Volkskrankheit Depression. Analyse der Chancen und Grenzen bei Wiedereingliederung depressiv Erkrankter in das Berufsleben


Bachelorarbeit, 2015
46 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Einführung

Die Depressive Störung
Definition
Multifaktorielles Modell der depressiven Störung
Depressive Symptomatik
Depressive Syndrome
Auswirkungen der depressiven Störungen
Auswirkungen auf die Mortalität und Lebensqualität
Auswirkungen auf Schlaf und Stimmung
Auswirkungen auf Kognitionen
Soziale Auswirkungen
Verlauf depressiver Erkrankungen
Epidemiologie depressiver Störungen
Folgen depressiver Erkrankungen für die Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit

Wiedereingliederung der depressiv Erkrankten ins Berufsleben
Relevanz und Chancen der Wiedereingliederung
Risiken und Grenzen der beruflichen Wiedereingliederung
Das Anforderungs-Kontroll-Modell
Modell der beruflichen Gratifikationskrisen

Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben
Gesetzliche Rahmenbedingungen
Zielgruppe und Zielsetzung
Zuständigkeiten und Ziele der Sozialleistungsträger
Die gesetzliche Rentenversicherung
Die Agentur für Arbeit
Ausschnitt der relevanten Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben
Chancen und Grenzen Antragstellung

Die Stufenweise Wiedereingliederung
Rechtliche Anspruchsgrundlagen und Voraussetzungen
Zielgruppe und Zielsetzungen der stufenweisen Wiedereingliederung
Grundsätze der Wiedereingliederung
Freiwilligkeit
Arbeitsunfähigkeit, Entgeltfortzahlung und Versicherungsschutz
Dauer der stufenweisen Wiedereingliederung
Anspruch auf Entgelt für Arbeitsleistungen
Personenbezogene Daten

Rolle der Sozialen Arbeit
Betriebliche Sozialarbeit
Rahmenkonzeption und Aufgaben
Betriebliche Sozialarbeit und die stufenweise Wiedereingliederung
Case-Management in der BSA
Anregung und Beteiligte der stufenweisen Wiedereingliederung
Erstkontakt mit dem Case-Manager-Assessment
Einleitung der stufenweisen Wiedereingliederung – Planning
Durchführung der stufenweisen Wiedereingliederung – Intervention
Begleitung und Überprüfung - Monitoring
Koordination und Evaluation - Monitoring
Relevanz, Methoden und Schlüsselkompetenzen der Sozialen Arbeit

Resümee

Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einführung

Nach Hochrechnungen der Weltgesundheitsorganisation nehmen Depressionen in der modernen Gesellschaft weltweit zu, im Jahre 2020 werden depressive Erkrankungen neben den Herz-Kreislauf Erkrankungen das meiste Leiden und die höchsten volkswirtschaftlichen Kosten verursachen.

Die depressiven Erkrankungen stellen aufgrund ihrer weitreichenden gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgen als auch ihren Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität sowie mit den einhergehenden Krankheitskosten eine sehr große Herausforderung für Medizin, Gesundheits- und Sozialpolitik dar, insbesondere jedoch auch für die Profession Soziale Arbeit, deren Zielsetzung es ist, Menschen in Notlagen Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen und ihnen zu einer angemessenen und menschenwürdigen Teilhabe am Leben zu verhelfen.

