Kulturbegegnung und Literatur der Migration in "Abengs Entscheidung" von Philomène Atyame


Diplomarbeit, 2011

91 Seiten, Note: 15/20


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

WIDMUNG

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Résumé

Abstract

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

1- ERSTES KAPITEL: THEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN
1. Definitorische Einführung
1.1. Begriffserklärung

2. ZWEITES KAPITEL: KULTURBEGEGNUNG IM ROMAN
2. Handlungsverlauf, kulturelle Erscheinungen und Figurenkonstellation in Abengs Entscheidung
2.1. Handlungsverlauf: Vom Traum bis zur Realität
2.2. Zur Darstellung der verschiedenen Kulturerscheinungen im Roman
2.3. Figurenkonstellation in Abengs Entscheidung
2.4. Stereotype oder Kulturelle Erscheinungen?

3-DRITTES KAPITEL: ZUR UNTERSUCHUNG VON „ABENGS ENTSCHEIDUNG“ ALS LITERATUR DER MIGRATION
3.1. Identität in der Migrationsliteratur
3.2. Abengs widersprüchliches Denken
3.3. Biographische Elemente
3.4. Drei Räume zur Untersuchung der Migration
3.5. Interkulturelle Kommunikation

Ausblick

Schlussbetrachtungen

LITERATURVERZEICHNIS

WIDMUNG

meinem Vater PEMBOUONG TAFFOU Francois und meiner Mutter MEWEMBE Clarisse gewidmet

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

AE: (Abengs Entscheidung)

Résumé

Le thème central de ce travail repose sur la rencontre des cultures et la littérature de migration à l’aide de l’œuvre de Philomlène Atyame « Abengs Entscheidung ». En effet il s’agit dans ce travail d’analyser les différentes cultures mises en relation et d’analyser l’œuvre sous une perspective de la littérature de migration au travers d’un certain nombre de catégories. Les questions centrales de ce travail étant : « Dans quelle mesure peut-on considérer Abengs Entscheidung comme une littérature de Migration ? Est-ce que la rencontre des cultures est une condition préalable pour l’existence d’une littérature de Migration ? Comment les stéréotypes dans l’œuvre sont-ils construits et déconstruits en même temps ? » permettent la structuration du travail en trois grandes parties. Compte tenu qu’il fallut définir certains aspects ou plutôt certaines catégories indispensables a l’analyse, une première partie intitulée « reflexions théoriques » a été élaborée dans laquelle les mots suivants ont été élucidés : « culture, migration et littérature de migration, identité ».

La deuxième partie est consacrée à l’analyse de la rencontre des cultures dans l’œuvre, la présence de la culture allemande et celle camerounaise est mise en exergue par des traits qui les caractérisent. Par la suite suit l’analyse des personnages selon s’ils sont représentatifs de leur culture ou pas. Il s’avère que les personnages ne sont pas marqués par leur s traits culturels, ce qui remet en question ces éléments caractéristiques de la culture. Dans ce sens ces indices cultures sont interprétés comme des stéréotypes et clichés qui laissent percevoir qu’il s’agisse dans l’œuvre d’une rencontre des clichés après une lecture déconstructive de l’œuvre.

La troisième partie inscrit le Roman par l’utilisation des catégories adéquates dans la littérature de migration, car il s’agit ici de montrer dans quelle mesure « Abengs Entscheidung » est une littérature de migration.

Abstract

The central theme of this work rests on the meeting of the cultures and the literature of migration with the help of the novel of Philomlène Atyame « Abengs Entscheidung ». Indeed it is in this work about analyzing the different cultures put in relation and to analyze the novel under a perspective of the literature of migration through a certain number of categories. The central questions of this work are the following: « in which measure can one consider Abengs Entscheidung like a literature of Migration? Is the meeting of the cultures a previous condition for the existence of a literature of Migration? How the stereotypes in the novel are constructed and deconstructed at the same time? ». The questions permit the structuring of work in three big parts. According to the fact that it was necessary to define some aspects or rather some indispensable categories of the analysis, a first part titled « theoretical reflexions » has been elaborated in which the following words have been explained: « culture, migration and literature of migration, identity ».

The second part is dedicated to the analysis of the meeting of the cultures in the novel, the presence of the German culture and the one Cameroonian is put in inscription by features that characterize them. Follows the analysis of the characters thereafter according to the fact whether they are representative of their culture or not. It proves to be that the characters are not marked by their cultural features, what puts back in question these characteristic elements of the culture. In this sense these cultural elements are interpreted like stereotypes and clichés that let discern that it was about in the novel of a meeting of the clichés after a deconstructive reading of the novel.

The third part writes down the Novel by the adequate category used in the literature of migration, because it is here about showing in which measure « Abengs Entscheidung » is a literature of migration.

Vorwort

Mein Interesse an Kulturunterschieden entspringt einem Wunsch nach besserem Erfassen der mit- und zwischenmenschlichen Beziehungen durch die Erforschung der Lebens- und Verhaltensweisen von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Ich habe mir immer gewünscht, mich mit der literarischen Verarbeitung einer Kulturbegegnung auseinanderzusetzen, das heißt wie sich die Kulturen begegnen, was sie charakterisiert usw. Mein Wunsch richtete sich vor allem an afrikanische Autorinnen bzw. Autoren, um ihre Besonderheiten bei dieser Thematisierung zu erfassen. Nachdem ich weiterhin einen Artikel von David Simo betitelt „Migration, Imagination und Literatur: Die Literatur der Migration als Ort und Mittel des Aushandelns von neuen Kulturellen Paradigmen“ gelesen habe, bin ich auf dieses Thema in Entzücken geraten, sodass ich den Entschluss gefasst, mich im Rahmen dieser Memoirearbeit mit diesen Paradigmen „Kulturbegegnung“ und „Migrationsliteratur“ auseinanderzusetzen, zumal ich den Roman „Abengs Entscheidung“ von Philomène Atyame schon im dritten Jahrgang im Rahmen einer beliebigen Lektüre gelesen hatte.

Bei der Abfassung dieser Arbeit bin ich auf Probleme verschiedener Arten gestoßen. Es war erst schwierig, sich mit einem literarischen Text auseinanderzusetzen, dessen Sekundärliteratur nur zwei oder drei Memoirearbeiten ist. Außerdem war der Zugang zu anderen Sekundärliteraturen über Migration nicht einfach. Trotzdem war dieser Schritt in die Wissenschaft eine spannende und ermutigende Erfahrung und das Zustandekommen dieses Werkes ist die Zusammenwirkung unterschiedlicher Kräfte, denen ich herzlich danken möchte.

Mein ausgesprochener Dank gebührt all meinen Dozenten der E.N.S und der deutschen Abteilung der Universität Yaoundé I, die mir eine grundlegende Ausbildung vermittelt haben und vor allem Dr. Bertin Nyemb, der die Verantwortung für die letzten Änderungen und die Vorbereitung auf die Verteidigung übernommen hat.

