Sexualität bei Menschen mit Behinderungen ist seit ungefähr 20 Jahren ein aktuelles Thema (Fegert & Müller, 2001). Zunächst bezogen sich die Publikationen allgemein auf Menschen mit Behinderungen. Geistig behinderten Menschen wurde zu dieser Zeit das Bedürfnis nach Sexualität häufig noch abgesprochen. In vielen Behinderteneinrichtungen wurde sogar darauf geachtet, Sexualität zu verhindern.
Mittlerweile rückt die Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität und geistiger Behinderung immer stärker ins Blickfeld, auch wenn sich die Themen häufig nur auf Verhütung von Schwangerschaft und Sterilisation beziehen. Es gibt jedoch immer mehr Autoren, die Sexualität als ein Recht und ein Bedürfnis in der normalen Persönlichkeitsentwicklung, auch von Menschen mit geistiger Behinderung, betrachten.
Dass Menschen mit geistiger Behinderung ein Recht auf Sexualität und Sexualerziehung haben, bestreitet heutzutage kaum mehr jemand. Sexualität gilt zwar als Grundbedürfnis des Menschen, stellt aber trotzdem noch ein großes Tabu dar, vor allem, wenn es um die Kommunikation darüber geht. Obwohl Sexualität einerseits sehr öffentlich geworden ist (zum Beispiel in den Medien) ist es uns andererseits noch nicht gelungen, eine angemessene Sprache der Sexualität zu entwickeln, die es möglich macht, die Kommunikationslosigkeit zu brechen. Kaum ein Kind hat in seiner Jugend mit seinen Eltern über Sexualität gesprochen. Zwischen Kindern und ihren Bezugspersonen bleibt ein Stück Sprachlosigkeit. Im Zusammenhang mit dem Themenbereich ‘Sexualität’ ergeben sich bei Menschen mit geistiger Behinderung eine Reihe von Problemen. Auf der einen Seite ist man mit ähnlichen Bedürfnissen konfrontiert wie sonst auch, auf der anderen Seite sind durch die meist kognitiven und körperlichen Einschränkungen der Menschen mit Behinderungen die Kommunikation, das Verständnis und der Zugang zu sich selbst, zusätzlich erschwert.
Viele Personen, die mit Menschen mit geistiger Behinderung in engem Kontakt sind, sind zu wenig informiert, teilweise hilflos und mit dem Thema und den daraus folgenden Situationen überfordert.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Teil A) Theoretischer Teil
1 Einleitung
1.1 Aufbau der Arbeit
2 Evaluation
2.1 Definitionsversuch von Evaluation
2.2 Funktionen und Ziele von Evaluation
2.3 Modelle und Formen der Evaluation
2.4 Gestaltungskomponenten von Evaluationsstudien
2.5 Methoden der Evaluation
2.6 Effektivität und Wirksamkeit
2.7 Notwendigkeit der Evaluation
3 Geistige Behinderung
3.1 Allgemeine Begriffsbestimmung
3.2 Definition nach der AAMR
3.3 Alternative Perspektiven
3.3.1 Einteilung von geistiger Behinderung im deutschsprachigen Raum
3.3.2 Der Mehrebenenansatz zur Erläuterung der geistigen Behinderung
3.4 Gesamtbetrachtung von Geistiger Behinderung
4 Sexualität und Geistige Behinderung
4.1 Begriffsbestimmung: Sexualität
4.2 Die sexuelle Entwicklung
4.2.1 Die körperlich sexuelle Entwicklung
4.2.2 Die psychosexuelle Entwicklung
4.2.3 Ausdrucksformen kindlicher Sexualität
4.2.4 Die Diskrepanz zwischen Sexualalter und Intelligenzalter
4.3 Sexualität im engerem Sinn
4.3.1 Masturbation
4.3.2 Geschlechtsverkehr
4.3.3 Homosexualität
4.3.4 Partnerschaft und Ehe
4.3.5 Kinderwunsch und Elternschaft
4.3.6 Verhütung
4.3.7 Sterilisation
4.3.8 Schwangerschaftsabbruch
5 Einstellungen zur Sexualität von Menschen mit geistiger Behinderung
5.1 Aspekte der Entstehung der Einstellung zu Behinderten
