Ein für Horkheimer und Adorno im Zentrum des Mythos liegender Begriff (wie auch im Zentrum der Aufklärung liegender Begriff) ist die Angst, die Furcht. Im Mythos geht es um eine Bannung der Angst; es geht darum, wie die Götter die Furcht vom Menschen nehmen könnten, wie das Furchterregende verständlich gemacht, erklärt, in Ketten gelegt, eben gebannt werden kann.
Der Mythos wird als Bericht eines Geschehens vorgestellt, welches nachvollziehbar sein soll um uns ferner als Erklärung, als Lehre dienen zu können, verfeinert niedergelegt in den Epen der Völker (Odyssee, Antigone, Gilgamesch, Osiris, Artussage etc.).
Mythos und Aufklärung verfolgen das Ziel „von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen “, wenn auch im Mythos noch nicht explizit auf den „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, also aus dem „Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“.
Der klassische Mythos anerkennt noch keine „Anschauungsformen von Raum und Zeit“.
Mythen sind noch Bilder für die Natur, die aus ihr stammenden Ängste der Menschen und deren Furcht vor dem sonst Unerklärlichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Grundlagen zum Begriff des Mythos in der Dialektik der Aufklärung
2. Der Mythos als Bericht eines Geschehens
3. Religion, Strukturalismus und die Dialektik der Aufklärung
4. Das Tabu und die Bedeutung des Mana
5. Die Archetypenlehre und die mythische Angst
6. Phasenmodell mythischer Metamorphosen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Wechselverhältnis zwischen Mythos und Aufklärung im Kontext der "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer und Adorno, wobei insbesondere die Rolle von Angst, Tabu und dem Konzept des Mana als Triebfedern für die menschliche Welterklärung analysiert wird.
- Analyse des Mythosbegriffs bei Horkheimer und Adorno
- Untersuchung der psychologischen Dimension von Angst und Furcht
- Erforschung der anthropologischen Bedeutung von Tabu und Mana
- Strukturelle Gegenüberstellung von Mythos, Aufklärung und Ideologie
- Entwicklung eines Phasenmodells mythischer Metamorphosen
Auszug aus dem Buch
Grundlagen zum Begriff des Mythos in der Dialektik der Aufklärung
Im Benin gibt es einen Mythos zur Erklärung pflanzlicher Heilkräfte:
„ Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde wurde von den Pflanzen bewohnt und von Lissa dem Kamelion. Das das Leben repräsentiert“.
Lissa hatte aber kein Geschlecht.
Eines Tages versammelte Gott seine Kinder des Himmels und bat Sie etwas zu unternehmen, damit er die Erde mit Hilfe Lissas bevölkern könne durch Lebewesen. Ogou der Gott des Eisens machte einen Schnitt zwischen die Beine von Lissa und schuf so die ersten Geschlechtsteile.
Gott zeugte nun mit Lissa viele Nachkommen. Unter den Kindern war Dan, die Schlange.
Als Lissa alt und krank wurde und Ihre Kräfte jeden Tag etwas mehr nachließen begab sich dann in den Busch, pflückte einen Zweig, verpflocht ihn mit anderen Zweigen, ging um ihn herum, kehrte nach Hause zurück und rieb damit Lissa den ganzen Körper ab. Daraufhin erholte sich Lissa und gewann ihre Gesundheit zurück.
Es ist seither, daß die Pflanzen ihre heilenden Kräfte haben“ (Pollach).
Eine der Hauptthesen in der „Dialektik der Aufklärung“ lautet:
„...schon der Mythos ist Aufklärung, und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück (6)“.
Was aber verstehen Horkheimer und Adorno unter diesem zentralen Begriff vom Mythos?
„Als Grund des Mythos hat sie (die Aufklärung) seit je den Anthropomorphismus, die Projektion von Subjektivem auf die Natur aufgefaßt (1)“. Alles, was in der mythischen Realität auftritt soll aus Projektionen des Menschen bestehen. Geister, Dämonen, magische Rituale oder mythische Gestalten seien Ausgeburten der Gedanken, Ängste und Befürchtungen der Menschen, „Ausgeburten“der Individuen.
