"Doing Family" in Kinderdorffamilien. Ein Einblick in das Konzept von Familie als Herstellungsprozess


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
18 Seiten, Note: 1,4

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Eine Familie hat man nicht einfach – man muss sie tun
2.1 Doing Family – Das Konzept
2.2 Familie als Herstellungsleistung – Dimensionen von Doing Family

3 „Ich habe zwei Familien“ – Das Konzept Kinderdorf
3.1 Entstehung und Konzept
3.2 Durchführung und Struktur des Kinderdorfalltags

4 ‚Doing Family‘ in Kinderdorffamilien
4.1 Familie in Kinderdörfern
4.2 Grenzen der Herstellungsleistung

5 Schlussbemerkungen

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Mama, Papa, Papa, Kind“, „Drei Eltern, eine Tochter“, „Zwei Mamas und kein Papa“ – dass das Bild der nuklearen Kernfamilie und der dazugehörigen „Vater, Mutter, Kind“-Konstellation seit einiger Zeit überholt ist, wird an diesen aussagekräftigen Überschriften aus Zeitungen wie dem Tagesspiegel, Spiegel oder Süddeutsche Zeitung unmissverständlich deutlich. Heute sind, vor allem aufgrund der aufkommenden Debatte über sogenannte LGBT-Familien, viele verschiedene Familienmodelle denkbar, die die engen Grenzen des Kernfamilienmodells überschreiten und auf immer mehr Akzeptanz und Anerkennung innerhalb unserer Gesellschaft stoßen. Damit zeigt sich allerdings auch die Notwendigkeit eines neuen Konzepts von Familie. Was macht Familie aus wenn genetische oder verwandtschaftliche Beziehungen immer mehr zugunsten sozialer Elternschaft und sozialen Beziehungen weichen?

Mit der Idee des „Doing Family“ wird ein Verständnis von Familie nachgezeichnet, welches sich eben nicht mehr auf verwandtschaftliche Voraussetzungen stützt, sondern Familie – ähnlich wie Geschlecht oder Generation – als Prozess begreift, der nie vollständig abgeschlossen sein kann. „Familie als Herstellungsleistung“ lautet also die Idee, die dieser Theorie zufolge jeder, und damit auch der vermeintlichen „Normalfamilie“ zugrunde liegt.

Da Herstellungsleistungen aber immer dann besonders sichtbar werden, wenn sie gerade jenseits dieses „Normalbereichs“ zu verorten sind, befasst sich diese Arbeit im Folgenden mit solchen Familien, die in hohem Maße auf ihre aktive Herstellung angewiesen sind und sich auch nach außen aktiv als solche präsentieren müssen um tatsächlich als Familie erkannt zu werden. Die Rede ist von sogenannten Kinderdorffamilien. Anders als bei Familien mit gleichgeschlechtlichen Elternteilen, adoptierten oder mit Hilfe von Samenspenden oder Leihmüttern gezeugten Kindern, handelt es sich bei diesen Familien gleichzeitig um Institutionen, die durch die Anstellung sogenannter Kinderdorf-Mütter und –Väter versuchen, familiäre Räume der Geborgenheit für diejenigen Kinder zu schaffen, die zum Teil schlimmes erleben mussten und deren leibliche Eltern nicht oder nicht mehr in der Lage sind sich um sie zu kümmern. „Mama mit Vertrag“ lautet also die Devise auf die sich dieses Familienkonzept stützt. Wie im Rahmen des Doing Family Konzepts Familie in diesen Fällen hergestellt wird und ob bei Kinderdorffamilien von einem soziologischen Standpunkt aus betrachtet, tatsächlich von Familie gesprochen werden kann, soll im Folgenden herausgearbeitet werden.

