Jürgen Habermas und das Internet. Eine kurze Annäherung an das Thema Massenmedien


Essay, 2015
4 Seiten

Leseprobe

Natürlich beschäftigt sich Habermas in seinem Hauptwerk "Theorie des kommunikativen Handelns" von 1981 nicht mit dem Internet, allerdings gibt es u.a. am Ende des zweiten Bands eine interessante Passage zum Thema Massenmedien1. Diese gehören für ihn, im Gegensatz zu Geld und Macht, die als Steuerungsmedien gänzlich von sprachlicher Konsensbildung entkoppelt sind, zu den generalisierten Formen der Kommunikation. Diese ersetzen sprachliche Verständigung nicht, sondern kondensieren diese nur und sind weiterhin mit dem lebensweltlichen Hintergrund verbunden. Massenmedien würden dabei den Zweck erfüllen, Kommunikation von ihrer raumzeitlichen Beschränkung zu lösen und Botschaften so in vielfältigen Kontexten verfügbar zu machen. Diese neu geschaffene Öffentlichkeit hat für Habermas einen ambivalenten Charakter, einerseits hierachisiert sie mögliche Kommunikation, da Massenmedien in einem einseitig zentralisiertem Netzwerk verbreitet werden, Manipulation im Zentrum also besonders leicht soziale Kontrolle ermöglicht. Habermas nennt dies das autoritäre Potenzial der Massenmedien2

- Dem entgegengesetzt sei das emanzipatorische Pontezial, das sich darin ausdrücke, dass auch verdichtete Verständigungsprozesse sich in letzter Instanz nicht der Kritisierbarkeit ihrer Geltungsansprüche entziehen könne.

Doch das Internet ist weder zentral noch einseitig. Habermas selbst äußert sich 2008 folgendermaßen:

"Das World Wide Web scheint freilich mit der Internetkommunikation die Schwächen des anonymen und asymmetrischen Charakters der Massenkommunikation auszugleichen, indem es den Wiedereinzug interaktiver und deliberativer Elemente in einen unreglementierten Austausch zwischen Partner zulässt, die virtuell, aber auf gleicher Augenhöhe miteinander kommunizieren."3

Allerdings ist auch der anonyme und asymmetrische Charakter der Massenmedien nur Ausdruck eines gewachsenen Koordinationsbedarfs von Kommunikation. Habermas vermisst gleichzeitig diesen Koordinationsfaktor im Internet. "Hier fördert die Entstehung von Millionen von weltweit zerstreuten chat rooms und weltweit vernetzten issue publics eher die Fragmentierung jenes grossen, in politischen Ö ffentlichkeiten jedoch gleichzeitig auf gleiche Fragestellungen zentrierten Massenpublikums. Dieses Publikum zerfällt im virtuellen Raum in eine riesige Anzahl von zersplitterten, durch Spezialinteressen zusammengehaltenen Zufallsgruppen. Auf diese Weise scheinen die bestehenden nationalen Ö ffentlichkeiten eher unterminiert zu werden."4

Ich würde dieser Darstellung widersprechen. Wie Habermas beschreibt, bilden sich in einem dichten Netz von kommunikativer Interaktion zwei Arten von Entlastungsmechanismen .5 Wie bereits oben genannt, sind dies generalisierte Kommunikationsmedien und Steuerungsmedien.

Der Ansatzpunkt für generalisierte Medien sind Ansehen und Einfluss, die wiederum auf verschiedenen persönlichen Attributen und Ressourcen beruhen6.

Das Internet somit als fragmentierte Zufallsgruppen zu charakterisieren scheint nicht sehr weitsichtig und auch nicht mehr aktuell. Nimmt man Twitter als Beispiel, sieht man wie dabei einzelne Personen zu Kommunikationsmedien werden. Ansehen und Ressourcen sind auch hier der Quell generalisierter Annahmebereitschaft.

Diese Generalisierung braucht aber auch entsprechende Kommunikationstechnologien 7. Das Internet alleine kann dies kaum leisten, ähnlich der Schrift, die anfangs nur für verwaltungstechnische Aufgaben genutzt wurde8, konnte das Internet anfangs auch nur Spezialinteressen befriedigen. Die Entstehung des Web 2.0 hat das geändert. Analog zur Literarisierung 9 entsteht nun (auf breiter Basis) die Rolle des Autors. Dass das Internet, wie Habermas es ausdrückt, "eine riesige Anzahl von zersplitterten, durch Spezialinteressen zusammengehaltenen Zufallsgruppen" 10 sei, liegt an zwei Gründen. Da das Internet noch sehr jung ist und die Digitalisierung ähnlich selektiv wie die Alphabetisierung vonstatten geht, liegt es nahe dass zuerst Spezialinteressen im Vordergrund standen. Im frühen Internet kommunizierten nur die technisch-versierten Menschen miteinander, entweder direkt über technische Themen oder aber über Themen mit ansonsten schwer erreichbarem Publikum, kurz gesagt Spezialinteressen. In frühen Zeiten der Alphabetisierung dürfte dies ähnlich gewesen sein: Eine kleine Zahl Intellektueller tauscht sich über Sachen aus, die das breite Publikum nicht interessieren und nicht interessieren brauchen, da sie ohnehin nicht erreichbar sind.

