Die Rahmenbedingungen und Aufgabenfelder der Beschaffungsfunktion von Unternehmen haben sich in den letzten Jahren enorm verändert. Lange Zeit galt der traditionelle Einkauf vor allem als interner Dienstleister für andere Funktionsbereiche im Unternehmen mit rein dispositiven und operativen Tätigkeiten, die auf die Erzielung einer kurzfristigen Materialkostensenkung ausgerichtet waren. Die Erfahrungen mit einem als „Kostenoptimierer“ agierenden Einkauf haben gezeigt, dass Lieferanten dem hohen Preisdruck auf Dauer nicht Stand halten und Abstriche in Flexibilität und Qualität, Lieferengpässe und Lieferantensterben die Folgen sind. Hinzu kam, dass die industrielle Entwicklung zahlreiche neue Herausforderungen wie die zunehmende Globalisierung, eine rasante EDV-Entwicklung zur lieferantenübergreifenden Zusammenarbeit oder die gestiegenen Kundenanforderungen durch den Wandel vom Verkäufer- zum Käufermarkt bis hin zur Individualisierung der Produkte mit sich brachte. Diese Entwicklungen und die Tatsache, dass der Wert zugekaufter Waren, Güter und Leistungen deutscher Unternehmen in 2010 bei 42% des Unternehmensumsatzes lag, verdeutlicht, warum der Beschaffung heutzutage eine hohe strategische Bedeutung zukommt.
Die Beschaffungsfunktion hat sich daher in vielen Unternehmen zu einem maßgeblichen Unternehmensprozess entwickelt, der verstärkt vom Management wahrgenommen wird. Die Aufgabe der modernen Beschaffung ist es, durch den zielgerichteten Aufbau von langfristigen, strategischen Partnerschaften mit den besten Lieferanten als Wertgestalter aktiv den Produktentstehungsprozess zu optimieren. Die Auswahl der „richtigen“ Partner erfordert ein systematisches Lieferantenmanagement, das neben dem Preis weitere Auswahlkriterien wie die Qualität, die Flexibilität, die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit und das Entwicklungspotenzial der Lieferanten heranzieht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Lieferantenmanagement - Einleitung und Aktualität
1.2 Zielsetzung dieser Arbeit und Vorgehensweise
2 Strategisches Lieferantenmanagement
2.1 Begriffsdefinition und Einordnung des Lieferantenmanagements
2.2 Ziele des Lieferantenmanagement
2.3 Aufbau des Lieferantenmanagement
3 Teilprozesse im Lieferantenmanagement
3.1 Lieferantenvorauswahl
3.2 Lieferantenanalyse und -bewertung
3.3 Lieferantenauswahl und -controlling
3.4 Steuerung der Lieferantenbeziehungen
4 Umsetzung des Lieferantenmanagement
4.1 Analyse der Lieferantenstruktur
4.1.1 Lieferantensegmentierung mit der ABC-Analyse
4.1.2 Lieferantensegmentierung mit der Portfolioanalyse
4.2 Ableitung von Normstrategien
5 Schlussbetrachtung
5.1 Zusammenfassung und kritische Reflexion
5.2 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit zielt darauf ab, auf Basis des aktuellen Forschungsstandes das strategische Lieferantenmanagement zu systematisieren und die praktische Anwendung durch lieferantentypspezifische Normstrategien aufzuzeigen.
- Methodische Grundlagen des Lieferantenmanagements
- Prozessschritte von der Identifikation bis zur Steuerung
- Einsatz der ABC-Analyse zur Strukturierung der Lieferantenbasis
- Portfolio-Analyse als Instrument zur Segmentierung von Beschaffungsobjekten und -quellen
- Ableitung praxisrelevanter Normstrategien für unterschiedliche Lieferantenklassen
Auszug aus dem Buch
4.1.2 Lieferantensegmentierung mit der Portfolioanalyse
Bei der mehrdimensionalen Lieferantensegmentierung werden unternehmensinterne Kriterien mit externen Kriterien des Beschaffungsmarktes verknüpft, um eine differenzierte Klassifizierung der Lieferanten zu erhalten. Die ursprünglich aus der Finanztheorie stammende Methode der Portfolio-Analyse ist ein anerkanntes Verfahren zur Abgrenzung strategischer Erfolgs- und Handlungsfelder des Lieferantenmanagement und kann zur Analyse von Beschaffungsgütern und -quellen eingesetzt werden.
Das Beschaffungsgüterportfolio nimmt anhand des Einkaufsvolumens und dem Versorgungsrisiko des jeweiligen Beschaffungsgutes eine Einstufung in vier Materialarten vor. Strategische Materialien wie System- bzw. Modulkomponenten sind komplexe Beschaffungsobjekte, die über monopolartige Lieferantenstrukturen bezogen werden und eine hohe Leistungsfähigkeit und umfangreiches Know-how des Lieferanten erfordern. Engpassmaterialien sind weniger komplexe Beschaffungsgüter mit einem geringen Einkaufsvolumen, wodurch Lieferanten eine höhere Verhandlungsmacht erlangen und abnehmerseitig eine Lagerhaltung notwendig wird. Bei Hebelmaterialien spricht man ebenfalls von einfachen Standardkomponenten, die zwar ein hohes Einkaufsvolumen vorweisen, aber von etlichen Zulieferern beschafft werden können. Bei den Standardmaterialien handelt es sich um einfache Teile bzw. Materialien mit einem geringen Einkaufsvolumen und etlichen Anbietern, die einen relativ hohen Administrationsaufwand verursachen.