Dazu werde ich zunächst die Theorie des „Doing Family“ vorstellen und auf ihre Verbindungen zu „Doing Gender“ hinweisen. Hier soll deutlich gemacht werden, wie sich Familie als Herstellungsleistung begreifen lässt und welchen Einfluss dieses Konzept auf die Familienforschung genießt. Nach Erarbeitung der theoretischen Rahmung wird es darum gehen das Prinzip der Kinderdörfer vorzustellen um einen Einblick in Ablauf und Konzeption dieser Einrichtungen sowie den Lebensalltag der Teilnehmenden zu bekommen und deren Selbstwahrnehmung mit in den Blick zu nehmen. Im letzten großen Teil der Arbeit werde ich dann die Theorie des prozessualen Familienbegriffs mit dem empirischen Gegenstand der Kinderdorffamilien verknüpfen und zu einem soziologisch fundierten Ergebnis darüber gelangen, wie Familie dort hergestellt wird und wie sich diese Herstellungsleistung gegebenenfalls von anderen Familien unterscheiden lässt. Abschließend werde ich die Beantwortung der in der Einleitung formulierten Forschungsfrage schlussfolgernd zusammenfassen.

2 Eine Familie hat man nicht einfach – man muss sie tun

Während man bei LGBT- oder polyamorösen Beziehungen relativ klar definieren kann, was darunter zu verstehen ist und abgrenzen kann, wer dazugehört und wer nicht, gestaltet sich dieser Abgrenzungsversuch beim Begriff der Familie deutlich schwerer. Es muss also vorab festgehalten werden: „Die Familie gibt es nicht“ (vgl. DJI Online Dezember2009). Das hier behandelte Beispiel der Kinderdorffamilien ist dabei nur eines vieler denkbarer Beispiele: „Mehrgenerationenfamilien, Pflegefamilien, nicht-eheliche Elternschaft und Konstellationen wie die über die früheren Stieffamilien hinausgehenden Formen des „Patchwork“ (Scheidungsfamilien mit Kindern und neuen Lebenspartnern) oder die unter dem Label „Regenbogen-Familie“ (gleichgeschlechtliche Eltern)“ (vgl. ebd.) zeigen auf, dass der Familienbegriff nicht auf allen Ebenen als Konstante aufgefasst werden kann. Dies geht sogar so weit, dass Haustiere mit zum Familienverbund gezählt werden können (vgl. Charles 2014, S.721). Beschäftigt man sich historisch mit dem Begriff der Familie, so stellt man fest, dass „Familie sich ändert und gleich bleibt“ (Jurczyk 2014c, S.50). „Beständigkeit und Wandlungsfähigkeit sind Kontinuitätsmerkmale von Familie: Familie existiert in allen bekannten Kulturen und Epochen, doch sie variiert über die Kulturen und über die Zeit“ (ebd.). Stadt jedoch ganz „Abschied von Familie als soziologischem Grundbegriff“ (Marbach 2008, S.15) zu nehmen, möchte diese Arbeit im Folgenden den Blick auf ein Konzept von Familie richten, welches eben jener Gleichzeitigkeit von Wandlung und Konstanz entspricht. Das Doing Family Prinzip versteht Familie dabei nicht als genetisch oder rechtlich gerahmtes Konzept, sondern als „Projekt für das man etwas tun muss“ (Jurczyk 2014, S.117).

2.1 Doing Family – Das Konzept

„Man »hat« eine Familie nicht einfach, sondern man muss sie »tun«“ (Jurczyk 2014, S.117). Dieser Satz beschreibt eingängig wie sich das prozesshafte Verständnis von Familie fassen lässt. Familie wird hier nicht mehr als etwas gesehen, was ungeachtet jeder sozialen Handlung rein aufgrund von genetischen oder verwandtschaftlichen Beziehungen basiert. Das Doing Family bezieht sich rein auf Herstellungsleistungen und Praxen, die dazu führen, dass Familie hergestellt wird.

