"Es is ned wie’s kimmt...es is wie man’s nimmt!". Konstruktiver Umgang mit Gewalt und Konflikten im stationären Kontext


Hausarbeit, 2013
54 Seiten, Note: Gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Gewalt
2.1. Erscheinungsformen von Aggression und Gewalt

3. Entstehung von Gewalt
3.1. Entstehungszusammenhänge

4. Gewalt in allen Lebensbereichen
4.1. Frustration
4.1. Nachahmung
4.1. Störendes Verhalten bewährt sich

5. Gewaltkreislauf nach J. Lempert

6. Bedürfnisse nach Maslow

7. Konflikte
7.1. Die neun Stufen der Konflikteskalation nach F. Glasl
7.2. Die drei Hauptphasen
7.3. Definition des „sozialen Konfliktes“ nach Glasl
7.4. Zusammenfassung Konflikte nach Friedrich Glasl

8. Konfliktarten im stationären Kontext
8.1. Konflikte der Jugendlichen mit der Einrichtung
8.2. Konflikte zwischen den Jugendlichen
8.1. Konflikte zwischen Jugendlichen und MitarbeiterInnen
8.2. Konflikte zwischen den MitarbeiterInnen

9. Konflikte - Bedrohung oder Chance?

10. Methoden der Konfliktbearbeitung
10.1. Gewaltfreie Kommunikation
10.2. Neue Autorität und gewaltloser Widerstand
10.3. Deeskalierende Kommunikation
10.4. Beispiele zur effektiven deeskalierenden Kommunikation
10.5. Leichtigkeit, Lockerheit und Lachen

11. Resümee

Literaturverzeichnis

Kurzfassung

Ausgangspunkt dieser Arbeit sind die latenten Formen von Gewalt und deren Folgewirkungen im gesellschaftlichen und insbesondere im Kontext der sozialpädagogischen Arbeit in stationären Einrichtungen.

Im ersten Teil befasse ich mich mit der Definition und den Erscheinungsformen von Aggression und Gewalt. Ich lege darin dar, dass man unterscheiden muss, zwischen naturgegebener und evolutionär entwickelter Gewalt. (gewaltig ≠ gewalttätig)

Behandelt werden die diversen Erscheinungsformen von Aggression und Gewalt, deren Entstehung und Zusammenhänge. Des Weiteren beleuchte ich sowohl die alltägliche Gewalt, wie auch jene, die anerzogen und antrainiert ist. Speziell im Kontext der in der stationären Jugendbetreuung erfahrenen Gewaltpotentiale und deren Vorbeugung, Vermeidung sowie Bekämpfung.

Konflikte und deren Lösung (Lösungsansätze) bilden den dritten Teil der Arbeit.

Nach der Frage von kommunikatorischen Entstehungen und dazugehörigen Lösungsansätzen richtet sich der letzte Teil der vorliegenden Arbeit.

Den Abschluss bildet ein Resümee, welches meine eigenen Ideen und Gedanken beinhaltet.

1. Einleitung

Die Darstellung, dass die Entstehung und Ausübung von Gewalt nichts „Gottgegebenes“, sondern vielmehr ein Produkt unterschiedlichster soziokultureller Erfahrungen bildet, beschreibt den Inhalt der vorliegenden Arbeit, die ich durch umfangreiche literarische Recherche und persönliche Erfahrungen vervollständigt habe.

Mein besonderes Interesse an der Thematik wurde geweckt als ich zum ersten Mal bei einer Rauferei zwischen zwei Jugendlichen an meine Grenzen stieß. Ich war nicht darauf vorbereitet und daher schnell überfordert. Wie sollte ich reagieren? Was braucht ein junger Mensch in einem Moment wo die Kontrolle verloren geht und die einzige Lösung vermeintlich in Gewalt besteht? Im Zuge meiner Ausbildung lernte ich Jugendliche kennen, die die Anwendung von Gewalt oft als einzige Konfliktlösungsstrategie kannten. Viele von ihnen waren aber gerne bereit alternative, gewaltfreie Lösungsmöglichkeiten anzunehmen und diese zu erproben.