5.2 Einstellungen und Vorurteile gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung
5.3 Einstellungen und Vorurteile zur Sexualität von Menschen mit geistiger Behinderung
5.4 Sexualität und ihre Einschränkungen
5.5 Die Abhängigkeit der Sexualität von Menschen mit geistiger Behinderungen von ihrem Umfeld
6 Sexualpädagogische Begleitung
6.1 Begriffsbestimmung
6.2 Aufgabenbereiche der Sexualerziehung
6.3 Die Rolle der Betreuer
Zusammenfassung und Resümee des Theorieteils
Teil B) Entwicklungsteil
7 ‘Love Talks’
7.1 Entstehung und Erarbeitung des Modells
7.2 Pilotprojekt und Implementierung
7.3 Weiterführende Projekte und Ziele
8 Evaluation von ‘Love Talks’
8.1 Evaluation des Pilotprojektes
8.1.1 Erster Ausbildungslehrgang
8.2 Externe Evaluation durch Pädagogische Akademien
8.3 Evaluation in Bezug auf Kommunikations- und Gesundheitsförderung des Modells
8.4 Evaluierungsstudie 2001 durch die Human- und sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Wien
8.5 Gesamtbetrachtung der Ergebnisse
9 ‘Special Love Talks’
9.1 Entwicklung des Modells
9.2 Darstellung der Grundlagenforschung
9.2.1 Wissen und Einstellung von Mitarbeitern (Assistenten) in Behindertenorganisationen
9.2.2 Wissen und Einstellung von Gynäkologen
9.2.3 Wissen und Einstellung von Eltern und Angehörigen
9.2.4 Wissen und Einstellung von Menschen mit geistiger Behinderung
9.2.5 Gesamtbetrachtung der Grundlagenforschung
9.3 Konzeption und Darstellung
9.3.1 Ziele
Teil C) Empirischer Teil
10 Empirische Untersuchung
10.1 Fragestellungen
10.1.1 Fragestellungen zu Entscheidungskriterium 1
10.1.2 Fragestellungen zu Entscheidungskriterium 2
10.1.3 Fragestellungen zu Entscheidungskriterium 3
11 Methodik und Versuchsplanung
11.1 Fragebögen
11.1.1 Fragebogen zur Erfassung der Einstellung
11.1.2 Evaluationsfragebogen: Beurteilung der einzelnen Arbeitskreise
11.1.3 Evaluationsfragebogen: ‘Follow up’
11.1.4 Expertenbefragung
11.2 Design und Untersuchungsablauf
11.3 Stichprobe
11.3.1 Entscheidung
11.3.2 Erhebung der Einstellung: 2 Messzeitpunkte
11.3.3 Evaluierung der einzelnen Arbeitskreise des Pilotprojektes
11.3.4 Nachuntersuchung: Evaluierung ‘Special Love Talks’
12 Ergebnisse
12.1 Auswertungsmethodik
12.2 Auswertung bezogen auf die Fragestellungen
12.3 Ergebnisse zum Entscheidungskriterium 1
12.3.1 Ergebnisse zu Fragestellung 1
12.3.2 Ergebnisse zu Fragestellung 2
12.3.3 Ergebnisse zu Fragestellung 3
12.3.4 Ergebnisse zu Fragestellung 4
12.4 Ergebnisse zum Entscheidungskriterium 2
12.4.1 Ergebnisse zu Fragestellung 5
12.4.2 Ergebnisse zu Fragestellung 6
12.5 Ergebnisse zum Entscheidungskriterium 3
12.5.1 Ergebnisse zu Fragestellung 7
12.5.2 Ergebnisse zu Fragestellung 8
12.5.3 Ergebnisse zu Fragestellung 9
12.6 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse
12.6.1 Entscheidungskriterium 1
12.6.2 Entscheidungskriterium 2
12.6.3 Entscheidungskriterium 3
13 Weiterführung des Modells
13.1 Beschreibung der Veränderungen und Darstellung des endgültigen Designs
13.2 Zufriedenheit der Teilnehmer
13.2.1 Methodik: Beschreibung des Rückmeldebogens
13.2.2 Erste Zufriedenheitsdaten
14 Diskussion und Ausblick
14.1 Methodik und Studiendesign
14.2 Ergebnisse
14.3 Ausblick
Zusammenfassung
Literaturverzeichnis
Linkverzeichnis
Anhänge
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit evaluiert das sexualpädagogische Modell „Special Love Talks“ für Menschen mit geistiger Behinderung, um dessen Wirksamkeit bei der Verbesserung der Aufklärung und der Einstellungsänderung relevanter Bezugspersonen zu prüfen.
