Authentische Kommunikation. Über die Schaffung einzigartiger Inhalte im massenmedialen Umfeld


Masterarbeit, 2015
93 Seiten, Note: A

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A: VORSPANN

Abbildungsverzeichnis

Vorwort des Verfassers

Glossar

B: HAUPTTEIL
1 Einleitung
1.1 Darlegung des Problems
1.2 Forschungsfrage
1.3 Zielformulierung
1.4 These
1.5 Herangehensweise und Aufbau der Arbeit
2 Vom Guten zur Wissenschaft: das Fundament der modernen Kommunikationswissenschaft
2.1 Das Gute und das Wahre
2.2 Aristoteles, Kategorien und Rhetorik
2.3 Rationalismus - der subjektive Zweifel an der Welterfahrung
2.4 Empirismus - die unbeteiligte, objektive Welterfahrung
2.5 Immanuel Kant und Ä sthetik
3 Marketingkommunikation und integrierte Kommunikation
3.1 Grundlagen der Marketingkommunikation
3.2 Die Regeln der Gestaltpsychologie
3.2.1 Das Gesetz der Prägnanz oder das Gesetz der guten Gestalt
3.2.2 Das Gesetz der Gleichartigkeit
3.2.3 Das Gesetz der Nähe
3.2.4 Das Gesetz der Geschlossenheit
3.2.5 Das Gesetz der Erfahrung
3.3 Die Aufmerksamkeitsgesetze
3.4 Die Regeln für verständliches Schreiben
3.4.1 Das Hamburger Verständlichkeitsmodell
3.4.2 Die Regeln der Schreibwerkstatt
4 Authentische Kommunikation durch die Metaphysik der Qualität
4.1 Die Suche nach Qualität
4.2 Romantische und klassische Qualität
4.3 Statische und dynamische Qualität
4.4 Der Verlust der Sinnlichkeit durch die Ratio
4.5 Kommunikation ohne Sinnlichkeit und Authentizität
4.6 Inspirationalität statt Rationalität - ein kommunikativer Gegenvorschlag
4.7 Die Richtung der Qualität 79
4.8 Eine authentische gestalterische Haltung mit Wert und Richtung
5 Zusammenfassung, Fazit und Ausblick

ANHANG
A Quellenverzeichnis
A1 Literatur
A2 Multimedia

A: VORSPANN

1. Kurzbeschreibung

Das Ziel dieser Master-Thesis ist es, einen Ansatz zur Schaffung von authentischer

Kommunikation im massenmedialen Umfeld zu finden. Dieser Ansatz soll Medienschaffenden in die Lage versetzten, authentisch mit Rezipienten zu kommunizieren und einzigartige, hochqualitative Medienprodukte zu gestalten.

Zunächst werden philosophische und metaphysische Grundlagen zum Verständnis des Unterschieds zwischen der Subjekt-Objekt-Metaphysik und der Metaphysik der Qualität erarbeitet. Danach folgt eine Darstellung der im Kommunikationsalltag gebräuchlichen Gestaltungsmethoden, die sich allesamt im Rahmen der Subjekt-Objekt Metaphysik be- wegen. Das letzte Kapitel versucht einen Gegenentwurf zu diesen Methoden zu gestalten, indem Kommunikation aus der Warte der Metaphysik der Qualität betrachtet wird.

Das Ergebnis ist eine Forderung zur Wiedereinführung von Werten und des Subjekts in unser Denken und der Reduktion von Rationalität zugunsten von Inspirationalität, die sich nicht aus Regeln sondern unmittelbarem Erleben speist.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung I: Illustration zur Erkenntnistheorie von Immanuel Kant

Abbildung II: Tafel der Kategorien nach Immanuel Kant

Abbildung III: Fünf Schritte der Marketingkommunikation

Abbildung IV: Der Ablauf von Kommunikationsvorgängen

Abbildung V: Die Schnittmenge der Sprache

Abbildung VI: Die Dimension der Einfachheit

Abbildung VII: Die Dimension der Gliederung und Ordnung

Abbildung VIII: Die Dimension der Kürze und Prägnanz

Abbildung IX: Die sprachlichen Anforderungsstufen der Textverständlichkeit

Abbildung X: Die Checkliste der Schreibwerkstatt

Abbildung XI: Die Subjekt-Objekt-Metaphysik (SOM) mit Unterteilung in klassische und romantische Qualität

Abbildung XII: Die Metaphysik der Qualität

Abbildung XIII: Der Zug des Wissens

Abbildung XV: Der Prozess der Entfremdung und der Verlust der Sinnlichkeit

Abbildung XIV: Die Schnittmenge statischer Qualität

Abbildung XVI: Authentische Kommunikation

Abbildung XVII: Die Moralsysteme der Metaphysik der Qualität

Vorwort des Verfassers

Ich danke:

meinen Freunden und meiner Familie, die meine Vorträge über Qualität ertragen müssen; Werner Abt, der mir Qualität gezeigt hat; Danilo Clamer, der mir Freiheit gezeigt hat; und Gisela Allgaier, die mir Arete gezeigt hat.

Glossar

Metaphysik der Qualität (Abkürzung MdQ)

Eine nichtdualistische Metatheorie von Robert M. Pirsig. Die MdQ erweitert die dualisti- sche Subjekt-Theorie und führt zusätzlich den Begriff “Qualität” ein. Qualität ist für Pirsig eine präintellektuelle Gegebenheit, aus der im Nachhinein vom Intellekt Subjekte, Objekte und Eigenheiten konstruiert werden. Qualität wohnt weder den Gegenständen inne, noch uns selbst, sondern wird für uns in der Interaktion mit der Welt erfahrbar. Der Hauptnutzen der MdQ liegt in ihrer Eigenschaft, moralische Fragen wissenschaftlich untersuchen und bewerten zu können. Die MdQ steht hierarchisch über der dualistischen Metaphysik und ist unabhängig von Determinismus oder Positivismus. Daraus folgt, dass die MdQ nicht dualistisch untersucht werden kann. Sie ist aber in der Lage dualistische Theorien zu er- klären.

Statische Qualität

“Statische Qualität” ist ein Hauptbegriff aus Robert M. Pirsigs Metaphysik der Qualität. Mit statischer Qualität sind festgeschriebene Wertestrukturen gemeint. Diese Wertestrukturen dienen stets dem Erhalt des Status quo. Ein gutes Beispiel ist die Übereinkunft der sozialen Verhaltensweisen in einer Gesellschaft. Verhaltensweisen die den Erhalt der sozialen Ordnung fördern, haben hohe statische Qualität.

Dynamische Qualität

Ein weiterer Hauptbegriff aus Robert M. Pirsigs Metaphysik der Qualität. Dynamische Qualität bezeichnet Prozesse und Verhaltensmuster, die statische Strukturen verändern oder auflösen. Die dynamische Qualiät ist der Gegenspieler der statischen Qualität. Beide gemeinsam ermöglichen Evolution.

