Die Wahrnehmung des Fremden in Marco Polos "Il Milione"


Hausarbeit, 2013

14 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Einleitende Worte
1.2. Vorbemerkung: „Das Fremde“ beschreiben

2. Analyse der Wahrnehmung des fremden im „Milione“
2.1. Marco Polo und die Menschen
2.2. Fremder Herrscher, fremde Herrschaft
2.3. Marco Polo, seine Zauberer und Fabelwesen

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1.1. Einleitung

Im Jahre 1269 reisten der junge Marco Polo, sein Vater Nicolò und sein Onkel Maffeo als Kaufleute auf dem Landweg über Persien, Afghanistan und durch die Wüste Gobi zur Residenz des Großkhans der Mongolen. Dort verweilten sie 17 Jahre am Hofe Kubilai Khans. Marco Polo entwickelte sich in dieser Zeit zu dessen geschätztem Gesandten und bereiste in Kubilai Khans Auftrag nahezu den gesamten asiatischen Kontinent. Nach seiner Rückkehr nach Venedig geriet Marco Polo während des Seekrieges mit Genua 1296 in Kriegsgefangenschaft und lernte im Gefängnis Rustichello da Pisa kennen, welcher die Erinnerungen der Asienreise Marco Polos in französischer Literatursprache unter dem Titel „Divisament dou monde“ niederschrieb. Später wurde der Reisebericht auch als „Il Milione“ bekannt und wurde zu einem der bekanntesten des späten Mittelalters.

Reisen war im Mittelalter eine Suche nach „räumlicher oder zeitlicher Alterität“1. Reiseliteratur wie der Reisebericht Marco Polos sollten diese Alterität auch denen vermitteln, denen die Erfahrung der Fremde selbst nicht möglich war, denn anders als heute im Zeitalter des Massentourismus war das Bereisen ferner Länder zur Zeit Marco Polos nicht für jeden alltäglich. Das Interesse am fernen Asien aber war trotzdem (oder gerade deswegen) groß. Man besaß kein großes Vorwissen über Asien, sondern berief sich oft noch auf legendenhafte Berichte aus der Antike, welche Asien als Ort der mirabilia darstellten. Im Mittelalter verstand man die Völker Asiens, besonders die Tartaren, als Synonym für die apokalyptischen Völker Gog und Magog2 und deren Hervorbrechen von Osten her galt als Einleitung der Apokalypse. Andererseits aber war bekannt, dass Gott gen Osten in den Himmel aufgefahren war und auch von dort die Erlösung bringen werde3. Aus diesen unterschiedlichen Betrachtungsweisen des Ostens ergab sich die Notwendigkeit, nach immer mehr Wissen über Asien zu streben, um die dort lebenden Völker einzuordnen und ihnen ihren Platz im mittelalterlichen eschatologisch geprägten Weltbild zuzuweisen. Das Lesen des Reiseberichts Marco Polos war ein Weg, diese Einordnung vorzunehmen und sich ein breit gefächertes Wissen anzueignen.

Mit dem ersten Blick auf den überlieferten Text bemerkt man jedoch, dass neben den detailreichen Schilderungen über die Menschen, deren Sitten und Religion, über die Geographie, die Flora und Fauna Asiens, sowie über historische Ereignisse und Zusammenhänge und vieles Weitere auch Beschreibungen unglaublicher und phantastischer Gestalten vorgenommen werden, die offensichtlich nicht der Realität entsprechen. Marco Polos Bericht ist damit ein Hin und Her zwischen res factae und res fictae. Im Folgenden soll anhand ausgewählter Beispiele aus dem „Milione“ in der toskanischen Fassung untersucht werden, wie er die verschiedenen Themenbereiche wahrnimmt und beschreibt, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind, und zuletzt auch, was von beidem überwiegt: Fakt oder Fiktion?