Im Zeitalter der Globalisierung, in der durch Arbeitsmarktsegmentierung die erwerbsbiografische Diskontinuität und somit erhöhte Risiken des Arbeitsplatzverlustes einhergehen, ist es zunehmend schwieriger, für depressiv erkrankte Menschen, sich wieder durch Erwerbstätigkeit in das gesellschaftliche Leben zu integrieren. Durch den gesellschaftlichen Wandel und die einhergehenden veränderten Lebensbedingungen sowie den wachsenden Anforderungen an Leistungsfähigkeit, Flexibilität und Verfügbarkeit in der modernen Arbeitswelt, sind die Ressourcen an Belastbarkeit und emotionaler Stabilität der depressiv Erkrankten oftmals überstrapaziert bei der Rückkehr in das ursprüngliche Jobprofil. Hinzu kommt meist noch eine Zunahme von prekären und unsicheren Beschäftigungsverhältnissen durch den Wettbewerbsdruck. Die dadurch einhergehenden Rationalisierungen produzieren ein hohes Maß an Stress, der einen Rückfall in die depressive Störung begünstigen kann. Insgesamt betrachtet haben neue Technologien einerseits zu Arbeitserleichterungen, andererseits zu Arbeitsverdichtung und -intensivierung mit negativen Folgen für die seelische Gesundheit geführt, so dass eine Erwerbsarbeit auch zu einem Risikofaktor werden kann. Der Wandel des Arbeitsmarktes sowie die einhergehenden Folgen stellen somit neue, breitere Anforderungen an die Profession der Sozialen Arbeit im Tätigkeitsfeld der betrieblichen Sozialarbeit.

Die unerwünschten Nebenwirkungen der individualisierten postmodernen Gesellschaft erzeugen neben dem Wandel des Arbeitsmarktes auch eine Teilhabearmut, die weit über die materielle Armut hinausgeht. Diese Teilhabearmut beinhaltet eine sehr hohe psychosoziale Dimension, der die depressiv Erkrankten ausgegrenzt sind, wenn sie keine Leistung erbringen können. Denn letztlich fordert die Gesellschaftsordnung von ihren Mitgliedern die Fähigkeit, mithalten zu können und stets leistungsfähig zu sein. Die Profession Soziale Arbeit, die auf Basis der Prinzipien der Menschenwürde und Teilhabe agiert, hat die Aufgabe und das Ziel, diese Ungleichheiten zu kompensieren, indem sie versucht, die durch depressive Erkrankung ausgesonderten Mitglieder zu befähigen, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Durch die Begleitung zur Wiedereingliederung auf den Arbeitsmarkt, steht die Soziale Arbeit somit den ehemals depressiv Erkrankten zur Seite, damit diese hierdurch befähigt werden, wieder als ein Teil der Gesellschaft agieren und funktionieren zu können. Menschen mit einer depressiven Erkrankung werden oftmals stigmatisiert und diskriminiert und können sich aufgrund ihrer Erkrankung meist nicht aus dem Teufelskreis der Resignation und dem einhergehenden Gefühl von Wert- und Sinnlosigkeit befreien. Hier muss die Profession der Sozialen Arbeit ansetzen, um Betroffenen Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, denn oftmals steht nur das ökonomische Handeln der Volkswirtschaft bei den Rehabilitationsträgern im Vordergrund und nicht die depressiv Erkrankten selbst. Die Profession Soziale Arbeit folgt dem gesellschaftlichen Auftrag und bezieht sich auf gesellschaftlich anerkannte komplexe Problemlagen, wie die Wiedereingliederung depressiv Erkrankter in das Berufsleben. Daher ist es eine wichtige Aufgabe der Sozialen Arbeit, den menschlichen Fokus im Prozess der beruflichen Wiedereingliederung beizubehalten und den Leidensdruck der Betroffen durch die einhergehende Stigmatisierung der depressiven Erkrankung und der Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Dies meint vor allem eine betreute Wiedereingliederung in das Berufsleben nach Beendigung der Therapie der Erkrankung. Hier unterstützt das Berufsfeld der betrieblichen Sozialarbeit depressiv Erkrankte, sich wieder in das Berufsleben integrieren zu können und sich durch ihre berufliche Teilhabe wieder einen Platz in der Gesellschaft sichern zu können.

In dieser Bachelorthesis geht es um die Analyse der Chancen und Grenzen depressiv Erkrankter im Berufsleben sowie um die Rolle der Sozialen Arbeit in diesem Arbeitsfeld. Im ersten Kapitel dieser Thesis werden das Störungsbild der Depression, die Ätiopathogenese, die Auswirkungen der depressiven Störung und die Epidemiologie näher erörtert. Im zweiten Kapitel werden die allgemeinen Chancen und Grenzen der Beruflichen Wiedereingliederung von depressiv Erkrankten beleuchtet sowie anhand zweier ausgewählter soziologischer Modelle eine Analysemöglichkeit der Jobprofile gegeben, denn nicht immer ist eine Rückkehr in das ursprüngliche Jobprofil zielführend.