Ein besonderer Dank gilt meinem Betreuer Dr. Hyacinthe Ondoa für die zahlreichen inhaltlichen und methodischen Ratschläge und für die zur Verfügung gestellte Literatur. Dank schulde ich ebenfalls meiner Dozentin Dr. Philomène Atyame, die mir diesen Roman vorgeschlagen und mir auch zur Verfügung gestellt hat.

Ein spezieller Dank geht auch an meinen Vater Pembouong Taffou Francois und meine Mutter Mewembe Clarisse für ihre moralische und finanzielle Unterstützung.

Meiner ganzen Familie, nämlich meinen Geschwistern und vor allem meinem Großbruder Taffou Pembouong Francois, meiner Schwester Meffo Maryon, meinem Kleinbruder Silatsam Elza-Joel, meinen Kleinschwestern Pembouong Gynette und Pembouong Blanche bin ich zum Dank verpflichtet, mir immer die bequemste Atmosphäre verschafft zu haben und mir einen Computer zur Verfügung gestellt zu haben

Zum Schluss bin ich auch meinen Kommilitonen und Freunden Moukouri Ekobe Jeannot, Wembasep Marius, Nanmeni Tchatchoua Dorine und Sobmekong Aubain César für ihre unterschiedlichen Diskussionen für die Lektüre dieser Arbeit aufrichtig dankbar.

Ohne die Hilfe der genannten Menschen und vieler anderen, die ich namentlich nicht erschöpfend auflisten kann, hätte ich viel Porzellan auf dem recht langwierigen Weg zur Erlangung des „DIPES II“ zerschlagen.

Jaunde, den 19. Mai 2011

Yannick GNIPEP-OO PEMBOUONG

EINLEITUNG

1. Thema, Problemstellung und Ziel der Arbeit

„Abengs Entscheidung“ von Philomène Atyame ist die Geschichte einer „schwarz-weißen“ Liebe, nämlich einer Liebe zwischen einer Kamerunerin und einem Deutschen in Kamerun, wie die Autorin selbst schreibt. Es handelt sich um eine Begegnung und ein Zusammenleben zwischen einer Afrikanerin und einem Deutschen im kamerunischen und deutschen Raum. Der erste Treffpunkt ist ein Nachtlokal namens Kontchupé in Duala, der ökonomischen Hauptstadt Kameruns. Abeng ist ein Mädchen, das schon in seiner Kindheit von einer interkulturellen Begegnung träumt, von einem Erdteil, wo Weiße und Schwarze in Harmonie leben und durch ihren Exotismus1 charakterisiert werden können. Dieser Traum führt sie zum regelmäßigen Besuch des Nachtlokals, wo sie schwarz-weiße tanzende Paare malt. Dort lernt sie den Deutschen Manfred kennen, mit dem sie sich gut versteht. Manfred würdigt ihre zurückhaltende Haltung.

In der Zwischenzeit stirbt Akono Assam, Abengs Großvater, der nicht damit einverstanden war, dass Abeng einen Weißen heiratet und der vor seinem Tod Abeng einen Mann versprochen hatte. Abeng hat also Schuldgefühle und betrachtet sich als schuldig dafür, dass ihr Großvater gestorben ist. Diese Schuld ist Anlass zu ihrer Entfernung von Manfred, weil sie glaubt, alles wieder gut machen zu können, indem sie dem versprochenen Mann begegnet. Sie erzählt Manfred davon, und dieser will Abengs Vater kennenlernen.

Manfred und Abeng begegnen sich inzwischen in einer Kneipe, um sich besser zu kennen. Sie haben sich sogar in einer Kneipe geküsst, was den Kellner erstaunte. Manfred macht die Bekanntschaft von Angunu, Abengs ältesten Bruder.

Abengs Vater erfährt zufälligerweise von der Beziehung seiner Tochter zu Manfred. Manfred trifft die Entscheidung, nach Jaunde zu fahren, um Abengs Vater kennenzulernen. Die Frömmigkeit Assams lässt der Beziehung freien Lauf und die beiden entscheiden sich, nach Deutschland zu fliegen, wo Abeng die Familie Manfreds kennenlernt. Dort besichtigt sie Hamburg und Berlin. Manfreds Mutter ist sehr gastfreundlich im Gegensatz zu Alfred, ihrem Mann, der misstrauisch ist. Alfreds Zurückhaltung drängt Manfred, Abeng schnell zu heiraten, weil er davor Angst hat, dass sich Abengs Gesinnung ändert. Bei dieser Gelegenheit fliegen Alfred und Tania zum ersten Mal nach Afrika, um an dieser Hochzeit teilzunehmen. Dieser Besuch ist für Alfred eine Art und Weise, Afrika zu entdecken und die Entdeckung Afrikas ist Anlass zum Abbau seiner Vorurteile. Nach der Hochzeit lassen sich Manfred und Abeng im „schwarzen Erdteil“ nieder, d.h. in Kamerun, wo sie Kinder bekommen.

Auffällig in dieser Zusammenfassung ist das Vorhandensein im Roman von zwei verschiedenen Kulturen, nämlich der deutschen und der kamerunischen Kultur, die durch ihre jeweiligen Angehörigen erkennbar sind. Angehörige dieser Kulturen legen bestimmte Verhaltensweisen an den Tag, die nicht immer in den Bereich ihrer Kultur fallen. Es gibt Figuren in dem Roman, sowohl in der deutschen Kultur, als auch in der kamerunischen Kultur, die sich nicht von ihrer Kultur beeinflussen lassen. Ihre Aussagen sind Ausdruck einer bestimmten Position gegenüber ihrer Kultur. Die Art und Weise, wie sich diese Figuren verhalten, die Art und Weise, wie sie reagieren, zeigt eingängig, welche Stellung sie zu dem kulturellen Phänomen nehmen. Kulturelle Phänomene, die sich später als eine Reihe von Stereotypen erweisen. Figuren, die sich begegnen und kommunizieren, lassen ein paar Besonderheiten erscheinen. Diese Besonderheiten erscheinen als eine Konstruktion von Klischees und Stereotypen in der Kulturbegegnung, die sich durch gegensätzliche Situationen dekonstruieren lassen, um eine nachhaltige und dauerhafte Kommunikation zu fördern. Das zentrale Thema meiner Arbeit lässt sich also in zwei wesentlichen Ausdrücken zusammenfassen. Es geht nämlich um die Kulturbegegnung und die Literatur der Migration. Die Anwendung dieser beiden Ausdrücke ruft bestimmte Fragen hervor, die die Problematik meiner Arbeit bilden werden: Inwiefern ist Abengs Entscheidung von Philomène Atyame eine Literatur der Migration? Welche Bedeutung hat die Kulturbegegnung für die Literatur der Migration? Ist eine Kulturbegegnung eine Voraussetzung für die Existenz einer Literatur der Migration? Diese drei Grundfragen bilden also den Schwerpunkt meiner Arbeit. Neben diesen können weitere Nebenfragen gestellt werden. Was versteht man unter Migrationsliteratur? Was charakterisiert sie? Es geht um die Herausarbeitung bestimmter Situationen im Roman, die Ausdruck einer Literatur der Migration sind. Auf einer theoretischen Perspektive haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie David Simo, Albert Gouaffo, Susan Mahmody usw. mit dieser Frage auseinandergesetzt und haben folglich eine Reihe von Kategorien herausgearbeitet, die in dieser Arbeit zur Anwendung kommen. Die Beschäftigung mit der Kulturbegegnung ruft auch gewisse Fragen hervor, nämlich: Was versteht man unter Kulturbegegnung? Wie sieht diese Kulturbegegnung wirklich im Roman aus? Wie werden Stereotype herausgearbeitet und dekonstruiert und zu welchem Ziel? Um zu sehen, wie die Kulturbegegnung im Roman zur Sprache kommt, erweist es sich als notwendig, die Kulturen im Roman zu analysieren. Um diese Analyse erfolgreich durchzuführen, ist es von Belang, ihre verschiedenen Markzeichen zu erforschen, die sich später als Stereotype erweisen werden, weil sie nur vordergründige Aspekte der Kulturen sind.

