Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Charakter des deutschen, proletarischen und des (süd-)italienischen, ländlichen Antifaschismus. Als italienische Quelle dieser Auseinandersetzung dient der berühmte Roman Fontamara (1933; dt 1943) von Ignazio Silone über ein fiktives Dorf und den eigenwilligen Widerstand der Dorfbewohner (cafoni) gegen das faschistische Regime unter Mussolini. Als deutsche Ergänzung und Exkurs dient die äußerst dichte Darstellung antifaschistischer, deutscher Arbeiter in Peter Weiss Hauptwerk "Die Ästhetik des Widerstands" (1975). Die Arbeiter verbanden hier den Kampf gegen die Nationalsozialisten mit selbstorganisierten Lesezirkeln und Bildungsabenden.
Es geht im wesentlich darum einige Charakterzüge dieser beiden Perspektiven der vielschichtigen antifaschistischen Bewegung nachzuzeichnen. Dabei interessiert sich die Arbeit für den Kontrast zwischen dem Bösen/Häßlichen (Faschismus) und dem Guten/Wahren (Antifaschismus). Ich habe versucht hier den Schrei und das Entsetzen über die Massaker, Morde und Folterexzesse auf einer erweiterten Ebene noch einmal anklingen zu lassen.
Zur Struktur: zuallererst gilt es den Rahmen der Begriffe Ästhetik und Widerstand näher zu kennzeichnen (Kapitel 2). Im folgenden Kapitel können soll die Frage genauer gestellt werden: gibt es eine spezifische „Resistenza meridionale“? Und wenn ja: ist Fontamara die Verdichtung des „antifaschistischen Stoffes“? Durch eine Aufsplittung der ästhetischen Perspektive erhofft sich diese Arbeit „polyphones“ Erkennen und eine Bereicherung der Betrachtung. (Kapitel 3) Das vierte Kapitel gibt im Anschluss eine Einordnung der beiden Romane in die Geschichte der antifaschitischen Literatur.
Zusätzlich setzt diese Arbeit Fontamara in Beziehung zur faschistischen Literaturlandschaft Italiens (Kapitel 5). Die übergeordneten Fragen sollen lauten: inwieweit ist der Widerstand ästhetisiert worden? Und: Was für ein Problem stellt die Verfremdung der Widerstandsästhetik dar? (Kapitel 6)
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. Das Häßliche und das Schöne – Widerstand und Faschismus
3. Ästhetische Facetten des Widerstands
3.1. i cafoni
3.2. Berardo Viola - Ästhetik des Opfers und des Todes
3.3. Berardo Viola – Held, Revolutionär, Proletarier
3.4. Exil-Ästhetik
4. „Mythos der Erneuerung“ – antifaschistische Literatur
5. Ästhetisierter Widerstand?
6. Exkurs: Ästhetik des Widerstands bei Peter Weiss
7. ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Ästhetik des Widerstands am Beispiel von Ignazio Silones Roman „Fontamara“. Ziel ist es, ästhetische Zugänge zum Widerstandsbegriff zu beschreiben, die spezifische „Resistenza meridionale“ zu analysieren und das Werk in den Kontext der antifaschistischen Literatur sowie im Vergleich zu Peter Weiss’ „Ästhetik des Widerstands“ zu betrachten.
- Ästhetikbegriffe in Bezug auf Widerstand und Faschismus
- Darstellung von „Häßlichem“ und „Schönem“ als Kern des Widerstands
- Berardo Viola als exemplarische Heldengestalt und Opferfigur
- Die Exil-Ästhetik als Bedingung für den Widerstandsbegriff
- Vergleich der Widerstandsästhetik bei Silone und Peter Weiss
Auszug aus dem Buch
3.1. i cafoni
Die Straße in Pescina dei Marsi in der Silone geboren ist, trägt den Namen Fontamara. Die Synthese der Wörter fonte (Brunnen/Quelle) und amara (bitter) gibt uns schon wichtige Achsen der Ästhetik des Widerstands vor. (Ploetz 2000: 53-55) Zunächst sorgt die Stromabstellung im Dorf für wenig Aufregung, die Rechnungen konnten schlicht bezahlt werden. Für die Toten gibt es Entschädigungen staatlicher Kondolenz – die werden vermehrt indem die Fontamaresi einfach „morti vivi“ auf dem Papier schaffen. (Silone 1982: 80) Typische „passive Resistenz“ im Rahmen einer „abititudine“ meridionale gehört zu den traditionellen Widerstandsformen.