B: HAUPTTEIL

1 Einleitung

1.1 Darlegung des Problems

Es werden heute mehr Informationen, Produkte und Dienstleistungen produziert und konsumiert als jemals zuvor. In dieser Informationsflut gehen die Werke und Beiträge von Medienschaffenden und Kreativen zunehmend unter.

Diese Master-Thesis untersucht, wie einzigartige Medienprodukte und Inhalte entstehen und was deren Einzigartigkeit ausmacht.

Wer erfolgreich mit anderen kommunizieren will, muss sich inhaltlich und formal auf seine Kommunikationspartner einstellen. Dies ist die gängige und übliche Meinung, die in der Kommunikationsbranche vertreten wird. Nach Ansicht des Autors ist diese Aussage korrekt, wird im Kommunikationsalltag jedoch nicht umgesetzt.

Im Kommunikationsalltag werden die Bedürfnisse der Zielgruppe analysiert. Daraufhin werden zielgruppengerechte Botschaften formuliert und unter Anwendung von Regelwerken wie beispielsweise der Regeln der Gestaltpsychologie, der Aufmerksamkeit und Verständlichkeit umgesetzt. Das Resultat der Anwendung dieser rationalen Regelwerke sind jedoch Medienprodukte die über wenig Authentizität und Einzigartigkeit verfügen. Sie sind austauschbar und schablonenhaft.

Indem der Kreativschaffende im Voraus entscheidet, was die Rezipienten interessiert, was diese verstehen und wie sie es zu verstehen haben, entmündigt er sie. Der Kreativ- schaffende übernimmt das Denken für die Rezipienten und nimmt ihnen somit ihre Ent- scheidungen ab. Dadurch stellt er sich nicht auf diejenigen ein, mit denen er kommunizie- ren will, sondern er stützt sich lediglich auf eine Vorstellung von den Rezipienten, die er nicht wirklich kennt. Er spricht diesen die Fähigkeit ab, selbst zu entscheiden, was sie interessieren könnte und was nicht.

Auf diese Art entsteht nach Ansicht des Autors keine authentische Kommunikation. Diese entsteht nur dann, wenn der Kommunikationsprozess bereits auf einer präintellektuellen Ebene, im freien Erleben, beginnt. Rezipienten sollte dabei die Möglichkeit gegeben wer- den authentisch auf Botschaften zu reagieren. Dies ist nur möglich, wenn die Botschaft bereits authentisch ist. Dies bedeutet, dass authentische Botschaften nur dann formuliert werden, wenn beim Kreativschaffenden eine authentische gestalterische Haltung vorhanden ist. Diese Haltung geht über das rationale Subjekt-Objekt-Denken hinaus, welches alle Wissenschaften und das gesamte abendländische Denken seit den griechischen Philosophen der Antike prägt.

1.2 Forschungsfrage

Die vorliegende Arbeit will eine allgemeine und eine spezifische Frage beantworten. Die allgemeine Frage lautet:

Wie können Kreativschaffende, seien es Künstler, Gestalter, Schriftsteller oder auch Wissenschaftler, einzigartige und hochqualitative Werke schaffen?

Die Antworten auf diese Frage sollen angepasst die Antworten auf die zweite, spezifische Frage ergeben, welche lautet:

Wie schafft man einzigartige Inhalte im massenmedialen Umfeld und wie entsteht authentische Kommunikation?

1.3 Zielformulierung

Diese Arbeit möchte das Verständnis von Medienschaffenden von Qualität, Authentizität und Einzigartigkeit erweitern und ihnen eine zu den klassischen Kommunikationsmodellen und Regelwerken alternative Herangehensweise für die Gestaltung von Medien anbieten. Dadurch sollen Medienschaffenden in die Lage versetzt werden authentisch mit Rezipien- ten zu kommunizieren und einzigartige, hochqualitative Medienprodukte zu gestalten.

1.4 These

Die These vertritt die Ansicht, dass einzigartige und aufsehenerregende Inhalte mittels einer authentischen gestalterischen Haltung geschaffen werden und nicht durch Anwen- dung wissenschaftlicher Methoden und Regelwerke. Authentische Kommunikation findet ihren Ursprung in einer präintellektuellen Qualität, die ausserhalb des Rahmens der Rati- onalität existiert. Die These skizziert den Gegenvorschlag einer “Inspirationalität”, die sich ausserhalb wissenschaftlicher Denkstrukturen befindet, die durch die Subjekt-Objekt- Metaphysik begrenzt sind.

1.5 Herangehensweise und Aufbau der Arbeit

Soweit es möglich ist, verfolgt diese Arbeit eine wissenschaftliche Methodologie. Die Antworten auf die Fragen liegen jedoch, so die Annahme, jenseits des Korsetts der wissenschaftlichen Methode und des rationalen Denkstils, weshalb ein umfangreicher Ausflug in philosophische und metaphysische Grundüberlegungen Voraussetzung ist.

Zum besseren Verständnis wird in Kapitel 2 ein ausführlicher philosophisch- metaphysischer Unterbau geschaffen. Es beschäftigt sich zunächst der obersten Prämis- se der Wissenschaft, der Suche nach Wahrheit und der daraus enstandenen „Subjekt- Objekt-Realität“. Es beleuchtet, wie die wissenschaftliche Methode funktioniert und mit welchen Mitteln diese versucht Wahrheitsfindung zu betreiben. Dabei werden beispielhaft Widersprüche innerhalb der wissenschaftlichen Methode und des rationalen Denkstils aufgezeigt, die darlegen, dass die wissenschaftliche Methode nicht in dem Ausmass ob- jektiv ist, in welchem sie im Allgemeinen wahrgenommen wird. Diese Ausführungen sind notwendig, um den absoluten Wahrheitsanspruch der Wissenschaft im Allgemeinen, als auch den Wahrheitsanspruch der Kommunikationswissenschaft im Speziellen zu relativie- ren.

Kapitel 3 beschäftigt sich mit aktuell gültigen Theorien und Regeln der Kommunikationswissenschaft. Es werden zunächst die Ziele massenmedialer Kommunikation betrachtet, um dann zu beleuchten, wie diese erreicht werden sollen. Die Arbeit gibt einen kurzen Einblick sowohl in die heute angewandten Gestaltgesetze, die Regeln der Aufmerksamkeit und die Regeln des verständlichen Schreibens.

Kapitel 4 behandelt zunächst die von Robert M. Pirsig begründete „Metaphysik der Quali- tät“. Die Metaphysik der Qualität ist eine nichtdualistische Metatheorie, welche die dualis- tische Subjekt-Objekt-Theorie durch die Einführung des Qualitätsbegriffes erweitert. Der Hauptnutzen der Metaphysik der Qualität liegt in ihrer Eigenschaft, moralische und ästhe- tische Fragen wissenschaftlich untersuchen und bewerten zu können. Die Arbeit unter- sucht ausführlich den Begriff der Qualität beziehungsweise beschäftigt sich mit der Wie- dereinführung von Werten in unser Denksystem, da der Autor von der Annahme ausgeht, dass Werte eine essentielle Rolle bei der Schaffung authentischer medialer Inhalte spie- len. Subjektive, nicht messbare Phänomene wie der kreative Schaffensprozess, die durch wissenschaftliche Methoden nicht erklärbar sind, werden durch die Perspektive der Meta- physik der Qualität erklärbar.

