Das Denken und die zentralen Begrifflichkeiten des französischen Philosophen Michel Foucault (1926-1984) haben mittlerweile Eingang in nahezu alle Einzelwissenschaften und ihre Subdisziplinen gefunden. Im Besonderen gilt dies für den von Foucault ab Mitte der 1960er-Jahre entwickelten Diskursbegriff, der fraglos als „das zentrale Etikett“ des Foucault’schen Denkens bezeichnet werden kann und der von traditionsreichen Disziplinen wie beispielsweise der Literatur- oder die Geschichtswissenschaft ebenso aufgegriffen wurde wie von eher neueren Forschungsrichtungen wie zum Beispiel der postkolonialen Theorie.
Genau diese Verbindung von Foucaults Diskursbegriff und postkolonialer Theorie bildet den Mittelpunkt dieser Arbeit. Ihr Ziel ist es, anhand Edward Saids Studie „Orientalismus“ exemplarisch und in groben Gründzügen die Rezeption des Foucault’schen Diskursbegriffs in der postkolonialen Theorie nachzuzeichnen. Saids im Jahr 1978 erschienene Abhandlung bietet sich als Untersuchungsgegenstand insbesondere deshalb an, weil sie als „Gründungsdokument der postkolonialen Studien“ (Castro Varela/Dhawan 2005) und als „eine Art Startsignal für die postcolonial studies“ (Hofmann 2012) angesehen wird und somit unstreitig eines der bedeutendsten Werke postkolonialer Theorie darstellt.
Was sind die zentralen Charakteristika von Michel Foucaults Diskursbegriff? Und auf welche Weise und mit welchem Ziel wurde dieser von Edward Said in seiner Studie „Orientalismus“ innerhalb der postkolonialen Theorie rezipiert? Zur Beantwortung dieser beiden Forschungsfragen werden zunächst gerafft die zentralen diskurstheoretischen Überlegungen Michel Foucaults dargestellt. Dafür wird schwerpunktmäßig auf seine Abhandlung „Die Ordnung des Diskurses“ zurückgegriffen, da diese innerhalb seines Werkes als „eine der informativsten Schriften zum Thema Diskurs“ (Ruoff 2013) gilt. Anschließend wird herausgearbeitet, wie Edward Said den Diskursbegriff Foucaults in „Orientalismus“ aufgreift und was er damit erklären kann. Hierbei wird die Studie auch in den Kontext der postkolonialen Theorie eingebettet. Abschließend werden die wesentlichen Erkenntnisse der vorliegenden Arbeit komprimiert zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Diskursbegriff Michel Foucaults
2.1 Der Diskurs bei Michel Foucault – Eine Annäherung
2.2 Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses
3. „Foucault postkolonial“ – Edward Saids Analyse orientalistischer Diskurse
3.1 Was ist postkoloniale Theorie – und was ihr Forschungsinteresse?
3.2 Edward Said: Orientalismus
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, anhand von Edward Saids wegweisender Studie „Orientalismus“ exemplarisch aufzuzeigen, wie Michel Foucaults Diskursbegriff in der postkolonialen Theorie rezipiert wurde. Dabei soll untersucht werden, welche Erklärungsmöglichkeiten dieser theoretische Ansatz für die Analyse sozialer Phänomene und der Produktion von Machtverhältnissen eröffnet.
- Grundlagen des Foucaultschen Diskursbegriffs
- Machtmechanismen und die Ordnung des Diskurses
- Einführung in die postkoloniale Theorie
- Kritische Analyse von Edward Saids „Orientalismus“
- Verbindung von diskurstheoretischer Analyse und postkolonialer Forschung
Auszug aus dem Buch
3.2. Edward Said: Orientalismus
Edward Said (1935-2003) – der in den britischen Kolonien Palästina und Ägypten aufwuchs und sich zeit seines Lebens als „Orientale“ bezeichnete, wenngleich er mit 16 Jahren in die USA emigrierte und dort bis zu seinem Tod lebte – vertritt in seiner postkolonialen Studie „Orientalismus“ („Orientalism“) die provokante These, dass der Orient „keine simple Naturgegebenheit“ ist, sondern vom Okzident bewusst konstruiert wurde, um ein defizitäres Gegenbild gegenüber dem Westen zu erschaffen und sich somit in Abgrenzung zum Orient selbst besser definieren und die okzidentale Hegemonie aufbauen und aufrechterhalten zu können. Okzident und Orient stehen somit seit jeher nicht in einem Verhältnis der Gleichheit zueinander, sondern in einem hierarchischen Verhältnis, in einem „politischen Herr-Knecht-Verhältnis“, das auf seiten des Westens durch Macht, Dominanz und Herrschaftsansprüche geprägt ist.