- Entwicklung und Implementierung eines sexualpädagogischen Begleitungsmodells
- Evaluation des Wissensstandes und der Einstellungen von Bezugspersonen und Betroffenen
- Analyse der Kommunikation über Sexualität in Betreuungseinrichtungen
- Förderung der Selbstbestimmung und des Schutzes vor sexueller Gewalt
Auszug aus dem Buch
Die körperlich sexuelle Entwicklung
Die körperliche Entwicklung verläuft großteils gleich wie die der nicht behinderten Menschen. Die Mädchen bekommen in der Regel mit etwa 11 - 13 Jahren ihre Menstruation und die Burschen mit etwa 13 - 14 Jahren ihren ersten Samenerguss. Theoretisch sind die Mädchen, sofern sie einen regelmäßigen Eisprung haben, zur Empfängnis bereit und die Burschen, sofern Spermienmenge und Qualität ausreichen, zur Zeugung in der Lage (vgl. Lempp, 1983, 2002; McClennen, 1988; Dank, 1993, Achilles, 1998; Krebs, 2002).
Bei Schwerstbehinderten ist unklar, ob sexueller beziehungsweise genitaler Infantilismus zu finden ist. Tatsache ist, dass nur bei einem sehr geringen Anteil von 10 bis 15% eine genitale Aktivität zu beobachten ist (Chamberlain et al., 1984; Krebs, 1985).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Beschreibt die Relevanz der Sexualpädagogik für Menschen mit Behinderungen und erläutert den Aufbau der vorliegenden Studie.
2 Evaluation: Diskutiert theoretische Grundlagen, Methoden und Modelle der Evaluation sowie deren Bedeutung für pädagogische Interventionen.
3 Geistige Behinderung: Führt in die Begriffsbestimmung, verschiedene Definitionen (AAMR) und den Mehrebenenansatz zur Erläuterung geistiger Behinderung ein.
4 Sexualität und Geistige Behinderung: Beleuchtet die sexuelle Entwicklung, spezifische Ausdrucksformen und die Herausforderungen im Umgang mit Sexualität bei Menschen mit Behinderung.
5 Einstellungen zur Sexualität von Menschen mit geistiger Behinderung: Analysiert die Einstellung von Umfeld und Bezugspersonen sowie deren Einfluss auf das Leben behinderter Menschen.
6 Sexualpädagogische Begleitung: Definiert Aufgaben der Sexualerziehung und die Rolle der Betreuer bei der Begleitung von Menschen mit Behinderung.
7 ‘Love Talks’: Stellt das zugrunde liegende präventive Modell für den schulischen Bereich und dessen Ursprünge vor.
8 Evaluation von ‘Love Talks’: Führt die bisherigen Evaluationsergebnisse und Analysen der Grundlagenforschung für dieses Modell aus.