Während meines Berufspraktikums in Weikersdorf wurde mir klar, dass sozialpädagogische Arbeit meist langsam geschieht und es keine „Sofortlösung“ für Gewalt und Konflikte gibt.

Fragestellung und Zielsetzung:

In der Zusammenarbeit mit den verschiedenen HelferInnensystemen habe ich die Erfahrung gemacht, dass, wenn es zu einer Eskalation kam, immer sowohl die Jugendlichen als auch die pädagogischen Fachkräfte mit ihrer eigenen Persönlichkeit daran beteiligt waren. Dadurch ergeben sich für mich folgende Fragen zu diesem Thema: Was bringt mich aus der Fassung? Welche Grundvoraussetzungen sind für sozialpädagogische Fachkräfte erforderlich um einen Konflikt erfolgreich steuern zu können?

Durch meine Arbeit in der mobilen Betreuung, während meiner beiden Langzeitpraktika in zwei verschiedenen Jugendwohnhäusern, aber auch in meiner ehrenamtlichen Tätigkeit als Bewährungshelferin kam für mich immer wieder die Frage nach Handlungsmöglichkeiten bei Konflikten, einerseits zwischen den Jugendlichen selbst und andererseits zwischen Jugendlichen und deren Betreuerinnen und Betreuern auf.

In dieser Arbeit werde ich folgende Fragestellung behandeln:

Welche Konfliktbewältigungsstrategien stehen sozialpädagogischen Fachkräften zur Verfügung? Wie entsteht Gewalt und in welchem Fall gilt es Gewalt zu begrenzen oder auszuschließen und wann ist es förderlich die Situation „gesteuert“ eskalieren zu lassen, um eine sichere ungeplante Eskalation zu vermeiden und eine Klärung und Weiterentwicklung zu ermöglichen?

„ Betrachte Konflikte immer als

ein Aufeinanderprallen von Ideen,

nicht von Menschen. “

Robert Kegan

2. Definition Gewalt

Der Begriff Gewalt stammt von „walten“ und hat somit die ursprünglich neutrale Bedeutung „etwas bewirken zu können“. Im heutigen Sprachgebrauch hingegen hat das Wort eine meist negative Bedeutung. Im Lateinischen wird die negative Form von Gewalt („violentia“) noch von der positiven Gewalt („potestas“) unterschieden, was sich im heutigen Englisch in „violence“ und „power“ wieder findet (Gewalt-online.de: Der Gewaltbegriff).

„Gewalt, die Anwendung von physischem oder psychischem Zwang gegenüber Menschen. Gewalt umfasst 1) die rohe, gegen Sitte und Recht verstoßende Einwirkung auf Personen (lateinisch violentia), 2) das Durchsetzungsvermögen in Macht- und Herrschaftsbeziehungen (lateinisch potestas) […]“ (Der Brockhaus 1998, S. 262).

„Durch skandalisierende Medienberichterstattung hat das Thema Jugendgewalt seit den 1990er Jahren öffentliche Konjunktur. die dadurch evozierten Ängste führen zu verstärkten Forderungen nach Sicherheit, Kontrolle und pädagogischer Prävention. Historisch betrachtet scheint diese öffentliche Aufmerksamkeit allerdings zyklisch wiederzukehren: in den 1950er Jahren waren es die Krawalle der Halbstarken bzw. Rocker, in den 1960er Jahre die protestierende Studentenbewegung, und in den 1980er Jahre Autonome, Punks und Hausbesetzer“ (vgl. Mansel/Raithel 2003: 7, zit. nach Ecarius/Eulenbach/Fuchs/Walgenbach, 2011, S.190).

Dieser Hinweis sollte allerdings nicht die Sorge um rechtsextreme Gewalt Jugendlicher relativieren, welche die Thematisierung von Jugendgewalt in den 1990er Jahren maßgeblich motivierte. […] Das qualitativ Neue an den Diskursen über Jugendgewalt seit Ende der 1980er Jahre ist allerdings, dass nun nicht mehr spezifische Tätergruppen im Fokus stehen sondern Jugendliche bzw. Schüler insgesamt (Ecarius/Eulenbach/Fuchs/Walgenbach 2011, S.191).

