Der Ich-Erzähler, erst seit knapp zwei Tagen in der altertümlichen Hauptstadt eines Schweizer Kantons namens Luzern, ist diesen Ortes schon fast überdrüssig. Die Ursache dessen ist vielschichtig, zum einen liegt sie in dem für die englischen Touristen und nach deren Geschmack neugebauten, steinernen, schnurgeraden Kai samt „prächtigen fünfstöckigen Häusern“ (Tolstoi: 5), der zusammen mit neugepflanzten Linden die Uferpromenade bildet und so gar nicht in die „eigenartig majestätische und zugleich unsagbar harmonisch und sanft wirkende Natur“ (Tolstoi: 6) hineinpasst, so dass der Protagonist sich erst mühe geben muss, sich so zu setzen, dass sein Blick nicht gestört wird. Zum anderen liegt es wohl an der feinen Gesellschaft bei Tische, die – es sind ja auch Engländer – nicht das Bedürfnis nach Annäherung empfindet, sich selbst genügt und „durch eine strenge, von den Anstandsregeln vorgeschriebenen Zurückhaltung“ (Tolstoi: 7) auszeichnet und somit in vollstem Kontrast zu der ihm so sympathischen Pariser Gesellschaft steht, die vor Heiterkeit, Geselligkeit und Zwischenmenschlichkeit fast aus den Nähten platzt. Der Ich-Erzähler preist den sozialen Umgang von Mensch zu Mensch als „einen der höchsten Genüsse des Lebens“ (Tolstoi: 9), um diesen bringt ihn die feine Gesellschaft in Luzern und so verlässt er schweren Herzens „in denkbar schlechter Stimmung“ noch vor Beendigung des Desserts den Speisesaal und schlendert in der Hoffnung auf Zerstreuung durch die Stadt. (Tolstoi: 10) Er läuft durch die engen, schmutzigen Straßen, bemerkt die Läden, die gerade schließen, begegnet betrunkenen Arbeitern, beobachtet Frauen, die gerade Wasser holen und andere Frauen, die, „sich dauernd umblickend, in koketten Hütchen“, an den Mauern entlang durch die Stadt huschen; all dies verstärkt seinen Missmut nur noch, er fühlt sich „vereinsamt und bedrückt, wie es mitunter ohne jeden ersichtlichen Grund geschieht, wenn man an einem neuen Ort angekommen ist“. (Tolstoi: 10)
Inhaltsverzeichnis
1. Inhaltsangabe der Erzählung „Luzern“
2. Der philosophische Dreh
3. Nach dem Sinn des Lebens fragen
3.1 Schopenhauer und der Sinn des Lebens
3.2 Jenseits der Zwecke - Nietzsche
3.3 Auf dem Wege zu Schiller
Schiller und das Spiel
Lebensführung im schillerschen Sinne?
Die Jugend
4. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht philosophische Fragestellungen zu Glück, Kunst und Lebensführung anhand von Lew Tolstois Erzählung „Luzern“, wobei die Analysen maßgeblich durch den Aufsatz „Vom Sinn des Lebens“ von Moritz Schlick gerahmt und durch weitere philosophische Strömungen ergänzt werden.
- Die Analyse der Erzählung „Luzern“ als Ausgangspunkt für existenzielle Fragen.
- Die Auseinandersetzung mit der pessimistischen Philosophie Arthur Schopenhauers.
- Die Untersuchung von Nietzsches Perspektive auf Zwecke und Sinnstiftung.
- Die Rekonstruktion des Begriffs der „Lebensführung“ durch den Rückgriff auf Schillers Spieltheorie und das Ideal der Jugend.
Auszug aus dem Buch
3.1 Schopenhauer und der Sinn des Lebens
Die Welt als unsere Wirklichkeit sieht Schopenhauer als Wille und Vorstellung. Der Wille, der seiner Natur nach ein blinder und erkenntnisloser, unaufhaltsamer Drang ist, „erhält durch die hinzugetretene, zu seinem Dienst entwickelte Welt der Vorstellung die Erkenntnis von seinem Wollen und von dem was es sei, das er will, daß es nämlich nichts Anderes sei, als diese Welt, das Leben, gerade so wie es dasteht“. (Schopenhauer: 347) Er nennt die dem Subjekt erscheinende Welt seinen Spiegel, seine Objektivität; und da der Wille immer Wille zum Leben ist, konstituiert er unsere Welt. Zugleich ist der Wille jedoch Quelle großen Übels, denn alles „Wollen entspringt aus Bedürfniß, also aus Mangel, also aus Leiden“.
