Animation im Dokumentarfilm. Apologie für eine neue Ästhetik am Beispiel „Waltz with Bashir“


Hausarbeit, 2014

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 ‚Macharten‘DZ Dokumentar- und Animationsfilme

3 Waltz with Bashir: Ein animierter Dokumentarfilm

4 Lev Manovichs „Digital Cinema“

5 Funktion und Berechtigung der Animation im Dokumentarfilm Waltz with Bashir
5.1 Folmans dokumentarische Motive
5.2 Formale Betrachtung der Visualität
5.3 Ästhetik der Schlussszene

6 Abschließende Zusammenfassung

Quellenverzeichnis

„WALTZ WITH BASHIR ist ein Film aus einer Zeit, in der das fotografische Bild nicht mehr als Abbild der Realität gelten kann, und in der die große Erzählung der Fernsehnachrichten keine Orientierung mehr bietet. Der Film ist ein Ver- such, Wirklichkeit komplexer und ehrlicher zu erfassen […Ǿ.“1

1 Einleitung

Die Einführung der Digitalität im Film veränderte das Medium gravierend. Es brachte unzählige neue Möglichkeiten mit sich, welche sich in neu entstehenden Arten von Filmen zeigten. Eine dieser ungewöhnlichen Ausprägungen der digi- talen Filmgeschichte ist der animierte Dokumentarfilm, welcher Untersu- chungsgegenstand dieser Arbeit sein wird. Im Speziellen wird sich die Analyse um WALTZ WITH BASHIR (ISR/F/D 2008) drehen. In diesem Werk des Regisseurs Ari Folman verschmelzen Animation und Dokumentation. Dabei stellt sich die Frage, ob diese auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen, vielleicht sogar kon- trären filmischen Ausprägungen überhaupt zueinander passen.

Um dieser übergeordneten Thematik nachzugehen, ist es zielführend, die Wertigkeit von Realbildern, welche in gewöhnlichen Dokumentationen verwendet werden, gegenüber animierten Bildern zu beurteilen. Aufgrund der unterschiedlichen Herstellungsweisen und Eigenschaften der Bildarten fragt man sich, ob im Zeitalter der Digitalität Realbilder wirklich einen höheren Realitätsgrad vorweisen, als Animation. Wäre dem so, dann müsste man dem animierten Dokumentarfilm eigentlich kritisch gegenüberstehen.

Um die angestrebten Erkenntnisse zu erhalten, wird diese Arbeit mit der Er- arbeitung der dafür notwendigen Grundlagen beginnen. Zunächst werden Do- kumentarfilm und Animation kurz untersucht und einige Feststellungen zu deren Wirkungen, Zielen und Definitionen angestellt. Im Anschluss folgt eine Besprechung des Films WALTZ WITH BASHIR, an dessen Beispiel die genannten Fragestellungen erarbeitet werden sollen. Dabei inbegriffen ist eine Inhaltszu- sammenfassung und einige Fakten zur Produktionsweise, welche schließlich in eine Vorstellung des animierten Dokumentarfilms münden. Kapitel 4 führt schließlich einigen Thesen des Medientheoretikers Lev Manovich auf, die zum weiteren Vorgehen nützlich sein werden und eine Grundlage bilden. Im um- fangreichen Schlusskapitel werden dann Argumente gesammelt, welche die Berechtigung der Animation im Dokumentarfilm anhand des genannten Bei- spielfilms aufzeigen werden. Wie wirkt WALTZ WITH BASHIR auf den Rezipien- ten, und warum wurde er als Animation produziert? Zunächst wird auf die Intention des Regisseurs eingegangen, bevor im Anschluss die formale Gestal- tung des Films allgemein und im Besonderen der Schlussszene untersucht wird. Dabei werden immer wieder Vergleiche zu Realbildern angestellt.

2 ‚Macharten‘: Dokumentar- und Animationsfilme

Einführend seien einige Feststellungen zu den beiden dem animierten Doku- mentarfilm zugrunde liegenden filmischen Ausprägungen getroffen. Die Inten- tion eines gewöhnlichen Dokumentarfilms besteht im Grunde darin, die Wirk- lichkeit möglichst unverfälscht und realitätsnah in Bild und Ton wiederzuge- ben. Schließlich soll eine Dokumentation erfolgen. Um mit dieser für ein größe- res Publikum auch einen gewissen Unterhaltungswert bieten zu können, sollten „Möglichkeiten der Nachvollziehbarkeit und der emphatischen Nähe der Rezi- pienten zu Protagonisten und Ereignissen“2 angestrebt werden. Ein Anima- tionsfilm hat dagegen für den Rezipienten immer fiktionalen und artifiziellen Charakter, jedenfalls wenn er seine Künstlichkeit nicht vollständig hinter einem Realbildeindruck verstecken kann. Dabei ist von Realbildern abweichende Animation allgemein besonders gut dazu geeignet, Zuschauer zur Eigeninter- pretation anzuregen, z. B. durch detailarm dargestellte Filmfiguren.3

