Oper als Performance. Eine Untersuchung der Korrelation beider Gattungen anhand konrekter Produktionsausschnitte aus Mozarts "Zauberflöte"


Seminararbeit, 2012

17 Seiten, Note: 1,3

Susanne Becker (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Musik als Performance

3 Oper als Performance

4 Die Zauberflöte als Performance
4.1 Produktion Salzburg
4.2 Produktion Bochum

5 Schlussbetrachtung

Bibliographie

Internetquellen

1 Einleitung

„Oper ist nicht Konzert.“[1] Diese triviale Feststellung des ehemaligen Darmstädter Intendanten Siegmund Skraup erscheint auf den ersten Blick mehr als selbstverständlich. Doch was genau unterscheidet die beiden Gattungen im Einzelnen? Könnte eine Oper nicht schlichtweg ein Konzert mit Schauspiel sein? Oder handelt es sich vielmehr um ein gesungenes Theaterstück? Inwieweit unterscheidet sie sich von anderen Aufführungen, etwa der Bereiche Jazz, Pop und Avantgarde?

Um diese Fragen beantworten zu können, muss man zunächst wissen, dass es nicht die Oper gibt. Einerseits gibt es eine Vielzahl musikalischer Werke, die unter diesen Begriff fallen, andererseits läuft eine bestimmte Produktion bei jeder Aufführung ein klein wenig anders ab – womit schon eine Grundregel der Live-Performance genannt ist.

Um letztere näher zu beleuchten, rücken zunächst ihre einzelnen Komponenten sowie deren Zusammenwirken im Allgemeinen und dann speziell bei der Gattung „Oper“ in den Mittelpunkt. Welche Bedeutung kommt jeder Einzelnen zu und wie greifen sie ineinander? Dies will die vorliegende Arbeit zunächst durch theoretische Ausführungen zeigen, bevor deren Ergebnisse anhand von konkreten Produktionsausschnitten veranschaulicht werden. In diesem Fall wurden dafür Beispiele aus Mozarts „Zauberflöte“ – einem der „publikumsgewinnensten Werke der gesamten Opernwelt“[2] gewählt. Aufgrund ihrer Popularität ist es auch nicht sehr verwunderlich, dass über diese große deutsche Oper eine nahezu unüberblickbare Menge an Literatur, die sich insbesondere mit dem Inhalt und seiner Deutung, Freimaurersymbolik und den ägyptischen Elementen sowie der musikalischen Gestaltung und der Inszenierung beschäftigt, existiert.

Bei der Auswahl der Fachliteratur für diese Arbeit fielen jedoch bereits einige inhaltliche Überschneidungen durch Zitierung gleicher Quellen auf. Konkret stützt sich diese Arbeit auf Publikationen von Philip Auslander, Richard Middleton und Paul Théberge, die verschiedene Aspekte der Live-Performance beleuchten. Außerdem wurde hinsichtlich des Themas „Oper“ im Allgemeinen Literatur von K. Ludwig Pfeiffer und Thomas Seedorf konsultiert. Darüber hinaus flossen Ideen von Rudolph Angermüller, Stephan Kunze, Reinhard Saremba und Siegmund Skraup, die sich allesamt mit Operninszenierung beschäftigen, in die vorliegende Arbeit ein. Abschließend betrachtet diese die Gattung Oper als Performance im Vergleich zu Jazz-, Pop- und Avantgardeaufführungen sowie klassischen Konzerten, wobei „klassisch“ hier traditionelle Instrumental- und Vokalmusik und nicht die Epoche der Klassik meint.

2 Musik als Performance

Das permanent eingeschaltete Radio zuhause oder in Geschäften gehört für viele Menschen längst zum Alltag. Nur wenige machen sich darüber Gedanken, welche Parameter bei einer musikalischen Live-Performance – im Studio oder auf der Bühne – auf welche Art und Weise zusammenwirken müssen, damit das uns wohlbekannte Gesamtkunstwerk in Form eines Konzerts oder eines Mitschnitts stattfinden kann.