Ab Kapitel 4.4 werden die Folgen der Vorherrschaft des rationalen bzw. wissenschaftli- chen Denkstils untersucht. Was passiert, wenn die persönliche und gesellschaftliche Wahrnehmung der Realität vorwiegend rational ist? Was sind die Auswirkungen auf unsere Psyche, unsere Wahrnehmung, unser Denken und unsere gestalterische Haltung? Die Arbeit zeigt auf, dass die „herrschende“ Subjekt-Objekt-Realität unter anderem die heute gültige Kommunikationstheorie und -praxis mitsamt ihren Erkenntnissen, Regeln und Werkzeugen bestimmt. Sie bestimmt die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, und viel wichtiger: Sie bestimmt unsere Kommunikationsabsichten.

Kapitel 4.6 skizziert einen Gegenvorschlag zur Schaffung authentischer Kommunikation und einzigartigen Inhalten. Dieser Gegenvorschlag beruht auf der Metaphysik der Quali- tät, wird hier als „Inspirationalität“ bezeichnet und ist als alternative zur Rationalität zu verstehen.

Kapitel 4.7 und Kapitel 4.8 zeigen auf, dass Qualität nicht ungerichtet ist und dass Werte weder subjektiv noch objektiv sind. Hier wird versucht eine Antort auf das „warum kom- munizieren?“ oder das „was kommunizieren“? zu geben, statt der Antwort auf das „wie kommunizieren?“. Es wird untersucht, ob eine authentische gestalterische Haltung die Grundlage zur Schaffung einzigartiger authentischer Kommunikation im massenmedialen Umfeld sein kann. Dazu streift die Arbeit das Gebiet der Architektur und des Designs und erläutert kurz die „Ethik der geschaffenen Dinge“. Architektur und Design als „physisch manifestierte“ Kommunikation und „gebaute kulturelle Realität“ eignet sich, nach Ansicht des Autors, sehr gut, um zu veranschaulichen, wie Unterschiede in der gestalterischen Haltung zu gänzlich unterschiedlichen Resultaten führen. Die vorgebende Richtung beim gestalterischen Schaffen kann nur Qualität oder Freiheit im Sinne der Metaphysik der Qualität sein, so die Annahme des Autors. Und Freiheit kann nur aus einer authentischen gestalterischen Haltung entspringen.

2 Vom Guten zur Wissenschaft: das Fundament der modernen Kommunikationswissenschaft

2.1 Das Gute und das Wahre

Dieses Kapitel beschreibt die Ziele der ersten rationalen Denker, der griechischen Philosophen, der Gruppen der Vorsokratiker und Kosmologen. Es stellt das Prinzip der Suche nach Wahrheit dem Prinzip nach der Suche von Arete, dem Vortrefflichen, gegenüber. Es soll gezeigt werden, dass der Ursprung der Ratio nicht nur in der Suche nach Wahrheit liegt, wie sie bis heute in den Wissenschaften praktiziert wird, sondern auch in der Suche nach Werten.

„Die frühgriechische Philosophie stellte die erste bewusste Suche nach dem Unvergäng- lichen im Dasein des Menschen dar. Bis dahin hatte alles Unvergängliche dem Reich der Götter und Mythen angehört. Nun aber erwuchs den Griechen aus ihrer zunehmenden Unvoreingenommenheit gegenüber ihrer Umwelt eine zunehmende Abstraktionsfähigkeit, die es ihnen erlaubte, den alten griechischen Mythos nicht als geoffenbarte Wahrheit, sondern als künstlerische Schöpfung anzusehen.”1 Das junge Verständnis, dass der My- thos nur eine von der menschlichen Kreativität geschaffene Realität war, erforderte die unbedingte Einführung eines neuen Realitätsverständnisses. Ohne ein solches Verständ- nis, eine Metaphysik oder ein Glaubenssystem, hatte der Mensch keinen Handlungsrah- men, wie mit der Realität umgegangen werden sollte. Somit begann die Suche nach der „tatsächlichen Wahrheit“, welche die Welt besser erklären sollte als der alte Mythos.

Die Kosmologen, eine Gruppe von vorsokratischen Philosophen, suchten nach dem uni- versellen Prinzip des Seienden in der Aussenwelt, nach einer absoluten Wahrheit. Sie suchten nach einem universellen und unvergänglichen Prinzip, da nach dem Tod des al- ten Mythos Unvergänglichkeit nicht mehr das Privileg der unsterblichen Götter war. Die Kosmologen waren sich einig, dass ein solches Prinzip existierte, konnten sich aber auf keines einigen. Für Thales war dieses Prinzip das Wasser, für Anaximenes die Luft und für die Pythagoreer die Zahl, womit zum ersten Mal etwas Immaterielles zum Prinzip des Seienden erklärt wurde. Für Anaxagoras war das Prinzip des Seienden die Vernunft oder das Gesetz. Und „Parmenides legte als erster dar, dass das Prinzip des Seienden, das Eine, das Wahre, Gott, von der Erscheinung und der Meinung getrennt, unabhängig sei [...]“.2 Dies stellte einen einschneidenden Wandel dar, der die Geschichte des Denkens bis heute beeinflusst. Der klassische Geist erklärte zum ersten Mal: „Das Gute und das Wahre sind nicht notwendig ein und dasselbe“.

Das Instrument zur methodischen Wahrheitsfindung in der antiken Philosophie war die Dialektik. Es handelt sich hierbei um einen Diskurs, bei dem einer bestehenden Auffas- sung (These) Probleme und Widersprüche als Antithese gegenübergestellt werden. Das Resultat ist eine neue Lösung oder ein neues Verständnis, die Synthese. Die Synthese sollte der Wahrheit näher sein, als die ursprüngliche These. Der Begriff der Dialektik findet sich erstmals bei Platon (428/427- 348/347 v. Chr), der zahlreiche dialektische Dialoge seines Lehrers Sokrates (469 - 399 v. Chr.) schriftlich festhielt. Sokrates und Platon glaubten, dass es zu allen Dingen in der Welt eine entsprechende Urform, eine Idee ge- ben müsse. Die frühen Dialoge von Sokrates, in denen dieser versuchte die ungeprüften Meinungen seiner Gesprächspartner zu widerlegen, endeten jedoch ausnahmslos in der Aporie. Das bedeutet, dass es zwar gelang die alte These zur verwerfen, nicht aber eine neue zu finden.

Die Sophisten, eine zweite Gruppe von vorsokratischen Philosophen, suchten nicht die einzige absolute Wahrheit, da sie alle Wahrheiten für relativ hielten. Sie waren Lehrer, deren Ziel die Vervollkommnung des Menschen war, denn sie sahen im Menschen das Mass aller Dinge.3 Die Sophisten lehrten keine Prinzipien, sondern Glaubensvorstellungen bzw. Wertesysteme des Menschen. In ihrem Denken nahm der Begriff „Arete”, die Vortrefflichkeit, die zentrale Stellung ein. Das Denken der Sophisten und ihre Lehre der Arete führten zum Ideal des Menschen im vorsokratischen Griechenland, zu einem tugendhaften, vortrefflichen und ganzen Menschen.

