Natürliche Erklärungsansätze für Unterschiede in der menschlichen Entwicklung

Wie die naturräumlichen Gegebenheiten die menschliche Entwicklung determinieren


Seminararbeit, 2014
20 Seiten, Note: 1,0
Simon Valentin (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Unterschiede in der Entwicklung

3. Natürliche Erklärungsansätze
3.1. Vorbemerkungen
3.2 Geographische Gegebenheiten
3.3 Flora und Fauna
3.4 Krankheiten und Keime

4. Kritische Würdigung
4.1 Diamonds These in der Kritik
4.2 Alternative Erklärungen für unterschiedliche Entwicklung

5. Abschließende Betrachtung

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Mit einem Blick für das Thema Entwicklungshilfe, das Hauptthema dieses Seminars, stößt man zwangsläufig auf in den letzten Jahren immer lauter werdende Stimmen, die nicht nur die aktuelle Praxis der Entwicklungshilfe, sondern die Idee Entwicklungshilfe im Allgemeinen kritisieren. So tauchen in den Medien immer öfter Begriffe wie „gescheiterte Entwicklungshilfe“,1 oder „Hilfe, die arm macht“ 2 auf und es werden nicht nur aus den Geberländern, sondern zunehmend aus den Nehmerländern Forderungen laut, wie die des kenianischen Ökonomen James Shikwati, der einen sofortigen Stopp aller Entwicklungshilfe fordert, da die Bilanz gar negativ sei, Entwicklungshilfe also den Empfängerstaaten schade.3

Um beurteilen zu können, ob und wie Entwicklungshilfe überhaupt sinnvoll gestaltet werden kann, ist es unerlässlich zu allererst die bestehenden Unterschiede in der Entwicklung zu erkennen, zu analysieren, um dann Gründe zu finden warum die Entwicklung in unterschiedlichen Regionen der Erde so unterschiedlich abgelaufen ist. Man muss die Vergangenheit verstehen um daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen.

Im Laufe der Zeit haben sich verschiedene Entwicklungstheorien, die das zu erklären versuchen, herausgebildet, die sich in endogene und exogene Theorien unterteilen lassen, wobei die ersten die Ursachen in den betroffenen Ländern selbst sehen (z. B. Korruption, Bad Governance), die anderen außenstehende Faktoren wie Ausbeutung und Repression als ausschlaggebend erachten. Eine Vielzahl von Erklärungen, naturräumliche, demografische, soziale und politische, streiten um die Deutungshoheit und Gültigkeit bezüglich der Frage, warum etwa die europäisch-asiatische Kultur alle anderen Kulturen auf der Welt in ihrer Entwicklung überflügelt hat und diese beherrschen konnte.

Ziel dieser Seminararbeit ist es, die Unterschiede zu identifizieren und einen zentralen Erklärungsansatz, der zu den endogenen Faktoren gezählt wird, nämlich in den ungleichen natürlichen Gegebenheiten die Ursache dieser Unterschiede zu sehen, näher zu beleuchten.

2. Unterschiede in der Entwicklung

Bevor man sich Gedanken darüber macht, warum es Unterschiede in der Entwicklung gab und gibt, muss man zuerst definieren was Entwicklung ist und welche Unterschiede es gibt.

Unbestritten ist, dass sich der Mensch auf dem Weg vom Affen zu seiner heutigen Form einerseits biologisch und die Menschheit in den letzten Jahrtausenden auch gesellschaftlich sowie kulturell weiterentwickelt hat. Trotz zahlreicher Rückschritte im Laufe der Geschichte ist die Entwicklung im Großen und Ganzen doch immer hin zu einer höheren Stufe abgelaufen und ebenso wenig wie man diese Tatsache für die letzten Jahrtausende bestreiten kann, so stellte auch der Historiker und Archäologe Ian Morris in seinem Buch „Wer regiert die Welt?“ am Anfang seiner Analyse exemplarisch fest, dass „fast alle Gesellschaften […] heute weiter entwickelt [sind] 4 Dabei ist diese gesellschaftliche Entwicklung keineswegs nur positiv konnotiert, man denke nur an immer vernichtendere Waffensysteme oder die Umweltauswirkungen der globalen Industrialisierung. Aber egal welche „moralische Schuld“ 5 man ihr anlastet, die Entwicklung bleibt doch unumstößliche Wirklichkeit.