Ziel dieser Arbeit ist es zu zeigen, dass die Literatur der Migration und die Kulturbegegnung miteinander eng verbunden sind und einhergehen. Ich möchte auch in dieser Arbeit zeigen, dass Abengs Entscheidung eine Migrationsliteratur im vollen Sinne ist und dass diese Kulturbegegnung, die zugrunde ihr liegt in der Wirklichkeit eine Klischeebegegnung ist, die Klischees bekämpfen muss. Die Kulturbegegnung in diesem Sinne bekämpft Stereotype. Dieses Ziel kann erreicht werden, wenn bestimmte Situationen und Momente in dem Roman untersucht werden, und vor allem gegenteilige Situationen.

Ich möchte auch beweisen, dass die Kulturbegegnung eine Voraussetzung für eine Literatur der Migration ist. Der Ausdruck Kulturbegegnung umfasst zwei Lexeme, nämlich zwei Substantive. Einerseits das Substantiv „Begegnung“ verweist hier auf ein Treffen, ein Entgegenkommen von zwei oder mehreren Personen. Diese Begegnung setzt in diesem Sinne einen Kontakt voraus. Andererseits hat man „Kultur“. Es geht hier um einen Begriff, der sich im Laufe der Zeit verändert hat, dem verschiedene Auffassungen unterworfen ist. Es besteht zwei Auffassungen von Kultur, die voneinander abgegrenzt sind. Geertz Clifford definiert Kultur als „Netz von Bedeutungen, in das der Mensch selbst verstrickt ist“.2 Es geht um anerkannte Symbole, Systeme und Bedeutungen, die einem bestimmten Volk bzw. einer bestimmten Gruppe zugeschrieben werden. Eine zweite Definition von Kultur, die mit der ersten einhergeht, ist die von Terry Eagelton. Er spricht von einem „Komplex von Werten, Sitten und Gebräuchen, Übersetzungen und Praktiken, die die Lebensweise einer bestimmten Gruppe ausmachen.“3 Bei dieser Definition erkennt man, dass eine Gruppe oder eine Rasse bestimmte Handelweisen besitzt, sodass sie durch ihre Handlungen erkennbar werden können. Diese beiden Definitionen sind fest und statisch, daher die Kultur ist essentialistisch4, insofern als sie feste Zuschreibungen akzeptiert und sich durch ihre Merkmale definieren lässt. Hofstede vertritt auch eine solche Bestimmung von Kultur, was der „anthropologische Kulturbegriff“5 genannt wird. Darunter versteht er: ein kollektives Phänomen, da man sie zumindest teilweise mit Menschen teilt, die im selben sozialen Umfeld leben oder lebten, d.h. dort, wo diese Kultur erlernt wurde. Sie ist die kollektive Programmierung des Geistes, die die Mitglieder einer Gruppe oder Kategorie von Menschen von einer anderen unterscheidet.6

Diesem traditionellen Kulturbegriff tritt ein neuer entgegen, der mit der interkulturellen Literaturwissenschaft kommt und ist also ein prozesshafter und dialogischer Kulturbegriff, der an der Selbstthematisierungsfähigkeit von Gesellschaft ansetzt und die kontextbezogene Veränderung von Bedeutungen und Menschen, die sich situativ und multipel verorten, untersucht.7 Die Autorin hat sich diese beiden Auffassungen weggedenkt, um sich mit dem Stereotyp auseinanderzusetzen, die bekämpft werden müssen, damit eine Kulturbegegnung möglich wäre. Diese Inszenierung der Stereotype ist also eine strategische Verfahrensweise, die die Autorin, selbst ausgewählt hat.

2. Zum Stand der Forschung

Zu den Arbeiten, die schon über den Roman Abengs Entscheidung geschrieben worden sind, gehören nur ein Paar Memoirearbeiten, die anlässlich des DIPES II geschrieben worden sind. Man hat unter anderen die Memoirearbeit von Tchiaze Edwige Aimé. Ihr Thema lautet: „Interkulturelle Erfahrungen: Eine Untersuchung am Beispiel von Mischehe und in Anlehnung an Philomène Atyames Roman ‚Abengs Entscheidung‘: eine schwarz-weiße Liebe in Kamerun“. Ausgehend von der Definition einer Mischehe als eine Verbindung zwischen Personen unterschiedlicher Kulturen stellt sie sich die Frage zu wissen, ob die zwischenmenschliche Beziehung erfolgreich sein könnte. Sie möchte auch wissen, ob die Liebesbeziehung zwischen Schwarzen und Weißen bzw. Afrikanern und Europäern nur zum Scheitern verurteilt sei oder ob es unmöglich sei, dass Personen unterschiedlicher Kulturen friedlich zusammenleben würden. In dieser Arbeit wird auch der Versuch unternommen, auf folgende Fragestellungen zu antworten: Auf welche Probleme stoßen „binationale Paare“? Was liegt diesen Problemen zugrunde? Wie kann man aus solcher Beziehung einen Erfolg machen? Ziel dieser Arbeit besteht darin zu zeigen, dass die Ehe zwischen Personen unterschiedlicher Kulturen möglich sei und erfolgreich sein könne. Die Arbeit will auch die Tatsache unterstreichen, dass die Probleme in binationalen Paaren zwar aus Kulturverschiedenheit resultieren können, aber vielmehr aus Unkenntnissen oder fehlender Erfahrung und aus auf Vorurteilen und Stereotypen beruhenden Vorstellungen des Fremden. Dabei benutzt sie die werkimmanente Interpretation, um auf die W-Fragen antworten zu können, um den Inhalt und die Struktur des Textes zu erfassen. In dieser Arbeit spielt der Kulturbegriff eine entscheidende Rolle.