Schließlich wurde der Buchdruck erfunden und plötzlich wurden große Teile der Bevölkerung erreichbar. Die Schrift wurde nun auch benutzt um tagesaktuelle Themen des Mainstreams zu thematisieren.

Allerdings ist der Buchdruck nicht zufällig erfunden worden, sondern weil das kommunikative Netz ausgelastet war. Es musste eine neue Art der Öffentlichkeitsbildung erfunden werden, die es möglich machte den, die im Zuge der Ausdifferenzierung der kulturellen Wertsphären, erhöhten Einflussbedarf zu befriedigen11.

Das Internet entstand zwar als sich außerhalb die kulturellen Wertsphären ähnlich weit differenziert hatten wie heute, allerdings mussten sich erst die technischen Möglichkeiten und deren Verbreitung erst soweit ausbreiten, dass auch andere Hauptysteme wie Politik und Kultur12 davon tangiert werden konnten. Wenn Habermas also schreibt, dass die Druckpresse erst in der Moderne ihre Bedeutung entfaltete 13, ist es wenig verwunderlich, dass auch das Internet seine Zeit brauchte. Mittlerweile sind die meisten Systeme sozusagen internetkompatibel und die Öffentlichkeitsbildung funktioniert ähnlich umfassend wie durch den Buchdruck. Wenn Habermas sagt, das Internet unterminiere die bestehenden nationalen Öffentlichkeiten ist dies nur in soweit richtig als das das Internet immer mehr eine Weltöffentlichkeit schafft, doch das dürfte Habermas nicht gemeint haben. Vielmehr erscheint sein Kommentar erschreckend konservativ für jemanden dessen Vision eine Gesellschaft ist, die System und Lebenswelt als ein über die Öffentlichkeit verwobenes Ganzes begreift14. Ich begreife das Internet und insbesondere das Web 2.0 in diesem Kontext als Emanzipation der Öffentlichkeit gegenüber Wirtschaft und Verwaltung. Deren Einfluss, oder auch Kolonialisierung wird durch Dezentralisierung und Effektivitätssteigerung entgegengewirkt. Dass diese Neuordnung der Dinge ersteinmal durch die umliegenden Systeme adaptiert werden muss war vorherzusehen. Das Internet ist dabei natürlich genauso als kontigente Erscheinung zu bewerten wie andere technologische Fortschritte, dennoch hätte ich Habermas etwas mehr Kulturoptimismus zugetraut.

[...]


1 vgl. Habermas, J. (1981). Theorie des kommunikativen Handelns Band 2 S.571ff.

2 vgl. Habermas, J. (1981). Theorie des kommunikativen Handelns Band 2 S.573

3 Habermas, J. (2006) Preisrede anlässlich der Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises

4 Habermas,J. (2008) Ach, Europa S. 161

5 vgl. Habermas, J. (1981). Theorie des kommunikativen Handelns Band 2 S.268f.

6 vgl. Habermas, J. (1981). Theorie des kommunikativen Handelns Band 2 S.271

7 vgl Habermas, J. (1981). Theorie des kommunikativen Handelns Band 2 S.274

8 vgl. ebd.

9 vgl. ebd.

10 Habermas,J. (2008) Ach, Europa S. 161

11 vgl.Habermas, J. (1981). Theorie des kommunikativen Handelns Band 2 S.274

12 vgl. ebd.

13 vgl. ebd.

14 vgl.Jäger;Weinzierl (2011): Moderne soziologische Theorien und sozialer Wandel S.29 2.Ausg.

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Details

Titel
Jürgen Habermas und das Internet. Eine kurze Annäherung an das Thema Massenmedien
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Autor
Jahr
2015
Seiten
4
Katalognummer
V296171
ISBN (eBook)
9783668461499
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jürgen Habermas, Massenmedien, Internet, Soziologie, Theorie des kommunikativen Handelns
Arbeit zitieren
Jan Schmutzler (Autor), 2015, Jürgen Habermas und das Internet. Eine kurze Annäherung an das Thema Massenmedien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/296171

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