen, die sich u.a. auch in körperlichen Symptomen niederschlagen.

Bewegt sich die Psychomotorik auf den ersten Blick zwischen Bewegungspädagogik und Sporttherapie, so wird bei genauerem Hinsehen deutlich, daß sie mit ihrer ganzheitlichen Betrachtung des Kindes und ihrem erweiterten Verständnis des Körpers und seiner Bewegung beide Gebiete miteinander verbindet.

In dieser Diplom-Arbeit werden die Erkenntnisse der neueren Säuglingsforschung über die frühen perzeptiven und motorischen Kompetenzen von Säuglingen dargestellt und auf ihre Relevanz für die psychomotorische Therapie hin untersucht. Die Arbeit ist auf der Basis einer Literaturstudie theoretisch ausgerichtet und orientiert sich an einem humanistischen Menschenbild.

Ziel der Arbeit ist es, zu einem besseren Verständnis der lebenslangen menschlichen Entwicklung, mit ihrer untrennbaren Verknüpfung von seelischen Prozessen und Bewegung, beizutragen. Es wird der Versuch unternommen, die dargestellten Ergebnisse der neueren Säuglingsforschung in ihrer Bedeutung für die Förderung von Kindern zu gewichten und einzuordnen. In dieser Arbeit sollen nicht nur Antworten gegeben, sondern auch Fragen aufgeworfen werden, die für die psychomotorische Förderung von Belang sind.

2. Gegenwärtige THEORIEN DER ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGIE

Die empirische Entwicklungspsychologie trägt unterschiedliche Konzepte menschlicher Entwicklung zusammen, die alle mit einem zugrundeliegenden Welt- und Menschenbild eng verknüpft sind (vgl. REESE & OVERTON 1979, 55ff. & MONTADA 1998b, 1 & 7). Die in dieser Arbeit vorgestellten gegenwärtigen entwicklungspsychologischen Erkenntnisse gelten hauptsächlich für den westlichen Kulturkreis und dort vorwiegend für die Mittelschicht als dessen wichtigsten kulturellen Repräsentanten (vgl. OERTER 1998, 109).

„Mit gegenwärtigen Theorien der Entwicklung sind Theorien gemeint, aus denen bis in die Gegenwart entwicklungspsychologische Fragestellungen abgeleitet werden und die bis heute benutzt werden, um entwicklungspsychologische Befunde einzuordnen.“ (TRAUTNER 1991, 11).

Zum besseren Verständnis der neueren Entwicklungspsychologie und ihrer Methoden werden die verschiedenen Entwicklungstheorien in einer Einteilung nach TRAUTNER (1991, 21) kurz dargestellt:

(1) Die biogenetischen Entwicklungstheorien nehmen vorwiegend anlage- und reifungsbedingte Faktoren von Entwicklungsprozessen an. Die Entwicklung wird im wesentlichen mit einer biologisch vorprogrammierten Entfaltung gleichgesetzt. Der Gegenstandsbereich dieser Theorien ist in erster Linie die körperliche Entwicklung. Vertreter dieser Richtung sind u.a. Oswald KROH (1928), Heinz WERNER (1953) und Arnold GESELL (1952) (vgl. hierzu auch TRAUTNER 1991, 31ff.). Die heute stärker im Vordergrund stehenden ethologischen Ansätze betonen die Einbettung der Entwicklung in die Evolutionsgeschichte. Für die vorliegende Diplom-Arbeit sind als bedeutende Vertreter insbesondere John BOWLBY (1984) und Mary AINSWORTH (1978) zu nennen (vgl. hierzu auch TRAUTNER 1991, 43ff. & MILLER 1993, 271ff.).
(2) Die kognitiven Entwicklungstheorien gehen von einer Interaktion zwischen Reifungsprozessen und Umwelterfahrungen aus. Die Entwicklung stellt sich aus ihrer Sicht, hauptsächlich durch die aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt, als fortschreitender Erkenntnisaufbau dar. Somit ist das Hauptuntersuchungsfeld der kognitiven Entwicklungstheorie die Beschäftigung mit dem Aufbau und der Struktur kognitiver Verarbeitungsschemata. Bedeutende Vertreter sind u.a. Jean PIAGET (1975), Lawrence KOHLBERG (1974) und die Vertreter der Informations-verarbeitungstheorie (vgl. hierzu auch TRAUTNER 1991, 22 & 155ff.; MONTADA 1998a, 518; MILLER 1993, 47ff. & 221ff. & OERTER & DREHER 1998, 561ff.).
(3) Bei der Lerntheorie bzw. Reiz-Reaktions-Theorie mit ihrer Betonung exogener und soziokultureller Einflüsse ist die Entwicklung ein sozialer Lernprozess. Die Theorie basiert auf den Thesen des Behaviorismus. Daher wird der Entwicklungsverlauf als weitgehend durch die Umwelt determiniert angesehen, wobei der Zeitpunkt und die Art der Stimulation eine entscheidende Rolle spielen. Im Vordergrund der Theorie stehen die beobachtbaren Verhaltensmuster, insbesondere des sozialen Verhaltens. Als Vertreter sind u.a. zu nennen: Robert SEARS (1947), Sidney BIJOU & Donald BAER (1972). Ein Vertreter in der Weiterentwicklung zur sozial-kognitiven Lerntheorie ist Albert BANDURA (1979) (vgl. TRAUTNER 1991, 22 & 99ff. & vgl. auch MILLER 1993, 173ff).
(4) Die psychoanalytischen Entwicklungstheorien gehen von einer Interaktion zwischen konstitutionellen und exogenen Faktoren aus. „Sie beschäftigen sich vorwiegend mit der Persönlichkeitsentwicklung [Ichentwicklung] und betonen die Triebgrundlagen und affektiven Grundlagen menschlichen Verhaltens.“ (TRAUTNER 1991, 22). Hauptvertreter sind u.a. Sigmund FREUD (1969-75), Erik ERIKSON (1998) und Margaret MAHLER (1986) (vgl. hierzu auch MILLER 1993, 113ff. & TRAUTNER 1991, 64ff.). In diesem Zusammenhang sind für die vorliegende Arbeit Daniel STERN (2000) und Martin DORNES (1999) von Bedeutung.

Die moderne Entwicklungspsychologie orientiert sich an den o.g. Entwicklungs-theorien und versucht zudem eine Umsetzung des aktuellen systemischen Denkens in den jeweiligen Forschungsprogrammen. Das „neue Denken“ (vgl. CAPRA 1987) äußert sich zunächst in den Interpretationen von Forschungsbefunden und in der Korrektur tradierter Annahmen. Hat man früher geglaubt, daß sich das Kind durch seine Umwelt formt, fragt man heute auch nach der Wirkung des Kindes auf seine Umwelt. Gespiegelt wird dieses u.a. in den Begrifflichkeiten der neueren Entwicklungspsychologie. „Begriffe wie circulus vitiosus, kompensatorische Förderung, Schaffung dosierter Diskrepanzerlebnisse oder Passung von Person und Umwelt bezeichnen systemische Zusammenhänge.“ (MONTADA 1998b, 11).

2.1 Der Säugling in der psychologischen Forschung

Zu Beginn der Psychologie als empirischer Wissenschaft vor etwas mehr als hundert Jahren waren es psychologisch interessierte Kinderärzte, die ihre eigenen Kinder akribisch genau beobachteten (vgl. BÜHLER & HETZER 1929 in: SCHÖNPFLUG 2000, 230). Die von Wiliam STERN (1914) standardisierten experimentellen Untersuchungsmethoden (z. B. Attrappen von Gesichtern) ermöglichten erstmals Reihenuntersuchungen, mit deren Ergebnisse man die psychische Entwicklung nicht nur im Längsschnitt, sondern auch im Querschnitt vergleichen konnte.[1]

Das Interesse am Säugling war durch die revolutionären Thesen DARWINS (1872 in: ZIMBARDO 1983, 381) von der Evolution der Arten überwiegend biologisch geleitet. Daher fanden die motorischen Reflexe, wie z.B. der Umklammerungsreflex und der Greifreflex, besondere Aufmerksamkeit. Gestützt auf die sich an den Naturwissenschaften orientierende Elementenpsychologie glaubte man, daß der Säugling eher auf rein physikalische und chemische Reize (Farben, Töne, Geschmackssubstanzen usw.) reagieren müßte. Doch die Säuglinge reagierten hierauf nicht oder in nicht eindeutig interpretierbarer Weise (vgl. RAUH 1989, 175). Ein weiteres Beobachtungsproblem in der frühen Phase der Entwicklungspsychologie war die weitverbreitete theoretische Voreingenommenheit, daß wenn 4-5 Monate alte Säuglinge nicht auf die Stimuli reagierten, müßten jüngere Säuglinge wohl noch weniger kompetent sein. Aus diesen Befunden entwickelte sich die Überzeugung, daß der Säugling in den ersten 3 Monaten in dem „dummen viertel Jahr“ (vgl. BÜHLER 1967 in: RAUH 1989, 175) vor allem körperliche Versorgung, nämlich Nahrung, Wärme, Trockenheit, frische Luft und viel Schlaf benötigt.

Aus der Verhaltensbiologie kam ein weiterer Anstoß zur Analyse des Verhaltensrepertoires des Säuglings. Die bei Tieren ohne Lern- und Erfahrungsprozeß festgestellten Reiz-Reaktions-Verbindungen, auch Angeborene Auslösende Mechanismen (AAM) genannt, meinte man bei Säuglingen in Form des sog. sozialen Wiederlächelns gefunden zu haben (vgl. RAUH 1989, 176). Doch das Modell der Angeborenen Auslösenden Mechanismen ist, wenn überhaupt, nur mit großen Einschränkungen auf den menschlichen Säugling übertragbar, und es erklärt das Verhalten des Säuglings und seine Entwicklung nur unzureichend.

Eine der umfangreichsten Studien zur kindlichen Entwicklung war die des amerikanischen Mediziners Arnold GESELL (1940 in: SCHÖNPFLUG 2000, 234). Von rund 12000 Kindern wurden Beobachtungsprotokolle, Film- und Fotoaufnahmen gesammelt und sämtliche bedeutsamen Funktionen (Bewegungskoordination, Handgeschick, Sozialverhalten, Zeichnen, Gesundheit usw.) wurden als Altersquerschnitte dargestellt.

Seit den sechziger Jahren waren es die Entwicklung der Videotechnik, die Verfeinerung der Ultraschallmethode und die bildgebenden Verfahren für neurologische Prozesse, welche die Interaktionsprozesse und Aktivitäten des Säugling in utero und zerebrellär revolutionierten (vgl. RAUH 1998, 167f.).

2.2 Die Untersuchungsmethoden der neueren Säuglingsforschung

Die neuere Säuglingsforschung hat in den letzten 20-30 Jahren eine Reihe von Experimenten entwickelt, die es möglich gemacht haben, einige Rätsel der Kindheit durch direkte ‚Befragung‘ der Säuglinge zu klären.