Das dritte Kapitel beleuchtet die rechtlichen Aspekte und Verfahrensgrundzüge der Möglichkeit der Umschulung und Weiterbildung im Rahmen von Leistungen zur Teilhabe, falls eine Rückkehr in das ursprüngliche Jobprofil nicht möglich ist. Im vierten Kapitel werden die rechtlichen Aspekte und Grundzüge des Verfahrens der stufenweisen Wiedereingliederung beschrieben, um im fünften Kapitel die Rolle der Sozialen Arbeit in diesem Schnittstellenbereich aufzuzeigen und anhand eines Case-Management-Prozesses exemplarisch Einblick in das Handlungsfeld des betrieblichen Eingliederungsmanagements im Rahmen von betrieblicher Sozialarbeit zu geben. Ebenso wird um Zuge des fünften Kapitels die Relevanz der Beteiligung der Profession Soziale Arbeit erläutert. Dies erfolgt auf Grund der Schlüsselkompetenzen und der Methodenvielfalt sowie der ethischen Orientierung.

Die Depressive Störung

Da von depressiven Störungen deutliche Auswirkungen auf die Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit ausgehen und diese Störungen einen hohen Leidensdruck für die Betroffenen darstellen, wird hier zunächst die Begrifflichkeit „Depression“ erörtert und definiert.

Definition

Der Begriff Depression, der vom lateinischen Terminus (lat. Deprimere = herunter-, niederdrücken) abstammt (vgl. Laux 2009, S. 77), beschreibt „eine weit verbreitete psychische Störung, die durch Traurigkeit, Interesselosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann. Sie kann über längere Zeit oder wiederkehrend auftreten und die Fähigkeit einer Person zu arbeiten, zu lernen oder einfach zu leben beeinträchtigen. Im schlimmsten Fall kann eine Depression zum Suizid führen.“ (WHO o. J).

Laut der Operationalisierung in der ICD 10, dem International Statistical Classification of Deases and Related Health Problems, welches von der WHO, der World Health Organisation, herausgegeben wird (Vgl. Davison/Neale 1998, S.65), bestehen bei

„diesen Störungen (...) die Hauptsymptome in einer Veränderung der Stimmung oder der Affektivität, meist zur Depression hin, mit oder ohne begleitende Angst, oder zur gehobenen Stimmung. Dieser Stimmungswechsel wird in der Regel von einem Wechsel des Aktivitätsniveaus begleitet. (…) Die meisten dieser (affektiven) Störungen tendieren zum wiederholten Auftreten, der Beginn der einzelnen Episoden ist oft mit belastenden Ereignissen oder Situationen in Zusammenhang zu bringen.“ (Dilling et. al. 2008, S. 140).

Somit ist die Depression ein emotionaler Zustand, dessen Symptome starke Traurigkeit und Niedergeschlagenheit sind und in dessen Folge sozialer Rückzug und Gefühle von Wertlosigkeit und Schuld dominieren. Die Depression zählt zu den affektiven Störungen und hat episodischen Charakter, im ICD-10 werden die verschiedenen Schweregrade der depressiven Episode(n) definiert und klassifiziert. Für diese Abhandlung wird ab jetzt die Operationalisierung „depressive Störung“ synonym für die unterschiedlichen Formen und Ausprägungen verwandt.1

In Kenntnis und im Wissen um historische und um aktuelle kulturelle und gesundheitspolitische Zusammenhänge erscheint es angebracht, die heutige Depressionsdefinition des ICD-10 als diagnostische Übereinkunft zu übernehmen, jedoch ist dabei aber zu berücksichtigen, dass es eine noch größere Vielfalt depressiver Störungsbilder gibt und dass die Mehrdimensionalität depressiven Leidens durch eine Operationalisierung nur marginal erfasst und abgebildet werden kann.

