Die weiblichen Figuren Meliur und Lucrete in Konrads von Würzburg "Partonopier und Meliur"


Hausarbeit, 2004

23 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
Meliur und Lucrete als handlungsbestimmende Instanzen

2. Die Gestalt Meliurs
2.1 Meliur als machtausübende Figur
2.2 Inneres versus Öffentlichkeit – Meliur als „verbergende“ Figur

3. Lucrete als unschuldig schuldige Mutter

4. Schluss
Meliur und Lucrete – Ausblick auf einen Vergleich

5. Bibliographie

1. Einleitung

Meliur und Lucrete als handlungsbestimmende Instanzen

In der vorliegenden Arbeit sollen die beiden weiblichen Figuren Meliur und Lucrete in Konrads von Würzburg Partonopier und Meliur (warscheinlich um 1277 im Auftrag Peter Schalers entstanden) als in Bezug auf Partonopiers Schicksal über einen großen (und entwicklungspsychologisch entscheidenden) Zeitraum ebenso einflussreiche wie handlungsbestimmende Instanzen des Romans behandelt werden. Hierbei soll besonders auf die Handlungsmotive beider Figuren eingegangen werden.

Zunächst gilt es, Meliur als machtausübende und durchaus planende Figur zu behandeln, welche als erwachsene Frau und über Zauberkräfte verfügende Herrscherin Konstantinopels Partonopier weit überlegen ist. Auch das von Meliur vorgeschriebene Sichtverbot und dessen Übertretung durch Partonopier und die Folgen des Tabubruches im Hinblick auf ihren Machtbesitz werden einer genaueren Betrachtung unterzogen. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit Meliur als „verbergender“ Figur, welche nicht nur zunächst ihr Äußeres (und Partonopier) verbirgt bzw. isoliert, sondern später auch innere, das heißt emotionale Bedürfnisse „verdeckt“.

Hingegen soll der zweite Teil der vorliegenden Arbeit Lucrete als unschuldig schuldige Mutter und deren Handeln als Konsequenz durchaus begründeter großer Angst und Sorge um das Wohlergehen ihres Sohnes behandeln. Ebenso ist Lucretes fester Glauben an einen bedrohlichen Teufel in Frauengestalt weniger als bösartige Taktik denn als angstauslösendes Motiv im „Kampf“ um Partonopier zu erörtern.

Lucretes „Mittel“ zu handeln, ihre Bindung zu Partonopier und ihr Einfluss auf diesen sowie die Lösung bzw. der schmerzliche Verlust ihres Sohnes bilden einen weiteren Teil der Untersuchung.

Der Schluss der Arbeit soll schließlich einen Ausblick auf einen möglichen Vergleich der beiden Figuren Meliur und Lucrete bieten.