Eine Vielzahl von Einflüssen hat zu einem erneuten Aufschwung der Säuglingsforschung geführt. Die Berücksichtigung der ethologischen Sichtweise, ihrer Konzepte und Methoden, insbesondere der Erfassung von komplexen Verhaltenssystemen, hat zu neuen Erkenntnissen über die Wahrnehmungs- und Lernkompetenzen in den ersten Lebensmonaten geführt (vgl. HINDE 1983 in: RAUH 1989, 177). Angepaßt an das Verhaltensrepertoire des Säuglings, entstammen psychologische Methoden zur Untersuchung von Wahrnehmungs- und Lernvorgängen der experimentellen Tierforschung oder den experimentellen Studien zur Informationsverarbeitung bei älteren Kindern und Erwachsenen.

Auch Eltern haben sich nach RAUH (1989, 178) und PAPOUŠEK & PAPOUŠEK (1981, 229ff.) als hervorragende Informanten über die Fähigkeiten ihrer Kinder und als intuitive Didakten erwiesen.

„Die meisten von ihnen zeigten eine erstaunliche Fähigkeit, kleinste Verhaltensanzeichen bei ihrem Kinde richtig zu deuten und ihr eigenes Verhalten daran auszurichten – aber ohne sich dessen bewußt zu sein.“ (RAUH 1989, 178 & vgl. PAPOUŠEK 1994, 31).

Ebenso haben sich die technischen Hilfsmittel in den letzten 20-30 Jahren deutlich verbessert. Hierzu zählen die Aufnahmenverfahren von visuellen oder auditiven Reaktionen, das noch später erläuterte Verfahren der VOT (voice-onset-time) und das Einsetzen von Infrarotkameras und der split-screen-Technik, die es ermöglicht mehrere Bilder gleichzeitig auf einem Projektor nebeneinander abzuspielen.

Die am häufigsten herangezogenen physiologischen Maße sind die Herz-, Puls- und Atemfrequenz, deren Interpretation allerdings Erfahrung verlangt. Zu einem weiteren Verhaltensindikator wurde die Mimik des Säuglings. Die Augen- und Mundmuskulatur kann vom Säugling am ehesten willkürlich gesteuert werden. „Die Fixationszeit, das ist die Häufigkeit und Dauer des Hinschauens auf einen Stimulus, ist daher eins der häufigsten Maße.“ (RAUH 1989, 180 & vgl. hierzu auch BANKS & SALAPATEK 1983 in: RAUH 1998, 205).

Ein Experiment diesen Typs, welches sich die Fixationszeit zu Nutze macht, hat weite Verbreitung gefunden. Es handelt sich um das sogenannte Präferenzparadigma (preferential looking paradigm). Dem Säugling werden zwei oder mehrere Reize dargeboten, und es wird die Zeit der visuellen Fixierung gemessen. Ein einfaches Beispiel für ein solches Präferenzparadigma ist folgendes: Man präsentiert dem Säugling das Bild seiner Mutter und mißt die Fixierungsdauer. Nach einer angemessenen Pause wird dem Säugling ein Bild einer fremden Frau gezeigt und wieder wird die Fixierungszeit gemessen. Signifikant unterschiedliche Fixierungszeiten sind Indikatoren für eine bestimmte Vorliebe des Säuglings und zeigen eine differenzierte Wahrnehmungsfähigkeit und Wahrnehmungsaktivität (vgl. DORNES 1999, 34f. & RAUH 1998, 168). Mit Hilfe dieser und ähnlicher Methoden haben Forscher viel über die Art der visuellen und auditiven Wahrnehmung von Säuglingen herausgefunden (vgl. BOWER 1977 in: DORNES 1999, 35).

Das Präferenzparadigma weist jedoch auch einige Probleme auf. Einerseits sagt die Bekundung einer Vorliebe für einen bestimmten Reiz wenig über die Art und Weise aus, wie der Säugling diesen Reiz empfindet oder was er für ihn bedeutet. Andererseits ist die Schlußfolgerung, daß der Säugling keinen Unterschied zwischen verschiedenen Reizen sieht, wenn er keine Präferenz bekundet, irrtümlich. Hier wird evtl. die Wahrnehmungsfähigkeit des Säuglings unterschätzt (vgl. BOWER 1977 in: DORNES 1999, 35f.).

Mit Hilfe anderer Methoden versucht man die Schwächen des Präferenzparadigmas zu kompensieren. Beim Habituierungsparadigma wird dem Säugling solange ein Reiz gezeigt, bis seine Aufmerksamkeit nachläßt, er habituiert. Daraufhin wird ihm ein neuer Reiz dargeboten und man kann feststellen, daß seine Aufmerksamkeit zurückkehrt, er dishabituiert. Ähnlich wie bei der Präferenzmethode kann davon ausgegangen werden, daß der Säugling zwischen zwei verschieden dargebotenen Reizen Unterschiede feststellt. Um eine gewünschte Orientierungsreaktion überhaupt zu erhalten, sollte bei Durchführung der Experimente der Säugling nicht zu hungrig, nicht zu müde, nicht allzu abgelenkt, eventuell auf dem Schoß eines Elternteils und in halbaufrechter Haltung sein. Als Maß für die Langeweilereaktion kann neben der visuellen Fixierung, die differentielle Saugaktivität (high amplitude sucking) eingesetzt werden (vgl. RAUH 1998, 188).

In der high-amplitude sucking - Methode werden Habituierungspraradigma und Saugen gekoppelt. Die Kinder können mit einem druckempfindlichen Beruhigungsschnuller den nachfolgenden Reiz beeinflussen. In verschiedenen Versuchen konnten die Kinder so bspw. die Stimme der Mutter ‚herbeisaugen‘. Dreimonatige Babys beschäftigten sich sehr lange mit diesem Spiel. Bei etwas älteren Säuglingen werden das Arm- und Beinstrampeln für das instrumentelle Lernen eingesetzt. (vgl. HEPPER 1992 in: RAUH 1998, 174 & RAUH 1989, 181).

Die vorgestellten Untersuchungsmethoden und ihre Varianten können in ihrer Anwendung kombiniert werden.

Mit dem Familiarisierungs-Neuheits-Paradigma werden dem Säugling zwei identische Reize gleichzeitig präsentiert und nach erfolgter Habituierung, wird ein Reiz durch einen neuen ersetzt. Kehrt die Aufmerksamkeit des Säuglings zurück, kann man dies als Zeichen eines bemerkten Unterschiedes deuten (vgl. DORNES 1999, 37).

Das Überraschungsparadigma und seine Variante, die still-face-procedure werden ebenfalls häufig angewandt. Hiermit möchte man herausfinden, ob der Säugling feststehende Erwartungen hat und Abweichungen davon bemerkt. Ein einfaches Beispiel ist folgendes Experiment: Dem Säugling wird das Gesicht seiner sprechenden Mutter gezeigt; die Stimme wird jedoch von einem Tonband abgespielt und kommt nicht aus dem Mund der Mutter. Schon im ersten Monat zeigen Säuglinge Reaktionen. Hierzu zählen Veränderungen des Gesichtausdrucks, Unruhe, Erregtheit und Pulsfrequenzänderungen. Die Säuglinge zeigen ein ‚Erstaunt-Sein‘ darüber, daß Mundbewegungen und Ton nicht zusammen auftreten (ebenda).

2.3 Methodenkritik

Die neuere Säuglingsforschung muß sich, wie jede Wissenschaft, der Frage nach der Validität ihrer Ergebnisse und den daraus abgeleiteten Aussagen stellen. In besonderem Maße gilt dies für die Forschungsansätze mit psychoanalytischem Hintergrund, da hier, im Gegensatz zu entwicklungspsychologischen Erkenntnissen, nicht die Möglichkeit wiederholbarer Experimente besteht.

Bei den entwicklungspsychologischen Experimenten muß jedoch gerade bei jenen, welche auf dem Habituierungs- und/oder dem Präferenzparadigma basieren, beachtet werden, daß Säuglinge in den ersten Lebenswochen eher eine Vorliebe für Vertrautes haben, die nach den folgenden drei Monaten eher dem Interesse für etwas Neues weicht (vgl. RAUH 1989, 175). Wissenschaftler müssen hierbei bedenken, daß schon ihre Erwartungen das Experiment beeinflussen, und daß bereits ihre Wahrnehmung eine Interpretation enthält (vgl. MATURANA & VARELA 1984, 31 & 259ff. & FAßNACHT 1995, 155).

Es mehren sich daher auch die wissenschaftlichen Diskussionen, die danach fragen, wie die mit den neuen technischen Möglichkeiten festgestellten Fähigkeiten der Säuglinge im Einzelnen zu erklären sind. DORNES (1999, 38) weist in diesem Zusammenhang auf ein weiteres Problem hin. Er erkennt an, daß der technische Fortschritt wertvolle Erkenntnisse für die Entwicklungspsychologie liefert. Er fragt jedoch, ob eine technische Erfassung im Kinderzimmer oder Labor nicht Ergebnisse produziert, die untypisch sind.

Auch, oder vielmehr gerade die psychoanalytisch beeinflußte Säuglingsforschung ist sich ihrer angreifbaren Stellung bewußt (vgl. DORNES 1999, 231 & STERN 2000, 11). Es gibt jedoch durchaus Wege, die Vermutungen empirisch zu bestätigen. So weisen BARGLOW, JAFFE & VAUGHN (1989 in: DORNES 1999, 232) auf die Möglichkeit hin, bspw. Rekonstruktionen aus der Psychoanalyse der Mutter mit Material aus der Psychotherapie ihrer Tochter und den Ergebnissen der Säuglingsforschung zu vergleichen und zur wechselseitigen Überprüfung heranzuziehen (vgl. hierzu auch CHAMBERLAIN 1988 in: CHAMBERLAIN 1997, 23). Stimmen diese Daten überein, bzw. weisen sie eine thematische Nähe auf, so stellt dies nach BARGLOW et al. (1989 in: DORNES 1999, 232f.) den möglicherweise besten erreichbaren Beweis für die Validität psychoanalytischer Rekonstruktion dar. STERN (2000, 37) und DORNES (1999, 24) weisen jedoch auf das immer noch bestehende Problem der „Adultomorphisierung“ hin. D.h. der Erwachsene verändert während der Retrospektive die subjektiven Empfindungen, die er als Säugling hatte.

Allgemein kann man sagen, „daß die psychologischen Fähigkeiten des Säuglings als zunehmend höher eingeschätzt werden, je besser und einfallsreicher die Methodik der Forscher wird.“ (JANUS 1991, 42).

Schließlich ist zu beachten, daß unterschiedliche Annahmen über das Wesen des Menschen auch immer die Fragen, die Methoden und die Interpretationen der Ergebnisse der empirischen Forschung beeinflussen (vgl. OERTER 1998, 109).