2.1. Erscheinungsformen von Aggression und Gewalt

Bründel und Hurrelmann definieren Gewalt folgendermaßen:

- Physische Gewalt , die Schädigung und Verletzung eines anderen durch körperliche Kraft und Stärke.
- Psychische Gewalt , die Schädigung und Verletzung eines anderen
durch Abwendung, Ablehnung, Abwertung, durch Entzug von Vertrauen, durch Entmutigung und emotionales Erpressen.
- Verbale Gewalt , die Schädigung und Verletzung eines anderen durch
beleidigende, erniedrigende und entwürdigende Worte.
- Sexuelle Gewalt , die Schädigung und Verletzung eines anderen durch
erzwungene intime Körperkontakte oder andere sexuelle Handlungen, die dem Täter die Befriedigung eigener Bedürfnisse ermöglichen.
- Frauenfeindliche Gewalt , die physische, psychische, verbale oder
sexuelle Form der Schädigung und Verletzung von Mädchen und Frauen, die unter Machtausübung und in diskriminierender und erniedrigender Absicht vorgenommen wird.
- Fremdenfeindliche und rassistische Gewalt , die physische,
psychische und verbale Form der Schädigung und Verletzung eines anderen Menschen aufgrund seiner ethnischen Zugehörigkeit, seines Aussehens oder seiner Religion (Bründel und Hurrelmann 1994, S.23f).
- Cybermobbing

„Was ist Cyber-Mobbing?

Der aus dem Englischen abgeleitete Begriff ‚Mobbing‘ bedeutet angreifen, anpöbeln, schikanieren. Der Wortteil ‚Cyber‘ weist dabei auf elektronische Kommunikationsmittel wie Internet, Chatrooms, Instant Messaging oder Handy hin. Unter ‚Cyber-Mobbing‘ versteht man das Schikanieren anderer Menschen mit Hilfe elektronischer Medien über einen längeren Zeitraum“ (Karls 2010, S.22).

„Was treibt Jugendliche dazu, Andere zu mobben?

Die Anlässe sind vielfältig und stimmen oft mit denen des realen Mobbings überein. So können Konflikte in Gruppen der Auslöser sein: In der Community wird der ‚Klassenstreber‘ verspottet oder Freundschaften brechen auseinander und aus Rache werden bloßstellende Fotos veröffentlicht. Auch Langeweile und interkulturelle Konflikte zwischen verschiedenen Nationalitäten sind zu nennen.

Ebenso versuchen Täter dabei ihre Macht Anderen gegenüber zu demonstrieren. Oder das Gegenteil ist der Fall, man will seine eigenen Ängste überspielen. Manchen Tätern dient das Mobbing auch als Ventil für angestaute Aggressionen.

Das Mobben via Internet und Handy fällt vielen Tätern außerdem leichter, da sie den Opfern nicht direkt gegenüberstehen, sondern die elektronischen Geräte eine Distanz schaffen. Die Täter sehen nicht, was sie beim Opfer bewirken und schätzen ihre ‚Späße‘ daher oft selbst harmloser ein“ (Karls 2010, S.25).

Ein Beispiel aus der Praxis:

Kevin, Alex und Lukas sind hängen seit einiger Zeit gerne zusammen in der WG ab. Lukas und Alex sehen sich als die „Coolen“, was sie mit ihrer Kleidung und den neuesten Handys, die sie von ihren Eltern bekommen, zum Ausdruck bringen.

Kevin besitzt diese „Statussymbole“ nicht. Er versucht, sich durch diverse Mutproben bei den anderen Jungs zu profilieren.

Eines Tages wird das Fahrrad eines Lehrers gestohlen und in der WG gefunden. Der Lehrer und die BetreuerInnen befrage Kevin, Alex und Lukas. Kevin (der das Rad geklaut hat) schiebt die Schuld auf Alex und Lukas. Die beiden sind wütend und schlagen zurück.

Heimlich fotografieren sie Kevin beim Duschen. Sie besorgen sich Kevins Zugangsdaten und stellen das Bild auf seinem Facebook-Profil ein. Die Beiden fühlen sich im Recht - schließlich hat Kevin sie beschuldigt. Was sie mit dieser Aktion angerichtet haben, wird ihnen aber erst nach vielen Gesprächen mit Kevin und ihren BetreuerInnen klar.