Multifaktorielles Modell der depressiven Störung

Um verschiedene Erklärungsfaktoren zusammenzuführen, wird ein mehr-faktorielles Modell dargestellt, das von empirisch abgesicherten, psychologischen Erkenntnissen zur Entwicklung von depressiven Störungen ausgeht. Dieser Ansatz billigt genetische und neuroendokrine Prozesse, dispositionelle Faktoren, innerpsychische Mechanismen, verändertes unmittelbares Erleben nach aversiven Erfahrungen sowie soziale und instrumentelle protektive Faktoren (wie Unterstützung und Ressourcen) neben kognitiven, interaktionellen und behavioralen Faktoren (vgl. Hautzinger 1998, S. 38).

In Abbildung 1 wird das mehrfaktorielle Modell der Entwicklung der depressiven Störung grafisch dargestellt und vereinfacht erläutert. Das Modell besteht aus folgenden Einflussgrößen (A bis G) und zahlreichen Querverbindungen und Rückkopplungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Multifaktorielles Modell (Hautzinger 1998, S. 38)

Erläuterung zum Multifaktoriellen Modell, beginnend bei A: Die Entwicklung bzw. das Wiederauftreten einer depressiven Störung wird durch kritische Lebensereignisse, aversive akute oder chronische Belastungen (vor allem im sozialen Bereich) ausgelöst. Diese vorausgehenden Bedingungen sind hier als Ereignisse definiert. Bei B werden die automatisierten Abläufe durch die auslösenden Bedingungen unterbrochen bzw. gestört, ebenso werden durch die auslösenden Bedingungen Gedächtnisprozesse aktiviert, die zusätzlich belastende Erinnerungen hervorbringen. Dies fördert bei C eine Zunahme des Selbstfokus nach innen, die Selbstaufmerksamkeit der Person nimmt zu, die eigene Lage sowie die Situation als auch die Handlungsmöglichkeiten werden kritischer betrachtet als zuvor. Die lageorientierte Beschäftigung nimmt hierbei ebenfalls zu. Bei D kann dies zu einer Aktivierung von Bewältigungsmechanismen führen, jedoch blockiert meist der internale Fokus Verhaltensabläufe und intensiviert zugleich die handlungsbehindernden Emotionen. Des Weiteren bewirkt diese Blockade weiteren Rückzug sowie eine Abnahme der positiven, angenehmen Erfahrungen, die negativen und aversiv-belastenden Erfahrungen werden hierdurch vermehrt. Diese Abnahme der angenehmen Erfahrungen und die Zunahme der aversiv-belastenden negativen Erfahrungen intensivieren die affektive Lage der Person hin zu E, einer dysphorischen Verstimmung. Durch den vermehrten Rückzug, die Beibehaltung der zunehmenden Lageorientierung, die Reduktion positiver Erfahrungen und die vermehrte Selbstkritik mündet die Dysphorie in F zu den Symptomen einer depressiven Störung. Die Symptomatik der depressiven Störung schlägt sich hier in Veränderungen in der kognitiven, motivationalen, emotionalen, somatischen, interaktiven und motorischen Ebene der Person nieder. Bei G wird dieser hier beschriebene Ablauf durch bestimmte Vulnerabilitäten, wie z. B. Traumata, höheres Lebensalter, weibliches Geschlecht, frühere depressive Episoden, Mangel an Fertigkeiten und familiäre Einflüsse beschleunigt und verstärkt. Ebenso weißen Personen mit abhängigen bzw. zwanghaft rigiden oder emotional labilen Persönlichkeitszügen eine hohe Vulnerabilität auf, vice versa bei dysfunktionalen Einstellungen bzw. Attributionsstilen. Die genetische Prädisposition (depressive Erkrankung von nahen Verwandten) wird ebenfalls zu den Vulnerabilitäten gezählt. Diese Vulnerabilitäten sowie chronischer Stress können den ganzen Ablauf in Form eines Teufelskreises F beschleunigen und intensivieren. Jedoch können in gleicher Weise Immunisierungsbedingungen wie z. B Bewältigungsstrategien und/oder positive Aktivitäten sowie Problemlösefertigkeiten eine depressive Störung bzw. auch deren Chronifizierung verhindern.