2.4 Zusammenfassung

Mit den modernen Methoden der neueren Säuglingsforschung versucht die Entwicklungspsychologie eine Synthese aus dem direkt-beobachteten und dem klinisch-konstruierten Säugling. Sie versucht mit Hilfe der experimentellen Erkenntnisse die Entwicklung des kindlichen Selbstempfindens zu beschreiben und faßt sie zu einer Arbeitstheorie über die Entwicklung des Selbsterlebens zusammen. Durch ihre neue Sichtweise über die frühe Entwicklung des Säuglings trägt die Entwicklungspsychologie entscheidend zu einer veränderten, ganzheitlicheren Sicht des Kindes bei und liefert somit die Grundlage für einen positiven und aktiven Umgang mit Ungeborenen und Säuglingen.

3. DIE PRÄNATALE ENTWICKLUNG

„Wer die Dinge von Anfang an wachsen sieht, wird sie am besten verstehen.“ ARISTOTELES (384-322 v. Chr. in: MOORE 1996, 15).

Mit der Kenntnis von der Entstehung und Entwicklung des menschlichen Körpers und seinen Veränderungen wird ein Einblick in die Anfänge der individuellen menschlichen Grundfunktionen möglich. Schon in der Embryonalzeit lassen sich entscheidende Voraussetzungen der späteren Leistungsfähigkeit erkennen. Die frühesten, durch morphologische Untersuchungen zugänglichen, Leistungen bzw. Funktionen des menschlichen Embryo sind seine Entwicklungsbewegungen. Alle organischen Gestaltungen sind Bewegungsvorgänge (vgl. BLECHSCHMIDT 1968, 14). „Was nicht vor der Geburt durch die Entwicklung gleichsam ‚eingeübt‘ wurde, kann nach der Geburt nicht weiterentwickelt und dann allmählich ‚ausgeübt‘ werden.“ (BLECHSCHMIDT 1989, 112).

Schon in den ersten Entwicklungswochen zeigen sich die Notwendigkeit von Innen- und Außenweltbeziehungen, die Entwicklung der Sinne und Bewegungen und die Bildung der Mutter-Kind-Beziehung. Die pränatale Phase reicht vom Zeitpunkt der Befruchtung bis zur 27. Schwangerschaftswoche, und sie wird in zwei Abschnitte unterteilt: Die ersten 8 Wochen werden als Embryonalzeit bezeichnet. Die darauffolgende Zeit bis zur 27. Woche ist die Fötalzeit (vgl. MOORE 1996, 1 & 106).

Wie diese menschliche Frühentwicklung im Sinne der Differenzierung und Gestaltung aussieht, soll im Folgenden - größtenteils gestützt auf den Humanembryologen Erich BLECHSCHMIDT (1968, 1989) - erläutert werden.

3.1 Die frühe embryologische Entwicklung des Menschen nach Erich BLECHSCHMIDT

BLECHSCHMIDT (1968) stellte bereits 1968 mit seinem Werk „Vom Ei zum Embryo“ der Öffentlichkeit die tatsächlichen Vorgänge der Entwicklung aller frühembryonalen Entwicklung dar und rückte u.a. die überholte Position des von Ernst HAECKEL (1866 in: BLECHSCHMIDT 1968, 47) erstellten Biogenetischen Grundgesetzes zurecht.[2]

Die Individualentwicklung des Menschen beginnt „von dem Augenblick an, wenn die männliche Samenzelle die weibliche Eizelle befruchtet.“ (BLECHSCHMIDT 1968, 4). Nach BLECHSCHMIDT (1968, 117) ist der Mensch von der Befruchtung an ein Individuum, dessen Differenzierung durch das Zusammenspiel von Genen und Entwicklungsreizen geleitet wird. Alle späteren Leistungen und Verhaltensweisen des Menschen sind Ausdifferenzierungen und Gestaltungsfunktionen der frühen Embryonalzeit. Alle Gestaltungsfunktionen sind durch die frühembryonalen Elementarfunktionen vorentschieden.

„Was wir Entwicklung nennen, bedeutet eher eine Vollendung eines im Wesen schon Vorhandenen als etwa einen Fortschritt im Sinne einer individuellen Höherentwicklung aus vermeintlich unwesentlichen oder wesensanderen Anfängen. Deshalb wollen wir noch einmal betonen: Nichts ist wesentlicher als der Anfang der Entwicklung.“ (BLECHSCHMIDT 1968, 32).

Durch die Befruchtung erhält die 1/10 mm große und 0,4 millionstel Gramm schwere Eizelle den ersten Entwicklungsreiz zu einer Entwicklung, die viele Jahrzehnte anhält. Mittels moderner, mikroskopischer und Technik und Biotechnologie läßt sich der Werdegang des Menschen vom Ei bis zum Säugling rekonstruieren. Bereits in den ersten „Materialverteilungen“, wenn sich der einzellige Keim zu einem Blastomer (blastos = Keim, meros = Teil) entwickelt, sieht BLECHSCHMIDT (1968, 32) erste Entwicklungsbewegungen (vgl. hierzu auch MOORE 1996, 37). Unter den Entwicklungsbewegungen versteht man die „materiellen, aber keineswegs nur materiellen Bewegungen der Organe und Organteile des Keims, die nach der Befruchtung zur Gestaltbildung führen.“ (BLECHSCHMIDT 1968, 32).

Was in diesem Zusammenhang unter Entwicklung bzw. Wachstum verstanden wird, ist ein von außen angeregter (exogener) Vorgang. Durch seine Anpassung an Entwicklungsreize stellt Wachstum eine Verinnerlichung der aufgenommenen Substanzen dar, wohingegen die Fortpflanzung der Gene eine von innen nach außen gerichtete Umweltbeziehung darstellt (vgl. BLECHSCHMIDT 1989, 24ff.).

Schon am 5.-6. Tag entwickelt sich, infolge der Stoffwechselbewegungen, in denen sich der Blastocyst an das Epithel der Uterusschleimhaut anlagert, die Beziehung zwischen Mutter und Kind sehr lebendig.

„Dies führt zu einer intensivierten Nahrungsaufnahme des Eis am dicken Teil seiner Wand, d.h. zu einer Polarisation der Keimanlage. Das Ansaugen ist ein frühes, noch unentwickeltes ‚Säuglingsverhalten‘“. (BLECHSCHMIDT 1968, 44).

Am Ende der 1. Woche hat sich die Blastozyste bereits in die Uterusschleimhaut implantiert. Während dieser Vorgänge, d.h. um den 7.–12. Tag beginnen auch schon die ersten Differenzierungsprozesse im Embryoblasten (vgl. BLECHSCHMIDT 1968, 45ff. & MOORE 1996, 39). Während der 3. Woche, in der sich der Embryo am schnellsten entwickelt und als Gastrula bezeichnet wird, bildet sich der Primitivstreifen (vgl. MOORE 1996, 77). Durch ihn werden erstmals die Körperachsen des Embryos und die Bildung der Chorda dorsalis, welche die Grundlage für die Wirbelsäule liefert, bestimmt. Vom Ende der 3. Woche an bilden sich die Somiten oder Urwirbel, aus welchen später der größte Teil des zugehörigen Muskulatur sowie das Hautbindegewebe hervorgeht.

Die folgende Phase der Embryonalentwicklung ab der 4. Woche umfaßt äußerst wichtige Prozesse, denn nun werden die Anlagen aller wichtigen äußeren und inneren Strukturen gebildet. Hier sind Entwicklungsbewegungen von Zellen, Zellverbänden und organischen Gestaltungen notwendig. Diese Gestaltungen, die den ganzen Körper betreffen, sind nach ZUR LIPPE (1987, 188ff.) mit Bewegungsvorgängen vergleichbar.

Die äußere Erscheinung des Embryos zeichnet sich durch die Bildung von Gehirn, Herz, Leber, Somiten, Extremitäten, Ohren, Nase und Augen aus. Diese Vorgänge führen bald zum unverkennbar menschlichen Aussehen des Embryos. Da die Hauptorgane und Systeme in dieser Phase (4.-8. Woche) der Entwicklung gebildet werden, ist dieser Entwicklungszeitraum die kritischste Periode der menschlichen Entwicklung. Störungen der Entwicklung in diesem Zeitraum können zu schweren angeborenen Fehlbildungen des Embryos führen (vgl. MOORE 1996, 101f.).

Die Entwicklung der Organe vollzieht sich nach allgemeinen physikalischen Gesetzmäßigkeiten. Durch das Zusammenspiel von Druck und Zug, Verflüssigung und Verfestigung, Anziehung und Abstoßung, Pressung und Rotation bilden sich die Strukturen und Positionen der Organe und Gewebe. Sie funktionieren bereits, ihrem jeweiligen Stadium entsprechend, während ihrer Entstehung (vgl. BLECHSCHMIDT 1968, 82 f.).

So funktioniert auch die embryonale Muskulatur schon in ihrer Passivität. Sie entwickelt sich in ihrer Lage, Form und Struktur durch passive Wachstumsdehnung an den Stellen des Organismus, an denen räumlicher Platz zur Ausdehnung ist. Nach ähnlichen Prinzipien wächst das Nervensystem des Embryos, wenn Raum im Innern durch die oberflächliche Vergrößerung geschaffen worden ist (vgl. GRUN 1997, 29).

Die Extremitäten entwickeln sich ebenfalls biodynamisch im Zusammenhang mit dem gesamten Organismus, und sie entstehen dort, wo die räumlich-zeitlichen Gesetzmäßigkeiten wirken. Die oberen Extremitäten haben in der 4. Woche ein ‚flossenförmiges‘ Aussehen, die unteren Extremitätenknospen erscheinen als kleine Schwellungen auf der seitlichen Körperwand (vgl. MOORE 1996, 90). Die oberen Extremitäten werden zu Beginn der 5. Woche paddelförmig und in der 6. Woche sind Ellenbogen- und Handgelenksregion erkennbar, und die paddelförmigen Handplatten haben nun Fingerstrahlen gebildet, welche die zukünftigen Finger und Daumen bereits andeuten. Am Ende der 6. Woche sind die Fußplatten erschienen und die Fußgelenksregion ist erkennbar.

„Der Kontakt, den die ‚Hand und die Fingersprossen‘ des menschlichen Keimlings mit ihrer uterinen Umgebung aufnehmen, ist dabei von entscheidender Bedeutung. Die Hand des Embryos wächst sozusagen von außen nach innen, angeregt durch den Kontakt mit der Umwelt“ (MILZ 1994, 42).

Für Blechschmidt ist der Embryo ein voll funktionsfähiger früher Mensch, und er folgert daraus, was nicht schon vor der Geburt bewußt eingeübt wurde, kann nach der Geburt nicht bewußt ausgeübt werden. Er belegt seine Hypothese durch Beobachtungen frühkindlicher Reflexe und zieht Parallelen zwischen den soziologischen Organisationen Erwachsener (vgl. BLECHSCHMIDT 1968, 124ff.).

3.2 Die pränatale Entwicklung der Sinne

Wegen ihrer Bedeutung für die psychologische Entwicklung wird im folgenden die Entwicklung des zentralen Nervensystems, des intrauterinen Wahrnehmens über die Haut, die Ohren, die Augen, den Geschmack- und Geruchssinn sowie der motorischen Verhaltensweisen dargestellt.