„So ist der Held der Odyssee ein großer Kämpfer, ein schlauer Ränkeschmied, ein gewandter Redner, ein beherzter, ausdauernder und weiser Mann, der weiß, daß er, ohne viel zu klagen, erdulden muß, was die Gottheit ihm sendet. Er kann ein Schiff bauen und es steuern, eine Furche so gerade ziehen wie nur irgendeiner, einen jun- gen Prahler im Diskusswerfen übertreffen und andere Phäakenjünglinge im Boxen, Ringen und Laufen besiegen, er kann einen Ochsen schlachten, häuten und in seine Teile zerlegen und von einem Gesang zu Tränen gerührt werden. Er ist fürwahr ein vortrefflicher Mensch. Er hat eine überragende arete.

Arete bedeutet Achtung vor der Ganzheit und Einheit des Lebens und daraus folgen- de Abneigung gegen jede Spezialisierung. Sie beinhaltet die Geringachtung von Tüchtigkeit - oder besser gesagt einen viel höheren Begriff von Tüchtigkeit, eine Tüchtigkeit, die sich nicht nur auf einem Teilgebiet des Lebens äußert, sondern im ganzen Leben.”4

Das Gute, das Tugendhafte, die Selbstvervollkommnung und das Vortreffliche waren also oberstes Ideal der Sophisten. Das Instrument, das sie verwendeten, um ihr Wissen zu vermitteln, war die Rhetorik, die Kunst der Beredsamkeit. Dabei handelt es sich nicht nur um die Kunst gut zu sprechen, sondern vielmehr um die Kunst die Zuhörer von einer Ein- stellung zu überzeugen oder zu einer Handlung zu bewegen.5 Man könnte die Rhetorik somit als Archetypen der Werbung oder der Marketingkommunikation bezeichnen, deren Kernfunktion ebenfalls persuasiver Natur ist.6 Es scheint, dass der Unterschied zwischen der Rhetorik der Sophisten und moderner Werbung darin liegt, dass Rhetorik das Ziel hat das Gute im Menschen zu fördern und ihm Werte und Erkenntnisse zu vermitteln, die ihm das „richtige“ Handeln ermöglichen, während Werbung informieren und überzeugen will, ohne ein Wertesystem zu Hilfe zu nehmen.

Zur Zeit von Sokrates (469-399 v. Chr.) herrschte ein umfassender Streit, in dem [...] „die Realität des Guten, die von den Sophisten vertreten wurde, und die Realität des Wahren, für die die Dialektiker eintraten, einen rücksichtslosen Kampf miteinander ausfochten.“7 Sokrates und Platon waren Gegner der Sophisten, weil [...] sie die erste zögernde Ahnung der Menschheit von der Idee der Wahrheit im Keim zu ersticken drohen.“8 Sokrates setzte die Suche nach Wahrheit mit der Verwirklichung der eigentlichen Natur des Menschen gleich. Die Suche bedeutete somit das Erreichen des dem Menschen grösstmöglichen Glücks.9

Platon nutzte die relativ junge Fähigkeit die Welt mittels dialektischer Methoden zu ver- stehen, um über Arete nachzudenken. Er baute mittels zweier Synthesen die wandelbare, nicht feststehende Arete der Sophisten zu einer fixierten, starren Idee um. Mit der ersten Synthese hob er die Gegensätze der beiden an die unvergängliche Wahrheit glaubenden Schulen des Heraklit und Parmenides auf. Er behauptete, die unvergängliche Wahrheit sei weder nur Wandel noch nur unwandelbares Sein. Wandel und unwandelbares Sein würden vielmehr als Ideen koexistieren, die unveränderlich sind. Die Ideen seien unver- änderlich, nur die Erscheinungen der Ideen veränderten sich. Mit der zweiten Synthese setzte Platon die Arete zwischen das Gegensatzpaar Idee und Erscheinung. „Er weist ihr den höchsten Ehrenplatz zu, gleich unterhalb der Wahrheit selbst sowie der Methode, mit der man zur Wahrheit gelangt, der Dialektik.“10 Platon minderte somit die Arete der So- phisten, die keine Form der Wirklichkeit, sondern die sich ständig wandelnde Wirklichkeit selbst war, zu einer dialektischen Idee. Die Wahrscheinlich war hoch, dass später ein an- derer Denker dem Guten einen bescheideneren Rang in einer „wahren“ Ordnung der Din- ge zuweisen würde. Und genau dies tat Aristoteles: Er stellte die Erscheinungen in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen.

2.2 Aristoteles, Kategorien und Rhetorik

Von Platon unterschied sich Aristoteles in vielen Anschauungen, vor allem jedoch darin, dass er die Existenz der Ideenwelt bezweifelte. Aristoteles schenkte dem sterblichen Pferd, dem Pferd als Erscheinung, nicht dem Pferd als Idee viel mehr Aufmerksamkeit als Platon zuvor. „Er (Aristoteles) sagte, dass das Pferd nicht bloß eine Erscheinung ist. Die Erscheinungen heften sich etwas, das von ihnen unabhängig ist und, wie die Ideen, un- veränderlich ist. Das >>Etwas<<, an das sich die Erscheinungen heften, nannte er >>Substanz<<.11 Aristoteles gilt als der Erfinder der philosophisch-wissenschaftlichen Kategorie.

Die Substanz ist für ihn die Urkategorie, die der phytagoräischen Null entspricht, und alle Erscheinungen sind für ihn an Substanz gebunden. Die Substanz ist, wie die Ideen, von der Form unabhängig und unveränderlich und alles, was besteht, setzt sich aus Substanz und Form zusammen. Der Substanz sind als Prädikate folgende Kategorien untergeord- net: Qualität, Quantität, Relation, Ort, Zeit, Lage, Haben, Tun und Leiden.12 Diese Katego- rien bestimmen den Rahmen des Denkens von Aristoteles, der davon ausging, dass sich die gesamte Wirklichkeit ohne weitere Spekulation mit Hilfe wahrheitsgemässer Katego- rien denkerisch erfassen und systematisch ordnen liesse. Für ihn waren die Kategorien nicht nur Begriffsformen oder Aussageweisen von Gegenständen, sondern auch deren Seinsweisen. Er hielt also die begrifflichen Kategorien, die er zum besseren Verständnis der Realität einführte, für die Realität selbst, im Gegensatz zu Platon, der noch wusste, dass Ideen und Wahrheiten nur Gegenstände des Denkens in der selbstständig existie- renden Seele, also nicht die Realität selbst sind13.