Eine weitere Arbeit, die sich mit dem Roman beschäftigt, hat das folgende Thema: „kulturelle Identität und Repräsentation in der Postkolonialzeit anhand ‚Abengs Entscheidung‘ von Philomène Atyame. Diese Abschlussarbeit zur Erlangung des DIPES II ist von Ongossi Assamba Pascal vorgelegt worden. Ongossi geht von der Kolonisation aus, um den kulturellen Schock zu untersuchen, der diese kulturelle Begegnung verursacht hat. Bei dieser Begegnung haben Europäer und Afrikaner Bilder von sich selbst und von den Anderen gebaut. Aus der Perspektive einer sogenannten Imagologie mittels einiger Fragen wie: Wie sehe ich den Anderen? Wie sieht er mich?, schreibt er diese Arbeit in eine postkoloniale Theorie ein, wobei es gemeint wird, die heutige Lage der Afrikaner hänge von der oben besprochenen kulturellen Begegnung ab. Es gebe daher eine Situation der Beziehung von Dominanten-dominierten. Dabei setzt er sich mit diesen binären Oppositionen: Dominant/dominiert; Zentrum/Peripherie; Eigenes/Anderes; Weiß/Schwarz; Kolonialherr/Kolonisiert auseinander. Von der Definition des Dominanten als das Ensemble von Staaten der damaligen Kolonialherren und der Dominierten als Menschen der damaligen kolonisierten Kultur (Afrikaner), die sich bis heute noch nicht befreien können, formulierte er seine Problematik folgendermaßen: Wie manifestieren sich die Realitäten dieser kulturellen Konfrontation im Roman? Er möchte mit dieser Fragestellung die Vergangenheit berücksichtigen mit der Absicht, die Gegenwart zu verstehen, damit ein besserer Ausweg für die Zukunft vorgesehen wird. Ziel dieser Arbeit besteht darin, das Werk in die postkolonialtheoretischen Debatte zu stellen.

Im Gegensatz zu den Memoirearbeiten, die ich oben aufgelistet habe, beschäftige ich mich mit dem Roman aus der Perspektive der Literatur der Migration. Ich möchte folglich zeigen, dass die Kulturbegegnung die Voraussetzung für die Existenz einer Literatur der Migration und die Literatur der Migration der Ort par excellence ist, wo Stereotype und Klischees über ein Volk dekonstruiert und bekämpft werden. Diese Kulturbegegnung ist das Ergebnis einer erfolgreichen Bekämpfung von Stereotypen. Um den Roman in die Migrationsliteratur einzuschreiben, werden bestimmte Kategorien zur Anwendung kommen. Es geht um Kategorien wie Identität, Kultur, Mobilität, interkulturelle Kommunikation8, die von David Simo herausgearbeitet worden sind.

3. Zum methodischen Vorgehen

Meine Untersuchung besteht darin zu zeigen, dass Abengs Entscheidung von Philomène Atyame einerseits eine Kulturbegegnung aufweist und andererseits eine Migrationsliteratur ist. Die Kulturbegegnung erweist sich hier als eine Voraussetzung für die Existenz einer Migrationsliteratur. Als Voraussetzung ist es wichtig, die vorhandenen Kulturen herauszuarbeiten, deshalb werde ich mich der phänomenologischen Methode bedienen. Die Literatur als Phänomen9 bringt die Tatsache zum Ausdruck, dass sie sich auf sich selbst bezieht. Demzufolge schreibt Grisenbach folgendes: „So, wie sie erscheint, wie sie sich dem Betrachter unmittelbar stellt, so ist sie.“10 Es geht in diesem Zusammenhang um das Werk an sich, um das literarische Werk als autonomes Gefüge, das Umwege auf keinem Fall zulässt. Die phänomenologische Methode geht besonders werkimmanent vor. Diese Vorgehensweise bringt die Tatsache zur Sprache, dass das literarische Werk selbst analysiert werden soll, ohne auf außenstehende Begebenheiten zurückzugreifen. In diesem Zusammenhang schreibt Grisenbach: „Zu den Werken selbst“11. Diese Methode wird mir dazu verhelfen, die Kulturen im Roman herauszuarbeiten. Es geht darum, bestimmte Situationen und Konstellationen herauszusuchen, kulturelle Markzeichen herauszustellen, die Ausdruck des Vorhandenseins einer Kultur im Text sind. Diese Methode wird auch dazu beitragen, die Figurenkonstellation unter einer bestimmten Perspektive zu analysieren.

Ich werde in der Folge eine weitere Lektüre des Romans durchführen, d.h. anders als die erste Lektüre und zu dem Ergebnis kommen, dass nicht objektive Merkmale von Kulturen hier erwähnt worden sind. Um dekonstruktiv zu verfahren, werde ich mich auf Derrida stützen, wenn er schreibt:

Das Spiel der Differenzen setzt in der Tat Synthesen und Verweise voraus, die es verbieten, dass zu irgendeinem Zeitpunkt, in irgendeinem Sinn, ein einfaches Element als solches präsent wäre und nur auf sich selbst verweise. Kein Element kann je die Funktion eines Zeichens haben, ohne auf ein anderes Element, das selbst nicht einfach präsent ist, zu verweisen, sei es auf dem Gebiet der gesprochenen oder auf dem der geschriebenen Sprache.12

Diese Lektüre wird dazu verhelfen, die verschiedenen Verweise des Romans aufzudecken, denn die kulturellen Erscheinungen, die im Roman vorhanden sind, sind keine echten, sondern einige Stereotype, die schon vorher existierten, die schon seitens der deutschen und der kamerunischen Kultur formuliert worden waren. Deshalb möchte zeigen, dass die Autorin mit Verweisen und Differenzen spielt. Dies drückt die Tatsache aus, dass dieser neue Text einem anderen, der nicht vorhanden ist, entgegensteht. Dies bringt also die Auffassung von Intertextualität zum Ausdruck. Derrida hat also diesen Begriff begründet, indem er ihn als Transformation eines anderen Textes beschreibt, der als solcher nie präsent ist, der nicht mehr einfach das Verhältnis von zwei empirisch vorliegenden Texten zu einem ihm vorgängigen abwesenden Text zum Paradigma der Literatur erhebt.13

Durch die Entfernung von der Lektüre des Textes als autonomes Gefüge kommt man zu dem Ergebnis, dass sich dieser Text anderen Texten widersetzt, die ich in diesem Rahmen nicht auflisten werde, denn diese Texte können und sind abwesend. Deshalb erweist sich diese intertextuelle und dekonstruktive Lektüre als notwendig, um den Roman besser verstehen zu können.