Die Entwicklung des Embryos bzw. Fötus ist nach RAUH (1998, 174) charakterisiert durch drei wesentliche Entwicklungsprinzipien, die besonders für den Bereich der Gehirnentwicklung, aber auch modellhaft für andere Entwicklungsbereiche gelten:

(1) Das erste Prinzip bezieht sich auf die heterochrone Gestaltung, d.h. die verschiedenen Hirnbereiche, aber auch die Sinnesorgane und ihre Teilfunktionen entwickeln sich nach unterschiedlichen Zeitplänen.
(2) Das zweite Prinzip besagt, daß auch in der pränatalen Phase der Entwicklung Zunahme wie Abnahme als auch Selektion von Zellen stattfindet (vgl. RAUH 1998, 174). „Ein wesentliches Merkmal der Entwicklung ist die Kombination von Proliferation und Destruktion.“ (TOUWEN 1993, 240).
(3) Daß sich Sinnesorgane und Gehirn zunächst unabhängig voneinander entwickeln und die Gestaltung des Gehirns anfangs nicht auf die Stimulation über die Sinnesorgane angewiesen ist, besagt das dritte Prinzip. Mit leicht voneinander abweichenden Ergebnissen von verschiedenen Forschern. Die Verschaltung von Gehirn und Sinnesorganen findet in der 25. und 37. Woche statt (vgl. HEPPER 1992, PRECHTL 1983 & TREVARTHEN 1980 & 1982 in: RAUH 1998, 174). Zu diesem Zeitpunkt ist die neurophysiologische Grundlage für Lernen über die Sinnesorgane gelegt.

3.2.1 Die pränatale Entwicklung des zentralen Nervensystems

Die ersten Anlagen des Nervensystems entwickeln sich bereits am 18. Tag nach der Konzeption. Erkennbar wird dies an der flächenhaften Verdickung des Ektoderms, die man als Neuralplatte bezeichnet. Aus der Neuralplatte entwickelt sich das zentrale Nervensystem, bestehend aus Gehirn und Rückenmark. Während dieser Neurulation, der Bildung des Neuralrohrs, wird der Embryo auch als Neurula bezeichnet (vgl. KRÜLL 1990, 29; TOUWEN 1993, 239 & MOORE 1996, 69f.).

Die ersten Furchen und Windungen des Telencephalons treten im 6. Monat auf. Sie enthalten nach KAHLE, LEONHARDT & PLATZER (1991, 6) die Nervenzellen und Nervenbahnen und machen die eigentliche Hirnsubstanz aus.

In der 4. Gestationswoche beginnt sich aus drei bläschenartigen Verdickungen das Gehirn zu entwickeln (vgl. KAHLE et al. 1991, 6). In dem heterochron reifenden Gehirn, das KRÜLL (1990, 36) als Urgehirn bezeichnet, sind weitaus mehr Interneurone vorhanden als Sinneszellen oder Motorneurone. Es werden jedoch nicht nur Nervenzellen gebildet, sondern auch wieder abgebaut, wodurch es nach ZINKE-WOLTER (2000, 58) zu einer Stabilisierung der verbleibenden Hirnstruktur kommt. Deutliches Wachstum des Kopfes und eine schnelle Entwicklung des Gehirns sind Hauptmerkmale der 5. Woche (vgl. MOORE 1996, 440ff.).

Die Entwicklung der motorischen Nervenfasern des Rückenmarks beginnt Ende der 4. Woche. Daß bereits der 5 ½ Wochen alte Embryo erste Eigenbewegungen ausführt, bedeutet, daß sich im Urgehirn Verbindungsmuster zwischen den Interneuronen ausgebildet haben, die eine sensomotorische Koordination ermöglichen (vgl. KRÜLL 1990, 37). BLECHSCHMIDT (1968) beschreibt dies folgendermaßen:

„Wie alle Untersuchungen zeigen, sind die sogenannten Leitungsbögen keine elementaren Bauelemente des Nervensystems, sondern Folgen der Neuronenbildung. Schon Neuroblasten sind nervöse Apparate mit Zuleitung, Zentralapparat und Ableitung. Auch hier gilt wieder sowohl für die peripheren als auch für die zentralen Anteile des Nervensystems grundsätzlich das gleiche Entwicklungsprinzip: daß schon die Entstehung eines Organs der Beginn seiner späteren Leistungen ist.“ (BLECHSCHMIDT 1968, 35).

Durch die Verbindung von Nervenzellen (Synapsenbildung) ab dem 53. Fötaltag, entwickelt sich das Gehirn weiterhin nicht nur linear, sondern auch zirkulär (vgl. ZINKE-WOLTER 2000, 58 & vgl. weiterführend MATURANA & VARELA 1984, 182ff.).

Im Verlauf der embryonalen Entwicklung stehen die ersten Rezeptorzellen der Haut und die ersten Motorneurone in ständigem Kontakt, bspw. über die Berührungen des Fötus mit dem Uterus. Dadurch entstehen Reizmuster, die sich immer weiter ausdifferenzieren (vgl. KRÜLL 1990, 38f.).

Die gehirnphysiologischen Grundlagen sämtlicher späterer Fähigkeiten werden bereits in den ersten Wochen der Schwangerschaft gelegt. Als Beispiel mag die Sprachfähigkeit dienen, von der KRÜLL (1990, 43) schreibt, „daß auch für diese ureigene menschliche Fähigkeit bereits in der embryonalen Zeit die Weichen gestellt werden.“

Es wird deutlich, daß der Einfluß schädlicher Substanzen, wie Alkohol oder Nikotin bereits zu einem so frühen Zeitpunkt der Schwangerschaft verheerend sein kann. Die Auswirkungen können nicht nur die Intelligenzleistung betreffen, sondern auch motorische Störungen nach sich ziehen (vgl. RAUH 1998, 175).

3.2.2 Die Augen

Sehen ist eine Fähigkeit, die der Mensch erst nach der Geburt in vollem Umfang entwickelt (vgl. KRÜLL 1990, 75 & NILSSON 1999, 112).

Das Auge besteht aus dem Augapfel, der die lichtbrechenden Anteile Hornhaut, Linse und Glaskörper, sowie den lichtwahrnehmenden Anteil, die Netzhaut, enthält; den Sehnerv (N. opticus), den äußeren Augenmuskeln, den Augenlidern, der Bindehaut, der Augenhöhle und der Tränendrüse (vgl. TREPEL 1995, 261 & KAHLE et al. 1991, 320ff.).

Als erste Anlage des Auges treten die Augenfurchen (Sulci optici) in der 4. Woche auf, die sich schnell zu den Augenbläschen des Vorhirns ausweiten. Diese Augenbläschen wachsen dann zum Ektoderm hin vor, wo sie die Entwicklung der Linsenplakoden, der ersten Anlagen der Augenlinsen, induzieren. Linse, Retina, N.opticus, Irismuskulatur sowie das Epithel von Iris und Ziliarkörper bilden sich in der 7. Gestationswoche und sind mit der 10. Woche in ihrer Funktion und ihrem Wachstum abgeschlossen (vgl. MOORE 1996, 471ff.).

Die Augenlider wachsen von oben und unten über das Auge und verkleben in der 10. Woche miteinander (vgl. TREPEL 1995, 261 & MOORE 1996, 468ff.).

Das Auge ist bis zum 5.-7. Monat geschlossen, dann öffnen sich die Augenlider wieder (vgl. NILSSON 1999, 112 & KRÜLL 1990, 75). Die Augen sind gegen Ende der embryonalen Phase voll ausgebildet. Die Rezeptorzellen, die Stäbchen und Zäpfchen sind in der 10. Woche funktionsfähig (vgl. KRÜLL 1990, 44) und etwa im 5. Monat der Schwangerschaft ist das Auge des Fötus lichtempfindlich. Das visuelle System des Fötus ist soweit differenziert, daß hell und dunkel wahrgenommen werden können (vgl. NILSSON 1999, 112 & ZINKE-WOLTER 2000, 62). Das Sehen als zusätzliche Informationsquelle wird jedoch erst nach der Geburt eingesetzt, dies betont KRÜLL (1990), wenn sie schreibt:

„Aber auch mit offenen Augen gab es im Mutterleib wegen der Dunkelheit nicht viel zu sehen. Das Sehen war daher in unserem uterinen Leben, anders als das Hören oder Fühlen, keine wesentliche Sinneswahrnehmung. Wir haben tatsächlich erst bei der Geburt das ‚Licht der Welt‘ entdeckt.“ (KRÜLL 1990, 75).

3.2.3 Die Ohren

Zu Beginn der 4. Woche sind die inneren Ohrplakoden sichtbar.[3] Das Ohr selber wird aus drei Teilen gebildet. Das Innenohr stülpt sich in der 4. Woche zum Ohrbläschen ein, welches sich bald in zwei Teile gliedert. Man unterscheidet einen utrikulären Teil, und einen sakkulären Teil (vgl. MOORE 1996, 480 & ZIMMER 2000, 90). In der 5. Embryonalwoche wird das äußere Ohr mit dem Gehörgang und der Außenseite des Trommelfells und das Mittelohr mit den Bodengänge, die zusammen mit dem Utriculus und dem Sakkulus das Gleichgewichtsorgan darstellen, ausgebildet. Akustische Reize können zu diesem Zeitpunkt nicht aufgenommen und verarbeitet werden, es sei denn, sie werden als rhythmische Vibrationen über das Vestibularorgan aufgenommen (vgl. KRÜLL 1990, 43).

Dieses Vestibularorgan, auch als Labyrinth bezeichnet, ist mit den Cortizellen ausgekleidet und ist um die 8. Woche herum soweit entwickelt, daß Bewegungs- und Raumempfinden registrierbar sind (vgl. GIBSON 1982, 104; MOORE 1996, 480ff. & ZIMMER 2000, 92). Ab diesem Zeitpunkt ist der 4 cm große Embryo nach ZINKE-WOLTER (2000, 60) in der Lage, die Bewegungen der Mutter wahrzunehmen.

Die Schnecke (Chochlea), das eigentliche Hörorgan im Innenohr, ist zusammen mit den Bodengängen und den Sinneszellen (Corti-Zellen) in der 10. Woche voll funktionsfähig (vgl. MOORE 1996, 481).

Auffällig ist, daß der Fötus Drehbewegungen auszuführen beginnt, wenn sich die Bodengänge ausbilden. KRÜLL (1990, 66) nimmt an, daß Bewegungen auch stimulierend auf die weitere Entwicklung des Vestibularorgans und der weiteren Vernetzung der Nervenstränge im Gehirn wirken.

Nach TOMATIS (1994, 100) dient das Vestibularorgan jedoch nicht nur der Koordination der uterinen Körperbewegungen, sondern ebenfalls zur Energetisierung des Körpers. Föten, ohne Vestibularorgan sind nicht lebensfähig.

„Die ständige Bewegung der Haarzellen im Vestibularorgan ruft eine permanente Aktivität der Muskelzellen des ganzen Körpers hervor. Der allgemeine Tonus, die Spannkraft des Körpers, die auch im Ruhezustand gegeben sein muß, wenn der Organismus am Leben bleiben soll, wird – so können wir vermuten – über das Gleichgewichtsorgan und seine Haarzellen aufrechterhalten. Und auch die gesamte Hirnaktivität, einschließlich der kortikalen, wird nach Ansicht von TOMATIS (1974, S.73ff.) durch das Vestibularsystem energetisiert.“ (KRÜLL 1990, 68).