Darüberhinaus wollte„der Mythos berichten, nennen, den Ursprung sagen: damit aber darstellen, festhalten, erklären (14)“.
Ein für Horkheimer und Adorno im Zentrum des Mythos liegender Begriff (wie auch im Zentrum der Aufklärung liegender Begriff) ist die Angst, die Furcht (22). Im Mythos geht es um eine Bannung der Angst; es geht darum, wie die Götter die Furcht vom Menschen nehmen könnten, wie das Furchterregende verständlich gemacht, erklärt, in Ketten gelegt, eben gebannt werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Grundlagen zum Begriff des Mythos in der Dialektik der Aufklärung: Einführung in die Definition des Mythos als Mittel zur Bewältigung menschlicher Urangst und Projektion.
2. Der Mythos als Bericht eines Geschehens: Betrachtung des Mythos als bildreiche Erzählung und Vorläufer wissenschaftlicher Weltdeutung unter dem Ziel der Angstbannung.
3. Religion, Strukturalismus und die Dialektik der Aufklärung: Untersuchung interdisziplinärer Perspektiven, insbesondere des Strukturalismus nach Lévi-Strauss, im Bezug zur Dialektik der Aufklärung.
4. Das Tabu und die Bedeutung des Mana: Analyse der Begriffe Tabu und Mana als geheimnisvolle, angstbesetzte Kräfte, die das menschliche Handeln im mythischen Kontext leiten.
5. Die Archetypenlehre und die mythische Angst: Einordnung der Mana-Persönlichkeiten nach C.G. Jung und ihre Verbindung zur Ich-Entwicklung und mythischen Weltdeutung.
6. Phasenmodell mythischer Metamorphosen: Synthese der Ergebnisse in einem zyklischen Phasenmodell, das das Scheitern der Aufklärung an ihrem eigenen mythischen Ursprung darstellt.
Schlüsselwörter
Mythos, Aufklärung, Dialektik, Angst, Tabu, Mana, Anthropomorphismus, Projektion, Archetypen, C.G. Jung, Strukturalismus, Levi-Strauss, Ideologie, Entzauberung, Subjekt-Objekt-Spaltung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das philosophische Spannungsfeld zwischen Mythos und Aufklärung basierend auf Horkheimers und Adornos "Dialektik der Aufklärung".
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind der Ursprung mythischen Denkens, die Rolle der Angst, die Funktion von Tabus und der Begriff des Mana als magische Kraft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Aufklärung selbst in Mythologie zurückschlagen kann und welche psychologischen und gesellschaftlichen Mechanismen dabei eine Rolle spielen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit nutzt eine hermeneutische Textanalyse der Primärliteratur sowie ethnologische und tiefenpsychologische Theorien zur Ergänzung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Entwicklung vom Mana über den Mythos zur Aufklärung und die Selbstzerstörung der Aufklärung durch ihre eigene Angst vor dem Unbekannten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Mythos, Aufklärung, Angst, Tabu, Mana, Projektion, Ideologie und die kritische Selbstreflexion.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Mana bei Horkheimer/Adorno von C.G. Jung?
Während Jung Mana psychologisch in Form von Archetypen analysiert, begreifen Horkheimer und Adorno es als primäre, undifferenzierte Gesamtheit allen Seins, die Angst auslöst.
Was bedeutet das Phasenmodell "Mana » Mythos » Aufklärung » Tabu » Mythos » Mana"?
Es beschreibt die zyklische Entwicklung, in der die Aufklärung an ihrem Anspruch scheitert, das Unbekannte vollständig zu eliminieren, und dadurch selbst wieder mythologische Züge annimmt.
Warum wird das Tabu als universell betrachtet?
Das Verbot des Unbekannten wird als fundamentales Tabu angesehen, da die blosse Vorstellung eines ausserhalb der Erklärung liegenden "Draussen" die Quelle mythischer Angst ist.
- Arbeit zitieren
- Gregor Pollach (Autor:in), 2003, Grundlagen zum Begriff des Mythos in der "Dialektik der Aufklärung" von Theodor W. Adorno, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299225