1.2. „Das Fremde“ beschreiben

Marco Polo beschreibt in seinem Reisebericht „Il Milione“ Asien, einen im Mittelalter den meisten Menschen fremden Kontinent. - Und fremd ist das, was anders ist und aus dem Gewohnten heraussticht. So dürften die meisten Menschen dieses Adjektiv definieren. Doch bevor eine Beschäftigung mit der Wahrnehmung des Fremden in Marco Polos Bericht vorgenommen wird, scheint es mir sinnvoll zu sein, kurz zu beleuchten, was „fremd“ wirklich bedeutet oder bedeuten kann, wenn man es differenzierter betrachtet, und auch welcher Prozess dazu führt, dass man etwas als „fremd“ bezeichnet.

Um etwas, sei es ein Subjekt oder ein Objekt, als fremd charakterisieren zu können, bedarf es zunächst einer konkreten Vorstellung davon, was nicht fremd ist. Denn Fremdheit kann nur relational gedacht werden, d.h. es ist immer ein Vergleichspunkt notwendig. Der Mensch denkt und artikuliert sich in Antithesen, um Empfindungen wie „gut“ und „böse“, „laut“ und „leise“ oder in diesem Falle „fremd“ und „bekannt“ bzw. „vertraut“ sprachlichen Ausdruck verleihen zu können. Im Mittelalter wurde das Fremde im Sinne einer „ausschließenden Gegenbildlichkeit“4, als direkter Kontrast zum Eigenen, verstanden.

Dabei ist die Vorraussetzung der Wahrnehmung von etwas Fremdem ein Bewusstsein der eigenen Identität5. Erst derjenige, der sich selbst als Individuum innerhalb einer Gesellschaft mit spezifischen Charakteristika erkannt hat, ist auch dazu fähig, in Abgrenzung zu sich selbst das Fremde zu erkennen. Es ist also nötig, eine Grenze zwischen Eigenem und nicht Eigenem zu ziehen. Wahrnehmung und Beschreibung des Fremden sind also das Resultat aus der eigenen Identitätsfindung durch Abgrenzung vom „Anderen“6.

Durch die Beschreibung des Fremden wird versucht, sich dieses anzueignen, näherzubringen und ein Verständnis für das Fremde zu entwickeln. Im Falle Marco Polos stellt die Beschreibung der Fremde auch einen Wert an sich dar, da sie dazu dient, anderen, denen eine solch weite Reise nicht möglich ist, einen Zugang zur Welt und zum Wissen, und somit auch eine Teilhabe an demselben zu verschaffen. Die Beschreibung kann aber nur von denen geleistet werden, die sich nicht schon in die fremde Kultur integriert haben, denn die Wahrnehmung und Beschreibung des Fremden setzen wiederum eine Distanz zum Beschriebenen voraus. Diese Distanz jedoch führt dazu, dass das Fremde immer noch fremd bleibt. Es erfolgt keine Aneignung des Fremden oder Verschmelzung mit diesem.

Im Gegenteil, das Fremde kann als absolutes Gegenbild die Identität des Eigenen verstärken; die gezogene Grenze zwischen dem Selbst und dem Anderen bleibt bestehen.

Berichte, auch jener von Marco Polo, überwinden also nicht die Fremdheit, sondern sie stellen sie dar.

2.1. Marco Polo und die Menschen

Auf seinen Reisen als Gesandter im Auftrag des Großkhans der Mongolen begegnete Marco Polo vielen Menschen aus den verschiedensten Teilen Asiens und wurde als Europäer mit anderen Sitten und Bräuchen, anderen Nahrungsgewohnheiten, anderen Wertvorstellungen und auch mit einer völlig anderen Religiosität konfrontiert. Es fällt jedoch auf, dass er jedoch nie vorschnell über die ihm Fremden urteilt; meist fallen seine Beurteilungen sogar eher distanziert aus. Daran ist zu erkennen, dass Marco Polo durchaus Respekt für die Andersartigkeit zeigt, anstatt sie als falsch abzutun und zu verurteilen. An vielen Stellen lässt sich sogar trotz aller Fremdheit Bewunderung für die Mongolen erkennen, besonders wenn es im Bericht um die Tüchtigkeit und um das handwerkliche Geschick mit edlen Materialien geht7. Marco Polo betrachtet den Handel und die Produktion von Waren aus der Sicht eines Kaufmannes, ist somit von venezianischen Normen vorgeprägt, und dennoch stecken in seinen Äußerungen Lob und Bewunderung, sodass die beschriebenen Provinzen Asiens fast schon Vorbildcharakter erlangen. So spricht er von den Bewohnern der Stadt Singui, welches heute als Sutschou bekannt ist und westlich von Schanghai liegt, als geschäftstüchtig und friedfertig8. Diese Eigenschaften schreibt er den Menschen vieler Provinzen zu und vermittelt ein Bild einer wirtschaftlich orientierten und sich durch Fleiß auszeichnenden Bevölkerung.