Der Fötus ist schließlich zwischen der 33.-36. Woche in der Lage, zu hören (vgl. KRÜLL 1990, 74; NILSSON 1999, 114; RAUH 1998, 185 & TOMATIS 1994, 104).

Der Fötus im Mutterleib hört vornehmlich hohe Frequenzen, insbesondere die Stimme der Mutter sowie Herzschlag und Darmgeräusche (vgl. TOMATIS 1994, 104; RAUH 1998, 185; PAPOUŠEK 1994, 145; KRÜLL 1990, 74 & ZINKE-WOLTER 2000, 62). Daß ein Fötus hören kann, ist mit Hilfe von Ultraschallaufnahmen feststellbar. Untersuchungen von LILEY (1972 in: SCHENK-DANZINGER 1985, 15) zeigten Reaktionen in Form von Lidschlagreaktionen des Fötus auf laute Umweltgeräusche, Musik und auf den Herzschlag der Mutter.

„Während Vivaldi und Mozart den Fötus beruhigen, verursachen Brahms und Beethoven sowie Rockmusik heftige Bewegungen, die als Unbehagen gedeutet werden können.“ (SCHENK-DANZINGER 1985, 15 & vgl. ZINKE-WOLTER 2000, 62).

3.2.4 Der Geruch

Gegen Ende der 4. Gestationswoche tritt im unteren Bereich des Stirnnasenfortsatzes die sog. Riechplakode auf (vgl. MOORE 1996, 223 & RAUH 1998, 172). Während der Wachstumsprozesse und Umformungen von der Riechgrube zur primären Nasenhöhle in der 5.-7. Woche wird die Riechschleimhaut (Regio olfactoria) gebildet, deren Zellen später teilweise die Riechzellen ausbilden.

Die Nasenhöhle wird im 4.–6. Monat vom Fruchtwasser umspült, so daß die Riechzellen auch zu diesem Zeitpunkt das erste Mal gereizt werden. Da nicht sicher ist, ob die Sinneszellen die Duftmoleküle, die im Fruchtwasser enthalten sind auch im Wasser registrieren können, ist die Fähigkeit im Uterus zu Riechen nach KRÜLL (1990, 77) ungeklärt. Französische Neurobiologen haben jedoch nachgewiesen, daß der Fötus bereits im Mutterleib riechen kann, obwohl er von Flüssigkeit umgeben ist. Gerüche werden offenbar, ähnlich wie bei Fischen, über das Nasengewebe aufgenommen. „Babys, deren Mütter in der Schwangerschaft regelmäßig Anis gegessen hatten, fühlten sich nach der Geburt zu diesem Geruch hingezogen.“ (KUPCZIK 2001, 39).

3.2.5 Der Geschmack

Die Sinneszellen des Geschmacksorgans, die Zungenpapillen, treten ungefähr um den 54. Tag auf. Die Geschmacksnerven sind in der embryonalen Zeit noch nicht voll entwickelt (vgl. MOORE 1996, 221f. & vgl. hierzu auch RAUH 1998, 172).

Zwischen der 13.-15. uterinen Woche sind die Geschmacksknospen ausgereift (vgl. KRÜLL 1990, 77 & ZIMMER 2000, 150). „Wir hatten also bereits im Uterus Geschmacksempfindungen, die sich wahrscheinlich durch den wechselnden Geschmack der Amnionflüssigkeit herausgebildet hatten.“ (KRÜLL 1990, 77). Untersuchungen von HUMPHREY (1970 in: ZIMBARDO 1983, 136) ergaben, daß ein Fötus bei gesüßtem Fruchtwasser häufiger Schluckbewegungen macht und dabei grimassiert.

Die Reflexverbindungen, die bei den o.g. Untersuchungen bereits funktionsfähig sind, bilden sich zwischen der 26.-28. Woche aus (vgl. MOORE 1996, 222). „Hätten sich nicht die Lippen eines jungen Embryos mit dessen frühen Leistungen eingerollt, wäre es einem Neugeborenen nicht möglich, instinktiv zu saugen.“ (BLECHSCHMIDT 1989, 154).

Während der Gesichtsbildung gegen Ende des 2. Monats formt sich der Mund durch entsprechende Wachstumsdehnungen in Opposition zu Dehnungswiderständen, wodurch nach BLECHSCHMIDT (1968, 103) ein sogenannter „Sograum“ und eine „Saugtätigkeit“ entsteht.

BLECHSCHMIDT (1968, 104) geht bei der Entstehung der Zunge, die sich gegen Ende der 4. Woche am Boden der Mundbucht bildet, von einer frühembryonalen Leistung aus. Ihre Entwicklungsbewegungen sind u.a. Vorfunktionen des Sprechens. Ähnlich verhält es sich mit der Entstehung der Zahnkeime zu Beginn der 6. Woche:

„Bereits lange vor der Geburt stellen die Entwicklungsbewegungen der Zahnkeime als Leistung des ganzen Embryos ein Wachstumsbeißen dar. Erst viel später lernt das Kind das willkürliche Beißen.“ (BLECHSCHMIDT 1968, 104).

3.2.6 Die Haut

Die Haut entwickelt sich aus zwei morphologisch unterschiedlichen Schichten, der Epidermis und der darunterliegenden dickeren Bindegewebsschicht (Dermis) (vgl. MOORE 1996, 490 & TREPEL 1995, 290).

Die Rezeptorzellen der Haut entwickeln sich um die 5. Woche und nach BLECHSCHMIDT (1968, 92) bildet sich mit Beginn der 6. Entwicklungswoche der 1. Sinn, der taktile Sinn heraus, der die gesamte Hautoberfläche des Embryos umfaßt. Der Embryo sorgt durch den permanenten Kontakt über seine Haut, als Kontaktmembran, mit der uterinen Umgebung selbst für seine Entwicklungs- und Reifungsprozesse.

Untersuchungen, die in den fünfziger und sechziger Jahren von HOOKER (1952 in: PRECHTL 1989, 150) an operativ entfernten Embryos durchgeführt wurden, zeigten erstmals, daß bereits 5 ½ Wochen alte Embryos bereits auf Berührungen der Gesichtshaut mit Körperbewegungen reagieren. Die Mundpartie ist als erstes sensibel, andere Partien werden bis zur 7. Woche empfindlich. Handflächen, Fußsohlen und der Genitalbereich sind ebenfalls um diese Zeit auf Berührung ‚ansprechbar‘ (vgl. KRÜLL 1990, 34 & ZINKE-WOLTER 2000, 59).

In der 6.-8. Gestationswoche reagiert der Embryo bereits auf Reizungen der Nase, der Lippen und des Kinns und in der 13.-14. Woche kann man eine Berührungsempfindlichkeit des gesamten Körpers feststellen (vgl. ZIMMER 2000, 109, ZIMBARDO 1983, 113 & ZINKE-WOLTER 2000, 59). Die Berührungsempfindlichkeit entwickelt sich vom Kopf ausgehend nach unten zu den Extremitäten.

Bei dem Versuch, die Fußsohlen des Fötus durch die Bauchdecke der Mutter zu berühren, ließ sich bereits der taktile Fluchtreflex feststellen: der Fötus zog die Beine fluchtartig in eine gebeugte Position (vgl. ZINKE-WOLTER 2000, 59).

Die Haare, die zu den sogenannten Anhangsorganen der Haut gehören (vgl. TREPEL 1995, 289) werden um die 20. Woche sichtbar (vgl. MOORE 1996, 493).

„Zuerst treten die Haare an den Augenbrauen, Oberlippe und am Kinn auf. Diese äußerst feinen sog. Lagunahaare (lat. lana = feine Wolle) werden in der perinatalen Periode durch kräftigere, sog . Vellus- oder Wollhaare (lat. vellus = Schafwolle, gröberer Wolle) ersetzt.“ (ebenda).

3.3 Die pränatale Entwicklung der Motorik

Mit Hilfe moderner Ultraschallgeräte konnten DE VRIES, VISSER & PRECHTL (1982 in: PRECHTL 1989, 142) schon in der 5. Gestationswoche Eigenbewegungen,startles genannt, nachweisen (vgl. KRÜLL 1990, 35; TOUWEN 1993, 241f. & PRECHTL 1987, 1993 in: RAUH 1998, 175). BLECHSCHMIDT (1968, 39) hat bereits zum Ende des 2. Monats Eigenbewegungen des Embryos beobachtet und er spricht bei diesen Bewegungen von Wachstumsgreifen und Wachstumsstrampeln. Seine Annahme, daß die entstehenden Zug- und Druckkräfte an der Ausgestaltung der Muskeln und Knochen beteiligt sind, wurde durch ZINKE-WOLTER (2000, 67) bestätigt. Auch sie vertritt die These, daß nicht primär die Gene, sondern vielmehr die biophysikalischen Kräfte zur Ausgestaltung der Zellen beitragen (ebenda). Atembewegungen und Berührungen des Gesichts mit der Hand werden um die 10. Woche, Saug- und Schluckbewegungen um die 12. Woche beobachtet. Ab der 14. Woche läßt sich eine Zyklisierung der Aktivitäten erkennen (vgl. RAUH 1998, 175 & PRECHTL 1989, 142ff.). Die Bewegungen, die der Säugling im Mutterleib ausführt sind eine Art Vorbereitung auf sein Leben außerhalb des Uterus.

„Der Versuch eines Kleinkindes, sich aufzurichten, ist das Bemühen unter veränderten Umständen beizubehalten, was schon seit der dritten Embryonalwoche beim ersten Aufrichten mit typisch menschlicher Eigenart entwickelt worden ist.“ (BLECHSCHMIDT 1989, 154).

Die fötale Motorik besteht jedoch nicht nur aus antizipierenden Bewegungsmustern für postnatale Funktionen. Von einigen Bewegungen glaubt man, daß sie Funktionen im Uterus haben. Man nimmt an, daß das häufige Drehen des Fötus eine Verklebung mit dem Uterus verhindern soll.

„Eine der schönsten und – wenn man sie mit dem Ultraschall-Gerät beobachtet – eindrucksvollsten Bewegungen ist die Drehung des gesamten Körpers, entweder als Purzelbaum nach vorn oder rückwärts oder als Längsdrehung über die Seite.“ (KRÜLL 1990, 60).

Alle genannten Bewegunsmuster haben Einfluß auf die normale Entwicklung der Gelenke und Muskeln und auf die feinere Differenzierung des wachsenden Nervensystems (vgl. PRECHTL 1989, 144).

Der Entwicklungsverlauf der Bewegungen nimmt zwischen der 8.-10. Woche stark zu und bleibt dann bis zum Ende der Schwangerschaft und sogar darüber hinaus annähernd gleich. Das Bild vom zusammengekauerten, passiven und bewegungslosen Fötus ist demnach nicht länger haltbar (vgl. PRECHTL 1989, 146 ff.).

