Erzählperspektiven in schwedischer Kinderliteratur

Der Blickwinkel als wahrnehmungsbestimmendes Element


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
13 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Erzählperspektive
2.1 Unpersönliche Perspektive
2.2 Persönliche Perspektive

3 Der Erzählmodus
3.1 Erzählerpräsenz
3.2 Niveau

4 Der Blickwinkel
4.1 Blickwinkel bei Kindern und Erwachsenen

5 Schluss

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Welche Möglichkeiten gibt es, die Erzählperspektive zu gestalten, und in welchem Maße hat dies einen Einfluss darauf, wie die Handlung vom Leser wahrgenommen wird? Mit dieser Frage möchte ich mich in dieser Arbeit befassen und sie anhand von Beispielen der schwedischen Kinderliteratur beantworten. Des Weiteren interessiert es mich, ob bei der Wahl der Erzählperspektive eine Perspektive einer anderen vorgezogen wird, ob es aus schriftstellerischer Sicht also eine Perspektive gibt, die sich besonders für Kinderbücher eignet.

Einen besonderen Schwerpunkt möchte ich auch auf die Frage richten, ob Kinder die Ereignisse in Geschichten anders auffassen als Erwachsene und worin die Ursachen dafür liegen.

Um diese Fragen zu klären, werde ich als erstes auf die unterschiedlichen Möglichkeiten der Erzählperspektive eingehen und sie mit Beispielen belegen, bevor ich mich in einem nächsten Kapitel mit dem Erzählmodus beschäftige. Dabei werde ich genauer auf die Begriffe der Erzählerpräsenz und des Erzählerniveau eingehen und diese ebenfalls anhand von ausgewählten Beispielen erläutern.

In einem vierten Kapitel möchte ich schließlich auf den Blickwinkel einer Geschichte eingehen. Dabei interessiere ich mich nicht nur für den Blickwinkel des Lesers, sondern auch den des Erzählers und wie dieser ersteren zu beeinflussen vermag. In einem zweiten Teil dieses Kapitels werde ich schließlich auf den Blickpunkt eingehen, durch den Kinder und Erwachsene eine Geschichte betrachten. Hierbei ist es mir wichtig, nicht nur die Unterschiede aufzuzeigen, vielmehr möchte ich zu erklären versuchen, wodurch diese Unterschiede in der Wahrnehmung zustande kommen.

2 Die Erzählperspektive

Bei der Erzählperspektive unterscheidet man grundlegend zwischen einem persönlichen und einem unpersönlichen Erzähler, dieser ist selbst ein Teil des literarischen Werkes und vermittelt die Geschichte des Autoren an den Leser. Dies trifft im wesentlichen auch auf die Unterscheidung von Ich-Erzähler (für die persönliche Perspektive) und Er/Sie-Erzählern in der dritten Person (für die unpersönliche Perspektive) zu, doch gibt es hierbei weitere Abstufungen, die gegen diese allzugemeine Unterscheidung der Erzählperspektiven sprechen. Im Folgenden werde ich deshalb die unpersönliche und persönliche Perspektive näher beleuchten und auf die Ausprägung ihrer Eigenheiten eingehen.

Hierbei ist noch zu beachten, dass der Erzähler, aus dessen Perspektive der Leser die Geschichte erlebt, nicht mit dem Autoren zu verwechseln ist. Vielmehr dient der Erzähler als eine Vermittlungsinstanz zwischen Autorem und Leser.

2.1 Unpersönliche Perspektive

Beim unpersönlichen Erzähler werden insgesamt vier verschiedene Typen unterschieden, diese lassen sich leicht als Abstufungen von einer Grundform erkennen.

Der allwissende Erzähler weiß, was alle Charaktere der Geschichte machen und kennt zudem ihre Gedanken. Außerdem weiß er, was an allen Orten der Handlung geschieht, d.h. er ist weder an eine bestimmte Person, noch an einen Ort gebunden.

Der begrenzt allwissende Erzähler weiß mehr als alle Charaktere der Geschichte, jedoch nicht alles. Er folgt nur den Handlungen und Gedanken von bestimmten Person, meist der Protagonisten.