Das Beschaffungsquellenportfolio setzt das Entwicklungspotenzial eines Lieferanten ins Verhältnis zu dessen Angebotsmacht und leitet entsprechend der jeweiligen Ausprägungen vier Lieferantenklassen ab. Strategische Lieferanten zeichnen sich durch einen hohen Integrationsgrad aus, da sie eine quasi Monopolstellung innehaben und ein umfassendes Produktions- und Prozess-Know-how benötigen. Sie sind die einzige Lieferantenklasse mit der eine langfristige Partnerschaft angestrebt wird. Engpasslieferanten besitzen ebenfalls eine hohe Angebotsmacht, allerdings sind die Know-how Anforderungen und Einkaufsvolumen für die Lieferanten oft so gering, dass sie Desinteresse an einer Zusammenarbeit haben. Hebel- und Standardlieferanten besitzen aufgrund eines hohen Lieferantenwettbewerbs eine geringe Angebotsmacht, daher ist eine Lieferantenintegration abhängig von den lieferantenspezifischen Know-how Anforderungen kurz- bis mittelfristig orientiert oder wird ganz unterlassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Beschreibt die veränderten Rahmenbedingungen im Einkauf und definiert die Relevanz eines systematischen Lieferantenmanagements als strategischer Erfolgsfaktor.
2 Strategisches Lieferantenmanagement: Erläutert die begriffliche Einordnung, die kurz- und langfristigen Zielsetzungen sowie den generellen Aufbau des Managements innerhalb des Beschaffungsprozesses.
3 Teilprozesse im Lieferantenmanagement: Detailliert die sieben Schritte von der ersten Lieferantenvorauswahl über die Analyse und Bewertung bis hin zur laufenden Steuerung der Beziehungen.
4 Umsetzung des Lieferantenmanagement: Konkretisiert die Anwendung durch die ABC-Analyse und die Portfolio-Analyse zur Segmentierung sowie die darauf basierende Ableitung von Normstrategien.
5 Schlussbetrachtung: Reflektiert die methodische Vorgehensweise kritisch und skizziert das Fazit sowie zukünftige Entwicklungen im Bereich der Lieferantenkooperation.
Schlüsselwörter
Lieferantenmanagement, Strategischer Einkauf, Beschaffungsmanagement, ABC-Analyse, Portfolioanalyse, Normstrategien, Lieferantensegmentierung, Lieferantenbewertung, Wertschöpfungskette, Versorgungssicherheit, Beschaffungsmarktanalyse, Lieferantensteuerung, Lieferantenintegration, Wettbewerbsvorteile, Lieferantenbasis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt das strategische Lieferantenmanagement als einen zentralen Geschäftsprozess zur Gestaltung und Entwicklung von Lieferantenbeziehungen, um externe Erfolgspotenziale für das Unternehmen zu erschließen.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Zu den Schwerpunkten zählen die Einordnung des Lieferantenmanagements in den Beschaffungsprozess, die Segmentierung von Lieferanten mittels mathematischer und strategischer Modelle sowie die Ableitung spezifischer Handlungsstrategien.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, den Aufbau und die Ziele des Lieferantenmanagements darzustellen und eine methodische Grundlage für die Umsetzung sowie die lieferantentypspezifische Ableitung von Normstrategien zu schaffen.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse und nutzt bewährte betriebswirtschaftliche Instrumente wie die ABC-Analyse zur Mengengliederung und die Portfolio-Analyse zur strategischen Klassifizierung von Beschaffungsobjekten und Lieferanten.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der sieben Teilprozesse des Lieferantenmanagements sowie die detaillierte Darstellung der Analyse der Lieferantenstruktur als Basis für strategische Entscheidungen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Lieferantensegmentierung, Beschaffungsmarktanalyse, Normstrategien, Lieferantenbewertung und wertorientierte Gestaltung von Lieferbeziehungen.
Wie unterscheidet sich die ABC-Analyse von der Portfolioanalyse in diesem Kontext?
Während die ABC-Analyse eine eindimensionale Klassifizierung primär auf Basis des Beschaffungsvolumens vornimmt, ermöglicht die Portfolio-Analyse eine mehrdimensionale Betrachtung unter Einbeziehung von Versorgungsrisiken, Angebotsmacht und Entwicklungspotenzialen.
Warum wird zwischen verschiedenen Lieferantenklassen unterschieden?
Die Einteilung in Klassen wie strategische Lieferanten, Hebel- oder Engpasslieferanten ist notwendig, um für jede Gruppe eine individuelle und effiziente Normstrategie festzulegen, da die Bedeutung für das Unternehmen und die Komplexität der Beschaffung stark variieren.
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- Martin Hagemann (Author), 2014, Strategisches Lieferantenmanagement. Aufbau, Ziele und lieferantentypspezifische Ausrichtung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295825