Ein weiterer Teil wird der Untersuchung des Romans als Migrationsliteratur gewidmet. In diesem Teil geht es um den Versuch, die von einigen Wissenschaftlern über Migration herausgearbeiteten Kategorien anzuwenden. Diese Kategorien sind schon oben aufgelistet worden. Wenn diese Kategorien im Roman Anwendung finden, wäre es möglich von Abengs Entscheidung als Migrationsliteratur zu sprechen. Ich werde in diesem Teil auch biographisch vorgehen, indem ich Situationen und Erlebnisse im Leben der Autorin erforsche, um die Migration im Werk wahrnehmen zu können. In diesem Zusammenhang meldet sich die Autobiographie als Folge dieser Erlebnisse.

4. Zum Aufbau der Arbeit

Die Beschäftigung mit der Kulturbegegnung und mit der Migration lässt mich die Arbeit in drei Teilen gliedern. Das erste Kapitel wird dem theoretischen Teil gewidmet. In diesem Teil beschäftige ich mich mit den wichtigen Begriffen meiner Arbeit auf einer theoretischen Ebene. Es geht also um die Erklärung dieser Begriffe, wie zum Beispiel Kultur, Migration und Identität.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Herausarbeitung der Kulturen im Roman. Es geht in diesem weiteren Teil darum, die auftretenden Kulturen herauszustellen, die Markzeichen jeder Kultur hervorzuheben, die verschiedenen Träger dieser Kulturen zu erwähnen und auch zu zeigen, auf welche Weise sie sich begegnen. Dieser Teil trägt auch der Absicht der Autorin Rechnung, d.h. dem Ziel dieser symbolischen Kulturbegegnung, die nicht aus der Begegnung objektiver Kulturerscheinungen resultieren, sondern einer Anzahl von Stereotypen.

Der dritte Teil dieser Arbeit beruht auf der Analyse des Romans aus der Perspektive der Migrationsliteratur. In diesem Teil kommen bestimmte Kategorien zur Anwendung, die dazu beitragen werden, den Roman in dieser Perspektive analysieren zu können.

1- ERSTES KAPITEL: THEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN

1. Definitorische Einführung

1.1. Begriffserklärung

Um wissenschaftlich zu arbeiten, hat es sich immer als notwendig erwiesen, die Kategorien bzw. die Konzepte, die das Thema oder die Aufgabe bilden, zu definieren. Die Erklärungen dieser Konzepte sind meines Erachtens notwendig, um zu wissen, wie man diese Konzepte gebrauchen wird, damit sie wichtige Analysewerkzeuge werden. Kategorien oder Konzepte weisen oft auf einen umfangreichen und einen unbegrenzten Gegenstand hin, der nicht im Rahmen einer einzigen Arbeit ganz erfasst werden kann. Der Gegenstand muss immer begrenzt und bestimmt werden, damit er dicht und tief behandelt wird. In seinen vier entworfenen Kriterien der Wissenschaftlichkeit weist Umberto Eco auf diesen Tatbestand hin: „Die Untersuchung behandelt einen erkennbaren Gegenstand, der so genau umrissen ist, dass er auch für Dritte erkennbar ist.“14 Es kann also so verfahren werden, dass Konzepte definiert werden und es ist wichtig, um diesem Teil eine Grundlage zu geben, deshalb möchte ich die Termini „Kultur“, „Migration“ und „Literatur der Migration“ näher bestimmen und auf ihre Aspekte hinweisen, die die Grundlage meiner Arbeit konstituieren.

1.1.1. Zum Kulturbegriff

Der traditionelle Kulturbegriff verweist auf eine Kugelförmigkeit, wie Johann Gottfried Herder postuliert hat. Er ging von der Kugelförmigkeit der Kulturen aus, die sich in abgeschlossenen Sphären bilden. Für ihn bedeutete eine Mischung von Kulturen Verlust an „Eindrang, Tiefe und Bestimmtheit.“ Herder plädiert für eine Reinheit und Reinhaltung einer Kultur, die für ein bestimmtes Volk kennzeichnend ist. Nach Herder „bringt eine Kultur nur so weit Verständnis für fremde Kulturleistungen auf, als diese assimilierbar sind. Eine Übernahme wird zu einer Integration und nicht zu einer eigentlichen Innovation der eigenen Weltanschauung. Sie folgt den Verständnisgesichtspunkten der eigenen, nicht der fremden Kultur.“15 Aus diesem Zitat Herders ist zu ersehen, dass Kulturen als statische Gebilde und als homogene Gefüge betrachtet werden. Sie sind primär auf sich selbst bezogen und sehr begrenzbar. Kulturen in diesem Sinne verweisen auf etwas Geschlossenes, auf reine Merkmale für ein bestimmtes Volk oder eine bestimmte Gruppe. Kultur ist der grundsätzliche Wert einer Gruppe, der dabei hilft, sich zu definieren, sich von den anderen zu unterscheiden und abzugrenzen, seine Reinheit zu bewahren zu versuchen. Kultur wird in diesem Sinne als Container16 betrachtet, d.h. als statisches in sich geschlossenes homogenes System. „Ein solcher Kulturbegriff ist noch fixiert auf die Idee von Einheit von Raum, Gruppe und Kultur“17. Diese Einheit verweist auf die Tatsache, dass der Raum einen bestimmten Einfluss auf einen Menschen übt. Der Mensch reagiert in diesem Fall dem Raum und der Gruppe gemäß, weil es bestimmte Normen und Eigenschaften besteht, die unbedingt erkennt werden müssen. Die traditionelle Auffassung von Kultur ist –so kann ich sagen- einäugig, d.h. eine solche Definition würde keine diskursive Auseinandersetzung erlauben und setzt voraus, dass Kultur mit deren Offenheit nicht zu definieren ist. Durch diesen Kulturbegriff werden der Raum und die Gruppe mit dem Phänomen der Reinheit charakterisiert, sodass durch bestimmte Reaktionen, Denkweisen und Handlungen Kulturen anerkannt werden können. Man weiß genau, wie einäugige Menschen sehen. Sie sehen immer nur in einer einzigen Richtung. Der Blick ist nur auf einen alleinigen Sachverhalt fokussiert. Eine solche Betrachtungsweise reduziert die Kultur auf feste Merkmale und Charakteristiken, die den Kulturen unterworfen sind. Es geht in dieser Arbeit nicht um die Aufzählung repräsentativer Merkmale des traditionellen Kulturbegriffs, vielmehr um die Ablösung und die Entfernung von dem Begriff, um was Neues zu entwerfen, zu definieren und in die Praxis umzusetzen. Der traditionelle Kulturbegriff bringt die Tatsache zum Ausdruck, dass nach Herder es eine Möglichkeit gibt, damit die Kulturen in Berührung treten. Aber dies erfolgt durch eine Assimilation. Ihm zufolge dadurch, dass eine Kultur von einer anderen Kultur assimiliert wird, wird das Verständnis gefördert. Der Assimilationsprozess setzt voraus, dass die beiden Kulturen nicht mehr zu erkennen sind, denn eine menschliche Gruppe wird von einer anderen Schritt für Schritt absorbiert. Dieser Assimilationsprozess setzt auch die Tatsache voraus, dass menschliche Gruppen unterschiedlich sind und sollen daher von ihrer unterschiedlichen Herkunft definiert werden. Damit ein Assimilationsprozess stattfindet, soll eine Kultur dominierend sein, um die dominierte auszusaugen.