Der Beweis von Unterschieden in der Entwicklung ist nun insofern schwierig, weil er schnell in eine Annahme der Überlegenheit eines bestimmten Gesellschaftsmodells führt. Gerade im Hinblick unserer heutigen globalen und immer größer werdenden Probleme (Umweltzerstörung, Ressourcenknappheit etc.) erscheint es fraglich, ob die zunehmend zerstörerisch anmutende moderne Weltsicht langfristig einer anderen, möglicherweise nachhaltigeren Weltsicht und Lebensweise einer traditionellen afrikanischen oder indianischen Kultur überlegen ist. Doch unabhängig jeglicher Wertung ist zu konstatieren, dass der Westen, mittlerweile im Wettstreit mit Asien, die Welt dominiert. Es ist der Westen, der Truppen in alle Welt entsendet. Es ist die englische Sprache, die zur Weltsprache wurde. Es ist die Demokratie, die von Europa ausging und der Kapitalismus nach westlichem Vorbild, der sich über die Welt verbreitet hat. Die Zeitrechnung basiert auf Christi Geburt und es ist die westliche Kultur, die wie keine andere Einfluss auf die Welt hat, sodass heute Menschen auf der ganzen Welt einen Anzug tragen an Stelle ihrer traditionellen Kleidung.6

Wenn man auch alle Indikatoren, die so etwas wie Entwicklung oder Fortschritt einer Nation oder Gesellschaft kennzeichnen sollen, kritisieren kann und sich immer die Frage stellt, ob ein höherer Indikatorwert langfristig wirklich besser ist, so sollen hier dennoch zwei angeführt werden, um die These von heutigen Unterschieden im Entwicklungsstand zu untermauern.

Der erste Indikator ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, welches sich berechnet aus dem Gesamtwert aller Güter, also Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft hergestellt wurden, geteilt durch die Zahl der Einwohner,7 inklusive Kaufkraftbereinigung, das heißt, dass mit demselben Wert überall genau das Gleiche gekauft werden kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2-1: Kaufkraftbereinigtes Bruttoinlandsprodukt pro Kopf

Der Vorsprung der westlichen Welt wird schon hier evident und vor allem zeigt sich, dass es große Gebiete vor allem in Afrika gibt, in denen das BIP pro Kopf nicht einmal 10% dem der Industriestaaten entspricht.

Der zweite, noch etwas aussagekräftigere Indikator ist der Human Development Index

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2-2: Human Development Index

Der Human Development Index der Vereinten Nationen möchte eine Quantifizierung des Standes der menschlichen Entwicklung ermöglichen, indem außer dem Einkommen auch Faktoren wie die Lebenserwartung und das Bildungssystem mit berücksichtigt werden. Noch deutlicher als beim reinen BIP pro Person zeigen sich hier die Unterschiede im Entwicklungsstand verschiedener Nationen und Regionen. Ähnlich zur BIP pro Kopf Verteilung erkennt man eine starke Diskrepanz zwischen den Industrieländern, den Schwellen- und den Entwicklungsländern, von denen gerade die in Zentralafrika besonders schlecht dastehen.

Man könnte nun hier beliebige weitere Indikatoren, wie Kindersterblichkeit, Unterernährung oder die Verbreitung von Krankheiten anführen, das Ergebnis wäre ein ähnliches: gravierende Unterschiede zwischen den Kontinenten.

Bei allen Debatten der letzten Jahre, ob und wie lange der Westen in Zukunft seine Vormachtstellung noch halten kann, oder ob er sie vielleicht schon verloren hat, wird als Bedrohung und Nachfolger in der Vorherrschaft immer nur Ostasien, besonders China, gesehen, selten eine andere Region, trotz teils dynamischen Wachstums wie in Brasilien. So wie es heute unbestritten eine Rivalität zwischen West und Ost gibt, so sieht Ian Morris die ganze Menschheitsgeschichte als eine wechselseitig vom Osten oder Westen dominierte.8 Der Norden regiert über den Süden. Er legt dar, „dass die am höchsten entwickelten Gesellschaften so gut wie immer solche waren, die aus einem der beiden Kerngebiete [Europa oder China] stammten.“ 9 Man sieht also eine Vorreiterrolle der eurasischen Gesellschaften und ihrer Ableger und das nicht erst in der neueren Geschichte. So war es beispielsweise der Spanier Francisco Pizarro, der im Jahre 1532 mit 168 Männern das 80000 Mann starke Heer des Inka-Herrschers Atahualapa überwältigte und nicht Gesandte des Inka-Herrschers, die den spanischen König gefangen nahmen.10 Auch gab es viele Regionen, wie zum Beispiel Tasmanien oder Papua-Neuguinea, in denen die Bewohner beim Eintreffen der ersten Europäer vor ca. 400 Jahren noch lebten und Werkzeuge nutzten wie die Menschen in Europa in der Jungsteinzeit, viele tausend Jahre früher.11

Eine besonders anschauliche Tabelle aus dem Werk des Biologen und Physiologen Jared Diamond gibt als grobe Vereinfachung einen Überblick über Zeiträume wichtiger Entwicklungsschritte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2-3: Zeiträume wichtiger Entwicklungen

In dieser Auflistung fasst Diamond eine große Zahl historischer Informationen zusammen, um die ungefähren Zeitpunkte wichtiger Entwicklungen in drei Regionen Eurasiens mit vier Regionen Amerikas zu vergleichen.