Der „Brunnen“ (fonte) ergo der ruscello eröffnet eine zweite neue Ebene nämlich die des aktiven Widerstands, der Brandschatzung. Grund ist der „trucco“ – niemand der cafoni durchschaut das Unrecht, aber die Teilung zu drei Viertel für den Impresario und drei Viertel für die cafoni löst Skepsis aus. Schließlich errichtet man den Lattenzaun der ruscello-Teilung trotzdem, der daraufhin in Brand gesetzt wird. Der Protagonist der cafoni Berardo Viola weiß warum:
„ Il legno era troppo secco ... L`ha bruciato il sole.“ (Silone 1982: 147)
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Forschungsfrage, ob es eine spezifische Ästhetik des Widerstands in „Fontamara“ gibt und wie diese beschrieben werden kann.
2. Das Häßliche und das Schöne – Widerstand und Faschismus: Untersuchung der philosophischen Grundlagen des Schönen und Häßlichen im Kontext totalitärer Systeme und des Antifaschismus.
3. Ästhetische Facetten des Widerstands: Detaillierte Analyse der Widerstandsformen durch die cafoni, die Rolle Berardo Violas und die Bedeutung der Exil-Ästhetik.
4. „Mythos der Erneuerung“ – antifaschistische Literatur: Einordnung von „Fontamara“ in den literarischen Kontext des italienischen Faschismus und der antifaschistischen Erwartungshaltungen.
5. Ästhetisierter Widerstand?: Erörterung der Frage, inwieweit der Widerstand im Roman ästhetisiert wird und welche Rolle die Sprache dabei spielt.
6. Exkurs: Ästhetik des Widerstands bei Peter Weiss: Vergleich von Silones Werk mit Peter Weiss' „Ästhetik des Widerstands“ hinsichtlich der Protagonisten und der Widerstandspraxis.
7. ZUSAMMENFASSUNG: Zusammenfassende Thesen über die Verbindung von Widerstand, Ästhetik und historischer Wirklichkeit im Roman.
Schlüsselwörter
Ästhetik, Widerstand, Faschismus, Fontamara, Ignazio Silone, Berardo Viola, cafoni, Exilliteratur, antifaschistische Literatur, Widerstandsrecht, Häßliches, Schönes, Resistenza meridionale, Opferästhetik, politische Ästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die ästhetischen Dimensionen des Widerstands, wie sie in Ignazio Silones Roman „Fontamara“ dargestellt werden, und analysiert, wie diese im Kontext des italienischen Faschismus zu verstehen sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der philosophischen Unterscheidung zwischen dem „Häßlichen“ (Faschismus) und dem „Schönen“ (Widerstand), der Rolle der Protagonisten, insbesondere Berardo Viola, sowie der literarischen Aufarbeitung im Exil.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es, eine „Ästhetik des Widerstands“ in Fontamara zu beschreiben und zu klären, ob es eine spezifische Widerstandsästhetik der „Resistenza meridionale“ gibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die philosophische Konzepte (u.a. Adorno, Rosenkranz) mit den Inhalten des Romans sowie literaturtheoretischen Ansätzen zur Exilliteratur verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert verschiedene ästhetische Facetten: das Verhalten der cafoni, Berardo Violas Opfergang, die Exil-Ästhetik und den Vergleich mit der Widerstandsdarstellung bei Peter Weiss.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Ästhetik des Widerstands, Faschismus, Fontamara, Berardo Viola, Exilliteratur und Widerstandspraxis.
Inwieweit spielt die Figur des Berardo Viola eine besondere Rolle für die Ästhetik des Romans?
Berardo Viola dient als zentrale Opfer- und Heldenfigur, deren Handeln und Tod eine religiös sowie marxistisch deutbare „christliche Opferästhetik“ begründet und damit das moralische Fundament des Widerstands unterstreicht.
Warum ist der Vergleich mit Peter Weiss' „Ästhetik des Widerstands“ relevant?
Der Vergleich verdeutlicht, dass trotz unterschiedlicher Widerstandspraktiken – hier die spontanen cafoni, dort die organisierten Arbeiter – beide Werke eine gemeinsame Grundentscheidung gegen die faschistische Repression und für die menschliche Würde teilen.
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- Marcus Fiebig (Autor), 2003, Ästhetik des Widerstands - am Beispiel des Romans "Fontamara" von Ignazio Silone, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29833