Die Trennung in Form und Substanz und die Degradierung des Guten (Qualität) zu einer Kategorie der Substanz bedeutete einerseits den Tod der Arete der Sophisten, anderer- seits wurde in diesem Augenblick jedoch das moderne wissenschaftliche Realitätsver- ständnis geboren.14 Mit der Einführung der Kategorien mündete die logische Philosophie in die wissenschaftliche Systematik. Wissenschaft, Logik und Universität hatten von da an den Auftrag [...] „eine endlose Vielfalt von Formen über die substantiellen Elemente der Welt zu finden und zu erfinden und diese Formen Erkenntnisse zu nennen und sie an künftige Generationen weiterzugeben.“15 Durch Aristoteles wurde das Gute (die Arete) zum Gegenstand von Ethik, einem untergeordneten Wissenszweig der Philosophie, und Rhetorik wurde [...] auf das Lehren von Manierismen und Formen, aristotelischen Formen für die Textgestaltung reduziert.“16

Die aristotelische Ethik verfolgt nicht wie die sophistische Lehre die Vervollkommnung des Menschen mit dem Ziel der Vortrefflichkeit, sondern beschäftigt sich dem Halten des ge- sunden Masses. Ruhe soll über den Weg der goldenen Mitte erreicht werden: Es gilt so- wohl übergrosse Aktivität als auch übergrosse Passivität zu vermeiden. So ist die Mitte zwischen Tollkühnheit und Feigheit der Mut und die Mitte zwischen Verschwendung und Geiz die Freigiebigkeit. Aristoteles stellt einen ganzen Katalog solcher Tugenden auf. Diese setzen nicht wie bei den Sophisten eine Wandlung des Gemüts voraus, sondern sind durch Vermeidung von Extremen zu verwirklichen.

Die Rhetorik von Aristoteles ist eine argumentative Technik der Überzeugung. Er beschäf- tigt sich eingehend mit den Überzeugungsmitteln, derer es bedarf, um den Glauben der Hörer zu beeinflussen. Die Rede und das Geschriebene bedürfen der Worte, um zu ihrem Ziel zu gelangen. Da es im Bereich der Sprache, im Gegensatz zur Geometrie, kein ab- gesichertes Wissen gibt, ist eine Reflexion über die Sprache immer eine Reflexion über deren Stil. Zwei Aspekte dienen der methodischen Reflexion über Sprache:

1. Die gelungene Wortwahl
2. Die geschickte Anordnung der Worte und Redeteile

Eine gelungene Wortwahl bedeutet, dass der Ausdruck für die Hörer oder Leser deutlich und verständlich sein muss. Dies beinhaltet auch eine angemessene Wortwahl hinsicht- lich der Stilebene der Wörter. Eine übertriebene, poetische Wortwahl soll ebenso vermie- den werden wie eine banale Wortwahl. „Die Vollkommenheit oder Tugend des Stils ist gemäß Aristoteles’ Definition der Tugend der „Mitte“ (mesotês) zwischen zwei Übeln, Übermaß und Mangel, bestimmt, nämlich als Mitte zwischen allzu großer Klarheit und allzu großer Fremdheit des Ausdrucks. Ein nur aus üblichen Wörtern bestehender Stil ist am klarsten, aber banal (tapeinê). Erhaben (semnê), d.h. nichtbanal und ungewöhnlich (mê idiôtikon), wird der Ausdruck durch fremdartige Wörter, wobei die ausschliessliche Verwendung von Glossen ein Barbarismus ist, die von Metaphern ein Rätsel (ainigma)“17. Die Redeteile gliedert Aristoteles in Einleitung, Aufstellung (oder Darstellung des Sach- verhalts), Überzeugung und Schlusswort. Die Redeteile spannen einen dramaturgischen Bogen mit dem Ziel den Hörer geistreich zu belehren und zu überzeugen.

Die hier beschriebenen Grundzüge der aristotelischen Rhetorik weisen Parallelen zu den Inhalten auf, die an modernen Hochschulen in Schreib- und Sprechkursen gelehrt wer- den. Dies ist kein Zufall, da auch die modernen Regeln des verständlichen, leserfreundli- chen, präzisen und anreizvollen Schreibens auf Aristoteles’ Rhetorik basieren. Wortwahl, Gliederung und Logik spielen hierbei eine zentrale Rolle. Sie haben seit Aristoteles nicht an Wichtigkeit verloren. Für die vorliegende Arbeit ist jedoch vor allem die folgende Feststellung bedeutsam: Seit dem Verlust der Arete zugunsten der Wahrheit und dem Sieg der Dialektik und der Vereinfachung der Rhetorik auf ein formales System wird die Wahrheit in allen akademischen Kursen ausser der Rhetorik gelehrt. Die Rhetorik dient seither lediglich dazu, Wahrheiten (oder Unwahrheiten) überzeugend zu formulieren.„Die Wahrheit wurde Sieger, das Gute wurde geschlagen, und das ist der Grund, weshalb es uns heute so leichtfällt, die Realität des Wahren anzuerkennen, obgleich auf dem einen Gebiet nicht mehr Übereinstimmung herrscht als auf dem andern.”18

2.3 Rationalismus - der subjektive Zweifel an der Welterfahrung

Dieses Kapitel beschreibt die Begründung des modernen frühneuzeitlichen Rationalismus durch René Descartes.

Das Denksystem des Aristoteles wirkte bis weit in das Mittelalter hinein und war bestim- mend für die damals allgegenwärtige wissenschaftliche Methode - die Scholastik. Die Scholastik war eine Weiterentwicklung der Dialektik. Man untersuchte Behauptungen, indem man die für und die gegen die Behauptung sprechenden Argumente darlegte und dann eine Entscheidung über deren Richtigkeit traf. Die Scholastik zeichnete sich durch klare Fragestellungen sowie logische und genaue Beweisführung aus. Dabei arbeitete man ausschliesslich deduktiv; man schloss vom Allgemeinen auf das Besondere. Man ging davon aus, dass man mittels fehlerfrei durchgeführter Deduktion alle Zweifel beseiti- gen und Erkenntnisse über alles Erkennbare erlangen könne. Grundlage aller Deduktio- nen waren allgemeine Grundsätze oder Obersätze, die oft von Aristoteles stammten. Ein solcher Grundsatz war beispielsweise: Die Natur erzeugt immer das Beste, das sie her- vorbringen kann. Beobachtete man Phänomene, die solchen Grundsätzen widerspra- chen, bezeichnete man diese als trügerische Wahrnehmungen oder nahm an, dass man diese Beobachtungen falsch deutete. Da man davon ausging, dass nur mittels Deduktion hergeleitete Erkenntnisse aus Grundsätzen sicheres Wissen seien, musste man Phäno- mene, die einer deduktiven Folgerung zu widersprechen schienen, so deuten, dass sie in den Grundsatz und seine Folgerungen hineinpassten. War dies nicht möglich, sprach man von einem Missverständnis, denn das Ziel war eine widerspruchsfreie Theorie.