2. Die Gestalt Meliurs

2.1 Meliur als machtausübende Figur

Meliur, deren Namen[1] wir erst relativ spät erfahren (V. 6552), erscheint zunächst als auffallend mächtige und dominante Persönlichkeit. Sie tritt erstmals in einer Kemenate der von ihr so genannten Residenz Schiefdeire auf, wo sich der den Ereignissen angemessen völlig verängstigte Partonopier in Erwartung des Teufels in (wie sich herausstellt) ihr Bett gelegt hat. Sie stellt sich ihm als Königin des Landes vor (V. 1372)[2] und befiehlt ihm mehrmals – unter Androhung des Todes – ihre Räumlichkeiten auf der Stelle zu verlassen (V. 1335 – 1476). Meliur ist unsichtbar, doch „hôrte [er] an ir gebaere wol / und an ir sprâche reine, / daz nie wart von beine / noch ûz fleische ein wîp geborn / sô lûter unde als ûz erkorn / sam diu minniclîche fruht.“ (V. 1538 – 1543) Meliurs Schönheit wird an dieser Stelle noch nicht im Anblick offenbar. Doch auch Meliur ist von Partonopiers Schönheit und Tugend angetan (V. 1544 – 1554). Beide entbrennen in Liebe zueinander und – trotz wenn auch anfangs eher halbherziger Versuche Meliurs sich zu wehren – schlafen kurz darauf miteinander. Es ist anzunehmen, dass Meliur diesen Verlauf der Dinge wenn auch nicht geplant, so doch in Betracht gezogen hat, da sie sich nackt zum ihr auch an Jahren unterlegenen in das Bett legt[3] und vor allem, wie sie nun Partonopier gegenüber das „laster“ (V. 1752) fast entschuldigend erklärt, schon lange Zeit ihr Herz an ihn verloren hat (bereits einige Zeit bevor sie ihn selbst gesehen hat, ist sie auf den bloßen Bericht ihrer Boten hin „in Fernliebe [entbrannt]“[4] ). Meliur gesteht ihm, dass sie es war, die mit Hilfe ihrer Zauberkräfte seinen nur scheinbar schicksalhaften Weg zu ihr veranlasste („diu manicvalde wîsheit, / der an mir ein wunder ist. / ouch schuof daz mîner künste list, / daz du bist komen in daz lant.“, V. 1872 – 1875). Meliur offenbart Partonopier demnach nicht nur sogleich ihren Status als Königin, sondern gibt sich ihm darüber hinaus als über überirdische Fähigkeiten verfügendes Geschöpf zu erkennen, das seine Vergangenheit geleitet und auch seine Zukunft bereits bestimmt hat: Meliur erzählt von ihren „Plänen“: vor geraumer Zeit hätten ihr die Fürsten ihres Landes zu einem Mann geraten, der weniger reich als ihr in Tugend und Schönheit gemäß ist. In drei Jahren will Meliur Partonopier zum Mann nehmen und ihn binnen dieser Frist im Reifen seiner Männlichkeit beeinflussen und zum Ritter schlagen. An dieser Stelle wird die umfassende Dominanz und Größe mit der Meliur Partonopier gegenübersteht deutlich. Ihre Sehnsucht nach ihm und ihr Begehren ist wohl nicht der einzige Grund, weshalb sie ihn schon zu so einem frühen Zeitpunkt zu sich holt. Sie möchte darüber hinaus vor allem seine Entwicklung zum Herrschaftspartner mitverfolgen und ihren Erwartungen und Plänen gemäß steuern. Die Aktivität geht ausschließlich von Meliur aus. Sie hat Partonopier, der ihren Wünschen zu entsprechen vermag, eigenständig zum Manne auserwählt.

Auf der persönlichen Ebene, isoliert und verborgen vor der Hofgesellschaft und dem Volk, besteht nun bereits eine eindeutige und verbindliche Beziehung zwischen Mann und Frau. Doch darf Partonopier Meliur, und mit ihr alle Menschen mit denen sie lebt und über die sie als Herrscherin des Landes Konstantinopel verfügt, bis zum Zeitpunkt der öffentlichen Vermählung und damit bis zu seinem sozialen Aufstieg vom Kärlinger Fürsten zum Herrscher Konstantinopels drei Jahre lang nicht sehen (V. 1972 – 1979; wohingegen Meliur selbst schon vor geraumer Zeit und ohne das Wissen Partonopiers ihr starkes Bedürfnis ihn „mit ougen [zu] sehen / und das wunder selbe [zu] spehen“ (V. 1843 / 1844) gestillt hat). Bis zu diesem Zeitpunkt darf kein Mann ihre Schönheit erblicken (V. 1960 – 1965). Meliur verlangt von Partonopier die Einhaltung des Sehverbotes sogar unter Androhung des Todes, sollte er mittels einer List irgendwann versuchen, sie zu sehen (V. 2006 – 2028; V. 2120 - 2127). Zu einem späteren Zeitpunkt wird sie selbst in einem Gespräch mit Meliur (wenn auch in einem anderen Zusammenhang) äußern, dass man, was einem am Herzen liegt, sehen muss: „wan swaz dem herzen nâhen lît, / daz sol daz ouge dicke sehen: / des hôrte ich wîse liute jehen.“ (V. 11334 – 11336) Und als Partonopier schließlich im Turnier um Meliur kämpft, soll er gerade aus ihrem Anblick seine Kraft schöpfen (V. 16090 – 16097). Das von Meliur verhängte Sehverbot nimmt eine entscheidende Rolle in der Beziehung beider Partner ein (der Begriff „Partner“ ist jedoch an dieser Stelle fraglich, da er idealerweise eine Form der Gleichberechtigung impliziert, die meiner Ansicht nach hier nicht zutrifft, da Partonopier vollkommen passiv und Meliur deutlich unterlegen ist).