In sog. Aktogrammen können die einzelnen motorischen Aktivitäten eines 12 Wochen alten Fötus während einer einstündigen Beobachtung aufgezeigt werden. Bemerkenswert ist vor allem die Vielfalt der Bewegungen, die DE VRIES et al. (1982, 1985 in: PRECHTL 1989, 142ff.) feststellen konnten. Da diese motorischen Erfahrungen unter Mitwirkung des sich entwickelnden Gehirns ablaufen, geht KRÜLL (1990) davon aus, daß solche Erfahrungen auch heute noch in unserem Körpergedächtnis vorhanden sind. „Ein Gefühl des Schwebens und des schwerelosen Gleitens, das wir heute in unserer Realität oder im Traum genießen, hat seine Ursprünge in unserer fötalen Zeit.“ (KRÜLL 1990, 64). Nach BLECHSCHMIDT (1989, 119 ff.) ist in unserem Leib ein ‚Vorwissen‘, welches vor- bzw. unbewußt durch die pränatale Entwicklung in vielen Gesten veräußerlicht wird. Er betont weiter, daß Tasten und Greifen die leiblichen Vorerfahrungen in der Embryogenese bilden, die später die Basis für das ‚Begreifen‘ im geistigen Sinne darstellen.

In den letzen Wochen vor der Geburt nimmt die Aktivität des Fötus wegen des Platzmangels ab. Die Eigenbewegungen beschränken sich nun meist auf Arm-, Bein- und Kopfbewegungen und richten sich vorwiegend nach dem Tag- und Nachtrhythmus der Mutter, so daß der Säugling meistens Nachts motorisch aktiv ist (RAUH 1998, 175 & KRÜLL 1990, 64).

In der Entwicklungspsychologie sind die frühen motorischen Aktivitäten und die komplexen Bewegungsmuster des Fötus noch ungeklärt. Einerseits betrachtet sie diese als sogenanntes Epiphänomen, d.h. als Ausdruck der Aktivitätsaufnahme des jeweiligen sich gerade entwickelnden Systems. Andererseits werden einige Bewegungen des Embryos bzw. Fötus als Anpassungsfunktionen im momentanen Entwicklungsstadium angesehen.

„Sie können der intrauterinen Feinanpassung der Gehirnstrukturen und Synapsen sowie dem Abbau überschüssiger Neuronen und Verbindungen dienen, z.B. die parallelen Bewegungen der Augäpfel zur neuronalen Vorstrukturierung des beidäugigen Sehens oder die Bewegung der Gliedmaßen der Feinregulierung der Gelenke.“ (HALL & OPPENHEIM 1987 in: RAUH 1998, 175).

Andere Verhaltensmuster haben zwar keine adaptive Bedeutung, sind aber für die Vorbereitung vitaler Funktionen nach der Geburt überlebenswichtig. So können das Schlucken und die Atembewegungen in diesem Sinn als präadaptiv bezeichnet werden (vgl. ebenda). Hierbei stellt sich u.a. die Frage, ob eine frühe Inanspruchnahme der Atmungsaktivität bei Frühgeborenen eine besondere Konsequenz hat.

Auch hier ist eine eventuelle Beeinträchtigung der motorischen Aktivitäten in der intrauterinen Zeit bspw. durch Medikamenten- oder Drogeneinnahme der Mutter zu beachten.

3.4 Die pränatale Mutter-Kind-Beziehung

Während seiner Zeit im Mutterleib bildet das Kind gemeinsam mit seiner Mutter einen Organismus. Es erhält durch die Plazenta Nahrung, Hormone, Immunabwehrstoffe und Sauerstoff, jedoch auch Schadstoffe, Medizin etc. Es bewegt sich mit der Mutter, beide schlafen, essen oder rauchen gemeinsam (vgl. CHAMBERLAIN 1997, 33 & vgl. weiterführend VON LÜPKE 1988, 25ff.).

BRAZELTON & CRAMER (1991, 17) unterteilen die Schwangerschaft in drei psychologisch bedeutsame Stadien. Das erste Stadium stellt den Empfang der Nachricht über die Schwangerschaft mit ihren individuellen Wunsch- und Angstvorstellungen dar. Die zweite Phase, um den 5. Schwangerschaftsmonat ist gekennzeichnet durch die Auseinandersetzung der Mutter mit dem Ungeborenen als eigenständigem Wesen. Hier liegt nach BRAZELTON & CRAMER (1991, 25f.) der Ursprung der Mutter-Kind-Bindung. Die Bewegungen des Fötus sind deutlich spürbar, das Sehen des Ungeborenen über das Ultraschallgerät bedeutet einen starken Einfluß, das Ungeborene kann auditiv z.B. durch Vorsingen oder Musik hören stimuliert werden. Im dritten Stadium nimmt die Mutter ihr Baby immer mehr als Persönlichkeit wahr, sie kann sich auf bestimmte Verhaltensweisen, die sie auf das Temperament oder den Charakter zurückführt, verlassen (vgl. BRAZELTON & CRAMER 1991, 29ff.).

An die Möglichkeit, daß über die Mutter und ihre Wahrnehmung – ihre Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen – Einfluß auf das ungeborene Leben ausgeübt wird, haben die Menschen schon lange geglaubt. Bereits die Bibel schildert ein Ereignis, in dem ein Fötus auf Emotionen seiner Mutter reagiert. Es heißt im Neuen Testament: „Denn siehe, als ich die Worte deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe.“ (LUKAS 1; 44). Der Mythologie nahezu aller Völker lassen sich zahlreiche weitere Beispiele entnehmen, die hier nicht weiter vertieft werden sollen (vgl. hierzu auch MIETZEL 1995, 70ff.; JANUS 1991, 20ff. & OLSCHAK 1974, 127ff.).

In den letzten Jahrzehnten konnten die vielfältigen Einflüsse, die auf das Ungeborene einwirken, genauer erfaßt werden.[4] Seien dies nun mütterliche Virusinfektionen, Mangelerkrankungen, Alkohol, Nikotin oder Medikamentenabusus, Röntgen-strahlen oder Lärm (vgl. ROTTMANN 1974, 68).

Welche Rolle spielt nun inmitten dieser Wirkungsmöglichkeiten die gefühlsmäßige Lage der Mutter zur Schwangerschaft? Was bedeutet es für das noch ungeborene Kind, wenn es von der Mutter entweder willkommen geheißen oder abgelehnt wird? Diese Fragen legte ROTTMANN (1974, 68) seinen Untersuchungen über die mütterliche Einstellung zur Schwangerschaft und die fötale Entwicklung zugrunde, wobei er von der leiblich-seelischen Ganzheit des Menschen im allgemeinen und der biologischen Einheit von Mutter und Kind im besonderen ausging. Die bestimmte Grundhaltung der Mutter zu ihrem Kind wurde mit den Beobachtungen des Verhaltens der Neugeborenen am 3.–4. Tag verglichen. Die Säuglinge wurden auf ihre Motorik (Apathiesyndrom und Hyperaktivitätssyndrom), ihr Saugverhalten, Erbrechen und andere Merkmale hin untersucht, und es zeigten sich deutliche Verbindungen zwischen den Reaktionen der Kinder und der jeweiligen Einstellung der Mutter (vgl. KRÜLL 1990, 78 & ROTTMANN 1974, 70f.). Durch die Kombination verschiedener Skalenwerte ließen sich vier hypothetische Idealtypen von Müttern unterscheiden:

(1) Der Typus der idealen Mutter, die eine optimale, positive Einstellung zu Schwangerschaft, Geburt und zu Kindern hat; (2) die kühle Mutter, die ängstlich, depressiv und dabei aggressiv und unbeherrscht ist; (3) die ambivalente Mutter, die emotional labil und ängstlich, aber dennoch positiv zur Schwangerschaft eingestellt ist; und (4) die katastrophale Mutter, die offene Aggressivität und Reizbarkeit zeigte und die Schwangerschaft und das Kind explizit ablehnte (vgl. ROTTMANN 1974, 70f.). Von den Neugeborenen der Idealmütter erwies sich nur eines als auffällig. Die Säuglinge der katastrophalen Mütter wechselten von aphatischem Verhalten zu überaktivem Schreien. Die Kinder der ambivalenten Mütter zeigten häufiger Erbrechen und Überaktivität, während die Säuglinge der Mütter, die als kühl eingestuft wurden, sich deutlich weniger bewegten, aber auch kein Erbrechen oder Überaktivität aufwiesen (vgl. ROTTMANN 1974, 73ff.).[5] Nach FEDOR-FREYBERGH (1997) stellen „die pränatalen Lebensstadien eine einzigartige Gelegenheit zur Prävention psychologischer, geistiger und physischer Störungen im späteren Leben dar.“ (FEDOR-FREYBERGH 1997, 19f.).

Daß der Fötus von seiner Mutter untrennbar ist, kann nicht nur daran festgemacht werden, daß körperliche Betätigung, Lebensweise, Ernährungsverhalten, Streß oder emotionale Einstellung hormonell auf den Embryo bzw. Fötus übertragen werden. Sondern es existiert nach KRÜLL (1990) offenbar „eine Kommunikation zwischen der Schwangeren und ihrem ungeborenen Kind, für die wir keine rationale Erklärung haben.“ (KRÜLL 1990, 78). Ihrer Meinung nach sollte die Möglichkeit einer außersinnlichen Tiefenkommunikation zwischen Mutter und Kind nicht ausgeschlossen werden.

3.5 Praktische Folgerungen für die Betreuung von Schwangeren

Vorgeburtliche Erlebensvorgänge und ihre lebensgeschichtliche Wirkung sind in den einzelnen Kulturkreisen unterschiedlich dargestellt und verarbeitet worden. So gibt es besonders in Indien Traditionen zur Pflege der embryonalen Seele des werdenden Kindes. Auch in Indonesien, China und Japan gibt es keine Zäsuren zwischen Zeugung, Schwangerschaft und extrauterinem Leben (vgl. JANUS, 1991, 18). Im Kulturkreis der afrikanischen Mbuti, den TURNBULL (1983 in: JANUS 1991, 19ff.) beschreibt, ist eine herrschende Form der pränatalen Psychologie, die bis ins 18. Jahrhundert reicht, die Theorie des Versehens. Danach haben starke gefühlsbetonte Erlebnisse, Einbildungen und Beunruhigungen der Mutter psychische und physische Auswirkungen auf das vorgeburtliche Kind (vgl. TURNBULL 1983 in: JANUS 1991, 19ff. & vgl. weiterführend CAMPE 1985, 371).