„ Jede Rohheit hat ihren Ursprung in einer Schwäche. “

Lucius Annaeus Seneca

3. Entstehung von Gewalt

3.1. Entstehungszusammenhänge

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Gewalt und ihre Entstehungszusammenhänge (vgl. Weidner, Kilb, Jehn 2010)

„Entstehungsbedingungen im familialen Bereich:

- Stress im familialen Zusammenhang entsteht oft durch Arbeitslosigkeit, die mit wirtschaftlichen Problemen einhergeht.
- Konflikte zwischen den Eltern
- mangelnde Erziehungskompetenzen
- ambivalentes Erziehungsverhalten der Eltern
- autoritäre Erziehungsmethoden
- fehlende „Nestwärme“
- Gewaltausübung seitens der Eltern und/oder der Geschwister“ (Petermann zit. nach: Weidner, Kilb, Jehn 2010, S. 42)

„Entstehungsbedingungen von Gewalt im schulischen Bereich:

- zu hoher Leistungsdruck
- Leistungsversagen
- Schulunlust
- Langeweile und Unterforderung
- schlechtes Schulklima (schwieriges Lehrer-Schüler-Verhältnis, schlechter kollegialer Umgang unter den Lehrern etc.)
- schlechtes Klassenklima (Peer-Groups, Konkurrenzen, Mobbing, etc.)
- Gefühle von Normlosigkeit/Distanz zu schulischen Wertestrukturen/Regelverletzungen
- Fremdbestimmung, fehlender Lebensweltbezug im Unterricht

In der Schuluntersuchung Tillmanns wird dabei zwischen sogenannter

‚importierter‘ und ‚selbst produzierter‘ Gewalt differenziert“

(Holtappels/Tillmann zit. nach: Weidner, Kilb, Jehn 2010, S.42).

Diese Ebenen fördern zwar Gewalt, müssen sie aber nicht unbedingt auslösen.

4. Gewalt in allen Lebensbereichen

4.1. Frustration

„Aggression und Gewalt in körperlicher, verbaler, sexistischer und rassistischer Ausprägung entsteht, wenn ein Mensch über einen langen Zeitraum seines Lebens gedemütigt wird und Erniedrigungen erlebt. Sie entsteht auch, wenn besonders die Erfahrungen aus der Mißhandlung und dem Mißbrauch im Familienbereich ausweisen, wenn ein Mensch über einen langen Zeitraum zum Opfer geworden ist. […] Aggression und Gewalt in den verschiedenen Erscheinungsformen entsteht weiterhin, wenn schon Kinder und Jugendliche sich als Verlierer in einer

Wettbewerbsgesellschaft empfinden und keine klaren

Entfaltungsperspektiven für ihre soziale und berufliche Zukunft vor sich sehen. […] Sie machen die Erfahrung, diesen Spielregeln nicht entsprechen zu können, und geraten darüber in eine Frustrationssituation“ (Bründel und Hurrelmann 1994, S.251ff.).

Abraham H. Maslow ging davon aus, dass der Mensch von Natur aus gut ist und sich selbst entfaltet. "Destruktivität, Gewalt, Grausamkeit sind keine ureigenen menschlichen Bedürfnisse wie etwa bei Freud, sondern wesentliche

Reaktionen auf Frustrationen unserer eigenen Bedürfnisse (vgl. arbeitsblaetter.stangl-taller.at).

Der durch Frustration ausgelöste Trieb motiviert zu Gewalt, wobei sich diese nicht unbedingt gegen den/die Urheber/in der Frustration wenden muss. Gewalt ist deshalb oft auch ein Ersatz für schulischen, beziehungsweise beruflichen Erfolg. Wenn Jugendliche sich die benötigte Anerkennung nicht in der Schule, im Beruf, im privaten oder familiären Umfeld holen können, versuchen sie diese durch Gewalttaten zu bekommen.

4.1. Nachahmung

„Alles Verhalten, auch das aggressive, ist gelernt. Gerade im Bereich Familie wurde deutlich, in welchem Ausmaß Kinder Verhaltensweisen von Eltern oder älteren Geschwistern übernehmen, auch wenn sie darunter leiden oder gelitten haben […] Fremdes, aggressives Verhalten wird vor allem dann nachgeahmt, wenn es erfolgreich ist (Bründel und Hurrelmann 1994, S.62).