Richard Middleton beschreibt in seiner Publikation „Pop, Rock and Interpretation“ den Körper des Interpreten als Mittelpunkt der Performance, da er die Gefühle, die die Musik ausdrückt, zu vermitteln scheint. Auf diese Weise führt er ein weiteres Kriterium ein, ohne dass die Aufführung undenkbar wäre: Den Klang selbst.[3] Dabei handelt es sich zunächst einmal um aus einer Absicht heraus in Schwingung versetzte Luft. Somit sind nicht nur uns vertraute tonale Kompositionen, sondern auch Aleatorik, Cluster und ausgefallene Geräuschzusammensetzungen als Klang bzw. Musik einzuordnen. Der Klang hängt eng mit dem Körper zusammen, da letzterer für gewöhnlich als Interpret fungiert. Allerdings fallen auch verwendete Instrumente als die Musik erweiternde Klangquellen sowie das Publikum als Klangrezipienten in die Kategorie Körper. Dieser ist der Parameter „Bewegung“ untergeordnet, welcher zum einen eine bestimmte (Tanz-)Choreographie und zum anderen die wenigen spontanen und vielen geplanten Gesten des Interpreten umfassen. Diese dienen oftmals dem Ausdruck der Musik durch den Künstler und seiner Interaktion mit dem Publikum, welches jedoch auch seinerseits zum Beispiel durch Applaus und standing ovations bei klassischen Konzerten und Opern oder in die Höhe gestreckte Arme bei Popkonzerten in die Bewegung und Interaktion eintreten kann.[4]

Des Weiteren spielt der visuelle Aspekt bei der Live-Performance eine wichtige Rolle. Um den Interpreten wortwörtlich ins beste Licht zu rücken, bedient man sich heutzutage vieler technischer Hilfsmittel, die in unserem Jahrhundert bereits zur Voraussetzung gelungener Aufführungen avanciert sind.[5] Dabei ist speziell die Beleuchtung von praktischer und psychologischer Wichtigkeit, da sie einerseits Lichtquelle für die Künstler und andererseits ein einfaches Mittel ist, um den Fokus der Zuhörer auf den oder die Interpreten, bestimmte Requisiten oder manchmal auch auf sie selbst zu lenken.

Doch die Lichttechnik setzt nicht nur die vorhandenen Körper, sondern auch den Raum, in dem die Musik stattfindet, in Szene. Dieser muss jedoch keinesfalls ein geschlossener Saal sein. Das Wort Raum meint hier die Umgebung, in der performt wird.[6] Er ist zentraler Baustein der Live-Performance, da die Parameter Licht, Körper, Bewegung, Klang und auch die im weiteren Verlauf der Arbeit beschriebenen Medien von ihm abhängig sind. So entscheidet die Beschaffenheit des Raumes über die verwendete Licht- und Tontechnik und je nach Größe und Bekanntheit des Raumes wird er von Einzelkünstlern und Gruppen unterschiedlicher Größe und Prominenz bespielt. Außerdem entscheiden die Ausmaße des Raumes auch über die potenzielle Menge des Publikums. Des Weiteren ist dieser Parameter entscheidend für die Akustik, also den Klang, der, wie bereits angesprochen, zentrales Element der Aufführung ist.

Philip Auslander erläutert in seiner Publikation „Liveness. Performance in a Mediatized Culture“ mit den Medien und der Bedeutung der Mediatisierung für Live-Performances einen weiteren wichtigen Baustein von Musikaufführungen. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass „Liveness“ und „Mediatization“ voneinander abhängig sind und keine direkten Gegensätze darstellen. Dabei ist „Mediatization“ aus „Liveness“ hervorgegangen. Die enge Verwandtschaft der beiden Termini ist auch konkret in der Sprache erkennbar. Linguistisch betrachtet ist das Wort „mediate“ (engl. vermitteln) der Ursprung von „Mediatization“, während „Liveness“ „ im mediate“, direkt, also das Gegenstück zu „mediate“, ist. Auf dieser Grundlage lässt sich der Begriff „live“ klar eingrenzen.[7] Er steht für die unmittelbare Übertragung von Musik.