Beginnend mit der Nachkriegszeit und der Auflockerung der Arbeitsteilung von Mann und Frau und damit einhergehend der von Arbeit und Familie, trifft in der heutigen Zeit die „flexibilisierte und mobile Arbeitswelt auf veränderte Familien, in denen die Frauen mehr sein wollen als Mütter und Hausfrauen, häufiger Trennungen stattfinden und in multilokalen Familien sich die Raum-Zeit-Pfade aller Familienmitglieder vervielfältigen“ (Jurczyk 2014c, S.53). Jurczyk fasst dies al „doppelte Entgrenzung“ (ebd.). Durch Mobilitätserwartungen und gestiegene Anforderung seitens des Arbeitgebers einerseits und vielfältigeren Familienmodellen andererseits erfordert es „individuelles Grenzmanagement, um gemeinsame Zeiten als Familie zu finden und Ko-Präsenz zu ermöglichen“ (ebd., S.54). Infolgedessen kann neben einem Wandel der Zeitstruktur, auch ein Wandel der Raumstruktur erfolgen: aus getakteten Abläufen werden flexible, räumliche Trennung aufgrund erwerbsbedingter Multilokalität beeinflussen das Familienleben zusätzlich (vgl. Jurczyk 2013). Durch diese Problematiken wird deutlich:

„Familie –so die Zeitdiagnose – ist weniger denn je eine selbstverständliche, geschweige denn natürlich gegebene Ressource. Sie muss alltäglich und im Lebensverlauf immer wieder hergestellt, praktiziert, angepasst werden. Dies gilt nicht nur im Hinblick auf den Umgang mit eigenen Kindern, sondern auch auf die Beziehungen zur Verwandtschaft und zu den eigenen Eltern, Beziehungen die man sich zwar nicht aussucht, gleichwohl aber gestalten kann und muss.“ (Jurczyk 2014c S.55).

Bei diesen Herstellungsleistungen steht dabei eines immer wieder im Mittelpunkt: Die Fürsorge für andere Mitglieder der Familie, genauer: um die „Gestaltung von ‚Care‘-Beziehungen zwischen Familienmitgliedern“ (Jurczyk 2014b, S.119), welche sich maßgeblich durch Praxen, also durch konkretes Handeln realisieren lassen.

Die Theorie des Doing Family knüpft an verschiedene Theorien an. Darunter der Sozialkonstruktivismus (vgl. Luckmann und Berger 1980) sowie den ethnomethodologischen Ansatz des Doing Gender von (West und Zimmerman 1987). Die wichtigsten Bezugsrahmen stellen allerdings das praxeologische Konzept dar, welche den Vollzug als Praxis ins Zentrum stellen, an der unterschiedliche Akteure aktiv beteiligt sind, die sich in ihrem Verhalten jeweils aneinander orientieren (vgl. Jurczyk 2014b, S.120), sowie das Lebensführungskonzept, welches die Lebensführung als aktive Leistung begreift, die von Akteuren ausgeübt werden muss und deren „Ort“ dabei nicht die Familie darstellt, sondern vielmehr das Individuum selbst, welches zur gleichen Zeit in viele verschiedene soziale und gesellschaftliche Sphären eingebunden ist (vgl. ebd., S.121).

Das Familie etwas ist, was nicht einfach so besteht, sondern eben ein Projekt, welches Fürsorgebeziehungen zum Thema hat und immer wieder aktiv gestaltet werden muss, wurde bereits deutlich. Nun soll es darum gehen, wie diese Herstellungsleistung genau aussieht und auf welchen Ebenen sie greift.

2.2 Familie als Herstellungsleistung – Dimensionen von Doing Family

Schier und Jurczyk unterscheiden insgesamt drei verschiedene Grundformen der Herstellung von Familie (Schier und Jurczyk 2007): Das Balancemanagement, die Konstruktion von Gemeinsamkeit sowie das sog. „Displaying Family“ (vgl. Jurczyk 2014b, S.128f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
"Doing Family" in Kinderdorffamilien. Ein Einblick in das Konzept von Familie als Herstellungsprozess
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Neue Familienforschung
Note
1,4
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V298784
ISBN (eBook)
9783656952299
ISBN (Buch)
9783656952305
Dateigröße
707 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
doing, family, kinderdorffamilien, einblick, konzept, familie, herstellungsprozess
Arbeit zitieren
Judith Kronschnabl (Autor), 2015, "Doing Family" in Kinderdorffamilien. Ein Einblick in das Konzept von Familie als Herstellungsprozess, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298784

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