Menschen werden geprägt von ersten Bezugspersonen und der in der frühen Kindheit erlebten und erlernten Verhaltens- und Denkmuster.

Erich Kästner erzählt in seiner „Ballade vom Nachahmungstrieb“ von Kindern, die das Verhalten der Erwachsenen spiegeln:

„ Es ist schon wahr: Nichts wirkt so rasch wie Gift! Der Mensch, und sei er noch so minderjährig, ist, was die Laster dieser Welt betrifft,

früh bei der Hand und unerhört gelehrig. Im Februar, ich weißnicht am wievielten, geschah's, auf irgend eines Jungen Drängen, dass Kinder, die im Hinterhofe spielten, beschlossen, Naumanns Fritzchen aufzuhängen. Sie kannten aus der Zeitung die Geschichten,

in denen Mord vorkommt und Polizei.

Gewalt in allen Lebensbereichen Seite 9

Und sie beschlossen, Naumann hinzurichten, weil er, so sagten sie, ein Räuber sei. Sie steckten seinen Kopf in eine Schlinge. Karl war der Pastor, lamentierte viel, und sagte ihm, wenn er zu schrein anfinge, verdürbe er den anderen das Spiel. Fritz Naumannäußerte, ihm sei nicht bange.

Die andern waren ernst und führten ihn.

Man warf den Stricküber die Teppichstange. Und dann begann man, Fritzchen hochzuziehn. Er sträubte sich. Es war zu spät. Er schwebte.

Dann klemmten sie den Strick am Haken ein. Fritz zuckte, weil er noch ein bisschen lebte. Ein kleines Mädchen zwickte ihn ins Bein. Er zappelte ganz stumm, und etwas später verkehrte sich das Kinderspiel in Mord.

Als das die sieben kleinen Übeltäter

erkannten, liefen sie erschrocken fort.

Noch wusste niemand von dem armen Kinde. Der Hof lag still. Der Himmel war blutrot. Der kleine Naumann schaukelte im Winde. Er merkte nichts davon. Denn er war tot. Frau Witwe Zwickler, die vorüberschlurfte,

lief auf die Straße und erhob Geschrei,

obwohl sie doch dort gar nicht schreien durfte. Und gegen Sechs erschien die Polizei. Die Mutter fiel in Ohnmacht vor dem Knaben. Und beide wurden rasch ins Haus gebracht. Karl, den man festnahm, sagte kalt: „ Wir hab'n es nur wie die Erwachsenen gemacht. “

Erich Kästner

4.1. Störendes Verhalten bewährt sich

„Eigenes aggressives Verhalten wird wiederholt, wenn es Erfolg nach sich gezogen hat. […] mit jeder erfolgreichen Wiederholung festigt sich das störende Verhalten. […] Jugendliche werden oftmals zu ihren Taten durch Zuschauer, die nicht eingreifen, regelrecht stimuliert und ‚angeheizt‘. In den U-Bahnen wechseln Erwachsene oft das Abteil, wenn sie Ausschreitungen von Jugendlichen befürchten, oder sie schauen weg, wenn Ausschreitungen geschehen. Ihre Angst und Furcht ist ein Stimulans für die Jugendlichen, suggeriert ein Gefühl der Stärke und signalisiert ihnen, daß sie so weitermachen können, ohne daß jemand einschreitet“ (Bründel und Hurrelmann 1994, S.62f.).

Sozialpädagogische Arbeit setzt daher voraus, gewalttätige, bzw. gewaltbereite Menschen und die Dynamik der Gewalt zu begreifen. Nachzufühlen, was in dem Betroffenen vorgeht, welche Motivationen und welche Hintergründe seinem gewalttätigen Verhalten zugrunde liegen. Verstehen bedeutet aber nicht, Gewalt zu akzeptieren und sie damit zu entschuldigen. Dennoch - nur durch Verständnis können Veränderungen erfolgen.

