Selbstbild und Bewusstsein - Kleists Amphitryon als Wanderung am Abgrund der Realitäten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Sicherheit im eigenen Ich – Trost oder Trugschluss?

2. Die Innensicht – Ein Feldherr zwischen Selbstbewusstsein und Wahnsinn?

3. Die Außensicht – Wahrnehmung des Anderen zwischen Konstruktion und Wirklichkeit

4. Selbstbild und Selbstbewusstsein – Amphitryon als Experiment mit philosophischen Dimensionen

5. Schlussbetrachtungen – Auf der Suche nach Halt in einer zerbrechlichen Welt

6. Literaturverzeichnis

I. Die Sicherheit im eigenen Ich – Trost oder Trugschluss?

Ich gehe in meiner Arbeit der Frage nach, ob das Verwirrspiel um Identitäten in Kleists Amphitryon, eine lebensbejahende Sicht auf die Welt und die in ihr lebenden Menschen zulässt. Scheitert und zerbricht Amphitryon oder findet das Drama ein glückliches Ende, weil der Feldherr, eines Besseren belehrt, nun mit neuer Sicht auf das Weltgeschehen weiterleben kann?

Amphitryon wird den Schwerpunkt meiner Untersuchung bilden. Es gilt, die Figur des Amphitryon von innen und außen zu beleuchten und den Konflikt um seine Identität in Augenschein zu nehmen. Die Analyse der Außensicht erfolgt über seine Gattin Alkmene und ihre Sicht der Dinge.

Es wird um die Frage gehen, ob Amphitryon sein Selbstbewusstsein in einem zu untersuchenden mehrdeutigen Sinn erhalten kann, oder ob es ohne das Einlenken des Göttervaters schließlich zum völligen Identitätsverfall kommen müsste.

Kann in einer Welt, deren Zerbrechlichkeit Kleist exemplarisch verdeutlicht mit dem egomanischen, unheilvollen Treiben der Götter, das eigene Selbst noch Halt bieten? Ist das Selbst das einzige, was nicht vom Menschen getrennt werden kann? Oder ist es so zerbrechlich wie alles andere unserer Wahrnehmung?

Bevor ich mich dem Text selbst zuwende, möchte ich einige Antworten der Sekundärliteratur auf meine Fragen darstellen und sie später im Verlauf der Untersuchung erneut zu Rate ziehen und mit meinen Ergebnissen vergleichen.

Gönner beschreibt eindringlich die Gefährdung der Identität bei Alkmene und dass sie an einer Fälschung der geliebten Identität Amphitryons „zerbrechen müsste“ (Gönner, S. 28). Zu einer ähnlichen Konsequenz kommt Gönner auch in Bezug auf Amphitryon selbst:

„Auf diesem Weg – würde Jupiter nicht endlich mythisch versöhnend eingreifen – müsste der König von Theben allmählich dem Wahnsinn verfallen.“

(Gönner, 1989, S. 34)

Die menschliche Identität ist zerbrechlich – sie würde unter den inszenierten Umständen zerbrechen, wenn es nicht zu einem Einlenken der Götter käme. Doch das Experiment wird nicht zu Ende gespielt:

„Der jeweilige Gewaltakt wird in keinem Fall bis an sein eigentliches – ernstes – Ende gebracht.“

(Gönner, 1989, S. 28)

Im Fortgang des Textes kommt Gönner aber zu einer weniger optimistischen Einschätzung der Lage Alkmenes nach Jupiters Kehrtwende:

„Wird ihr diese Selbstgewissheit genommen, bleibt nichts mehr übrig: zu ausschließlich bindet sie es an das Bild ihres Geliebten, (…).

Jedenfalls muss das weitere Dasein Alkmenes als äußerst labil und gefährdet gelten. Nicht umsonst ist sie die einzige Figur im Stück, die bis zum Ende einen tragischen Part durchzustehen hat.“

(Gönner, 1989, S. 37)

Für mich stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob hier nicht der Gewaltakt vollendet wurde und Alkmenes Persönlichkeit zerbrochen zurückbleibt. Somit wäre ihr „Ach“ als erstes Anzeichen des zurückbleibenden Wahnsinns zu deuten.

Auf die ungenau verwendeten Begriffe Identität und Persönlichkeit möchte ich später noch einmal zurückkommen. Ihre Klärung wird Teil der weiteren Vorgehensweise sein.

Zusammenfassen kann man Gönner in Bezug auf die Möglichkeit zerbrechlicher Identität folgendermaßen: Identität kann zerbrechen, aber im Verlauf des Dramas kommt es nicht in voller Konsequenz dazu.

Bei Reuß findet sich eine kompliziertere Deutung der Persönlichkeitsproblematik. Er distanziert sich vom Begriff der Identität und deutet als Hauptthema des Kleistschen Textes die Frage nach der Person heraus. Die Person, „die von Grund auf dividuell zwischen irreduziblem Selbstsein und gesellschaftlich und sprachlich vermittelter Rolle, sich im Feld des Draußen zu orientieren sucht und gegenüber der Spaltung, die sie dort erfährt, vielleicht nicht nur zunächst, nichts Eigenes geltend machen kann.“ (Reuß, S. 21)

Im Reuß-Text erfährt der Ich-Begriff eine umfangreiche Differenzierung. Bezug genommen wird auf die Psychoanalyse nach Lacan: I und Me, beziehungsweise Je und Moi sind zu unterscheiden.