Häufig werden Animations- und Dokumentarfilm als Gattung4 oder teilweise auch als Genre kategorisiert. Ein Animationsfilm kann aber in vielen Genres existieren, ebenso ist eine Gattung auf diese Weise schwer zu definieren. Im Hinblick auf besondere Ausprägungen, wie z. B. den animierten Dokumentar- film, erscheint es sinnvoller, Filme nach ihrer Verwendung (z. B. Spiel- und Do- kumentarfilm) und Herstellungsweise (Real- und Animationsfilm) zu unter- scheiden.5 Außerdem sollte man im Zeitalter der Digitalität, statt animierte Fil- me als eigene Gattung anzusehen, Animationen und Realbilder vielmehr in ihrer Hybridität gleichberechtigt betrachten. Dies wiederum bedingt, eher den Begriff ‚Machart‘ für Dokumentationen zu präferierenDZ „[…Ǿ [W]e should per- haps take documentary to mean a ‘mode‘ of filmmaking, as opposed to a style or genre […Ǿ.”6

3 WALTZ WITH BASHIR: Ein animierter Dokumentarfilm

Der Dokumentarfilm hat durch die Digitalität einen starken Wandel erfahren. Er sucht neue Wege und Darstellungsmöglichkeiten, es „[…Ǿ werden Themen erzählbar und nachvollziehbar gemacht, die sonst im Dokumentarfilm kaum ihren Platz gefunden hätten.“7 Ari Folmans WALTZ WITH BASHIR (ISR/F/D 2008) ist einer von diesen Filmen, die die Grenzen des Dokumentarischen neu auslo- ten. Er handelt von der Suche des Regisseurs nach seinen eigenen Erinnerungen aus der Zeit des Libanonkrieges 1982, den Folman als israelischer Soldat mit- erlebt hat. Ausgelöst durch ein Gespräch mit Boaz, einem Freund Folmans, der damals ebenfalls im Krieg diente, suchen den Regisseur Flashbacks vom Krieg heim, und er erkennt, dass er große Teile seiner Erinnerungen daran verloren oder verdrängt hat. Daraufhin beginnt er mit der Rekonstruktion der Ereignisse und seiner eigenen Rolle im Libanonkrieg. Dazu führt er während des Films Interviews und Gespräche mit mehreren Personen (Abb. 1), dar- unter Zeitzeugen, wie Bekannte Folmans, andere Soldaten und Kriegsreporter, sowie eine Psycho- login. Nach und nach setzen sich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Interview in WALTZ WITH BASHIR so seine Erinnerungen wieder zu- (01:03:55), Namenseinblendung oben rechts im Stil sammen, zugleich werden aber klassischer Dokumentarfilme.

auch die Erzählungen seiner Ge- sprächspartner aus dieser Zeit dokumentiert. Im Besonderen erschließt sich für Folman im Laufe des Films die Bedeutung einer immer wiederkehrenden Traumsequenz und damit seine Rolle beim Massaker von Sabra und Schatila. Alle Personen und deren berichtete Erinnerungen in WALTZ WITH BASHIR sind real. Hervorzuheben, weil ungewöhnlich für eine Dokumentation, ist die Bildästhetik: Der Film besteht vollständig aus animierten Illustrationen, lediglich die Schlussszene, nicht viel länger als eine Minute, zeigt reale Filmaufnahmen von Toten und Trauernden des erwähnten Massakers.

WALTZ WITH BASHIR wurde sehr aufwendig in sieben Schritten produziert. Nach der vorangegangenen Recherche wurde auf dessen Grundlage das Dreh- buch erstellt, welches, als Basis des Films, im Anschluss verfilmt wurde. Dies schloss die Interviews sowie die dramaturgischen Umsetzungen der Erzählun- gen ein, welche sich auch in der finalen Filmfassung abwechseln. Aus der Vor- lage des Videos wurde ein detailliertes Storyboard angefertigt, welches dann wiederum in ein Videoboard, eine auch Animatic genannte Vorform der Ani- mation, umgesetzt wurde. Nach Abnahme des Animatic erstellten professionel- le Illustratoren die Zeichnungen, welche schlussendlich zur abschließenden Animation dienten.8