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass „Meliur selbst einen hohen Einsatz in die Beziehung [einbringt]: ihre Zauberkraft und ihre Stellung am Hofe.“[5] Mit ihrer Verbindung zu Partonopier, dem „a - soziale[n] Liebesverhältnis“[6] und der mit diesem einher gehenden „unreglementierte[n] Sexualität“[7] setzt Meliur die entscheidenden Säulen ihrer Macht und demnach ihrer gesellschaftlichen Existenz aufs Spiel. Da ihr dies mit Sicherheit bewusst ist, scheint sie großes Vertrauen in das eigene Vorgehen zu haben. Außerdem betont dieser Aspekt noch einmal die offensichtliche Wichtigkeit in den Augen Meliurs, Partonopier bereits drei Jahre (!) vor der Vermählung zu sich zu holen.

Auch stellt die Christin Meliur Partonopier mit dem Sehverbot auf die Probe[8], das heißt er muss sich durch „triuwe“ und „staete“ bewähren (V. 2522 – 2530; V. 2900 – 2903), während sie ihm dieselben interaktiven Werte durch ein Versprechen ihrerseits „garantiert“ (V. 1924; V. 2520 / 2521; V. 3133 / 3134 ) und sich gleichzeitig als sein „bester friunt“ (V. 2515) bezeichnet, was wiederum auf eine gewisse Beständigkeit und Loyalität in ihrer Bindung hinweist und nicht zuletzt ihre Erwartungshaltung diesbezüglich offenbart. Als Partonopier seine erste Rückkehr ins heimatliche Blois antritt, soll er „friundes zuht“ (V. 3096 / 3097), und mit dieser untrennbar verbunden, „triuwe“ (V. 3100; V. 3108; V. 3117) und „staetikeit“ (V. 3115) bewahren.

Meliurs Macht und Überlegenheit Partonopier gegenüber zeigt sich auch im Ausmaß ihrer finanziellen Möglichkeiten und Besitztümer, die es ihr, die ihrem Stande gemäß über die herausragende Herrscher - Eigenschaft der ‘milte’ verfügt, ermöglichen, Partonopier großzügig mit Schätzen auszustatten, damit dieser wiederum Kämpfer für die Verteidigung bzw. Unterstützung seiner Mutter bezahlen (V. 2874 – 2879) und sich in seiner Heimat als freigebig erweisen kann. Anschließend rät Meliur Partonopier: „du solt dich alle zîte / von herzen lân erbarmen / den frumen edelarmen, / der dîner helfe ruoche. / swer dîne gâbe suoche, / dem gip mit willen unde lîch, / niemen güete du verzîch, / und êre werde frouwen.“ (V. 2886 – 2893). Partonopier befindet sich somit in einem Verpflichtungsverhältnis gegenüber Meliur. Deren materielle Unabhängigkeit kann als Grundvoraussetzung für ihre starke Position sowie für ihren Einfluss gelten.

Nicht zuletzt verfügt Meliur über einen weitaus größeren Wissenshorizont als Partonopier, und zwar nicht nur was den vergangenheitsbezogenen Aspekt der Lebenserfahrung angeht, sondern darüber hinaus vor allem gegenwärtige Entwicklungen und Geschehnisse außerhalb Schiefdeires betreffend, so etwa aktuelle Vorkommnisse in Partonopiers Heimat: Offenbar geht Meliurs Wille zur Isolation Partonopiers so weit, dass sie ursprünglich vorhatte, ihm die Nachrichten vom Tode seines Vaters und seines Onkels sowie vom Krieg in Blois vorzuenthalten, denn sie teilt ihm diese erst mit, als er ihr von seinem Heimweh berichtet und sie um einen Besuch bei seinen Verwandten und Freunden bittet. Von dieser Wissensverweigerung lässt sich Meliur nur dann freisprechen, wenn man den äußerst unwarscheinlichen Fall annimmt, dass sie bereits länger ahnt, dass Partonopier unter diesen Umständen leidet und mit ihr ein Gespräch darüber führen wird. Mit ihrer (sich später bestätigenden) Vorausahnung des listigen Tabubruches Partonopiers (V. 7320 – 7329) beweist Meliur zwar ein ausgeprägtes Gespür für sich möglicherweise anbahnende Entwicklungen, doch spielt an dieser Stelle vor allem ihre wohl schon länger existierende latente Verlustangst, Partonopier (außerhalb von Schiefdeire !) betreffend, eine Rolle: „Ich fürhte, daz dîn muoter dich / mit listen underwîse...“ (V. 7320 / 7321). Hellseherische Fähigkeiten besitzt Meliur anscheinend nicht, denn die weitere Entwicklung ihrer Beziehung bzw. die spätere (höchstwarscheinlich endgültige) Vereinigung vermag sie nicht vorherzusehen.

