Im Rahmen des Wahlfaches „Friedrich Dürrenmatt“ haben wir uns intensiv und ausgiebig mit verschiedenen Werken des Schweizer Autors beschäftigt. Ein durchgängiges Thema, sowohl in seinen Dramen, als auch in seinen Romanen ist die Gerechtigkeit bzw. die Ambivalenz zwischen Recht und Unrecht.
Dürrenmatt ist nicht der Überzeugung, dass Instanzen wie die Justiz und die Polizei Gerechtigkeit schaffen und die Wahrheit ans Licht bringen können. Vielmehr sieht er die Repräsentanten der besagten Institutionen als schwach, unfähig und korrupt an. „Immer wieder macht er seine Skepsis deutlich, am pointiertesten in seinem Roman `Justiz`.
Dort heißt es über die Wahrheit: Sie spielt sich in Etagen ab, die für die Justiz unerreichbar sind.“ (Möller 2005, S.57)
In Dürrenmatts Werken übernehmen seine Protagonisten die Rolle des Justizvollstreckers.
Oft besessen von der Idee Gerechtigkeit zu erlangen und zu üben, scheuen sie nicht davor zurück sich sogar illegalen Taktiken zu bedienen. Der Kommisär Bärlach in dem Roman “Der Richter und sein Henker“, eigentlich ein Hüter des Gesetzes, manipuliert skrupellos seine Mittstreiter um sein Ziel zu erreichen. Auch der Wissenschaftler Möbius in der Komödie „Die Physiker“ bedient sich eines Mordes, um seine Zwecke zu verfolgen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Biografische Daten
3. Die Umkehrung der moralischen Werte
3.1 Das Groteske
3.2 Die Sprache
4. Die Ambivalenz zwischen Recht und Unrecht
4.1 Was ist Gerechtigkeit?
4.2 Gerechtigkeit um jeden Preis?
4.3 Schuld und Sühne
5. Schlussredaktion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das zentrale Motiv der Gerechtigkeit sowie die damit einhergehende Ambivalenz zwischen Recht und Unrecht im Werk von Friedrich Dürrenmatt, mit besonderem Fokus auf der Tragikomödie "Der Besuch der alten Dame". Ziel der Analyse ist es aufzuzeigen, wie Dürrenmatt durch die Demontage christlicher und humanistischer Wertvorstellungen das Scheitern moralischer Schutzwälle in einer korrupten Gesellschaft darstellt.
- Die Rolle des Grotesken als ästhetisches und inhaltliches Stilmittel
- Die Dekonstruktion von Rechtsempfinden durch ökonomische Macht
- Der Verlust individueller Integrität im korrumpierbaren Kollektiv
- Sprache als Instrument des Selbstbetrugs und der kollektiven Rechtfertigung
- Die Figur des Alfred Ill zwischen persönlicher Schuld und gesellschaftlichem Sündenbock
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Groteske
Ein beliebtes und häufig verwendetes Stilmittel Dürrenmatts ist das Groteske. Die groteskteste Figur die Dürrenmatt je in seinen Werken erschaffen hat, ist sicherlich Claire Zachanassian im „Besuch der alten Dame“. Der Autor beschreibt sie in seiner Regieanweisung als „eine Dame von Welt, mit einer seltsamen Grazie, trotz allem Grotesken.“ (Dürrenmatt 1980, S.22). Auf Grund ihrer exzentrischen Aufmachung(rothaarig, Perlenhalsband, riesige goldene Armringe, aufgedonnert)wirkt diese Frau befremdlich auf den Zuschauer und Leser, der sich bestimmt ein anderes Bild von einer kosmopolitischen Milliardärinmacht. Noch befremdlicher jedoch erscheint ihreGestaltals sich im Verlauf des Dramas herauskristallisiert, dass ihr Körper nur noch aus Prothesen zu bestehen scheint.Eine Identifikation mit dieser Person seitens des Lesers (oder Zuschauers) kann nicht stattfinden und der Betrachter fragt sich unwillkürlich, ob es sich hier eigentlich noch um einen Menschen handelt oder vielmehr um ein künstliches Wesen(Mayer 1998, S.13). So etwas wie Mitgefühl und Sympathie stellt sich beim Rezipienten, sei er nun Leser oder Theaterbesucher, erst ein als im Ersten Akt ihre Vergangenheit und ihre tragische Geschichte aufgedeckt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Wahlfachthema "Friedrich Dürrenmatt" ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Ambivalenz zwischen Recht und Unrecht in den Mittelpunkt.