Dieser Kulturbegriff betrachtet die Menschen als stark von Nationalität, Rasse oder Religion geprägt. Diese Kategorien spielen eine entscheidende Rolle bei der Bestimmung dessen, was Identität ist. Sie schränken die Identität auf eine ganz begrenzte Eigenschaft ein. Es ist also zu bemerken, dass einem solchen Kulturbegriff eine problematische statische Sichtweise anhaftet. Ein so umrissener Kulturbegriff lässt an Cliffort Geertz denken, wenn er die Kultur als: „Netz von Bedeutungen, in das der Mensch selbst verstrickt ist“18 definiert. Eine solche Art und Weise, Kultur zu definieren zeigt eine Kugelbeschreibung auf. Seinerseits spricht Terry Eagleton von einem „Komplex von Werten, Sitten und Gebräuchen, Überzeugungen und Praktiken, die die Lebensweise einer bestimmten Gruppe ausmachen.“19 Hier funktioniert die Kultur als etwas Homogenisierendes, etwas Einheitliches. In derselben Richtung hat Hofstede eine Definition des Kulturbegriffs entworfen, die sich auf eine anthropologische Bestimmung bezieht. Für ihn ist Kultur „ein kollektives Phänomen, da man sie zumindest teilweise mit Menschen teilt, die im selben sozialen Umfeld leben oder lebten, d.h. dort, wo die Kultur erlernt wurde. Sie ist die kollektive Programmierung des Geistes, die die Mitglieder einer Gruppe oder Kategorie von Menschen von einer anderen unterscheidet.“20 Träger verschiedener Kulturen kommunizieren miteinander. Die Kultur wird also verstanden als das, was ein Mensch zu einem beliebigen Verhalten veranlasst. Denk- und Handlungsweisen werden schon bestimmt zu einer bestimmten Gruppe. Die unterschiedlichen Kulturen handeln nach diesen „Orientierungssystemen“. Der Begriff Orientierungssystem kommt von Thomas Alexander, um den Kulturbegriff zu definieren. Er fasst die Definition folgendermaßen zusammen:

„Kultur ist ein universelles, für eine Gesellschaft, Organisation und Gruppe, aber sehr typisches Orientierungssystem. Dieses Orientierungssystem wird aus spezifischen Symbolen gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft usw. tradiert. Es beeinflusst das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln aller Mitglieder und definiert deren Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Kultur als Orientierungssystem strukturiert ein für die sich der Gesellschaft zugehörig fühlenden Individuen spezifisches Handlungsfeld und schafft somit die Voraussetzungen zur Entwicklung eigenständiger Formen der Umweltbewältigung.“21

Aus diesen Bestimmungen ist zu erfahren, dass Kulturen sind Gebilde, die so programmiert sind, dass innerhalb einer selben Gemeinschaft Kommunikation hergestellt werden kann. Wie ich oben betont habe, geht es um eine intrakulturelle Kommunikation, d.h. die Kommunikation wird nur in derselben Kultur durchgeführt, weil die Programmierung davon ausgeht, dass das Verständnis nur innerhalb dieses Raumes möglich ist. Dieses Orientierungssystem unterscheidet sich auch von Gesellschaft zu Gesellschaft. Diese Unterscheidung bildet eine unlösbare Grenze22 zwischen den Kulturen, sodass intrakulturelle Kommunikation nicht zur interkulturellen Kommunikation werden kann, denn diese Grenzen sind die Voraussetzung von Reinheit, Kontinuität und Kohärenz, die bestimmte Merkmale des traditionellen Kulturbegriffs sind.

Constantin von Barloewen hat seinerseits den Versuch unternommen, den traditionellen Kulturbegriff zu erfassen. Seine Funktion fasst er folgendermaßen zusammen: „eine weitere Funktion der Kultur liegt in dem Vermögen verborgen, Motive für menschliches Verhalten zu begründen, die Logiken des Denkens und Handelns zu bestimmen, und auch im politischen und wirtschaftlichen Raum. Was einen Menschen in seinem Verhalten in einer besonderen Weise reagieren lässt, ist in seinem Ursprung kulturell.“23 Eine bestimmte Art und Weise zu reagieren, zu denken und zu handeln fällt in den Bereich der Kultur. Diese Funktion bringt den stärkeren Einfluss der Kultur auf Menschen zum Ausdruck. Sie leitet das menschliche Leben, gibt Orientierungspunkte, organisiert das Denken. Diese Funktion verweist ganz genau auf den Begriff „Orientierungssystem“ von Thomas Alexander. Barloewen zufolge enthält die Kultur noch eine entscheidende Aufgabe, die wie folgt ausgedrückt wird: „Die entscheidende Aufgabe der Kultur ist es aber, die Grundlage für eine Identität des Menschen zu stiften“24. Darunter ist zu verstehen, dass der Mensch, der aus einer kulturellen Umgebung stammt, leicht erkennbar und klassifizierbar ist. Seine Identität ist so aufgebaut, dass die Merkmale dieser Kultur zum Vorschein kommen und sich beobachten lassen. Daraus ersieht man, dass dieser Mensch dieser Kultur entstammt, weil er so denkt, handelt und reagiert.

Diese Definition von Kultur führt nämlich den Begriff Kulturalismus ein. Darunter versteht Michael Hofmann „eine dem Essentialismus nahe stehende und ebenso problematische Konstruktion, bei der bestimmten Kulturen feste Eigenschaften zugewiesen werden und diese zur Abgrenzung gegenüber anderen Kulturen verwendet werden.“25 Eine solche Auffassung von Kultur lässt sie als eine essentialistische Kategorie betrachten. Eine Kultur in diesem Zusammenhang kommuniziert nicht mit einer anderen, denn die Struktur ist so steif aufgebaut, dass sich nur Personen aus derselben kulturellen Umgebung verstehen können, insofern als ihre Merkmale der ganzen Gruppe erkennbar sind. Was die Begegnung solcher Kulturen anbelangt, das heißt homogene, abgrenzbare Kulturen bestünde sie „in diesem Denkmodell in einer eigentlich abstrakten gegenseitigen Anerkennung differenter homogener kultureller Einheiten.“26 Es geht nicht wirklich um eine Kommunikation, denn jede Kultur will ihre Reinheit behalten.