Die Frage ist nun, warum die Entwicklung auf den verschiedenen Kontinenten zwar, wie aus der Tabelle ersichtlich, weitgehend in die gleiche Richtung verlief, die einzelnen Entwicklungsschritte also in nahezu gleicher Reihenfolge erfolgten, dies aber so verschieden schnell passierte. Oder anders formuliert, wie kam es zur „frühen Vorherrschaft der eurasischen Kultur gegenüber Bewohnern anderer Kontinente“,12 obwohl beispielsweise Afrika, als Wiege der Menschheit, einen gewaltigen zeitlichen Vorsprung hatte und dazu, dass Reichtum und Macht aber auch Innovationen gerade so verteilt sind wie es eben heute zu beobachten ist.

3. Natürliche Erklärungsansätze

3.1. Vorbemerkungen

Um die offensichtlichen Unterschiede in der Entwicklung verstehen zu können, muss man an den Anfang der Entstehung der verschiedenen Gesellschaften zurückgehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3.1-1: Die Eroberung der Erde

Da man heute genetisch nachweisen kann, dass alle Menschen auf der Erde derselben Abstammung sind, also nicht unabhängig voneinander entstanden sind, sondern vielmehr der Mensch nur einmal in Afrika entstanden ist und sich dann, wie in Abbildung 3.1-1 ersichtlich, über die Welt verbreitet hat, kann man davon ausgehen, dass genetische Veranlagung keine entscheidende Rolle gespielt haben dürfte.13 Auch wenn erst vor kurzem ein „Entdeckergen“ gefunden worden sein soll, das bestimme Menschengruppen hätten, die damit wagemutiger und entdeckungsfreudiger sein sollen.14 15 Es sollen hier alle rassistischen Begründungen von einer Überlegenheit einer bestimmten Rasse wie auch bei Jared Diamond nicht weiter verfolgt und Ian Morris zugestimmt werden, dass zwar zwei einzelne Individuen äußerst unterschiedlich sein können, zwei große Gruppen sich aber sehr ähneln, dergestalt, dass es in einer jeden genauso tatkräftige, fleißige, kreative und erfinderische Individuen wie auch Individuen ohne diese Eigenschaften gibt.16

[...]


1 GERHARDT, Kurt (2009): Gescheiterte Entwicklungshilfe: Wie Afrika seine Würde verliert. http://www.spiegel.de/politik/ausland/gescheiterte-entwicklungshilfe-wie-afrika-seine-wuerde-verliert-a-618368.html (19.06.2014).

2 ENDRES, Alexandra (2012): Hilfe die arm macht. http://www.zeit.de/kultur/film/2012-10/film-suesses-gift-rezension (19.06.2014).

3 Vgl. SHIKWATI, James (2006): Fehlentwicklungshilfe, in: Internationale Politik 4, April 2006, S. 6-15.

4 MORRIS, Ian (2011): Wer regiert die Welt? - Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden, S.33.

5 MORRIS, Ian (2011): Wer regiert die Welt? - Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden, S.33.

6 Vgl. MORRIS, Ian(2011): Wer regiert die Welt? - Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden,S.19.

7 ECONGURU (2008): Heat Map of Worldwide GDP (PPP) Per Capita 2008. http://www.econguru.com/heat-map-of-worldwide-gdp-ppp-per-capita-2008 (19.06.2014).

8 Vgl. MORRIS, Ian (2011): Wer regiert die Welt? - Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden, S. 19-26.

9 MORRIS, Ian (2011): Wer regiert die Welt? - Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden, S. 40.

10 Vgl. DIAMOND, Jared (2006): Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften, S. 69ff.

11 Vgl. DIAMOND, Jared (2006): Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften, S. 19.

12 JANZING, Bernward (1998): Das Wetter war schuld. Pulitzerpreisträger Jared Diamond sucht nach den Ursachen für die weltweite Vorherrschaft der eurasischen Kulturen; Rezension, in: Die Zeit 18/1998.

13 Vgl. DIAMOND, Jared (2006): Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften, S. 46.

14 DOBBS, David (2013): Gibt es ein Entdecker-Gen? In: National Geographic, Heft 1/2013, S. 48-78.

15 GODULLA, Alexander (2014): Der Entdeckercode in unseren Genen, in: P.M.-Magazin, 04/2014, S. 14-20.

16 Vgl. MORRIS, Ian(2011): Wer regiert die Welt? - Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden, S. 35.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Natürliche Erklärungsansätze für Unterschiede in der menschlichen Entwicklung
Untertitel
Wie die naturräumlichen Gegebenheiten die menschliche Entwicklung determinieren
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Institut für Volkswirtschaftslehre (ECON), Lehrstuhl Internationale Wirtschaftspolitik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V298960
ISBN (eBook)
9783656953432
ISBN (Buch)
9783656953449
Dateigröße
1521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Entwicklungspolitik, Jared Diamond, Naturdeterminismus, Geodeterminismus, Gesellschaft, Zivilisation, Human Development, Entwicklungsgeschichte, Geographie, Entwicklungstheorie
Arbeit zitieren
Simon Valentin (Autor), 2014, Natürliche Erklärungsansätze für Unterschiede in der menschlichen Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/298960

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