Warum nur ein Teil der betroffenen Personen, die denselben und weitverbreiteten Belastungen und aversiven Alltagserfahrungen wie die „gesunden“ Personen ausgesetzt sind, eine Depression entwickelt, wird in diesem Modell durch die multiplen Verbindungsschleifen erklärt. Zudem erklärt sich auch anhand dieser multiplen Verbindungsschleifen, wie ein einsetzender Prozess der depressiven Beschwerden unterbrochen werden kann und wie er zum Rückzug gebracht werden kann (vgl. Hautzinger 1998, S. 39).

Da die psychische Störung Depression eine multifaktorielle Erkrankung ist, deren Ursachen bis heute noch nicht vollständig aufgeklärt und erforscht sind und dieses Erklärungsmodell alle (bisher bekannten) Risiko-und Resilienz-Faktoren inkludiert, bietet es für die Arbeit mit depressiv Erkrankten einen enormen Erklärungswert da es die Ätiologie der Störung abbildet und erläutert. Zusammenfassend ist zu konstatieren, dass zur Entwicklung einer Depression genetische, frühkindliche, verhaltens- und umgebungsbezogene und insbesondere auch psychosozial bedrohliche Belastungserfahrungen wie z. B der drohende Verlust des Arbeitsplatzes beitragen. Kritische Lebensereignisse, die den Selbstwert einer Person beschädigen, weil dieses Ereignis einen Lebensbereich betrifft, in der die Person stark engagiert ist ( z. B wenn eine Person die Berufstätigkeit als zentralen Lebensinhalt sieht und entlassen wird) werden hier ebenso mit einbezogen wie die alltäglichen Schwierigkeiten, die daily hassles, ebenfalls Stress produzieren können (vgl. Fillip 1981, S.9).

Da Arbeitslosigkeit die individuellen Copingstrategien von der materiellen Seite als auch von der psychischen Seite einschränkt und langfristig zu einer Verminderung der Selbsteinschätzung und Tendenz zum aktiven Handeln bedeutet, wird eine Intervention der Sozialen Arbeit notwendig, um den Betroffenen durch Wiedereingliederung in das Arbeitsleben zu neuen, positiven Erfahrungen, die die Resilienz fördern, zu verhelfen und sie auf diesem Wege zu unterstützen und zu begleiten.

Depressive Symptomatik

Da in dieser Abhandlung die berufliche Reintegration von depressiv Erkrankten und die Rolle der sozialen Arbeit erläutert wird, ist es unumgänglich, dieses Krankheitsbild und die Symptomatik, an der die Betroffenen leiden, näher zu erörtern um eine bessere Einsicht in das Erleben der Erkrankten zu erhalten damit im Zuge der beruflichen Wiedereingliederung ressourcenorientiert und auf die Bedürfnisse der Betroffenen zugeschnitten agiert werden kann, von Seiten der Profession der Sozialen Arbeit.

Die depressive Störung ist gekennzeichnet durch einen Zustand deutlich gedrückter Stimmung, von Interesselosigkeit und Antriebsminderung. Des Weiteren treten mit der Depression verbunden häufig verschiedene körperliche Beschwerden auf. Durch die Erkrankung sind die Betroffenen meist in ihrer gesamten Lebensführung beeinträchtigt, da es ihnen schwer fällt, alltägliche Aufgaben zu bewältigen und sie unter starken Selbstzweifeln, Selbstvorwürfen, Aufmerksamkeits-, Merk-, und Konzentrationsstörungen leiden. Ebenso charakteristisch für diese Erkrankung ist das pessimistische Grübeln. Der Leidensdruck, der von dieser Krankheit ausgeht, ist immens, da durch das Erkrankung das Wohlbefinden, das Selbstwertgefühl und auch die Leistungsfähigkeit sehr stark beeinträchtigt ist (vgl. Hautzinger 1998, S. 3 ff.).