In diesem Sinne ist jedes Volk durch eine bestimmte Art und Weise zu denken, zu handeln, charakterisiert, sodass ihm Eigenschaften zugeschrieben werden. Es erweist sich als notwendig, um die Kategorien von ihren ursprünglichen Fesseln zu befreien, einiges in Betracht zu ziehen. Die neuen Migrationstheorien, die auf einen grundlegenden Paradigmenwechsel verweisen27, widersetzen sich der neuen traditionellen anthropologischen Auffassung von Kultur, Identität und Nation. Mit der Entwicklung eines neuen Paradigmas, das durch poststrukturalistische und postkoloniale Diskurse bestimmt wird, erhalten einige Begriffe eine andere Bedeutung, um sich dem neuen Trend anzupassen. Begriffe wie Kultur, Identität werden zur Grundlage interaktionistischer und kommunikativer Handlungen, nicht mehr nur auf einer internen, sondern auf einer externen globalen Ebene.

In Anlehnung an die Denkweise einiger englischen Sozialwissenschaftler schreibt David Simo:

Sie (Sozialwissenschaftler) kommen zu dem Schluss, dass gerade in der Literatur Einblicke gewonnen werden können über Prozesse und Erfahrungen der Migration, Raumsymbolismus, Bedeutung von Bewegung und Veränderungen, Gemeinschaftsverlust, Wiederentdeckung und Entstehung von Identitäten usw. So machen sich Soziologen, Anthropologen, Wirtschaftswissenschaftler daran, literarische Texte zu interpretieren und sich mit Fragen wie Autobiographie und sogar Weltliteratur zu befassen.28

Dadurch erhalten Kategorien eine andere Bedeutung. Die Erfahrungen der Migration erlauben die Analyse von Situationen mit anderen Kategorien

Gegen eine so begrenzte, homogene, fixierte und statische Vorstellung von Kultur entwickelt sich mit dem (post-) modernen Denken ein neuer Kulturbegriff, der aus der Tatsache ausgeht, dass Kulturen stets in einem gegenseitigen Austausch, in einem Wechsel von Aufnahme und Abgrenzung sind. Die fixierten Konturen einer Kultur werden unsichtbar und sind einer anderen Kultur offen. Der Begriff Kultur wird jetzt zum kommunikativen Mittel und damit treten Menschen aufeinander.

„Mit der interkulturellen Literaturwissenschaft kommt ein prozesshafter und dialogischer Kulturbegriff zur Anwendung, der an der Selbstthematisierungsfähigkeit von Gesellschaft ansetzt und die kontextbezogene Veränderung von Bedeutungen und Menschen, die sich situativ und multiplen verorten, untersucht“.29

Durch dieses Zitat erkennt man die neue Dimension des Kulturbegriffs, die die interkulturelle Literaturwissenschaft liefert. Charakteristisch für diesen Begriff ist nicht mehr die „kollektive Programmierung des Geistes“30 oder das Orientierungssystem31, sondern der Dialog und der Prozess, die wichtige Begriffe sind, mit denen dieser neue Kulturbegriff analysiert werden kann. Auf diese Begriffe komme ich später zurück. Der Kulturbegriff, der mit kontextbezogener Veränderung einhergeht, zeigt schon die möglichen Grenzziehungen und die Offenheit einer Kultur. Diese Offenheit gestattet, dass die Kultur zum kommunikativen Mittel wird.

Die Tatsache, dass Kulturen zu kommunikativen Mitteln werden, kann durch andere Begriffe gekennzeichnet werden. Ich denke hier an Begriffe wie Veränderbarkeit, Dynamik, Flüssigkeit und Heterogenität, wie Hamid Reza es postuliert: „es gibt seit Menschengedenken keine homogenen und unveränderlichen Kulturgebilde. Kulturen sind dynamisch und veränderbar.“32 Charakteristisch für Kulturen ist ihre Öffnung zueinander. Wenn man einen objektiven Blick auf ihre Grenzen wirft, kommt man zur Einsicht, dass die Grenzen fließend und nicht hermetisch sind. Ganz voneinander getrennt sind die neuen Kulturen nicht mehr. Daraus ist zu ersehen, dass es immer kulturelle Wechselwirkung und Entwicklung gegeben hat. Dies bedeutet, dass andere kulturelle Eigenheiten zwar fremd erscheinen können. Aus dem Verständnis entsteht eine wechselseitige Konstitution von Kulturen, die sich ständig wandeln. Die Tatsache, dass Kulturen in Wechselbeziehungen stehen und sich gegenseitig beeinflussen, bringt Sarvepalli Radhakrishnan dazu, sie als „Dialekte einer einzigen Sprache der Seele“ zu bezeichnen. Er fügt hinzu: „ Die Unterschiede sind solche des Akzents, der geschichtlichen Umstände und der Entwicklungsstufen.“33 Es ist zu erkunden, dass Kulturen wie Fäden eines Gewebes sind, die auf vielfältige Weise miteinander verwoben sind. Diese Tatsache zwingt uns wie Schnapper zu denken, wenn er Kultur als etwas nicht Gegebenes definiert: „la culture est le point de négociations continuelles avec le monde extérieur, négociations à travers lesquelles s’affirme un horizon, une identité qu’on ne peut que définir comme une création continue.“34. Schnapper spricht von „négociations continuelles“ und „création continue“. Diese zwei Ausdrücke sind wichtig, um den neuen Kulturbegriff zu verstehen. „Négociations continuelles“ verweist hier auf Verhandeln, Aushandeln, was kein Ende hat. Es geht um ein stetiges und ständiges Aushandeln mit der äußeren Welt. Schnapper widersetzt sich dem begrenzten Kulturbegriff und entwirft einen neuen, der unbegrenzt ist und sich zu den anderen bezieht bzw. nicht von den anderen absieht.

Aus diesen Auffassungen von Kultur, die sich mit dem postmodernen Denken entwickelt haben, kann bemerkt werden, dass es eine wechselseitige Vermischung von Kulturen gibt. Aglaia Blioumi bezeichnet diese Bestimmung von Kultur als „antiessentialistischen Kulturbegriff“35 d.h. ein Kulturbegriff, der sich von seiner alten traditionellen und ursprünglichen Auffassung befreit hat. Für sie „akzeptiert dieser Kulturbegriff den Wandel und den Prozess innerhalb eines kulturellen Gebildes und fasst Kultur nicht mehr als Ist-Zustand auf. Der Wandel z.B. durch den Wechsel der Generationen und das Zurückweisen von nationalen Stereotypen sind hierzu einige Beispiele, die einen dynamischen antiessentialistischen Kulturbegriff zum Ausdruck bringen.“36 Die Tatsache, dass Kulturen den ständigen Wandlungen unterliegen und dass keine Kultur rein ist, führt den Gebrauch der „hybriden Kulturen“ ein. Diese Vorstellung von Kultur wird von Homi K. Bhabha im Rahmen einer postkolonialen Theorie erarbeitet. Die gegenseitige Beeinflussung und Vermischung der Kulturen, die anlässlich der Kolonisation vonstatten gingen, liegt dem neuen Konzept der Kultur zugrunde. Kulturen definieren sich nicht mehr als homogene und geschlossene Entitäten, sondern als sich wechselseitig konstituierende Gebilde. Aus diesem Tatbestand geht hervor, dass sich diese Kulturen begegnen. Es geht um Kulturen, die sich als „antiessentialistisch“ betrachten lassen, obwohl Mitglieder derselben Gemeinschaft anders reagieren und handeln. Verschiedene Prozesse sind aus dieser Begegnung zu beobachten. Auf diese Prozesse, die aus der Begegnung zwischen offenen Kulturen hervortreten, werde ich später zurückkommen.

