Ein Vergleich von Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ und Chrétien du Troyes „Conte du Graal“. Die Szene auf der Gralsburg


Hausarbeit, 2002
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung – Adaption Courtoise und der Parzival Wolfram von Eschenbachs

2 Hauptteil
2.1. Der Weg zur Gralburg
2.2. Empfang auf der Gralburg
2.3. Die Gralprozession
2.3.1 Schwert und Lanze
2.3.2 Der Gral und die Speisung
2.4. Die Nacht auf der Gralburg und das ‚böse’ Erwachen

3 Schluss

4 Literaturverzeichnis
4.1. Primärtexte
4.2. Sekundärtexte

1 Einleitung – Adaption Courtoise und der Parzival Wolfram von Eschenbachs

Da um 1200 beinahe alle deutschen Romane auf eine französische Vorlage zurückgehen, gibt der Vergleich mit der französischen Quelle Aufschluss über die künstlerische Individualität und den Anteil der Durchformung durch den deutschen Autor.[1] Wie hat ein Schriftsteller also die Vorlage verändert, mit welcher Intention und wie beeinflusste er damit auch die Gesamtpräsentation des Stoffes? Dies sind Fragen, die man nur durch den genauen Textvergleich lösen kann. Der Rückgriff auf Quellen war im Mittelalter üblich, da es nicht gefragt war neue Stoffe zu erfinden, sondern höchstes Gebot, Wahrheit zu verbreiten. Diese Wahrheit wurde nur unter Berufung auf vorangegangene Quellen beglaubigt[2] und fand meist im Vorwort statt. Damit wurden die Texte für die mittelalterlichen Rezipienten glaubwürdig. Auch einer der beliebtesten französischen Dichter dessen Werke von vielen deutschen Autoren adaptiert wurden, Chrétien de Troyes, gibt nicht vor etwas zu erfinden, sondern erklärt viele kleinere Erzählungen zu einem Sinnganzen zusammenzufügen[3] und gilt damit als Begründer der ‚bele conjointure’.

Die deutschen Dichtungen weichen in der Regel in Nuancen von ihren Vorlagen ab und gerade in dieser Abweichung kann man das Besondere der Literatur erkennen.

Wolfram von Eschenbach dagegen, der wahrscheinlich zwischen 1200 und 1210 den Parzival verfasste, hatte weitaus mehr Spielraum in seiner Dichtung, da Chrétien de Troyes Le Roman de Perceval ou Le Conte du Graal, zwischen 1180 und 1190 verfasst, kein fertiggestellter Roman war. Es gilt heute als sicher, dass Wolframs Quelle dieser Roman Chrétiens war, auch wenn der Erzähler im Parzival behauptet, die Geschichte von einem Provenzalen Namens Kyot gehört zu haben. Die Bücher 3-12 des Parzival gehen auf Chrétien zurück, während die Vorgeschichte und die ‚Fertigdichtung’ des Roman de Perceval alleinig Wolframs Schaffung sind. Für diesen Teil zog er wahrscheinlich verschiedene Motive aus anderen, damals bekannter Geschichten heran. Auch hat Wolfram besonders in der Gralszene einiges, was er sich vielleicht nicht erklären konnte, zu seiner Hauptvorlage verändert. Vielleicht erfand er daher Kyot, damit man seiner Geschichte nicht die Glaubwürdigkeit absprechen konnte.

Gerade aus diesen Gründen ist Wolframs Parzival und besonders die Szene auf der Gralburg, so interessant. Hier scheint man besonders viel über den künstlerischen Stil und die Individualität des Autors Wolfram von Eschenbach zu erfahren.

2 Hauptteil

2.1. Der Weg zur Gralburg

Schon Parzivals Weg zur Gralburg wird von den beiden Autoren sehr unterschiedlich gestaltet. Rein äußerlich beschreiben die Szenerie bei Chrétien 94 Zeilen, von Vers 2975, als Perceval Blancheflor verlassen hat, bis Vers 3069, als er auf der Gralburg empfangen wird. Wolfram benötigt dafür 122 Zeilen. Er beschreibt dabei unter anderem den Fischer, die Burg und den Kummer den Parzival hat, weil er Condwiramurs verlassen hat, ausführlicher. Parzival, der mittlerweile mit Condwiramurs verheiratet ist, bzw. Perceval, der bei Chrétien Blancheflor als Freundin errungen hat, will nun ausziehen und seine Mutter suchen. Dieses Motiv hat Wolfram von Chrétien übernommen, jedoch ist die Sorge um die Mutter im Conte du Graal weitaus ausgeprägter: „seine Mutter liegt ihm am Herzen [...]; sie aufzusuchen, ist sein drängenstes Anliegen.[4] Der junge Perceval reitet den ganzen Tag im Gebet vertieft und bittet Gott, seine Mutter lebend zu finden:

„Unablässig flehte er zu Gott, dem Vater im Himmel, ihn (doch) in seiner Allmacht die Mutter blühend vor Leben und Gesundheit vorfinden zu lassen“[5].