Aus diesen Überlegungen geht hervor, dass „Liveness“ nur in mithilfe von Aufzeichnungen sichtbar und damit greifbar gemacht werden kann.[8] Während Live-Übertragungen und close-ups zunächst nur Nebenprodukte der Live-Performance waren, sind sie bei heutigen Aufführungen vor großem Publikum oftmals selbst auf riesigen Bildschirmen wesentlicher Bestandteil von Live-Events.[9] Diese wären auch ohne die Massen- und Kommunikationsmedien undenkbar. Besonders die Massenmedien verbreiten positive wie negative Kritiken rasant, beeinflussen Interpreten sowie das Publikum auf gleiche Art und Weise wie Bild-und Tonträger und haben auf diese Weise ständig Anteil an der Entwicklung der Live-Performance.

Allgemein ist das Wort „Medien“ schwierig zu kategorisieren. Seine Bedeutung als Vermittler im weitesten Sinne würde oftmals alle anderen genannten Parameter umschließen und ihn zur Grundlage jeder Aufführung machen. Da es sich bei der vorliegenden Arbeit jedoch um eine genauere Analyse der Live-Performance handelt, sind mit dem Parameter „Medien“ lediglich die der sekundären und tertiären Medien gemeint, die häufig eine interagierende Rolle mit dem künstlerischen Komplex einnehmen und ihn beeinflussen.

3 Oper als Performance

Bei der Gattung Oper stellt sich die Gewichtung der Parameter Körper, Raum, Licht, Klang, Bewegung und Medien dagegen anders dar. Obwohl es einige wenige Ausnahmen wie etwa Freilufttheater gibt, ist die Oper bezüglich des Raums generell an ein Theater mit seinen architektonischen Besonderheiten gebunden.[10] Neben praktischen – z.B. akustischen- Gründen spielt hier auch die Tradition eine große Rolle. Somit kann der Raum als Voraussetzung der Oper betrachtet werden. Doch dieser allein reicht trotz Bühnenbilder und Requisiten nicht aus, um den Ansprüchen der Gattung gerecht zu werden. Die Oper umfasst stets Bühne und Mensch[11] und fordert stets die szenische Verdeutlichung der Musik durch die Darsteller.[12]

Diese angestrebte Mediencollage[13] erfordert eine gut durchdachte sowie perfekt einstudierte Inszenierung, in der die einzelnen Parameter einer Live-Performance ineinander greifen und perfekt aufeinander abgestimmt sind. Doch was macht die Oper zur Mediencollage?

Nun, diese Gattung beinhaltet eine Vielzahl von Medien, „Vermittlern“, unterschiedlicher Art. Die primären Medien Gesang, Sprache und die zuweilen auch tonmalerische Orchestermusik vermitteln und verdeutlichen den dramatischen Inhalt. Damit könnte man sowohl das Element Körper als auch den Klang als Medium einstufen. Auch Bewegungen der Darsteller, die Gestaltung des Raumes und seiner Beleuchtung unterstützen den Inhalt mehr oder weniger und fungieren so ebenfalls als Medium.

Des Weiteren spielen sekundäre Medien wie Zeitungen oder Fachzeitschriften eine wichtige Rolle für die genannte Gattung. Sie gewinnen meist nach der Aufführung an Bedeutung– wobei nach der Aufführung hier vor der Aufführung ist – und beeinflussen mit ihren Kritiken nicht nur die Besucherzahlen und das Prestige einer bestimmten Schauspielstätte, sondern auch zukünftige Inszenierungen anderer Theater. Auch das Publikum wird zum Medium, wenn es seine Eindrücke unter den Mitmenschen verbreitet und auf diese Weise den gleichen Effekt wie die angesprochenen sekundären Medien erzielt.

Darüber hinaus haben die tertiären Medien im Zuge der Digitalisierung und besonders seit Beginn des 21. Jahrhunderts Einzug im Theater gehalten. Immer häufiger werden besonders an großen Häusern DVD-Mitschnitte von Aufführungen hergestellt, die das Live-Erlebnis festhalten und zuweilen auch als Promotion Videos verwendet werden. Obwohl der Begriff „Medien“ im weitesten Sinne augenscheinlich alle genannten Parameter der Live-Performance abdeckt, meint das Modell „Oper als Performance“ mit diesem Terminus die angesprochenen, die Inszenierungen vieler Theater beeinflussenden Kritiken in Form von Berichterstattungen und veröffentlichten Aufnahmen jeglicher Art.