[...]


1 Exotismus verweist hier auf Phänomene der Faszination durch fremde und ferne Gesellschaften und Kulturen. Hans Jürgen LÜSEBRINK, Interkulturelle Kommunikation: Interaktion, Fremdwahrnehmung, Kulturtransfer, Stuttgart, J.B. Metzler Verlag, 2005, S. 113.

2 Vgl. Geertz CLIFFORD, Dichte Beschreibungen. Beiträger zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt am Main, 1983, S.9-12. Zitiert nach: Michael HOFMANN, interkulturelle Literaturwissenschaft: Eine Einführung, Wilhelm Fink Verlag, Paderborn, 2006, S.10.

3 Terry EAGELTON, Was ist Kultur?, München, 2001, S.51. Zitiert nach: ebd.

4 Ebd.

5 Geert HOFSTEDE, interkulturelle Zusammenarbeit. Kulturen – Organisationen – Management , Gabler, Wiesbaden, 1993, S.19.

6 Ebd.

7 Ortrud GUTJAHR, Interkulturalität und Alterität, S.352. Zitiert nach: Michael HOFMANN, a.a.O., S.12.

8 David SIMO, Migration, Imagination und Literatur: Die Literatur der Migration als Ort und Mittel des Aushandelns von neuen kulturellen Paradigmen, S.7-58, hier S.13 und 31-32. In: Leo KREUTZER und David SIMO (Hrsg.) Weltengarten: Migration heute und gestern: Deutsch-Afrikanisches Jahrbuch für interkulturelles Denken, Wehrhahn Verlag, 2009/2010.

9 Manon MAREN-GRISENBACH, Methoden der Literaturwissenschaft, neunte Auflage, Francke Verlag, Tübingen, 1985, S.40.

10 Ebd.

11 Ebd., S.41.

12 Jacques DERRIDA, Positionen. Gespräche mit Henri Ronse, Julia Kristeva, Jean-Louis Houdebine, Guy Scarpettin, Wien, 1986, S.66 f. Zitiert nach: Achim GEISENHANSLÜKE, Einführung in die Literaturtheorie, 3.Auflage, WBG, Darmstadt, 2006, S.99.

13 Achim GEISENHANSLÜKE, a.a.O., S.103.

14 Umberto ECO, Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt, 2. Auflage, UTB, Heidelberg, 1993, S. 40.

15 Johann Gottfried HERDER; zitiert nach: Hamid Reza YOUSEFI, Toleranz als Weg zur interkulturellen Kommunikation und Verständigung. Auf: http://www.yousefi-interkulturell.de/komm.pdf, von 30.Oktober 2009, 15:25.

16 Ulrich Beck gebraucht den Container-Begriff, wenn er falsche Gesellschaftskonzepte kritisiert: Staat, Identität und Kultur. Vgl. Ulrich BECK, 2006. Zitiert nach: David SIMO, Migration, Imagination und Literatur: Die Literatur der Migration als Ort und Mittel des Aushandelns von neuen kulturellen Paradigmen. In: Leo KREUTZER und David SIMO (Hrsg.), S.39, a.a.O.

17 David SIMO, ebd.

18 Vgl. Cliffort GEERTZ, Dichte Beschreibung: Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Franfurt am Main, 1983, S.9-12.

19 Terry EAGLETON, Was ist Kultur?, München, 2001, S.51.

20 Geert HOFSTEDE, 1993. Zitiert nach: Hans-Jürgen LÜSEBRINK, interkulturelle Kommunikation: Interaktion, Fremdwahrnehmung, Kulturtransfert, J.B. Metzler Verlag, Stuttgart-Weimar, 2005, S.10.

21 Thomas ALEXANDER, Psychologie interkulturellen Lernens und Handelns. In: Thomas ALEXANDER (Hg.), Kulturvergleichende Psychologie: Eine Einführung, Hogrefe, Göttingen, S.377-424, hier S.380.

22 David SIMO, Migration, Imagination, Literatur, a.a.O. S.11.

23 Constantin von BARLOEWEN, Weltzivilisation und Weltethos: Auf dem Wege zu einer interkulturellen Identität, S.305-321, hier S.305. In: Bernd THUM/Gonthier-Louis FINK (Hrsg.), Gesellschaft für interkulturelle Germanistik: Praxis interkultureller Germanistik Forschung - Bildung – Politik, Iudicium verlag, München, 1993.

24 Ebd.

25 Michael HOFMANN, interkulturelle Literaturwissenschaft : Eine Einführung, Wilhelm Fink Verlag, Paderborn, 2006, S.11.

26 Ebd.

27 David Simo, Migration, Imagination und Literatur, a.a.O., S.11.

28 Ebd.

29 Ortrud GUTJAHR, Interkulturalität und Alterität, S.352. Zitiert nach: Michael HOFMANN, S.12, a.a.O.

30 Geert HOFSTEDE, Interkulturelle Zusammenarbeit. Kulturen – Organisation – Management, Wiesbaden, Gabler, 1993, S.19.

31 Vgl. Thomas ALEXANDER. Zitiert nach: Hans-Jürgen LÜSEBRINK, S.10, a.a.O.

32 Hamid YOUSEFI, a.a.O.

33 Sarvepalli RADHAKRISHNAN zitiert nach: Hamid Reza YOUSEFI, ebd.

34 Dominique SCHNAPPER, Modernités et acculturations : In: Communications, 1986, N°43, S141-168, hier S.151. Auf : http://www.persee.fr/web/revues/home/prescript/article/comm_0588-8018_1986_num_43_1_1645, von 14. November 2010, 10:30.

35 Aglaia BLIOUMI, Interkulturalität und Literatur in neueren literarischen Texten, München, Iudicium, 2002, S.28-40 hier S.31.

36 Aglaia BLIOUMI, ebd.

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Kulturbegegnung und Literatur der Migration in "Abengs Entscheidung" von Philomène Atyame
Hochschule
Université de Yaoundé I  (Ecole Normale Supérieure du Cameroun)
Note
15/20
Autor
Jahr
2011
Seiten
91
Katalognummer
V299204
ISBN (eBook)
9783656954095
ISBN (Buch)
9783656954101
Dateigröße
898 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kulturbegegnung, literatur, migration, abengs, entscheidung, philomène, atyame
Arbeit zitieren
Yannick Gnipep-oo (Autor:in), 2011, Kulturbegegnung und Literatur der Migration in "Abengs Entscheidung" von Philomène Atyame, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299204

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