(Schopenhauer: 251) Auch Schopenhauer sieht den schon oben beschriebenen Kreislauf von Wünschen und immer neuen Wünschen und deren an sich schon unbefriedigende Natur, er sagt: „Dauernde, nicht mehr weichende Befriedigung kann kein erlangtes Objekt des Wollens geben: sondern es gleicht immer nur dem Almosen, das dem Bettler zugeworfen, sein Leben heute fristet, um seine Qual auf Morgen zu verlängern“; darum sind die Menschen als „Subjekt des Wollens“ dazu verurteilt, niemals dauerndes Glück oder Ruhe zu finden, ob sie „jagen, oder fliehn, Unheil fürchten, oder nach Genuß streben“ ist eigentlich egal.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Inhaltsangabe der Erzählung „Luzern“: Der Autor schildert die Beobachtungen des Ich-Erzählers in Luzern, dessen Unmut über die gesellschaftliche Kälte und die Geringschätzung eines Straßenmusikers in eine philosophische Auseinandersetzung mit dem menschlichen Streben mündet.
2. Der philosophische Dreh: Dieses Kapitel verortet die Erzählung in einem philosophischen Kontext und kontrastiert den materialistischen Status der Aristokraten mit dem brotlosen, aber kunstvollen Dasein des Sängers.
3. Nach dem Sinn des Lebens fragen: Eine tiefgreifende Untersuchung darüber, ob Sinn in der Erreichung von Zielen oder in einer anderen Seinsweise gefunden werden kann, unter Einbeziehung zentraler Denker.
3.1 Schopenhauer und der Sinn des Lebens: Das Kapitel erläutert Schopenhauers Pessimismus, der das Leben als ein zielloses Hin- und Herpendeln zwischen Schmerz und Langeweile begreift, aus dem nur rare künstlerische Momente kurzzeitig befreien.
3.2 Jenseits der Zwecke - Nietzsche: Eine Analyse von Nietzsches Denken, das den Menschen dazu auffordert, sich über irdische Zwänge zu erheben und durch Selbstüberwindung eigene Werte jenseits von Gut und Böse zu schaffen.
3.3 Auf dem Wege zu Schiller: Dieses Kapitel prüft, wie man sich von der Wucht der Zwecke befreien kann, wobei das Spiel als eine zweckfreie Tätigkeit und die ästhetische Lebensführung nach Schiller als Lösungsweg diskutiert werden.
4. Schlusswort: Das Fazit führt die verschiedenen philosophischen Strömungen zusammen und plädiert für ein Leben, das die ständige Suche nach Sinn als essenziell anerkennt und dabei gleichermaßen Zweifel und Hoffnung integriert.
Schlüsselwörter
Glück, Kunst, Lebensführung, Tolstoi, Luzern, Schopenhauer, Nietzsche, Schiller, Sinn des Lebens, Spieltheorie, Wille, Zweckfreiheit, Philosophie, Jugend, Existenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Kunst, Lebensführung und Glück anhand der literarischen Erzählung „Luzern“ von Lew Tolstoi und verknüpft diese mit philosophischen Grundfragen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die Sinnsuche des Menschen, das Spannungsfeld zwischen ökonomischen Zwecken und künstlerischer Freiheit sowie die philosophische Reflexion über das menschliche Dasein.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie ein reflektiertes Leben inmitten von gesellschaftlichen Widersprüchen und existenziellem Leid geführt werden kann, orientiert an philosophischen Konzepten der Sinnstiftung.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche Analyse, die literaturwissenschaftliche Textinterpretation mit einer philosophischen Literaturrecherche und -diskussion kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Erzählung sowie eine Auseinandersetzung mit den philosophischen Ansätzen von Schopenhauer, Nietzsche und Schiller zur Frage nach dem Sinn des Lebens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen zählen Glück, Sinn des Lebens, Zweckfreiheit, Kunst sowie die spezifischen Denkeransätze von Schopenhauer, Nietzsche und Schiller.
Welche Rolle spielt die Figur des Sängers in der philosophischen Argumentation?
Der Sänger fungiert als Kontrastfigur zu den verblendeten Aristokraten; sein Spiel stellt einen Zustand dar, in dem das Leben „um seiner selbst willen“ geschieht, was ihn als Beispiel für zweckfreies Handeln interessant macht.
Warum wird das Konzept der „Jugend“ im letzten Kapitel hervorgehoben?
Jugend wird hier nicht als Lebensalter, sondern als philosophischer Zustand verstanden, der Begeisterung, Hingabe an den Augenblick und Freiheit von zweckgebundenem Denken umfasst.
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- Martin Arndt (Autor), 2002, Glück, Kunst und Lebensführung und der Sinn des Lebens als Themen in Tolstois Erzählung 'Luzern' , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29772