Die rund 53‘000 EinwohnerInnen starke, an der deutsch-französischen Sprachgrenze liegende Stadt Biel/Bienne wird seit dem 19. Jahrhundert durch eine Besonderheit geprägt, welche sie zu einem gesamtschweizerischen Sonderfall macht: Der Zweisprachigkeit.
Biel/Bienne ist die grösste zweisprachige Stadt der Schweiz und aktuell die einzige, welche offiziell zweisprachig ist. Im Gegenzug zu Fribourg ist sie nämlich auch amtlich zweisprachig, nicht nur de facto. Bereits 1952 pries der damalige, langjährige Stadtpräsident Guido Müller die Zweisprachigkeit der Stadt als ihr Markenzeichen. "Heute ist Biel eine erklärte Zweisprachenstadt – die einzige Stadt der Schweiz, wo beide Sprachen, Deutsch und Französisch, durchaus gleichberechtigt nebeneinander stehen und angewendet werden." Und er hatte recht - nirgends sonst wird die Zweisprachigkeit im öffentlichen Raum so konsequent realisiert und gelebt wie in Biel/Bienne: Die Straßenbeschriftungen sind zweisprachig, die lokalen TV- und Radiostationen auch, genauso wie diverse Printmedien.
In dieser Proseminararbeit soll nun ein kleiner Einblick in diverse Aspekte der Zweisprachigkeit in der Stadt Biel/Bienne, deren Wahrnehmung durch die BielerInnen und das (Zusam-men)Leben zweier Sprachgruppen in der vom sprachpolitischen Standpunkt her einzigartigen Stadt Biel/Bienne gegeben werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichtlicher Hintergrund
3. Rechtliche Situation
4. Statistische Entwicklung des Sprachenverhältnisses
5. Sprachauffassung: Wie nehmen BielerInnen die Zweisprachigkeit wahr?
5.1. Wahrgenommene Vor- und Nachteile der Zweisprachigkeit durch beide Sprachgruppen
5.2. Erkenntnis der Bedeutung der Zweisprachigkeit
5.3. Neuste Entwicklungen – die Zweisprachigkeit als Symbol
6. (Zusammen)Leben in Biel/Bienne – Die gelebte Zweisprachigkeit
6.1. Kommunikationssprache - Das „Bieler Modell der Sprachenwahl“
6.2. Gelebte Zweisprachigkeit im öffentlichen Raum
6.3. Printmedien
6.4. Elektronische Medien – TV und Radio
7. Problembereiche der bielerischen Mehrsprachigkeit
7.1. Arbeit, Beruf, Lehre
7.2. Verwaltung
7.3. Schule
7.3.1. Modus vivendi – Sprachliche Koexistenz auf schulischer Ebene
7.3.2. Zweisprachige Schulprojekte
8. Institutionelle Förderungsmassnahmen der Zweisprachigkeit
9. Fazit und Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen der deutsch- und französischsprachigen Bevölkerung in Biel/Bienne. Im Zentrum steht dabei die Fragestellung, wie sich die Wahrnehmung der Zweisprachigkeit bei den beiden Sprachgruppen über die letzten Jahrzehnte entwickelt hat und wie das tägliche Zusammenleben in einer Stadt gestaltet wird, in der ein Mehrheits-Minderheits-Verhältnis besteht, während gleichzeitig die Gleichberechtigung beider Sprachen angestrebt wird.
- Historische Genese der zweisprachigen Stadt Biel/Bienne
- Analyse der sprachlichen Wahrnehmung und Identität
- Untersuchung des „Bieler Modells der Sprachenwahl“ im Alltag
- Evaluierung institutioneller Rahmenbedingungen und Förderungsmassnahmen
- Identifikation von Problemfeldern in Bildung, Verwaltung und Beruf
Auszug aus dem Buch
6.1. Kommunikationssprache - Das „Bieler Modell der Sprachenwahl“
Generell wird in Biel/Bienne Hochdeutsch als Sprache kaum benutzt, die Einheimischen verwenden entweder den berndeutschen Dialekt oder das Französische für ihre Kommunikation. Der Respekt vor der Gleichberechtigung der beiden Sprachen wird von beiden Sprachgruppen gelebt und wurde vom Sprachwissenschaftler Gottfried Kolde als das „Bieler Modell der Sprachenwahl“ beschrieben. Dies bedeutet, dass i.d.R. die gesprächseröffnende Person die Gesprächssprache festlegt, indem sie in ihrer Muttersprache beginnt. Die angesprochene Person passt sich an, indem sie in der vom Gesprächspartner gewählten Sprache antwortet. Eine ungeschriebene, gesellschaftliche Regel besagt, dass die angesprochene Person die anfangs gewählte Sprache beibehält, auch wenn ihre Kenntnisse der Partnersprache wenig ausgeprägt sind. „Wer sich nicht anpasst, wird als unhöflich angesehen“.