Depressive Syndrome

Die depressiven Syndrome sind durch eine Vielzahl von heterogenen Symptomen gekennzeichnet. Die körperlichen und psychischen Symptome können hier oft gemeinsam auftreten, was für die Betroffenen eine große Beeinträchtigung in allen Lebensbereichen darstellt. Diese Übersicht soll einen Eindruck der Symptome, unter denen die Betroffenen leiden, bieten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Übersicht depressive Symptome (vgl. Hautzinger, 2000, S. 1)

Durch die Übersicht wird deutlich, dass die Symptome der depressiven Störung vor allem auf der psychischen als auch ebenso auf der somatischen und der sozialen, interaktiven Ebene der Betroffenen multimodale Probleme verursachen. Da jeder Verlauf der Störung individuell ist, können die Symptome kumuliert oder auch isoliert auftreten.

Auswirkungen der depressiven Störungen

Neben oben dargestellten individuellen seelischen und körperlichen Beschwerden hat die depressive Störung auch weitreichende somatische, psychische und soziale Folgen. Um einen vertieften Einblick in die Problematik der Betroffenen zu erzeugen, werden hier im Folgenden die gravierendsten Beeinträchtigungen und deren Folgen erörtert.

Auswirkungen auf die Mortalität und Lebensqualität

Depressive Störungen gehen mit einer erhöhten Sterblichkeit einher, zu einem aufgrund des depressionstypischen ungesunden Lebensstiles, der durch schlechten Schlaf, mangelnde Bewegung und ungesunde bzw. unzureichende Ernährung verursacht wird und zum anderen durch die erhöhte Suizidalität der Betroffenen durch das persistierende Gefühl von Hoffnungslosigkeit. Betrachtet man die durch vorzeitigen Tod und Frühinvalidität verlorenen Lebensjahre (die sog. Disability adjusted life years – DALYs), wird deutlich, dass depressive Störungen eine große Auswirkung auf das Leben der Betroffenen haben (vgl. Dawson und Tylee 2001, S. 36 ff.).

Auswirkungen auf Schlaf und Stimmung

Depressive Störungen lösen oftmals vegetativen Funktionsstörungen aus. Ein besonderes Augenmerk ist hier auf die hartnäckigen Schlafstörungen, die mit häufigen nächtlichen Aufwachen auf Grund es flachen Schlafes einhergehen, zu legen. Die Betroffenen fühlen sich durch den gestörten Schlaf oftmals am nächsten Tag sehr Müde, was den Verlust an Spannkraft und Belastbarkeit verstärkt und eine ungewöhnliche Tagesrhythmik der Stimmung erzeugen kann. Nach einem frühen und oft für den Betroffenen frustrierenden Aufwachen mit düsteren Grübeleien und Angst vor dem neuen Tag kann sich die Stimmung nach dem „Morgentief“ wieder im Laufe des Tages soweit stabilisieren, dass sich am Abend auch wieder Gefühle von Optimismus und Zuversicht einstellen können, jedoch ist am nächsten Morgen die Grundproblematik auf Grund des gestörten Schlafes meist wieder gleich (vgl. Payk 2010, S. 34).

Auswirkungen auf Kognitionen

Die Betroffenen haben neben den körperlich-vegetativen Symptomen auch oft neuropsychologische Defizite. Es fällt den Betroffenen schwer, die zielgerichtete Aufmerksamkeit und längerfristige Konzentration aufrecht zu erhalten, ebenso bestehen oft Probleme in der Merk-und Lernfähigkeit. Das Denken ist meist unflexibel und die Betroffenen erleiden meist eine kognitive Verlangsamung, in Nicht-Routine-Situationen ist den Betroffenen oft nicht möglich, adäquat zu handeln und zu reagieren. Die kognitiven Einschränkungen können teilweise so gravierend sein, dass bei älteren depressiv Erkrankten auch von einer Pseudo-Demenz gesprochen wird, ebenso ist eine endlos gestreckte Zeitwahrnehmung bei den Betroffenen der depressiven Störung charakteristisch (vgl. Böker 2011, S.82).