Im westlichen Kulturkreis haben Vorbereitungskurse auf Geburt und Vorbereitung auf die Mutterschaft sowie Schwangerschaftsgymnastik und Haptonomie-Kurse ihren Einzug gehalten. Diese Angebote mit psychomotorischem Charakter ermöglichen es der werdenden Mutter eine Sensibilität für körperliche Signale und eine Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen (vgl. GAUDA 1995, 88 & VERNY 1997, 57).[6]

Eine von der werdenden Mutter seelisch mitgetragene Schwangerschaft ist die beste Vorbereitung für eine gute Geburt (vgl. JANUS & HAIBACH 1997, 10). Die Integration ambivalenter Gefühle gegenüber der Schwangerschaft und eventuelle psychotherapeutische Unterstützung der werdenden Mutter, sowie der sichere Umgang mit dem eigenen Körper in der Schwangerschaft, sind förderlich für die organische und emotionale Entwicklung des Kindes (vgl. GAUDA 1995, 88f.; VERNY 1997, 57 & JANUS 1997, 37f.).

Nicht nur affektive, sondern auch sensomotorische Lernvorgänge des Kindes können in der Schwangerschaft positiv beeinflußt werden. AYRES (1984, 254) und JANUS (1997, 41) betonen, daß aufgrund der Funktionsfähigkeit des Gleichgewichtssystems des Kindes ab dem 3. Monat. Schaukeln in dieser Zeit positive Einflüsse im Sinne einer besseren Haltungsentwicklung des Kindes hat.

„Da die Gleichgewichtsinformation und die Auseinandersetzung mit der Schwerkraft einen elementaren Einfluß auf die spätere Hirnentwicklung und der Verarbeitung von Sinneseindrücken haben, ist es gut, wenn diese Systeme so früh wie möglich bereits im Mutterleib gefördert werden.“ (AYRES 1984, 254).

3.6 Zusammenfassung

Das aus der Befruchtung hervorgegangene Individuum ist von Anfang an ein eigenes Lebewesen mit enormen Entwicklungspotentialen und Reaktionsmöglichkeiten, das auf den verschiedenen Entwicklungsstufen seines pränatalen Seins in unterschiedlicher Weise sich selbst und seinen Umweltbezug reguliert. Die Erkenntnis, daß Sinnesempfinden, Motorik und affektives Erleben sich vor der Geburt sehr dynamisch entwickeln, wurde dargestellt, um eine Vorstellung des pränatalen-psychologischen Zusammenhangs zu vermitteln.

Der bereits beginnende Dialog in utero zwischen dem Embryo/Fötus und seiner Umwelt, insbesondere mit der Mutter, ist das biologische Grundprinzip eines offenen Systems, welches mit seiner Umwelt eine Einheit bildet, von ihr empfängt und an sie abgibt. Sind alle für das Leben außerhalb des Uterus notwendigen Funktionen nicht bereits in utero gut genug entwickelt, ‚startet‘ das Neugeborene extrauterin bereits mit einem Entwicklungsdefizit, besonders hinsichtlich seiner Fähigkeit zur Selbstregulation. Nach der Geburt werden die Zusammenhänge, was die Fähigkeit zur Selbstregulation bedeutet, noch deutlicher. Einsichten in diese Verhältnisse zu gewinnen, ist für die therapeutisch und psychomotorisch Arbeitenden von großer Bedeutung.

4. Die Geburt

Ungefähr 266 Tage (ca. 40 Wochen) nach der Konzeption kommt das Kind zur Welt. Kinder mit einem Gestationsalter von unter 37 Wochen gelten als frühgeboren, Kinder mit einem Gestationsalter von über 42 Wochen bezeichnet man dagegen als spätgeboren. Das Alter ab der Geburt wird entweder Lebensalter oder chronologisches Alter genannt. Als Neugeborenenperiode bezeichnet man die ersten vier extrauterinen Lebenswochen, wobei die ersten sieben Tage nochmals als frühe Neugeborenenperiode besonders hervorgehoben werden (vgl. RAUH 1998, 178).

„Die Zeit unmittelbar nach der Geburt ist der Teil des Lebens außerhalb des Mutterleibes, der die nachhaltigsten Eindrücke hinterläßt. Was einem Baby dann begegnet, ist für sein Gefühl das Wesen des Lebens selbst, so wie es sein wird. Jeder spätere Eindruck kann, in höherem oder geringerem Maße, jenen ersten Eindruck lediglich modifizieren.“ (LIEDLOFF 1999, 53).

Nach MAUGER (1997, 95f.) hat bei der Geburt, die Art wie die Mutter diesen Vorgang erfährt, ebenso wie der Verlauf der Niederkunft selbst, weitreichende Implikationen sowohl für das künftige Leben der Mutter als auch für die künftige Entwicklung des Säuglings.

Die Annahme, daß durch die Geburt die Entwicklung unterbrochen wird, ist nicht haltbar (vgl. MILANI-COMPARETTI 1982 in: BURMEISTER 1989, 134). Die Geburt ist ein einschneidendes Geschehen, da mit dem stattfindenden Umgebungswechsel auch eine komplizierte Umstellung einhergeht. Diese Umstellung betrifft den Kreislauf und die Temperaturregelung, die Atmung, die unmittelbar nach der Geburt zum erstenmal vollzogen wird, die Anpassung an die Erdanziehungskraft und die veränderten Sinneseindrücke (vgl. SCHACHINGER 1987, 157ff. & ZINKE-WOLTER 2000, 67f.). Innerhalb der ersten zehn Minuten werden die Anpassungsleistungen des Neugeborenen in dem sog. APGAR-Index erfaßt.[7]

In der „sensiblen Phase“ (KLAUS & KENNELL 1987 in: RAUH 1998, 183), die bis zu mehrere Stunden nach der Geburt anhält, entsteht zwischen Mutter und Kind das sogenannte bonding. Bei leichter Berührung der Wangen sucht das Neugeborene sofort nach der Brust der Mutter, und in den Trinkpausen nimmt der Säugling intensiven Kontakt zur Mutter auf, wobei glänzende Augen und die Umrisse des menschlichen Gesichts den Säugling am meisten ansprechen. Dieser Vorgang ist besonders bedeutsam für die Mutter-Kind-Beziehung (vgl. KRÜLL 1995, 125, ZIMBARDO 1983, 138f.; BRAZELTON & CRAMER 1991, 70f. & vgl. hierzu auch Abschnitt 5.7).

4.1 Die Bedeutung der prä- und perinatalen Risiken für die psychologische Entwicklung

Zu möglichen Spätwirkungen prä- und perinataler Risiken gibt es eine Reihe von Längsschnittuntersuchungen, die überwiegend besagen, daß – außer bei sehr wenigen Kindern mit frühzeitigen Hirnschädigungen –

„weder das Ausmaß der Frühgeburtlichkeit, noch das Geburtsgewicht, noch die Schwere der perinatalen Komplikationen, noch das pädiatrische Untersuchungs-ergebnis bei der Entlassung aus dem Krankenhaus, jeweils für sich genommen, irgendeine Prognose auf den Entwicklungsstand etwa mit fünf Jahren erlauben, ... .“ (RAUH 1998, 181).

„Alle biologischen Prozesse und Zustände sind das Ergebnis eines Zusammenspiels zahlloser Faktoren.“ (MERKER 1987, 119). Beachtet werden müssen zur Entstehung von biologischen Risikofaktoren für die psychologische Entwicklung des Kindes die Mutter, das Kind, die Plazenta, der Vater, die Umwelt und die genetische Basis. Eine Häufung biologischer Risiken vor und während der Geburt kann sich in perzeptuell-motorischen, kognitiven, sprachlichen und einer Häufung von Verhaltensproblemen auswirken. Allgemein kann gelten: Je früher der Schaden, desto folgenreicher. Die Wirkungen biologischer Risiken sind eher kurzfristig, wenn auch mitunter lebensbedrohlich, und sie wirken eher auf motorische und kognitive als auf soziale Bereiche (vgl. RAUH 1998, 181).

Aktuelle Untersuchungen von LAUCHT, ESSER & SCHMIDT (2000, 2 des Online-Dokuments) zeigen, daß prä- und perinatale Komplikationen vor allem die motorische und kognitive Entwicklung beeinträchtigen, sich die Auswirkungen familiärer Belastungen auf kognitive und sozial-emotionale Funktionen auswirken. Beide Risiken addieren sich in ihren negativen Konsequenzen, so daß multipel belastete Kinder die größten Entwicklungsbeeinträchtigungen zeigen.

Von größerer Bedeutung für die spätere Entwicklung sind jedoch die psychosozialen Risikofaktoren. Dabei spielen nach ROTTMANN (1974, 68ff.) die Einstellung der Mutter zum Kind und zur Schwangerschaft und erhebliche Persönlichkeitsprobleme, sowie Unwissenheit und Ängstlichkeit der Mutter und negative Erwartungen an das Kind eine große Rolle (vgl. RAUH 1998, 181& vgl. hierzu auch Abschnitt 3.4). Die Wirkungen der psychosozialen Risikofaktoren sind eher langanhaltend und chronisch, sie wirken sich primär im kognitiven und sozialen Bereich aus und werden daher erst in der späteren Entwicklung erkennbar (vgl. weiterführend HAU 1974, 99ff.).

EMERSON (1997, 136) beschreibt, daß pränataler Streß u.a. die Inzidenz von Geburtstraumen erhöht. So können Geburtstraumen und geburtshilfreiche Eingriffe psychische Auswirkungen im Bezug auf Störungen der Mutter-Kind-Bindung, Komplexe im Bereich der Kontrolle, der Produktivität und Grenzen, Macht-komplexe sowie Schocksyndrome, Sucht und Ich-Störungen auslösen (vgl. EMERSON 1997, 136ff. & 144).

4.2 Zusammenfassung

Die pränatale Psychologie zeigt mit ihren Erkenntnissen, daß die Geburt von dem Säugling nicht nur körperlich, sondern auch affektiv erfahren wird. In ihrem Ablauf ist die Geburt für eventuelle Risikofaktoren und in ihrer Wirkung auf die spätere Entwicklung bedeutend. Als Teil einer kontinuierlichen Entwicklung ist die Geburt eine natürliche Ereignisfolge und sollte als eine solche ablaufen können. Nur so vermag sie zu einer positiven Erfahrung zu werden, bei der Mutter und Kind zusammenwirken können und die Wahrnehmungs- und psychische Welt des Kindes nicht gestört wird.

5. DIE POSTNATALE ENTWICKLUNG

Bereits das Neugeborene besitzt ein reiches Verhaltensrepertoire, dessen Ursprünge in der pränatalen Zeit liegen. Zu diesem Repertoire gehören Bewegungsweisen, die lange vor der Geburt entstehen und sich im Verlauf des ganzen Lebens nicht mehr ändern, wie etwa das Sich-Strecken und Gähnen. Die Wahrnehmungsfähigkeiten und insbesondere motorischen Fähigkeiten des Säuglings sind zwar sehr begrenzt und wenig flexibel, aber in überlebenswichtigen Situationen erstaunlich effektiv.

Die postnatale Entwicklung des Kindes im ersten Lebensjahr ist gekennzeichnet durch die motorischen Veränderungen, wie bspw. das Verlieren der Reflexe, das Erlernen des Greifens und Laufens und weitere motorische Veränderungen. Zusätzliche Entwicklungsschritte in dieser Zeit sind der Aufbau von Bindungen, die Entwicklung des Selbst und des Selbstempfindens sowie die Präzision der Sinneswahrnehmung.