Auch die Sitten der Menschen, die ihm begegnen, beschreibt Marco Polo sehr genau, meist aber ohne sie allzu stark positiv oder gar negativ darzustellen. Menschenbezogene Wertungen nimmt er stets durch dialektische Begriffspaare wie „fein und ehrlich“ im Gegensatz zu „ehrlos und räuberisch“ vor. Dazu ist zu als Auffälligkeit zu beachten, dass die Anzahl und Qualität der Wertungen umso höher wird, je näher das beschriebene Gebiet dem Großkhan steht9. Die Tartaren, das Volk Kubilai Khans, wird also besonders positiv hervorgehoben. Andere Völker, die dem Großkhan ferner sind, werden häufig zum Gegenstand distanzierter und kurzer Betrachtung. Ganz klar als negativ nimmt er nur die Gebräuche in den verschiedenen Regionen wahr, die seinem katholisch geprägten Weltbild komplett widerstreben. So nimmt er Anstoß an einer Sitte in Kamul (heute Hami). Seinem Bericht zufolge werden dort alle Frauen der Familie Fremden, die Unterkunft suchen, uneingeschränkt zur Verfügung gestellt, um eine Bezahlung zu erhalten10. In der Provinz Thebet, dem heutigen Tibet, prangert er die Sitte, keine unberührten Frauen heiraten zu wollen, an11. An vielen Stellen hebt Marco Polo jedoch nicht die Andersartigkeit, sondern die Ähnlichkeit zwischen der fremden und der eigenen Kultur hervor.

[...]


1 Wunderli, Peter, Marco Polo und der Ferne Osten, S. 124.

2 Schmieder, Felicitas, Europa und die Fremden, S. 123.

3 Münkler, Marina, Erfahrung des Fremden, S. 161.

4 Münkler, Marina, Erfahrung des Fremden, S. 151.

5 Pochat, Götz, Das Fremde im Mittelalter, S. 8.

6 Saurma-Jeltsch, Lieselotte E., The Metamorphic Other and the Discourse of Alterity in Parisian Miniatures of the Fourteenth Century, S. 37.

7 Il Milione, S. 37: „ […] Gli uomini di Toris vivoro die mercatantia e d’arti, cioè di lavorare drappi a seta e a oro. “

8 Il Milione, S. 218: „ […]; ma elli non sono uomini d’arme, ma sono savi marcatanti d’ogne cosa e sì ànno boni naturali […]“.

9 zu der genauen Anzahl der Wertungen siehe: Jandesek, Reinhold, Das fremde China, S.31f.

10 Il Milione, S. 79: „ […] E se alcuno forestiere vi va ad albergare, egli sono troppi alegri, e comandano alle loro mogli che li servano in tutto loro bisogno.“

11 Il Milione, S. 177

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Wahrnehmung des Fremden in Marco Polos "Il Milione"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar: Reisen im Mittelalter
Note
2,0
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V296042
ISBN (eBook)
9783656942719
ISBN (Buch)
9783656942726
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marco Polo, Mittelalter, Reisen, Il Milione, China, Reisebericht, Fremdwahrnehmung, Fakt/Fiktion
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Die Wahrnehmung des Fremden in Marco Polos "Il Milione", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/296042

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