Die Inszenierung ist der wichtigste Schlüsselbegriff der Oper. Sie legt Klang, Körper, Licht sowie die Bewegungen fest und entschlüsselt in den Werken enthaltenen Symbole für das Publikum.[14] Dies geschieht von Schauspielstätte zu Schauspielstätte auf unterschiedliche Art und Weise, was nicht zuletzt auf verschiedene Auslegungen der Intendanten zurückzuführen ist. Deren Fantasie setzt höchstens das zur Verfügung stehende Budget Grenzen, sodass sich neu geschaffene Inszenierungen an verschiedenen Häusern in Bühnenbild, Requisiten, Kostümen sowie schauspielerisch und musikalisch voneinander unterscheiden. Die immer neuen Varianten eines Stückes machen den Reiz des Theaters aus und bringen die Zuschauer dazu, ihnen inhaltlich längst bekannte Stücke wieder und wieder zu besuchen.

Einen schwierigen Fall stellt bei der Inszenierung die in Form einer Partitur festgelegte Musik dar. Die ins 17. Jahrhundert zurückreichende Sängertradition, einzelne Passagen improvisatorisch durch Kadenzen und Verzierungen zu ergänzen, ist mittlerweile beinahe völlig ausgestorben, da die Authentizität einer Oper aufgrund der musikalischen Ausschmückungen der Künstler zunehmend in Frage gestellt wurde[15] und immer mehr Komponisten die vermeintlich mindere Qualität dieser Ausführungen, die das Gesamtwerk ihrer Einschätzung nach abwerteten, missfiel.

Daher trat ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermehrt die Tendenz des geschlossenen musikalischen Kunstwerkes auf, das willkürliche Veränderungen aus ästhetischen Gründen nicht zulässt[16] und Dirigent und Sängern nur wenig Interpretationsspielraum lässt.

[...]


[1] Skraup, Siegund: Die Oper als lebendiges Theater, Lechte, Emsdetten ²1951 (Die Schaubühne; 39), 10.

[2] Angermüller, Rudolph: Mozart. Die Opern von der Uraufführung bis heute, Frankfurt am Main; Berlin, Prophyläen 1988, 225.

[3] Middleton, Richard: „Pop, Rock and Interpretation“, in: Simon Frith/Will Straw/John Street (Hrsg.): The Cambridge Companion to Pop and Rock, Cambridge, Cambridge University Press 2001, 219.

[4] Ibid.

[5] Théberge, Paul: „Plugged in. Technology and Popular Music“, in: Simon Frith/Will Straw/John Street (Hrsg.): op. cit., 3.

[6] Ibid.

[7] Auslander, Philip: Liveness. Performance in a Mediatized Culture, Abingdon, Routledge ²2008, 56.

[8] Ibid., 57.

[9] Ibid., 25.

[10] Saremba, Reinhard: Oper. Einführung, Essen, Oldib 2011, 8.

[11] Skraup, Siegmund: op. cit., 22.

[12] Ibid., 5.

[13] Pfeiffer, K. Ludwig: „Authentizität und Artifitialität: Der Fall „Oper“, in: Susanne Knaller/Harro Müller (Hrsg.): Authentizität. Diskussion eines ästhetischen Begriffs, München, Wilhelm Fink 2006, 149.

[14] Saremba: op.cit., 31.

[15] Pfeiffer: op. cit., 153.

[16] Seedorf, Thomas: „Oper und Vokalmusik“, in: Hermann Danuser (Hrsg.): Musikalische Interpretation, Laaber, Laaber 1992 (Neues Handbuch der Musikwissenschaft; 11), 335.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Oper als Performance. Eine Untersuchung der Korrelation beider Gattungen anhand konrekter Produktionsausschnitte aus Mozarts "Zauberflöte"
Hochschule
Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V298230
ISBN (eBook)
9783656951063
ISBN (Buch)
9783656951070
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Oper, Performance, Raum, Zauberflöte, Damrau, Salzburg, Bochum
Arbeit zitieren
Susanne Becker (Autor), 2012, Oper als Performance. Eine Untersuchung der Korrelation beider Gattungen anhand konrekter Produktionsausschnitte aus Mozarts "Zauberflöte", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298230

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