Der objektive oder dramatische Erzähler weiß mehr als alle Charaktere der Geschichte. In diesem Sinne ist er allwissend, als dass er weiß, was die Personen machen und sagen, wobei er allerdings nicht ihre Gedanken kennt.

Der introspektive Erzähler schließlich ist an eine bestimme Person gebunden. Nur von dieser weiß er, was sie macht, denkt und fühlt.1

Der Erzähler in den Pippi Langstrumpf-Büchern ist objektiv. Er nimmt nur die äußeren Handlungen, aber nicht die Gefühle und Gedanken der Personen wahr. Äußerungen über Gedanken und Gefühle kommen so nur in den Dialogen vor.

„'Hör mal, du', rief sie Pippi zu. 'Wenn du mich sehr lieb bittest, kann ich ja hereinkommen und auch bei deinem Plünderfest mitmachen.' Am selben Nachmittag hatte sie Pippi 'schreckliches Kind' nachgerufen, aber das hatte sie jetzt wohl vergessen. Alles wegen der Sahnetorte!“2

Auch der Erzähler aus Emil i Lönneberga berichtet aus einer unpersönlichen, allwissenden Perspektive heraus. So weiß er nicht nur, was zum Zeitpunkt der Geschichte passiert, sondern auch was sich in der Zukunft ereignen wird.

„'Sie können einem leid tun, die Svenssons auf Katthult, die einen solchen Lausejungen zum Sohn haben!', sagten sie. 'Aus dem wird nie was.' Das dachten die Lönneberger, ja! [...] Wenn sie gewusst hätten, dass er einmal Gemeinderatspräsident werden sollte, wenn er groß war!“3

2.2 Persönliche Perspektive

Bei Geschichten, die aus einer persönlichen Perspektive heraus erzählt werden, unterscheidet man zwischen zwei verschiedenen Ich-Erzählern.

Der simultane Ich-Erzähler berichtet von den Ereignissen, während diese sich zutragen. Ein sicheres Zeichen für eine simultane Erzählweise ist es, wenn die Geschehnisse im Präsens berichtet werden. Dagegen berichtet der retrospektive Ich-Erzähler rückwärtsblickend von den Ereignissen.

Zudem kann man die Ich-Erzähler dahingehend unterscheiden, ob sie von sich selbst und ihren Erlebnissen berichten oder als Zeugen von den Erlebnissen anderer erzählen, die sie selbst miterlebt haben.

Unbeachtet, ob es sich um einen simultane oder retrospektive Erzählung der Ereignisse handelt, kann ein Ich-Erzähler die Geschehnisse auch ironisch oder naiv betrachten. Der ironische Ich-Erzähler weiß durchaus, dass er Schwächen hat oder die Ereignisse sehr subjektiv betrachtet, was er entsprechend kommentiert. Im Gegensatz dazu ist der naive Ich-Erzähler unfähig, die Geschehnisse um sich herum und das Verhalten anderer zu beurteilen. Hierzu zählt auch der unzuverlässige Ich-Erzähler, der die Geschichte durch sein Nicht-Wissen und die unreflektierte Art des Erzählens eher verdunkelt, als sie wahrheitsgemäß zu erzählen.4

In Janne, min vän (Pohl 1985) berichtet der Ich-Erzähler Krille aus der Retrospektive von den Ereignissen, die sich zugetragen haben.

Lisa ist die simultane Erzählerin in den Bullerby-Büchern. Sie ist eine naive Erzählerin, die die Welt sehr vereinfacht durch die Augen einer Siebenjährigen betreachtet.

„Ich heiße Lisa. Ich bin ein Mädchen. Das hört man übrigens auch am Namen. [...] Daher weiß ich nicht, ob ich eigentlich groß oder klein bin. Wenn die einen finden, dass man groß ist, und andere, dass man klein ist, so ist man vielleicht gerade richtig.“5

Auch in dem Buch Mio, min Mio (Lindgren 1954) existiert ein Ich-Erzähler. Dieser ist identisch mit dem Protagonisten der Geschichte, Bosse. Allerdings gibt es noch einen zweiten Ich-Erzähler in der Geschichte von Bosse, Mio, der ebenfalls über sich selbst berichtet.