9 ‘Special Love Talks’: Beschreibt die spezifische Adaptierung und Entwicklung des Modells für den heilpädagogischen Bereich.
10 Empirische Untersuchung: Legt die Forschungsfragen und Entscheidungskriterien der durchgeführten Studie dar.
11 Methodik und Versuchsplanung: Dokumentiert das Studiendesign, die Fragebögen, die Stichprobe und den Ablauf der Untersuchung.
12 Ergebnisse: Präsentiert die deskriptiven und analytischen Ergebnisse der quantitativen Datenerhebung zu den Entscheidungskriterien.
13 Weiterführung des Modells: Dokumentiert die notwendigen Anpassungen und das endgültige Design sowie erste Daten zur Teilnehmerzufriedenheit.
14 Diskussion und Ausblick: Reflektiert kritisch die Methodik, interpretiert die Ergebnisse und gibt einen Ausblick auf die zukünftige Relevanz des Themas.
Schlüsselwörter
Sexualpädagogik, geistige Behinderung, Evaluation, Special Love Talks, Einstellung, Bezugspersonen, Aufklärung, Verhütung, Sexualerziehung, Empowerment, Behindertenhilfe, Inklusion, psychosoziale Entwicklung, Lebensqualität, Interventionsforschung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit widmet sich der Evaluation und Implementierung des sexualpädagogischen Modells „Special Love Talks“, das darauf abzielt, die sexuelle Selbstbestimmung und Aufklärung von Menschen mit geistiger Behinderung durch die Einbeziehung ihres sozialen Umfeldes zu verbessern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Zentrale Themen sind die sexuelle Entwicklung von Menschen mit geistiger Behinderung, die Einstellung von Bezugspersonen (Eltern, Betreuer, Experten) zu diesem Thema, die Bedeutung von Sexualaufklärung als Präventionsmaßnahme sowie die methodische Qualitätssicherung durch Evaluation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die Sinnhaftigkeit und Wirksamkeit des Modells „Special Love Talks“ zu evaluieren, um Entscheidungshilfen für eine mögliche Institutionalisierung des Programms zu gewinnen und die Einstellung der beteiligten Bezugspersonen langfristig zu liberalisieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Studie nutzt einen quantitativen, quasiexperimentellen Forschungsansatz (Prä-Postdesign) mit Kontrollgruppen, ergänzt durch deskriptive Analysen, Experteninterviews und eine Metaanalyse bestehender Daten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Rahmen zur Evaluation und Sexualität, eine detaillierte Vorstellung des Modells „Special Love Talks“ sowie einen umfangreichen empirischen Teil, in dem die Ergebnisse der Evaluationsstudien an verschiedenen Standorten analysiert werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Forschungsarbeit?
Wichtige Begriffe sind „Sexualpädagogik“, „Geistige Behinderung“, „Evaluation“, „Liberalität der Einstellung“, „Interventionsforschung“ und „Bezugspersonen“.
Warum ist die Einbeziehung der Bezugspersonen für den Erfolg des Modells entscheidend?
Die Studie belegt, dass die sexuelle Realisierung und das Wohlbefinden von Menschen mit geistiger Behinderung maßgeblich von den Einstellungen ihrer Betreuungspersonen abhängen. Ein „Support-Konzept“ kann nur funktionieren, wenn das gesamte Umfeld sensibilisiert und informiert ist.
Welche Rolle spielt die „Mediatorenrolle“ in diesem Konzept?
Die Mediatoren (Moderatoren) dienen als Brücke zwischen den individuellen Bedürfnissen der behinderten Menschen und den oft ängstlichen oder unsicheren Reaktionen des sozialen Umfelds, um durch professionelle Begleitung ein kooperatives Miteinander zu ermöglichen.
- Quote paper
- Antonia Schlick (Author), 2004, Special Love Talks - Evaluierung und Implementierung eines Modells zur sexualpädagogischen Begleitung für den Lebensbereich von Menschen mit geistiger Behinderung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29830