Soziale Auswirkungen

Die depressive Störung hat nicht nur für die Betroffenen selbst gravierende Auswirkungen, das Umfeld der Betroffenen wird ebenso durch die Störung beeinträchtigt. An Partner und Familienangehörige stellen die Beeinträchtigungen hohe Anforderungen, das ganze System „Familie“ wird durch die Störung in Mitleidenschaft gezogen, da die anderen Systemmitglieder den Ausfall des Betroffenen ausgleichen müssen, um das System aufrecht zu erhalten. Dies erzeugt bei den Betroffenen meist wieder ein Gefühl von „Versagen“ und „Schuld“ was die negative Selbstsicht aufgrund der aktivierten negativen Denkschemata intensivieren kann, dies zieht wiederum das Selbstbewusstsein und die Selbstwirksamkeit der Betroffenen in Mitleidenschaft (vgl. Böker 2011, S. 175 – 177).

Neben den in Punkt 1.3.1 erörterten hemmenden und lähmenden Symptomen wird hier deutlich, warum es den Betroffenen in einer akuten Phase der Depression meist unmöglich ist, kontinuierlich einer Erwerbstätigkeit, häuslichen Verpflichtungen sowie anderen sozialen Aktivitäten nachzugehen, da das Aktivitätsniveau sowie der Aktionsradius der Betroffenen sehr eingeschränkt sind durch die Symptomatik. Des Weiteren wird deutlich, dass die Depression viele schwerwiegende Auswirkungen auf das soziale Umfeld als auch auf die Betroffenen selbst hat. Durch die Erkrankung wird die Lebensqualität der Betroffenen massiv eingeschränkt, die depressiv Erkrankten erleiden neben den Schlafstörungen eine Veränderung des Tagesrhythmus, was die niedergeschlagene Stimmung meist intensiviert. Es fällt den Erkrankten schwer, zielgerichtet zu denken und zu agieren auf Grund der depressiven Störung.

Verlauf depressiver Erkrankungen

Depressive Störungen haben überwiegend einen phasenhaften Verlauf mit längeren symptomfreien Zeiten, sie sind, wie eingangs erwähnt, episodische Störungen. Der Beginn einer voll ausgeprägten Depression kann akut (binnen weniger Tage, Wochen), subakut (binnen von Wochen oder Monaten) oder auch schleichend sein, des Weiteren ist die Dauer der depressiven Episode sehr variabel. Unbehandelte depressive Episoden können meist zwei bis drei Monate andauern, bei adäquater psychotherapeutischer und / oder medikamentöser Behandlung verkürzt sich die Schwere und Dauer der depressiven Symptomatik meist erheblich, zudem wird der Leidensdruck der Betroffenen geringer. In akuten depressiven Phasen ist die Leistungsfähigkeit der Betroffenen massiv bis hin zur Arbeitsunfähigkeit eingeschränkt, in seltenen Fällen kommt es zu schwersten Einschränkungen bis hin zur vollständigen Bewegungsunfähigkeit (vgl. Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2010, S. 12).

Meist ist Depression eine wiederkehrende Erkrankung, denn bis zu 80 % der Betroffenen erleiden weitere depressive Episoden in den nachfolgenden Jahren und bei 15 – 30% aller Betroffenen wird davon ausgegangen, dass sie eine chronische Depression entwickeln (vgl. Paykel et. al. 2005, S. 12).