3 Der Erzählmodus

3.1 Erzählerpräsenz

Ein Erzähler kann in Geschichten auf verschiedene Arten präsent sein. Wird der Erzähler in der Geschichte offenbart, so spricht man von einem offenen Erzähler. Erfährt der Leser jedoch nicht, wer die Geschichte erzählt, handelt es sich um einen verborgenen Erzähler.6

Ein Erzähler7 wird als aufdringlich bezeichnet, wenn sich dieser direkt an den Leser wendet und die Geschichte mit eigenen Kommentaren unterbricht. Ebenso kann ein Erzähler didaktisch und autoritär sein. Diesen Erzähler-Typus beschreibt Nikolajeva folgendermaßen:

„[D]e förklarar varje orsak till personernas beteende, fördömer deras felsteg och misstag, och därmed lämnar föga utrymme över åt läsarens egna reflektioner. En didaktisk berättare kan också vända sig direkt till läsaren med kommentarer, förklaringar och uppmaningar, som inte lämnar utrymme för tvetydighet.“8

Der Erzähler in den Pippi Langstrumpf-Büchern ist verborgen. So erfährt man nie, wer sich dahinter verbirgt, da er nur von den Ereignissen in der Geschichte berichtet und sich mit eigenen Kommentaren zurückhält.

„Pippi hatte das natürlich nicht selbst geschrieben. Sie hätte ein Wort wie Weihnachtsbaum gar nicht richtig schreiben können. Thomas hatte ihr geholfen.“9

Demgegenüber tritt in den Emil-Büchern ein offener Erzähler hervor. Auch wenn nicht klar wird, um wen es sich bei dem Erzähler handelt, so ist es doch offensichtlich, dass es ein Erwachsener ist, der die Geschichte erzählt. Er wendet sich auch direkt an den Leser, ist also ein aufdringlicher und didaktischer Erzähler.

„Und weil man in Småland småländisch redet, redete Michel auch so. Aber dafür konnte er nichts.“10

Hier tritt die didaktische Seite des Erzählers zutage: Michel redete småländisch, wofür er nichts konnte, was man aber eigentlich nicht macht. An anderen Stellen wendet sich der Erzähler direkt an den Leser:

[...]


1 Nikolajeva 2004:149

2 Lindgren 1997:41

3 Lindgren 1990: 8

4 Nikolajeva 2004

5 Lindgren 2002: 9

6 Nikolajeva 2004 Sinngemäß: Sie erklären jede Ursache für das Verhalten der Handelnden, verurteilen jeden Fehltritt und Fehler und nehmen dem Leser damit den Raum für eigene Reflektionen. Ein didaktischer Erzähler kann sich auch direkt mit Kommentaren, Erklärungen und Ermahnungen an den Leser wenden und lässt keinen Platz für Mehrdeutigkeiten.

7 egal ob offen oder verborgen

8 Nikolajeva 2004: 159

9 Lindgren 1997: 7

10 Lindgren 1990: 5f.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Erzählperspektiven in schwedischer Kinderliteratur
Untertitel
Der Blickwinkel als wahrnehmungsbestimmendes Element
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Fremdsprachliche Philologien)
Veranstaltung
Skandinavische Kinderliteratur
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V298578
ISBN (eBook)
9783656950325
ISBN (Buch)
9783656950332
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinderliteratur, skandinavische Kinderliteratur, Skandinavistik, Erzählperspektiven, schwedische Kinderliteratur, Astrid Lindgren, Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga, Mio mein Mio, Janne mein Freund, Erzählmodus, Bullerby, Peter Pohl
Arbeit zitieren
Anna Schiefler (Autor), 2011, Erzählperspektiven in schwedischer Kinderliteratur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298578

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Titel: Erzählperspektiven in schwedischer Kinderliteratur


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