Said definiert den Begriff Orientalismus in seiner Studie als Erscheinung, die drei miteinander in Beziehung stehende Formen annehmen kann: Der Orientalismus als akademische Disziplin beschäftigt sich mit allgemeinen oder speziellen Fragen des Orients, während sich der Orientalismus als Denkweise auf eine ontologische und epistemologische Unterscheidung zwischen „dem Orient“ und „dem Okzident“ stützt. Aus diesen beiden Komponenten resultiert der Orientalismus als institutioneller Rahmen für den Umgang mit dem Orient, als „westlicher Stil, den Orient zu beherrschen, zu gestalten und zu unterdrücken“.
Anknüpfend an Michel Foucault fasst Said diesen westlichen Stil der Orientbeherrschung – und damit den Orientalismus – als Diskurs auf: „Ich behaupte [...], dass man den Orientalismus als Diskurs auffassen muss, um wirklich nachvollziehen zu können, mit welcher enorm systematischen Disziplin es der europäischen Kultur in nachaufklärerischer Zeit gelang, den Orient gesellschaftlich, politisch, militärisch, ideologisch, wissenschaftlich und künstlerisch zu vereinnahmen – ja, sogar erst zu schaffen“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Herausforderungen der Foucault-Rezeption ein und erläutert das Ziel der Arbeit, die Verbindung zwischen Foucaults Diskursbegriff und Edward Saids postkolonialer Analyse nachzuzeichnen.
2. Der Diskursbegriff Michel Foucaults: Dieses Kapitel nähert sich Foucaults Diskursverständnis und erläutert anhand der Schrift „Die Ordnung des Diskurses“ die Mechanismen, durch die Macht und Wissen in Diskursen miteinander verknüpft sind.
3. „Foucault postkolonial“ – Edward Saids Analyse orientalistischer Diskurse: Hier wird postkoloniale Theorie definiert und aufgezeigt, wie Edward Said Foucaults Konzept nutzt, um den Orientalismus als einen Diskurs zu dekonstruieren, der zur Aufrechterhaltung westlicher Hegemonie diente.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont den Erkenntnisgewinn durch die Anwendung von Foucaults Instrumentarium auf die postkoloniale Theorie sowie die anhaltende Relevanz dieses Ansatzes.
5. Literaturverzeichnis: Auflistung aller im Text verwendeten wissenschaftlichen Quellen und Werke.
Schlüsselwörter
Michel Foucault, Diskursbegriff, Postkoloniale Theorie, Edward Said, Orientalismus, Macht, Wissen, Hegemonie, Diskursanalyse, Okzident, Orient, koloniale Herrschaft, Wissensproduktion, Repräsentation, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretische Verbindung zwischen Michel Foucaults Verständnis von Diskurs und Macht und deren Anwendung durch Edward Said in seinem Hauptwerk „Orientalismus“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Diskursanalyse nach Foucault, die postkoloniale Theorie und die kritische Dekonstruktion europäischer Sichtweisen auf den „Orient“.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuzeichnen, wie Edward Said den Foucaultschen Diskursbegriff rezipiert hat, um zu erklären, wie westliche Kulturen den Orient als defizitäres Gegenbild konstruiert und beherrscht haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoriegeleitete Analyse, die Foucaults diskurstheoretische Überlegungen mit dem Ziel einer exemplarischen Anwendung auf die postkoloniale Studie von Edward Said verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst Foucaults Diskurs- und Machtverständnis (insbesondere „Die Ordnung des Diskurses“) dargelegt und anschließend die postkoloniale Theorie sowie Saids „Orientalismus“-Studie im Kontext dieser Theorie erörtert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Diskurs, Macht, Wissen, Postkolonialismus, Orientalismus, Hegemonie und Identitätskonstruktion.
Wie definiert Edward Said den „Orientalismus“?
Said versteht den Orientalismus als einen institutionellen Rahmen, als einen „westlichen Stil, den Orient zu beherrschen, zu gestalten und zu unterdrücken“, der den Orient erst diskursiv erschafft.
Warum ist Foucaults Diskurskonzept für die postkoloniale Theorie so wichtig?
Foucaults Ansatz bietet ein Instrumentarium, um zu zeigen, dass koloniales Wissen nicht objektiv war, sondern als spezifische Herrschaftsstrategie zur Aufrechterhaltung okzidentaler Hegemonie diente.
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- Christian Rohm (Author), 2014, Der Diskursbegriff Michel Foucaults und seine Rezeption in der postkolonialen Theorie in Edward Saids "Orientalismus", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295886