In dieses geistige Klima wurde René Descartes (1596-1650) geboren. Descartes gilt heute als „Vater der neueren Philosophie“, denn er begründete den von der Vernunft überzeugten modernen Rationalismus. Man nennt seine Denkrichtung auch Cartesianismus.19 Statt wie die Scholastiker von Grundsätzen der Erkenntnis auszugehen, suchte Descartes alle Grundsätze aus dem Weg zu räumen und führte den methodischen Zweifel als Grundlage aller Erkenntnis ein.

Er war ungehalten über den Wechsel der menschlichen Meinungen und über die Infrage- stellung jeder bisher aufgetretenen philosophischen Behauptung. Seiner Meinung nach wurde noch zu keiner philosophischen Frage eine Antwort mit wirklicher Gewissheit und Bestand gefunden. Um zu solcher Gewissheit zu gelangen, so Descartes, „[...] will ich zunächst den Zweifel bis zum äußersten treiben. Wenn ich an allem, was mir gewiß schien, mit einem möglichen Grunde gezweifelt habe, und wenn ich dann eine Gewißheit finde, die vor sämtlichen Weisen des Zweifels gesichert ist, so müßte diese Gewißheit der Boden sein für alle weitere uns zugängliche Erkenntnis.“20 Descartes zweifelte am Dasein aller Dinge einschliesslich seines Körpers und sogar an mathematischen Wahrheiten, selbst wenn diese zwingend seien. Die gängige Annahme, dass wissenschaftliche Er- kenntnis aus der sinnlichen Wahrnehmung und dem Denken entspringe, hinterfragte er, denn Sinne könnten täuschen und das Denken von einem bösen Dämon beeinflusst sein. Descartes zweifelte also zunächst an allem, bemerkte aber, dass der Zweifelnde nicht daran zweifeln könne, dass er zweifle oder dass er es sei, der getäuscht werde. Der Zwei- felnde könne sich also nur seines eigenen Zweifels absolut sicher sein und dieser bestäti- ge dem Zweifler sein eigenes Denken, sein Bewusstsein, als sicher. Aus diesem Gedan- kengang schloss Descartes seinen ersten unzweifelbaren Satz: Ich zweifle (denke), also bin ich. Zu weiteren unzweifelbaren Sätzen wollte Descartes mit Hilfe seiner Methoden zum richtigen Vernunftgebrauch gelangen:

1. Eine Sache, die nicht als solche sicher und einleuchtend erkennbar ist und somit nicht bezweifelt werden kann, darf niemals als wahr angenommen werden.
2. Schwierige Probleme müssen in Teile zerlegt und in Teilschritten gelöst werden.
3. Die Gedanken sind so zu ordnen, dass man mit den einfachsten und fassbarsten Objekten beginnt und allmählich und stufenweise bis zur Erkenntnis der kompli- ziertesten Objekte aufsteigt.
4. Es müssen vollständige Aufzählungen und umfassende Übersichten aufgestellt werden, um zu versichern, dass die Untersuchung vollständig ist.

Das cartesianische Denken hat die nachfolgende Zeit bis in unsere Gegenwart dominiert und zum Rationalismus geführt, wie wir ihn heute kennen. Der Rationalismus misst dem reinen Denken grössere Bedeutung für die Erkenntnis bei als der Erfahrung.21 Im Rationa- lismus ist das Denken die Maxime und es ist mit dem Bewusstsein beziehungsweise mit der Existenz gleichgesetzt. Die hier beschriebenen Methoden zum richtigen Vernunftge- brauch sind die Grundlage für einen wichtigen Teil des wissenschaftlichen Denkens - die Deduktion. Mittels der Deduktion schliesst man vom Allgemeinen auf das Spezielle. Der Rationalist geht davon aus, dass sich universelle Grundgesetze mit Hilfe der Deduktion aus Grundsätzen schliessen lassen, wenn diese Grundsätze unzweifelbar, also a priori gegeben sind. A priori sind Grundsätze dann, wenn sie nicht unserer Erfahrung bedürfen. Sie sind die Bedingungen für unsere Erfahrung, gehen ihr also voraus. Der strenge Ratio- nalist hält nichts von Erkenntnisquellen ausserhalb des rationalen Denkens, wie bei- spielsweise den Sinneserfahrungen (der Empirie).

Ein berühmtes Beispiel für eine Deduktion lautet wie folgt:

1. Alle Menschen sind sterblich.
2. Sokrates ist ein Mensch.
3. Daraus folgt, dass Sokrates sterblich ist.

Die allgemein gültigen Sätze, von denen eine Deduktion ausgeht, heissen auch Axiome. „Heute wird die Auffassung vertreten, dass auch die Axiome [...] letzlich nur willkürliche Annahmen sind, die sich allerdings bewährt haben.“22 Axiome werden entweder willkürlich gesetzt, oder ein durch empirische Beobachtung induktiv gewonnener Satz wird in den Rang eines Axioms erhoben. Aus den Axiomen werden Ableitungen gemacht, die mit der Überprüfung der empirischen Beobachtungen aufzeigen, wie weit sich das Axiom bewährt. Die Deduktion ist aber eine Tautologie, was bedeutet, dass mit Hilfe der Deduktion keine wirklichen Erkenntnisse zu gewinnen sind.23

Das nächste Kapitel wird sich mit der „gegenteiligen“ philosophischen Strömung, dem Empirismus, befassen.

2.4 Empirismus - die unbeteiligte, objektive Welterfahrung

Man könnte den Empirismus als das Gegenteil des Rationalismus bezeichnen, da als es sich um eine erkenntnistheoretische Position handelt, „[...] derzufolge alle Erkenntnis auf Erfahrung zurückgeführt werden soll.“24 Beim Empirismus beginnt jedes Erkennen mit der begriffsfreien, gegebenen Erfahrung, die wiederum durch Erfahrung überprüft wird. Die wichtigsten Vertreter des klassischen Empirismus waren John Locke (1632-1704), George Berkeley (1685-1753) und David Hume (1711-1776). Sie wendeten sich gegen die von den Rationalisten vertretene Annahme angeborener Ideen oder Grundsätze, die a priori vorhanden seien. Gemäss Locke ist das menschliche Bewusstsein vor den ersten Sinneseindrücken wie ein unbeschriebenes Blatt Papier (Tabula rasa). Das Bewusstsein nimmt Ideen, die in der Aussenwelt vorhanden sind, nur durch Erfahrung auf. Das würde bedeuten, dass sich nichts im Intellekt befinden kann, was man nicht vorher mit den Sin- nen wahrgenommen hat. Der Empirismus vertraut also nur den Sinneseindrücken, im Gegensatz zum Rationalismus, der genau an diesen zweifelt.

Der Empirismus beziehungsweise die empirische Forschung ist die Grundlage für alle empirischen Wissenschaften, also Disziplinen, in denen man Objekte und Sachverhalte durch Beobachtung, Experimente und Befragung untersucht. Das Werkzeug des Empirismus ist die Induktion. Man schliesst also von beobachteten Phänomenen auf allgemeine Begriffe oder Naturgesetze.