Dabei ist festzuhalten, dass digitale Bilder bei der Produktion eine essenzielle Rolle einnahmen. WALTZ WITH BASHIR ist ein digitaler Animationsfilm. Darüber hinaus handelt es sich jedoch gleichermaßen um eine Dokumentation. Folmans Werk wird deshalb neben PERSEPOLIS (F 2007) häufig als bekanntester Vertreter des animierten Dokumentarfilms, kurz Animadok, genannt.9 Einen Grund für die Entstehung dieser besonderen Dokumentations-Gruppe kann man darin sehen, dass „[dǾas Vertrauen in den Abbildcharakter von Wirklichkeit im Do- kumentarfilm seit den 90er Jahren durch die digitale Bildbearbeitung […Ǿ zu- sätzlich in Frage gestellt [wirdǾ.“10 Die dokumentarische ‚Machart‘, um beim Begriff aus dem vorangegangenen Kapitel zu bleiben, bedient sich heute zu- nehmend alternativer Mittel, wie z. B. der Animation, um ihrer Funktion als Vermittler der Wirklichkeit weiter gerecht werden zu können. Anders herum erschließt sich mittlerweile aber auch die Animation in Filmen zunehmend neue Formen und strebt öfter realitätsnahe Darstellungen an, als in der Anfangszeit der großen digitalen Animationsfilme; WALTZ WITH BASHIR kann als Beispiel für postmoderne Verwendung von Animation gesehen werden.11

Auf den ersten Blick stehen sich die Intentionen dokumentarischer und animier- ter Filme im Weg: Erstere zielen auf Realitätsnähe, Authentizität und Überzeu- gung ab, während letztere bewusst auf das natürliche Aussehen des Abgefilm- ten verzichten und durch Abstraktion ein offensichtlich künstlich erzeugtes Bild schaffen.

„[…Ǿ [Y]ou cannot have an animated film that is anything less than com- pletely ‘created.‘ The frame-by-frame production process means that an- imation is the most ‘interventionist‘ of modes; and some would argue, this level of intervention […Ǿ means that it cannot adequately represent the real—which should be one of the defining features of documentary. Yet … animation is a mode perfectly suited to documentary produc- tion.”12 /13

Im Grunde genommen hat Animation im Dokumentarfilm eine lange Geschich- te, denn Animationssequenzen, produziert mithilfe verschiedenster Filmtechni- ken, haben ihren Platz in Dokumentationen schon lange gefunden.14 Die Frage, wie man Animadok definiert, würde an dieser Stelle zu weit führen. Festzuhal- ten ist, dass es sich bei dem Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit um einen digitalen, abendfüllenden, komplett animierten15 Dokumentarfilm handelt. Die Bezeichnung als ‚dokumentarischer Animationsfilm‘ wäre hierbei irreführend, da bei WALTZ WITH BASHIR eindeutig das Wesen des Dokumentarfilms im Vor- dergrund steht, er aber nicht in die Abteilung des klassischen Animationsfilms eingeordnet werden kann.

4 Lev Manovichs „Digital Cinema“

Um für die nachfolgende Besprechung und Bewertung der Animation in WALTZ WITH BASHIR eine Grundlage zu schaffen, seien zunächst exemplarisch einige zielführende Anmerkungen des renommierten Medientheoretikers Lev Manovich aufgeführt. In seinem Aufsatz „What is Digital Cinema“ (1995) be- fasst er sich mit den Veränderungen, die die Digitalität des modernen Kinos und Animation in der Theorie mit sich bringen. Manovich legt dar, dass Anima- tion in der Filmproduktion einen festen Platz gefunden hat. Anders als früher ist es durch Computertechnik heute möglich, Filmszenen komplett ohne die Existenz einer physischen Realität zu erzeugen. Folglich stellen Realaufnahmen nicht mehr das einzig mögliche Ausgangsmaterial zur Filmproduktion dar. Des Weiteren reduzieren sich Realbilder - wenn sie, wie mittlerweile üblich, digital vorliegen - durch ihre Pixel-Form auf dieselbe Ebene, wie manuell hergestelltes Bildmaterial.

[...]


1 Schwebel (2010, S. 117).

2 Marlog (2013, S. 354).

3 Vgl. Mikos (2008, S. 26).

4 etwa in: Hickethier (2007, S. 206).

5 Vgl. Böhn & Seidler (2008, S. 107f.).

6 Saunders (2010, S. 15).

7 Marlog (2013, S. 354).

8 Vgl. Wulff (2009).

9 Vgl. zu Hüningen (2014).

10 Hoffmann (2012a, S. 31).

11 Vgl. Peaslee (2011, S. 227f.).

12 Ward (2006, S. 85), zitiert nach: Peaslee (2011, S. 224f.).

13 Auf die Gründe und Belege für die abschließende Behauptung wird in Kapitel 5 ein- gegangen.

14 Vgl. Hoffmann (2012b, S. 181ff.).

15 Abgesehen sei von der Schlusssequenz in Realbildern.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Animation im Dokumentarfilm. Apologie für eine neue Ästhetik am Beispiel „Waltz with Bashir“
Hochschule
Universität Regensburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V295838
ISBN (eBook)
9783656937777
ISBN (Buch)
9783656937784
Dateigröße
1157 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
animation, dokumentarfilm, apologie, ästhetik, beispiel, waltz, bashir
Arbeit zitieren
Benjamin Weigl (Autor), 2014, Animation im Dokumentarfilm. Apologie für eine neue Ästhetik am Beispiel „Waltz with Bashir“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295838

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