Im Verkauf (Supermarkt, Geschäfte) und dem Dienstleistungsbereich (Restaurants) entscheidet mehrheitlich die Kundschaft über die Gesprächssprache.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Besonderheit Biel/Biennes als offiziell zweisprachige Stadt ein und legt den Aufbau sowie die Fragestellungen der Arbeit dar.
2. Geschichtlicher Hintergrund: Das Kapitel beleuchtet die Entwicklung der Stadt von einer deutschsprachigen Industrieansiedlung hin zu einer zweisprachigen Stadt durch Zuwanderung ab 1850.
3. Rechtliche Situation: Hier wird der verfassungsrechtliche Rahmen des Kantons Bern sowie die städtische Stadtordnung erläutert, die Biel/Bienne als offizielle zweisprachige Gemeinde definieren.
4. Statistische Entwicklung des Sprachenverhältnisses: Dieses Kapitel skizziert die demographische Verschiebung zwischen deutsch- und französischsprachigen BewohnerInnen seit 1860.
5. Sprachauffassung: Wie nehmen BielerInnen die Zweisprachigkeit wahr?: Untersucht wird die subjektive Wahrnehmung der Zweisprachigkeit sowie der Wandel der Akzeptanz und des Problembewusstseins beider Sprachgruppen über die Jahrzehnte.
6. (Zusammen)Leben in Biel/Bienne – Die gelebte Zweisprachigkeit: Beleuchtet wird die praktische Umsetzung der Zweisprachigkeit im Alltag, in Medien sowie das spezifische Kommunikationsverhalten der Bevölkerung.
7. Problembereiche der bielerischen Mehrsprachigkeit: Identifiziert werden bestehende Herausforderungen und Ungleichbehandlungen in den Bereichen Arbeit, Verwaltung und Schule.
8. Institutionelle Förderungsmassnahmen der Zweisprachigkeit: Vorgestellt werden konkrete Bemühungen und Projekte wie das „Forum du Bilinguisme“, um die Zweisprachigkeit aktiv zu fördern.
9. Fazit und Schlussfolgerung: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und bestätigt die erfolgreiche Etablierung einer „konsensuellen Zweisprachigkeit“ in Biel/Bienne.
Schlüsselwörter
Zweisprachigkeit, Biel/Bienne, Sprachenpolitik, Bilinguisme, Sprachminderheit, Bieler Modell der Sprachenwahl, Identität, Integration, Sprachgrenze, Institutionelle Zweisprachigkeit, Mehrsprachigkeit, Konsensuelle Zweisprachigkeit, Berndeutsch, Französisch, Zusammenleben.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die gelebte Zweisprachigkeit in der Schweizer Stadt Biel/Bienne, ihre historische Entwicklung sowie die soziolinguistische Wahrnehmung durch die Bewohnerinnen und Bewohner.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die rechtlichen Grundlagen, die demographische Statistik, die alltägliche Kommunikation zwischen den Sprachgruppen, schulische Bildungsprojekte sowie die institutionalisierte Förderung der Zweisprachigkeit.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage untersucht, wie sich die Wahrnehmung der Zweisprachigkeit durch die Sprachgruppen im Zeitverlauf verändert hat und ob trotz eines bestehenden Mehrheits-Minderheits-Verhältnisses eine gleichberechtigte Koexistenz im öffentlichen Raum möglich ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse soziolinguistischer Studien, offizieller statistischer Daten, gesetzlicher Grundlagen sowie auf die Aufarbeitung bestehender Forschungsliteratur zur Zweisprachigkeit in Biel/Bienne.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Sprachauffassung, des gelebten Zusammenlebens im Alltag (Medien, Kommunikation), der identifizierten Problembereiche in Arbeitswelt und Verwaltung sowie der institutionellen Ansätze zur Förderung der Zweisprachigkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Zweisprachigkeit, Biel/Bienne, Sprachenpolitik, Bilinguisme, Sprachminderheit und das „Bieler Modell der Sprachenwahl“.
Was versteht man unter dem „Bieler Modell der Sprachenwahl“?
Dies ist eine ungeschriebene gesellschaftliche Regel, bei der die gesprächseröffnende Person die Sprache vorgibt und der Gesprächspartner sich dieser Sprache anpasst, was den gegenseitigen Respekt und die Kommunikation fördert.
Welchen Stellenwert nimmt das Projekt „Filière Bilingue“ (FiBi) ein?
Das Projekt „Filière Bilingue“ stellt ein schweizweit einzigartiges Bildungsmodell dar, das auf dem Prinzip der reziproken Immersion basiert, um Kindern bereits auf der Primarstufe einen natürlichen Umgang mit beiden Sprachen zu ermöglichen.
- Citar trabajo
- Carole Gobat (Autor), 2015, Berner Dialekt und Französisch miteinander. Die gelebte Zweisprachigkeit in Biel/Bienne, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298269