5. Gewaltkreislauf nach J. Lempert

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Gewaltkreislauf nach J. Lempert (Eigene Darstellung)

Ein Praxisbeispiel:

Acht Jugendliche, die zusammen in einer betreuten WG leben. Drei Mädchen, fünf Jungs.

Hannes ist anders als die Anderen. Er legt keinen Wert darauf, „cool“ zu sein, lernt gerne und liebt es, mit den BetreuerInnenn über Gott und die Welt zu diskutieren. Die anderen Jugendlichen finden seine Art „anstrengend“. Beim Fernsehen eskaliert die Situation. Hannes legt Wert darauf, immer auf „seinem“ Platz zu sitzen. Markus ist total genervt, attackiert Hannes erst verbal. Hannes kontert auf intellektueller Ebene. Das hält Markus gar nicht aus und er stürzt sich auf Hannes um ihn zu verprügeln. Hannes blutet bereits aus der Nase als ein Betreuer die beiden trennt.

Markus ist völlig außer sich. Es dauert eine Weile bis er sich wieder einigermaßen unter Kontrolle hat. Im Gespräch mit dem Betreuer wirkt er erschrocken über seine Tat. Es tut ihm leid, er will sich (morgen) bei Hannes entschuldigen.

Markus bemüht sich jetzt schon seit einer Woche. Er hat sich tatsächlich bei Hannes entschuldigt, die zwei sind nicht gerade Freunde, aber sie wollen beide Frieden. Sie gehen sich aus dem Weg.

Die Anderen halten sich aus der Sache heraus, bis auf Sabine - sie stellt sich auf Hannes‘ Seite. Markus ist sauer, immerhin hat Hannes ihn gereizt. Markus: „Wenn Hannes nicht immer so obergescheit sein müsste, wäre gar nichts passiert. Ständig provoziert er mich!“

Beim Abendessen (wo Hannes auch seinen festen Sitzplatz hat) entsteht eine Diskussion. Hannes fühlt sich sicher und genießt es, dass er die (intellektuelle) Oberhand hat.

Markus macht sich über sein Äußeres lustig und setzt ihn vor den Anderen herab. Die Situation schaukelt sich hoch, Markus wird immer wütender und geht wieder auf Hannes los.

Es ist eine weit verbreitete Meinung, dass Gewalttäter Macht besitzen. In Wirklichkeit stellt man, wenn man mit Tätern arbeitet aber fest, dass diese Menschen aus einer Ohnmacht heraus reagieren und sich gar nicht mächtig fühlen. Der Täter spürt sich im Moment der Tat meist selbst nicht und kann sich oft gar nicht an das Gefühl erinnern, das er in diesem Moment hatte (vgl. Oelemann und Lempert 2000, S.18f.).

Aber was geschieht mit dem Täter, wenn der Zustand der Erregung in einen Zustand völliger Leere weicht? Er will mit seiner Tat Kränkungen und Demütigungen vergessen und sein schwaches Selbstwertgefühl kompensieren. Täter nutzen häufig Mechanismen zur Schuldumkehr.

Wie zum Beispiel Hannes, mein Bewährungshilfe Klient.

Marco: Ich musste ihn zusammenschlagen, sonst hätte er es mit mir gemacht! Der ist schon auf mich zugegangen!

Ich: Wie war das? Er ist auf dich zugegangen?

[...]

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
"Es is ned wie’s kimmt...es is wie man’s nimmt!". Konstruktiver Umgang mit Gewalt und Konflikten im stationären Kontext
Hochschule
Fachhochschule OberÖsterreich Standort Linz
Veranstaltung
Lehrgang zur Weiterbildung gem. §9 FHStG idgF "Akademische/r Sozialpädagogische/r Fachbetreuer/in
Note
Gut
Autor
Jahr
2013
Seiten
54
Katalognummer
V295932
ISBN (eBook)
9783656948520
ISBN (Buch)
9783656948537
Dateigröße
915 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewalt, Konflikte, Stationär, stationärer Kontext, Konflikt, Konflikteskalation, Konfliktphasen, Methoden der Konfliktbearbeitung
Arbeit zitieren
Christa Vorhauer (Autor), 2013, "Es is ned wie’s kimmt...es is wie man’s nimmt!". Konstruktiver Umgang mit Gewalt und Konflikten im stationären Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/295932

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