Die wissenschaftliche Vorgehensweise beginnt mit der Beobachtung empirischer Phäno- mene oder Erscheinungen. Hierbei braucht es einen Beobachter, das Subjekt, und etwas Beobachtetes, das Objekt. Die Wissenschaft geht stets von einem „objektiven“ Beobach- ter aus. Das bedeutet, dass der Beobachter das Beobachtete betrachtet, ohne zu werten und ohne Teil des Beobachteten zu sein. Emotionale und subjektive Beweggründe dürfen bei der Beobachtung keine Rolle spielen. Das Interesse liegt im Gegensatz zur alltägli- chen Wahrnehmung auf spezifischen Fragestellungen und bestimmten Phänomenen. Danach folgt die Formulierung von Aussagen über die beobachteten Phänomene. Diese Aussagen führen zu Protokollsätzen, die qualitative Phänomene mit metrischen Begriffen quantifizierbar bzw. messbar machen sollen. Der Intelligenzquotient beispielsweise ist ein Versuch, ein komplexes Phänomen mit einem metrischen Begriff zu erklären.

Fasst man mehrere Protokollaussagen zu allgemeinen Aussagen zusammen, spricht man von Hypothesenbildung. Hypothesen formulieren allgemeine Prinzipien, die den Vergleich von Protokollaussagen ermöglichen und eine Kausalität, also einen Ursache-Wirkungs- Zusammenhang herstellen. Eine Hypothese wird zum Gesetz, wenn sie sich bewährt, also über längere Zeit nicht zu anderen Hypothesen und Beobachtungen im Widerspruch steht. Mehrere Gesetze werden in einer speziellen Theorie zueinander in Beziehung gebracht. Mehrere spezielle Theorien können zu einer allgemeinen Theorie führen. Das Ideal ist die Formulierung möglichst universeller Theorien, welche die Kausalität möglichst vieler Phänomene widerspruchsfrei erklären können.25

Die Methode, mit der aus Beobachtungen und Protokollsätzen Hypothesen gebildet wer- den, ist wie bereits erwähnt die Induktion, mit der man vom Speziellen auf das Allgemeine schliesst. Wir sehen beispielsweise jeden Tag um die gleiche Uhrzeit die gleiche Person im Bus und schliessen daraus, dass wir diese Person am nächsten Tag wieder sehen werden. Wir schliessen meist unbewusst vom konkreten Fall auf ein abstraktes Gesetz. Einige Erfahrungen haben sich mit gewisser Konstanz wiederholt und wir folgern, dass alle zukünftigen Erfahrungen von der gleichen Art sein werden. Die Induktion gilt auch als wissenschaftliche Verallgemeinerung. Nur weil eine Person bisher jeden Tag im Bus war, heisst das jedoch nicht, dass sie auch morgen wieder dort sein wird. Das erste Problem der Induktion ist also, dass sie kein aussagenlogisches Gesetz ist, denn es ist immer ein Fall möglich, in dem sie nicht zutrifft. Selbst wenn alle einzelnen Protokollsätze wahr sind, kann die Schlussfolgerung trotzdem falsch sein. Der Wahrheitswert steigt zwar mit der Summe der überprüfbaren Beobachtungen, er ist aber nie absolut, sondern bleibt stets relativ. Das zweite Problem der Induktion resultiert aus der Frage, ob alle Theorie aus Erfahrungen abgeleitet werden kann. Wenn wir empirische Beobachtungen in Protokolls- ätzen durch Beobachtungsbegriffe festhalten, lassen wir ausser Acht, dass es neben den Beobachtungsbegriffen auch Dispositionsbegriffe geben muss. Dipositionsbegriffe drü- cken die Eigenschaften von Gegenständen aus, wie zum Beispiel Schmelzpunkt, Tempe- ratur und Masse. Wer beispielsweise beobachten will, ob ein Mensch sein Konsumverhal- ten ändert, benötigt im Vorfeld bereits eine Theorie der Verhaltensänderung, die erklärt, was beobachtet werden soll. Jeder Beobachtung gehen also bereits Begriffe und Theo- rien voraus.26 Karl R. Popper war der Auffassung, dass Induktion überhaupt nicht existiert, da die Bildung von Verallgemeinerungen, ausgehend von Einzelaussagen, logisch un- möglich sei. Selbst die trivialsten vorstellbaren Einzelaussagen sind nach ihm „theoriege- laden“, das heißt, sie enthalten immer theoretische Elemente. Die Theorie muss, wie be- reits erwähnt, immer schon existieren (möglicherweise unbewusst), bevor Einzelaussagen überhaupt gemacht werden können - beispielsweise durch deduktive Ableitung aus die- ser Theorie. Selbst bei dem Versuch, aus dem Satz „Dieser Schwan ist weiß“ rein syntak- tisch den Satz „Alle Schwäne sind weiß“ zu erzeugen, ergibt sich bei genauer Untersu- chung die Feststellung, dass sich die Bedeutung des Worts „Schwan“ wegen der theoreti- schen Elemente unsystematisch geändert hat: Im Zweiten Satz hat das Wort die Bedeu- tung einer Universalie, während es im ersten Satz noch ein Individuum bezeichnet.27

Eine typische empirische Wissenschaft ist die Kommunikationswissenschaft. Man beo- bachtet beispielsweise das Leseverhalten von hunderten Probanden auf Webseiten. An- hand der Gesamtheit der Beobachtungen schliesst man mittels der Induktion auf allge- meine Regeln, die besagen, wohin Rezipienten von Webseiten zuerst blicken, welche gestalterischen Elemente oder Inhalte besondere Aufmerksamkeit erregen und vieles mehr.

Wie in diesem und dem letzten Kapitel gezeigt können mittels Induktion keine allgemein gültigen Erkenntnisse und Theorien gefunden werden und die Deduktion setzt durch In- duktion gewonnene Erkenntnisse und Theorien voraus. Der Anspruch der Wissenschaft, objektive und absolut gültige Aussagen über die Wirklichkeit machen zu können, ist somit relativiert. Die moderne Wissenschaftstheorie geht weit über die oben beschriebenen Tat- sachen hinaus. Der österreichische Mathematiker Kurt Gödel hat beispielsweise die zwei Gödelschen Unvollständigkeitssätze aufgestellt. Diese besagen dass jedes hinreichend mächtige, rekursiv aufzählbare System entweder widersprüchlich oder unvollständig ist und dass jedes System dieser Art die eigene Konsistenz nicht beweisen kann. Der erste Satz zeigt, dass in Theorien prinzipiell niemals alle zugrunde liegenden Axiome existieren können. Fügt man ein neues Axiom hinzu, gibt es andere wahre Aussagen, die auch mit dem neuen Axiom nicht bewiesen werden können. Fügt man ein Axiom hinzu, das das System vervollständigt, wird dieses widersprüchlich. Der zweite Satz zeigt, dass die Wi- derspruchsfreiheit der gesamten Mathematik nicht auf widerspruchsfreie Axiome zurück- geführt werden kann.28 Es gibt weitere Beispiele von Wissenschaftlern, wie beispielsweise Ludwig von Wittgenstein, die die Widersprüchlichkeit wissenschaftlicher Erkenntnis an- hand logischer Methoden aufdecken. Diese Ausführungen würden jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Für sie ist lediglich die Feststellung relevant, dass man mittels des rationalen Denkens scheinbar keine absoluten Wahrheiten finden und damit keine wahre Erkenntnis erlangen kann.