In keiner Zeit des Menschseins wird das, was die Entwicklung kennzeichnet, so deutlich sichtbar und erlebbar wie in dem ersten Lebensjahr eines Kindes.

5.1 Das Neugeborenenverhalten

Die Forschungsergebnisse der neueren Säuglingsforschung zu den Wahrnehmungsfähigkeiten und Verhaltensmöglichkeiten des Neugeborenen zeigen ein Verhaltensrepertoire auf, dessen Vorgeschichte bereits in utero beginnt.

Auch wenn das menschliche Neugeborene im Vergleich zu den meisten Säugetieren retardiert und unreif ist und sein motorisches Repertoire nach PRECHTL (1989, 142) bis zum Ende des 2. Lebensmonats noch als weitgehend fötal charakterisiert wird, sind es doch eher die Schwierigkeiten im Umgang mit den Äußerungsformen des jungen Säuglings, die PORTMANN (1956, 7f.) den Menschen als eine „physiologische Frühgeburt“ bezeichnen lassen.

Ein entscheidender Mechanismus in diesen Entwicklungsprozessen ist die Kopplung der verschiedenen fötalen Bewegungsmuster an auslösende Reize. Spielt es vor der Geburt keine Rolle, wann der Fötus bspw. saugt und trinkt, so ändert sich dieses nach der Geburt schlagartig. Saugbewegungen sind dann an den auslösenden Reiz (Anblick der Brustwarze) gekoppelt (vgl. PRECHTL 1989, 151).

5.1.1 Das Saugen und seine psychologische Bedeutung

BLECHSCHMIDT (1968, 44) bezeichnet die Einnistung des Blastocysten in die Gebärmutterschleimhaut am 3. Tag als erste Saugtätigkeit. „Das Ansaugen ist ein frühes, noch unentwickeltes ‚Säuglingsverhalten‘“. Ab der 25.-28. Woche hat der Fötus präadaptiv intrauterin amniotische Flüssigkeit geschluckt und somit bedarf es keinen weiteren Lernens, wenn der Säugling Nahrung über die Flasche oder die Mutterbrust aufnimmt. HALL & OPPENHEIM (1987 in: RAUH 1998, 187) haben die psychologische Bedeutung des Saugens genauer untersucht, und das Schlucken von Nahrung (feeding behavior) vom Saugen (sucking) unterschieden.

Für die entwicklungspsychologische Forschung ist die kognitive Verarbeitung des Saugens von besonderer Bedeutung. Die Methode des high-amplitude sucking bedient sich der Orientierungsreaktion der Säuglinge, um bspw. ihre Wahrnehmungs-fähigkeiten zu untersuchen (vgl. RAUH 1998, 188 & DORNES 1999, 36). Die Orientierungsphase, in der sich der Säugling einem bestimmten Stimulus zuwendet und das Saugen unterbricht, sich der Herzschlag und die Atmung verlangsamen, sich die Pupillen weiten und die Gehirndurchblutung sich erhöht, wird abgelöst von der Verarbeitungsphase. Herz- und Atemfrequenz steigen wieder an, und der Säugling intensiviert seine ‚Saugschübe‘. Durch Wiederholungen der Reize wird die Verarbeitungsphase abgeschwächt; man spricht von der Habituierung (vgl. hierzu auch Abschnitt 2.2).

Neben der Nahrungsaufnahme und der kognitiven Verarbeitung, dient das Saugen auch der Balance zwischen Erregung und Beruhigung. Ist diese Erregungsmodulation gestört, kommt es nicht selten zu erheblichen Wachstums-beeinträchtigungen, was sich u.a. auf die geistige Entwicklung auswirken kann (vgl. RAUH 1998, 188).

5.1.2 Das Nachahmungsverhalten von Neugeborenen

Wie METZLOFF & MOORE (1977 in: RAUH 1998, 190) berichten und seither mehrfach repliziert werden konnte, wurde ein kognitionspsychologisch besonders interessantes Phänomen, das Nachahmungsverhalten von Neugeborenen und jüngeren Säuglingen beobachtet. So konnte gezeigt werden, daß Neugeborene mimische Gesten eines Modells, wie das Herausstrecken der Zunge und das Bewegen des Kopfes, überzufällig häufig mit ähnlichen Gesten beantworten. Diesem frühen Nachahmungsverhalten scheint ein aktives Bemühen zugrunde zu liegen, die eigene, nur propriozeptiv wahrnehmbare Mimik mit der visuellen Vorlage zur Deckung zu bringen. Nach METZLOFF & MOORE (1994 in: GOPNIK et al. 2000, 47) verfügt das Kind über eine amodale oder supramodale Repräsentationsweise. Es werden unabhängig vom sensorischen Informationskanal Informationen gespeichert, die für mehrere Handlungskanäle zugleich zugänglich sind.

Das Nachahmungsverhalten nach PIAGET (1969, 60f.) zeigt einen Entwicklungsverlauf beginnend mit einem Vorlauf in den ersten 4 Monaten, in denen hauptsächlich die Eltern das Kind imitieren, woraufhin das Kind das Imitierte nachahmt und so ein kommunikativer Kreisprozeß beginnt. Das Verhalten wird zwischen 5-8 Monaten deutlicher nachgeahmt, sofern es dem Verhaltensrepertoire des Kindes entspricht. Meistens handelt es sich hierbei um Lall-Laute, die von dem Erwachsenen vorgemacht werden (vgl. hierzu auch PAPOUŠEK 1994, 112ff.).

Mit ungefähr 8 Monaten werden neue Elemente, die das Kind gesehen bzw. gehört hat, aktiv integriert, wobei eigenes Nachahmungsverhalten und das Verhalten des Vormachers über den gleichen Sinneskanal verglichen werden. Mit Ende des ersten Lebensjahres ist es in der Lage, Grimassen und Mimik nachzuahmen ohne eine visuelle Kontrolle zu haben (vgl. RAUH 1998, 190).

Nach STERN (2000, 199) gibt das Imitationsverhalten keinerlei Auskunft über die Gefühle des Kindes bzw. des Vormachers. Damit ein affektbezogener Austausch erfolgen kann, muß die Bezugsperson in der Lage sein, das Verhalten des Säuglings richtig abzulesen. Außerdem muß die Bezugsperson ein transmodales Verhalten zeigen, d.h. es darf keine strikte Nachahmung erfolgen, und drittens muß der Säugling erkennen, daß die korrespondierende Reaktion mit seinem eigenen Gefühlszustand in Verbindung steht (vgl. hierzu auch Abschnitt 6.2.3.1).

5.1.3 Die Ablösung des Neugeborenenverhaltens

Die Ablösung des Neugeborenenverhaltens mit 2-4 Monaten wird von vielen Entwicklungspsychologen als ein bedeutender Einschnitt in der Entwicklung des Säuglings gesehen (vgl. STERN 2000, 61; DORNES 1999, 81 & RAUH 1998, 201).

Das Neugeborene ist bereits mit erstaunlichen Kompetenzen und protosozialen Verhaltensweisen (z.B. Interesse für Gesichter, Nachahmung, Interesse für Sprach-stimuli, Anschmiegsamkeit, Sich-besänftigen-lassen) ausgestattet (vgl. RAUH 1998, 201). Ist in den ersten 2 Lebensmonaten noch des fötale Bewegungsrepertoire vorherrschend, wird dieses nach und nach durch die Verhaltensmuster ersetzt, die für das Kleinkind typisch werden (vgl. PRECHTL 1989, 151).

Physische und motorische Veränderungen des Säuglings werden deutlich. Er verliert eine Reihe seiner motorischen Reflexe, wie z. B. die Schreitreaktion, den Greifreflex und das automatische Kriechen. Die tonischen Nackenreflexe vermindern sich, und die Atem- und Saugtechnik ändert sich ebenfalls (vgl. TIETZE-FRITZ 1995, 26ff. & RAUH 1998, 201ff.). Bewegungsmuster wie bspw. die Kopfkontrolle, welche in Bauchlage reflexartig in den ersten Lebenswochen beginnt, kann mit ungefähr 3 Monaten sicher willkürlich aufrechterhalten werden, wobei der Säugling sich auf die angewinkelten Unterarme stützt (Sphinxstellung). In Rückenlage wird der Kopf in dieser Zeit nicht mehr zur Seite fallen. Auch die Beugemuster der Arme und Beine lassen nach und mit 3 ½ Monaten werden die Rollbewegungen differenzierter (vgl. HOLLE 1988, 24).

[...]


[1] Zur Geschichte der Entwicklungsdiagnostik vgl. SCHÖNPFLUG (2000, 394ff.).

[2] Nach HAECKELS (1866 in: BLECHSCHMIDT 1968, 47ff.) Vorstellung ist die individuelle Geschichte, die ein Organismus durchläuft, eine kurz gedrängte Wiederholung der Phylogenese.

[3] Die genaue Herkunft dieser Plakode ist nicht geklärt; es wird vermutet, daß sowohl Zellen des Hautektoderms als auch des Neuroektoderms bei ihrer Bildung beteiligt sind (vgl. MOORE 1996, 480).

[4] Die Teratogenese, die Entstehung von Fehlbildungen, ist in der Embryologie ein weites Feld und sie beinhaltet die genetischen und umweltbedingten Auswirkungen auf die embryonale und fötale Entwicklung (vgl. hierzu auch MOORE 1996, 159ff.).

[5] Daß die uterine Zeit und die Mutter-Kind-Bindung durch soziale und emotionale Einflüsse geprägt sind, zeigen diese und ähnliche Untersuchungen. (vgl. weiterführend die Längsschnittbeobachtungen der Psychoanalytikerin Alessandra PIONTELLI 1987 in: JANUS 1991, 45ff.). Vgl. weiterführend HAU (1974, 99ff.), die sich mit den prä- und perinatalen Milieufaktoren als Ursache für die Beunruhigung der Nachkriegsgeneration befaßt hat.

[6] Zur pränatalen Stimulierung und Bindung vgl. VAN DE CARR & LEHRER (1992 in: CHAMBERLAIN 1997, 33).

[7] Der APGAR-Index bezieht sich auf die Hautfärbung, Gleichmaß der Atmung, Muskeltonus, Reflexauslösbarkeit und Herzschlag bzw. Pulsfrequenz (vgl. PSCHYREMBEL 1994, 91f.).

Ende der Leseprobe aus 155 Seiten

Details

Titel
Konzepte der neueren Säuglingsforschung und ihre Bedeutung für die Psychomotorische Therapie - eine Literaturstudie
Hochschule
Deutsche Sporthochschule Köln  (Institut für Prävention und Rehabilitation)
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
155
Katalognummer
V2958
ISBN (eBook)
9783638117753
Dateigröße
970 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Säugling, Psychomotitik, Entwicklungspsychologie, Selbstkonzept, Empryologie
Arbeit zitieren
Melanie Sachs-Kamenz (Autor), 2001, Konzepte der neueren Säuglingsforschung und ihre Bedeutung für die Psychomotorische Therapie - eine Literaturstudie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2958

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