„´Sein` heißt Draußen- und Gespaltensein: ´Doppelt-Sein`.“ (Reuß, 1991, S. 14)

Er bezeichnet die Kleistschen Figuren als „zusammengehörige Gestaltungs-Entwürfe von Personalität“. (Gönner, 1989, S.17)

Die Abhängigkeit der Personalitäten von den anderen Figuren und dem, was diese in ihnen sehen oder nicht sehen, beziehungsweise was man im anderen erkennt oder nicht erkennen kann, führt zu einem Gefühl der Selbstentfremdung. Die Unüberbrückbarkeit der Isolation des Einzelnen tritt zutage. (vgl. Reuß, 1991, S. 25)

Wirklichkeit wird zur Frage der Perspektive. (vgl. Reuß, 1991, S. 19)

Während bei Gönner noch die Frage nach der Zerstörbarkeit der Identität gestellt wird, widmet sich Reuß der Struktur von Personalität. Die Vorstellung einer starren und zerbrechlichen Identität wird hier verworfen. Personalität wird begriffen als etwas in sich Gespaltenes und gleichzeitig unerreichbare Einheit Suchendes. Laut Reuß tritt im Kleistschen Text nur das in dieser Weise Gegebene zutage und in das Bewusstsein der Figuren, die mehr oder weniger gut damit zurechtkommen oder daran scheitern. Die Frage danach, was für diese von Beginn an gespaltenen Persönlichkeiten als Scheitern aufzufassen wäre, bleibt unbeantwortet.

Greiner kommt zu einer optimistischeren Ausdeutung der Geschehnisse im Drama, seiner Meinung nach kommt es durch die göttliche Täuschung nicht zu einer Zerstörung der Selbstgewissheit, weder bei Amphitryon noch bei Alkmene. (vgl. Greiner, 2000, S. 231)

Er führt diese Unantastbarkeit der Selbstgewissheit zurück auf eine intersubjektive Begründbarkeit von Identität. Diese wird in Bezug auf ein Ich und ein Du erschüttert, erlangt aber nach Greiner durch die arrangierte Dreierkonstellation zwischen Amphitryon, Alkmene und Jupiter im Drama neue Bestätigung. Jupiter dient als „negierende Instanz“, als Täuschender, dem gegenüber der oder die Getäuschte sich dadurch jedoch immer als Getäuschte(r) fühlen kann und somit eine Bestätigung der Selbstgewissheit erhält. (vgl. Greiner, 2000, S. 231)

Seine Bezugnahme auf Descartes fällt meinem Verständnis nach hier etwas unklar aus. Cartesianisch begründbar wäre seine Interpretation durchaus: Ich werde getäuscht, also bin ich. Allerdings kann nach Auffassung Greiners diese letzte Selbstgewissheit nur im negierenden Austausch mit einem Anderen erfahren werden und nicht in Autonomie.

Nach Greiner bleibt im Kleistschen Text die Gewissheit der Selbstgewissheit bestehen, während alles andere wankt und als zerbrechlich erscheint. Alkmenes Gefühl erweist sich als trügerisch, ebenso scheitern Amphitryons Strategien zur Identitätssicherung. Hier tritt auch bei Greiner eine Begriffsspaltung zutage: Identität kann in Frage gestellt, ja zerbrochen werden – Selbstgewissheit bleibt. Hierin ähnelt seine Argumentation der von Reuß, allerdings nähert er sich dem Sachverhalt auf philosophischem Wege, während Reuß die Psychoanalyse und die Soziologie zu Rate zieht.

Stierle greift ebenfalls auf philosophische Gedanken Kleists zurück. Auch bei ihm wird die Frage nach der Erkennbarkeit der Wirklichkeit im Sinne von Kant beleuchtet. (vgl. Stierle, 1997, S. 62) Er geht in einer allgemeineren Form der Frage nach, ob und auf welche Weise die Figuren in Amphitryon den von Kleist konstruierten Ausnahmezustand des Bewusstseins überstehen. Dabei kommt er zu der mich überraschenden These, dass Amphitryon und Alkmene bis zuletzt in unverbrüchlicher Liebe zueinander bestehen. (vgl. Stierle, 1997, S. 64 u. 71)

Es bleibt also festzuhalten: Stierle sieht das Bewusstsein zwar auf die Probe gestellt, aber nicht zerstört – im Gegenteil, es erfährt eine Art Bestätigung:

Hier gewinnt Amphitryon, indem er dem Gott standhält, eine Größe, mit der er gleichsam die von Alkmene erträumte Stelle einnimmt.“ (Stierle, 1997, S. 65)

„(…) Dies ist der letzte Schritt seiner Größe, mit der er die Ebenbürtigkeit zu Alkmene erlangt. Beide haben teil am Göttlichen, das in der Geburt des Herakles Ereignis werden wird.“ (Stierle, 1997, S. 66)

Ein glückliches Ende also? Für Stierle sieht es ganz danach aus. Persönlichkeiten werden einer Extremsituation ausgesetzt und erlangen dadurch neue Stärke und Qualität, zumindest im Fall von Alkmene und Amphitryon.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Selbstbild und Bewusstsein - Kleists Amphitryon als Wanderung am Abgrund der Realitäten
Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg  (Institut für deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik)
Veranstaltung
Frauenbilder - Traumbilder - Todesbilder: Das literarische Werk Heinrich von Kleists
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V29716
ISBN (eBook)
9783638311632
ISBN (Buch)
9783638772013
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstbild, Bewusstsein, Kleists, Amphitryon, Wanderung, Abgrund, Realitäten, Frauenbilder, Traumbilder, Todesbilder, Werk, Heinrich, Kleists
Arbeit zitieren
Nicole Geilen (Autor:in), 2004, Selbstbild und Bewusstsein - Kleists Amphitryon als Wanderung am Abgrund der Realitäten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29716

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