In ihrer schwersten Form erhöhen Depression das Suizidrisiko drastisch, Unger & Kleinschmidt nehmen an, dass jeder sechste schwer Depressive durch Suizid stirbt und mehr als die Hälfte aller Suizide auf depressive Störungen zurückzuführen sind (vgl. Unger & Kleinschmidt 2006, S. 256). Die depressive Störung bedarf somit einer zeitnahen Diagnose und Behandlung, um die Dauer der Erkrankung und den einhergehenden Symptome zu verringern. Da das Rezidivrisiko mit 80 % sehr hoch ist, sollte bei der beruflichen Wiedereingliederung immer beachtet werden, dass das Jobprofil der depressiv Erkrankten nicht als ein zusätzlicher Rezidivfaktor hinzukommt.2

Epidemiologie depressiver Störungen

Depressive Störungen zählen zu den besonders häufigsten und schwerwiegendsten psychischen Erkrankungen, die für Betroffene eine sehr hohe Belastung darstellen. Untersuchungen über die gesamte Lebensspanne ergeben, dass nahezu 20% aller Menschen im Verlauf ihres Lebens zumindest einmal an einer Depression erkranken (vgl. Wittchen et al. 2000, S. 3). Nach den Bundesgesundheits-Surveys liegt die Jahresinzidenz, die Anzahl neuer Erkrankungsfälle innerhalb eines Jahres, bei ca. 2 Erkrankungen auf 100 Personen, somit bei 2 %. Die Lebenszeitprävalenz, das Risiko, im Laufe eines Lebens an einer depressiven Störung zu erkranken, liegt bei 18-25%. Die Punktprävalenz (die Anzahl der betroffenen Personen in vier Wochen) ist mit ca. 6% angegeben und die Jahresprävalenz der Bevölkerung bei 12 % (vgl. Jacobi et. Al, 2004). Zahlreiche Längs-und Querschnittstudien ergeben, dass Frauen häufiger von depressiven Störungen betroffen sind als Männer, das Erkrankungsrisiko von Frauen liegt mit einer Lebenszeitprävalenz von 25 % doppelt so hoch wie bei Männern mit 12 % (vgl. Hautzinger et. al. 2012, S. 7). Angesichts der ermittelten Zahlen ist das Risiko, an einer depressiven Störung zu erkranken, relativ hoch.

Folgen depressiver Erkrankungen für die Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit

Wie bereits angeführt, ist es Betroffenen in einer akuten Phase der depressiven Störung meist nicht möglich, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, da dies die Schwere der Symptomatik nicht zulässt.

Generell ist ein deutlicher Anstieg krankheitsbedingter Fehlzeiten aufgrund psychischer Störungen (respektive depressive Störungen) zu verzeichnen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: AU-Tage in Prozent aus dem Fehlzeiten-Report 2014 (Meyer et. al, 2014, S. 351)

Aus der Grafik wird ein frappierender Anstieg der AU-Tage (Tage der ärztlich attestierten Arbeitsunfähigkeit) deutlich über den dokumentierten Verlauf der letzten 10 Jahre, die psychischen Erkrankungen, respektive depressive Störungen, stehen an neben den Herz-Kreislauferkrankungen an der Spitze. Jedoch muss bei diesen Daten berücksichtigt werden, dass diese sich hier nicht nur auf depressive Störungen beziehen sondern auch alle anderen Diagnosen psychischer Krankheiten mit beinhalten. Des Weiteren wurden nur attestierte Fälle erfasst, das heißt Betroffene, die trotz einer depressiven Episode ihrer Arbeit nachgingen, wurden nicht berücksichtigt.

[...]


1 Beginnend bei F 32, der depressiven Episode bis einschließlich F 34.9 findet sich im ICD-10 eine detaillierte Ausdifferenzierung des Terminus „Depression“( Vgl. Dilling, Monbour, Schmidt 2008, S. 149 – 162) .

2 Siehe Punkt 2 dieser Thesis.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Volkskrankheit Depression. Analyse der Chancen und Grenzen bei Wiedereingliederung depressiv Erkrankter in das Berufsleben
Hochschule
Hochschule Coburg (FH)
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
46
Katalognummer
V298601
ISBN (eBook)
9783656969969
ISBN (Buch)
9783656969976
Dateigröße
910 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
volkskrankheit, depression, analyse, chancen, grenzen, wiedereingliederung, erkrankter, berufsleben
Arbeit zitieren
Britta Klett (Autor), 2015, Volkskrankheit Depression. Analyse der Chancen und Grenzen bei Wiedereingliederung depressiv Erkrankter in das Berufsleben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298601

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