2. Biografische Daten: Das Kapitel liefert biographische Eckdaten zu Dürrenmatt, die sein Denken, seine Philosophie und die Entwicklung seines spezifischen Dramenstils unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs beleuchten.
3. Die Umkehrung der moralischen Werte: Hier wird analysiert, wie Dürrenmatt durch das Mittel des Grotesken und eine mehrdeutige Sprache die moralischen Grundfesten einer Gesellschaft ins Wanken bringt.
3.1 Das Groteske: Dieser Unterpunkt untersucht die Figur der Claire Zachanassian, deren exzentrische Erscheinung und physische Beschaffenheit das Unmenschliche und Künstliche verkörpern.
3.2 Die Sprache: Dieser Abschnitt thematisiert die Mehrdeutigkeit der Dialoge und wie das Kollektiv Sprache als Mittel zum Selbstbetrug und zur Entlastung von individueller Verantwortung nutzt.
4. Die Ambivalenz zwischen Recht und Unrecht: Eine Untersuchung des abstrakten Gerechtigkeitsbegriffs im Spiegel der Tragikomödie und der Unmöglichkeit objektiver Gerechtigkeit im Handeln der Protagonisten.
4.1 Was ist Gerechtigkeit?: Eine philosophische Einordnung des Gerechtigkeitsbegriffs von der Antike bis hin zu Dürrenmatts persönlicher Auffassung von der Unmöglichkeit eines "richtigen" Lebens.
4.2 Gerechtigkeit um jeden Preis?: Die Analyse zeigt, wie Claire Zachanassian ihre persönliche Rache mittels finanzieller Macht als vermeintliche Gerechtigkeit tarnt und das Dorf Güllen in den moralischen Ruin treibt.
4.3 Schuld und Sühne: Dieser Teil betrachtet die Güllner als Kollektiv sowie die Sonderrolle Alfred Ills, der sich seiner Schuld stellt, während die Gemeinde ihre Taten durch Scheinmoral legitimiert.
5. Schlussredaktion: Ein Resümee der Deutungsansätze, das betont, dass Dürrenmatt keine moralische Belehrung intendiert, sondern den Zuschauer durch die Konfrontation mit menschlicher Verführbarkeit beunruhigen will.
Schlüsselwörter
Friedrich Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame, Gerechtigkeit, Ambivalenz, Groteske, Moral, Schuld und Sühne, Güllen, Claire Zachanassian, Alfred Ill, Korruption, Gesellschaftskritik, Scheinmoral, Humanität, Theater der Kontraste
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das literarische Schaffen von Friedrich Dürrenmatt, insbesondere die Frage nach dem moralischen Zerfall und dem Gerechtigkeitsempfinden in seinem Werk "Der Besuch der alten Dame".
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Groteske als Stilmittel, die Umkehrung moralischer Werte, die Ambivalenz von Recht und Unrecht sowie die Analyse von Sprache als Mittel zur Manipulation.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Demontage von Werten in Dürrenmatts Drama aufzuzeigen und zu erklären, warum menschliche Moral in Extremsituationen oftmals durch Scheinmoral ersetzt wird.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text unter Einbeziehung von Sekundärliteratur und philosophischen Ansätzen interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der grotesken Figurengestaltung, der sprachlichen Manipulation der Güllner Bürger sowie eine Untersuchung der Gerechtigkeitsbegriffe von Protagonisten und Kollektiv.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Gesellschaftskritik, Moral, Scheinmoral, Ambivalenz und das Groteske charakterisiert.
Wie unterscheidet sich das Gerechtigkeitsempfinden von Claire Zachanassian von einer allgemeinen Vorstellung von Gerechtigkeit?
Claire Zachanassian definiert Gerechtigkeit rein subjektiv als Rache für erlittenes Unrecht, wobei sie diese durch den Einsatz von Geld und Korruption erzwingt, was dem allgemeinen Rechtsverständnis widerspricht.
Welche Rolle spielt der Lehrer in der Gemeinde Güllen?
Der Lehrer ist die zentrale und reflektierte Figur, die den moralischen Verfall des Kollektivs erkennt und ausspricht, jedoch letztlich an seiner eigenen Schwäche und der kollektiven Gier scheitert.
Warum betont der Autor die Notwendigkeit, das Publikum zu "beunruhigen"?
Dürrenmatt möchte keine einfache moralische Antwort liefern, sondern den Zuschauer mit der eigenen Verführbarkeit konfrontieren, damit dieser nicht in eine selbstgefällige Sicherheit verfällt.
- Arbeit zitieren
- Jasmin Zachopoulos (Autor:in), 2011, Friedrich Dürrenmatt. Die Ambivalenz zwischen Recht und Unrecht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298804