Der Held kommt schließlich an einen reißenden Fluss und erhofft sich durch dessen Überquerung auf der anderen Seite die Mutter wiederzufinden. Im Gegensatz zu Chrétiens Perceval, will Wolframs Parzival nicht allein nach seiner Mutter suchen, sondern, wenn es sich so ergeben sollte, auf dem Weg auch ‚ âventiure’ bestehen: „dar will ich ze einer kurzen stunt, / und ouch durch âventiure zil“.[6] Er hat also nicht allein die Mutter im Kopf, als er von Condwiramurs aufbricht. Entscheidend ist der Unterschied wie er an das Gewässer, in diesem Fall einen See, an dem er den Fischerkönig trifft, gelangt. Parzival ist nicht aus Sorge um seine Mutter ins Gebet vertieft, sondern durch den Abschied von Condwiramurs so bedrückt, dass er seinem Pferd die Zügel überlässt:

„ein dinc in müete sêre, / daz er von ir gescheiden was, / [...] mit gewalt den zoum daz ros / troug über ronen und durch daz mos: / wande ez wîste niemens hant“.[7]

Wie Perceval gelangt aber auch er, vielleicht durch Gottes Hand geleitet, unwissend in den Bereich der Gralburg. Dabei wird im Conte du Graal noch mehr Wert auf den Bezug zur göttlichen Fügung gelegt, da Perceval zum reißenden Fluss gelangt nachdem er den ganzen Ritt über zu Gott gebetet hat. In Wolframs Parzival wird schon an dieser Stelle betont, dass Parzival die große Strecke von Pelrapeire zur Gralburg Munsalvaesche sehr schnell bewältigt hat[8], während Chrétien dies erst in das Gespräch Percevals mit dem Gralkönig einfließen lässt.[9] Sowohl Perceval als auch Parzival treffen an dem Gewässer auf einen Kahn und fragen den darauf angelnden Mann nach einer Möglichkeit den Fluss/See zu überqueren. Während Chrétien den angelnden Fischer an dieser Stelle nicht näher beschreibt und so Perceval und die Zuhörer von einem einfachen Fischer ausgehen, nutzt Wolfram die Gelegenheit um den ‚Fischer’ als wohl gekleideten, reich aussehenden Mann zu beschreiben:

„einem er im schiffe sach: / der hete an im alsolh gewant, / ob im diendn elliu lant, / daz er niht bezzer möhte sîn. / gefurriert sîn huot was pfâwîn“.[10]

Der Hut mit Pfauenfedern galt im Mittelalter als eine Kopfbedeckung vornehmer Menschen.[11] Durch diese Beschreibung nimmt der Dichter vorweg, dass es sich hier nicht um einen einfachen Fischer handeln kann. Angeln galt damals zudem als adeliger Sport[12]. Folglich scheint es für das mittelalterliche Publikum an dieser Stelle also nicht außergewöhnlich gewesen zu sein, dass ein offensichtlich reicher Mann fischt. Wolfram klärt auch an späterer Stelle auf, dass man Anfortas missverständlicher Weise für einen Fischer hält, da das Fischen die einzige Tätigkeit ist, der er noch nachkommen kann, während es sich bei Chrétien bei dem Gralkönig tatsächlich um einen Fischer handelt.[13] Außerdem verbreitet die Wunde einen üblen Geruch, der auf dem Wasser vertrieben wird.[14] Wolfram macht zudem auch gleich deutlich, dass dieser Fischer ein „trûric man“[15] ist. Wie man auch in der weiteren Gralszene erkennen kann, betont Wolfram auffallend stark die Traurigkeit die auf Munsalvaesche herrscht und Anforta’s „rätselhaften“[16] Kummer, den er hier einführt. Der Fischer antwortet dem Ritter, dass es in der Nähe weder eine Überquerungsmöglichkeit, noch eine Herberge gäbe und lädt ihn daraufhin in seine Burg ein. In beiden Romanen weist der Fischer den Helden darauf hin, dass er, wenn er zur Burg gelangen sollte, am Abend vom Fischer selbst bewirtet werde. Der Weg der Parzival zur Burg beschrieben wird ist sehr einfach. Er soll sich einfach am Felsen nach rechts wenden und an der Zugbrücke um Einlass bitten. Zwar weist der Fischerkönig Parzival darauf hin, dass es auf dem Weg zur Burg Irrwege gibt, aber der Ritter gelangt ohne weitere Probleme dorthin. Perceval dagegen kann, nachdem er die Beschreibung des Fischers:

„Reitet durch diesen Felsspalt hinauf; von oben werdet ihr vor Euch in einem Tal meine Bleibe sehen, in der Nähe von Fluß und Wald“[17],

befolgt hat und auf dem Berg steht, zuerst keine Burg sehen und wird daher zornig auf den Fischer. Als dann plötzlich doch die Spitze des Burgturms erkennbar wird, nimmt Perceval seinen Zorn zurück und reitet zur Burg. Das ‚Auftauchen’ der Burg im Tal wirkt bei Chrétien sehr mystisch, Wolfram dagegen rationalisiert den ersten Blick seines Helden auf die Burg – er gelangt ohne Hindernisse direkt zum Burggraben. Jedoch ist bei ihm die Zugbrücke hochgezogen: „ dâ was diu brücke ûf gezogen“[18] und er muss einen Knappen erst um Einlass bitten, indem er diesem mitteilt, dass er vom Fischer hergesandt worden ist.[19] Daraufhin wird ihm Einlass gewährt und er betritt den Burghof. Chrétiens Perceval dagegen findet die Zugbrücke bereits heruntergelassen vor und kann sofort einreiten.[20] Große Unterschiede gibt es bei der Beschreibung der Burg. Wolframs Burg liegt auf einem Berg und ist eine ausgesprochene Verteidigungsanlage:

„diu burc an veste niht betrogen. / si stuont reht als si waere gedraet. / ez envlüge oder hete der wint gewaet, / mit sturme ir niht geschadet was. / vil türne, manec palas / dâ stount mit wunderlîcher wer. / ob si suochten elliu her, / sine gaeben vür die selben nôt / ze drîzec jâren niht ein brôt“.[21]

[...]


[1] Vgl. Joachim Bumke: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter, München 1990, S.133-134

[2] Vgl. Hilkert Weddige: Einführung in die germanistische Mediävistik, München 1987, S.191

[3] Vgl. Volker Mertens: Der deutsche Artusroman, Stuttgart 1998, S.26/27

[4] Chrétien de Troyes: Le Roman de Perceval ou Le Conte du Graal, herausgegeben und übersetzt von Felicitas Olef-Krafft, Stuttgart 1991, 2918-2921

[5] Ebd. 2980-2984

[6] Wolfram von Eschenbach, Parzival, nach der Ausgabe von Karl Lachmann, übersetzt von Wolfgang Spiewok, Band 1 und 2, Stuttgart 1981, 223,22/23

[7] Wolfram von Eschenbach, 224,10-21

[8] Vgl. Wolfram von Eschenbach, 224,22-30

[9] Vgl. Chrétien de Troyes, 3120-3129

[10] Wolfram von Eschenbach, 225,8-12

[11] Vgl. Kommentar von Eberhard Nellmann in: Wolfram von Eschenbach, Parzival, Band 2, nach der Ausgabe von Karl Lachmann, Frankfurt am Main 1994, S.567, zu 225,12

[12] Vgl. Nellmann, S.567, zu: 225,13

[13] Vgl. Joachim Bumke, Wolfram von Eschenbach, Stuttgart 71997, S.55/56

[14] Vgl. Wolfram von Eschenbach, 491,7/8

[15] Ebd. 225,18

[16] Nellmann, S.668, zu: 225,18

[17] Chrétien de Troyes, Z.3030-3034

[18] Wolfram von Eschebach, 226,13

[19] Vgl. ebd. 226,26-227,6

[20] Vgl. Chrétien de Troyes, 3065f

[21] Wolfram von Eschenbach, 226,14-22

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Ein Vergleich von Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ und Chrétien du Troyes „Conte du Graal“. Die Szene auf der Gralsburg
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
21
Katalognummer
V29742
ISBN (eBook)
9783638311816
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adaption, Courtoise, Wolfram, Eschenbachs, Parzival, Chrétien, Troyes, Conte, Graal, Textvergleich, Beispiel, Szene, Gralburg
Arbeit zitieren
Katrin Fischotter (Autor), 2002, Ein Vergleich von Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ und Chrétien du Troyes „Conte du Graal“. Die Szene auf der Gralsburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29742

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