Trotzdem hat Meliur die nicht zu unterschätzende Macht inne, welche sich in ihrem umfassenden Wissen manifestiert. Jedoch verengt sich unter anderem Meliurs Wissenshorizont nach dem Tabubruch Partonopiers deutlich. Nachdem sie den ehemals Geliebten verstoßen hat (V. 8210 – 8292; V. 8566 – 8594), verliert sie die Kontrolle über die Existenz Partonopiers (und als Konsequenz des Triuweverlustes (v. a. V. 8024 / 8025) damit auch – wenigstens gibt sie dies vor – das Interesse an dieser) sowie jegliche Kenntnissen über dessen Verbleib und weiteres Leben. Bis Irekel sie schließlich über den wahren Zustand Partonopiers aufklärt (V. 14740 – 14908), glaubt Meliur sogar, dass dieser längst tot sei (V. 14620 / 14621; V. 14708 / 14709; V. 14726 – 14728). Mit der Kündigung ihrer Rolle als Geliebte (und Liebende) endet so auch der aktive und bestimmende Einfluss Meliurs auf Partonopiers Dasein und Entwicklung.

[...]


[1] Gisela Werner meint hier eine mögliche Beziehung zur Figur der Melusine bzw. zu deren Schwester Melior (beide Namen aus dem Keltischen stammend) zu erkennen, insofern, dass der Name der Melior aus der Dichtung um Meliur entlehnt worden sein könne (Werner, Gisela: Studien zu Konrads von Würzburg Partonopier und Meliur. Bern u. Stuttgart 1977, S. 72.).

[2] Zitiert werden soll in dieser Arbeit die Ausgabe hrsg. v. Bartsch, Karl: Konrads von Würzburg Partonopier und Meliur. Aus dem Nachlasse von Franz Pfeiffer. Wien 1871. (= Deutsche Neudrucke, Reihe: Texte des Mittelalters, hrsg. v. Karl Stackmann, Berlin 1970.)

[3] Vgl. hierzu auch Rohr, W. Günther: Verlockung und freie Sexualität im ‘Partonopier’ Konrads von Würzburg. In: J. E. Schmidt, K. Cieslik, G. Ros (Hrsg.): Ethische und ästhetische Komponenten des sprachlichen Kunstwerks. Festschrift Rolf Bräuer zum 65. Geburtstag. Göppingen 1999, S. 157 – 176, hier S. 164.

[4] Vgl. ebd. .

[5] Eming, Jutta: Geliebte oder Gefährtin? Das Verhältnis von Feenwelt und Abenteuerwelt in PARTONOPIER UND MELIUR. In: Buschinger, Danielle u. Spiewok, Wolfgang (Hrsg.): Die Welt der Feen im Mittelalter. Le monde des fees dans la culture medievale, Greifswald 1994, S. 43 – 58, hier S. 54.

[6] Kokott, Hartmut: Konrad von Würzburg. Ein Autor zwischen Auftrag und Autonomie. Stuttgart 1989, S. 230.

[7] Rohr, W. Günther: Verlockung und freie Sexualität im ‘Partonopier’ Konrads von Würzburg, S. 171.

[8] Jutta Eming sieht im Tabu die Absicht Meliurs, „eine gewisse Exklusivität der Beziehung [zu wahren]“, was jedoch nicht deren vorrangiger Beweggrund hierfür sein dürfte und meiner Ansicht nach

hinter dem Motiv der Bewährung Partonopiers zurücktritt (Eming, Jutta: Geliebte oder Gefährtin? Das Verhältnis von Feenwelt und Abenteuerwelt in PARTONOPIER UND MELIUR, S. 45.).

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die weiblichen Figuren Meliur und Lucrete in Konrads von Würzburg "Partonopier und Meliur"
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Germanistische Mediävistik und Frühneuzeitforschung)
Veranstaltung
Konrads von Würzburg "Partonopier und Meliur"
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V29906
ISBN (eBook)
9783638313056
ISBN (Buch)
9783656636410
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Figuren, Meliur, Lucrete, Konrads, Würzburg, Partonopier
Arbeit zitieren
Vera Serafin (Autor), 2004, Die weiblichen Figuren Meliur und Lucrete in Konrads von Würzburg "Partonopier und Meliur", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29906

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