In diesem Problemfeld zwischen Rationalismus und Empirismus bewegte sich Immanuel Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft. Im nächsten Kapitel wird diese Arbeit die Grundlagen von Kants philosophischen Überlegungen kurz umreissen. Es ist das letzte Kapitel, welches sich mit den grundlegenden Problemen der Wahrheitssuche beschäftigt, welche in der antiken Philosophie ihren Ursprung hatte. Nach Kant wird zu einer Darstel- lung der Kommunikationswissenschaft, der Kommunikationspraxis und deren spezifischen Probleme übergegangen.

2.5 Immanuel Kant und Ästhetik

Wie in den letzten beiden Kapiteln ausgeführt wurde, steht gegen den Rationalismus, dass Erkenntnis ohne sinnliche Wahrnehmung nicht möglich ist. Gegen den Empirismus spricht, dass man sinnliche Wahrnehmung ohne vorgegebene Verstandesbegriffe nicht strukturieren kann. Gemäss Kant muss man sinnliche Wahrnehmungen mit Verstandsbe- griffen verbinden, um zu Urteilen zu gelangen. Nur solche Urteile führen zu Erkenntnis, denn „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“29 Ge- mäss Kant vermögen der Verstand nichts anzuschauen und die Sinne nichts zu denken, weswegen die Wissenschaft der Regeln der Sinnlichkeit, der Ästhetik, von der Wissenschaft der Verstandesregeln, der Logik, zu trennen ist.30

Die Grundlagen der sinnlichen Wahrnehmungen sind für Kant Raum und Zeit, da wir uns ohne diese überhaupt keine Vorstellung von Dingen machen können. Raum und Zeit sind a priori gegeben. Gemäss Kant erkennen wir jedoch nie die Dinge an sich, sondern stets nur deren Erscheinungen. Wir erkennen also nur, was die Dinge für uns sind, und wissen nicht, ob diese Erkenntnisse in der Aussenwelt eine Entsprechung haben. Wir stellen uns die Welt so vor, dass es Dinge an sich gibt, die auf unsere Sinne eine Wirkung haben. Diese Wirkung sind unsere sinnlichen Wahrnehmungen. Wir haben allein diese sinnlichen Wahrnehmungen und die Aussenwelt ist eine subjektive Vorstellung.31 Wir fügen Raum und Zeit als formales Element unseren sinnlichen Wahrnehmungen hinzu, damit die Din- ge für uns vorstellbar werden. Kant will damit nicht sagen, dass Raum und Zeit immanent vorhanden sind, sondern dass wir uns aufgrund unserer Beschränktheit nichts ohne Raum und Zeit vorstellen können. Damit umschifft Kant die Probleme des Rationalismus und des Empirismus zugleich. Rationalistisch gesehen gibt es nichts, dass als Ding an sich vorhanden sein muss; es ist nur für das Funktionieren unseres Verstandes als Gege- benheit notwendig. Empiristisch gesehen beobachten wir nicht die Dinge an sich, sondern nehmen nur deren Erscheinungen wahr.

Wenn also die Aussenwelt begrifflich nicht fassbar ist und die Erscheinungen der Aus- senwelt unsere Sinne anregen, dann sind alle Erscheinungen vom Subjekt, von uns selbst abhängig. Gemäss Kant führen Erscheinungen allein aber nicht zu Begriffen und auch nicht zu Urteilen. Begriffe und Urteile bilden das transzendentale Selbstbewusstsein, das für Kant die Grundlage allen Denkens bildet. Es ist ein reines, von allen sinnlichen Anschauungen abstrahiertes Bewusstsein und der Ausgangspunkt der kantschen Er- kenntnistheorie. Dieses Bewusstein ermöglicht unseren Verstand, der sogenannte reine Verstandsbegriffe kreiert, die Kategorien Quantität, Qualität, Relation und Modalität. Der Verstand verknüpft mit Hilfe dieser Begriffe unsere Sinneseindrücke, um aus Ihnen Schemata zu bilden. Schemata sind mehrstufig strukturierende Allgemeinbegriffe, die aus dem Verstand kommen müssen, da sie nicht durch die reine sinnliche, empirische Wahr- nehmung ersichtlich sind.

[...]


1 Pirsig 1978, S. 394

2 Pirsig, 1978, S. 395

3 vgl. Pirsig 1978, S. 396

4 Kitto, 1978, Signatur SAG Ha 58

5 vgl. http://www.schule-der-rhetorik.de/wasistrhetorik.html

6 vgl. Siegert-Brecheis, 2005, S. 22

7 Pirsig, 1978, S. 393 f.

8 Pirsig, 1978, S. 396 f.

9 vgl. Szlezák, 1985, S. 43

10 Pirsig, 1978, S. 403

11 Pirsig, 1978, S. 403

12 Ulfig, 1997, S. 217

13 Yang, 2005, S.134

14 vgl. Pirsig, 1978, S. 403

15 Pirsig, 1978, S. 403

16 Pirsig, 1978, S. 403

17 Höffe, S. 190

18 Pirsig, 1978, S. 396 f.

19 vgl. http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Descartes.html

20 Jaspers, 1965, S. 8

21 vgl. Gawlick, 1992, S. 44

22 Liessmann u. Zenaty, 2004, S. 61

23 Vgl. Liessmann u. Zenaty, 2004, S. 61

24 Ulfig, 1997, S. 103

25 Vgl. Liessmann u. Zenaty, 2004, S. 60

26 Liessmann u. Zenaty, 2004, S. 61 f.

27 vgl. Karl Popper, 1994, Abschnitt 1+6, ig 35588

28 vgl. http://www.uni-konstanz.de/philosophie/files/goedel.pdf, S. 7ff.

29 http://www.korpora.org/Kant/aa03/075.html

30 vgl. http://www.korpora.org/Kant/aa03/075.html

31 vgl. http://www.korpora.org/Kant/aa03/016.html

Ende der Leseprobe aus 93 Seiten

Details

Titel
Authentische Kommunikation. Über die Schaffung einzigartiger Inhalte im massenmedialen Umfeld
Hochschule
Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur  (Swiss Text Academy)
Veranstaltung
Corporate Publishing & Professional Writing
Note
A
Autor
Jahr
2015
Seiten
93
Katalognummer
V298658
ISBN (eBook)
9783668469525
ISBN (Buch)
9783668469532
Dateigröße
12768 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
authentische, kommunikation, über, schaffung, inhalte, umfeld
Arbeit zitieren
Daniel Ballmann (Autor), 2015, Authentische Kommunikation. Über die Schaffung einzigartiger Inhalte im massenmedialen Umfeld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298658

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Authentische Kommunikation. Über die Schaffung einzigartiger Inhalte im massenmedialen Umfeld


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden