Traumapädagogik bei Kindern und Jugendlichen im sozialen Nahbereich

Pädagogische Handlungsmöglichkeiten zur Bewältigung traumatischer Erfahrungen


Hausarbeit, 2014
30 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Trauma
2.1 Begrifflichkeiten
2.2 Ursachen und Entstehung
2.2.1 Gewalt im sozialen Nahbereich
2.3 Folgeerscheinungen
2.3.1 Posttraumatische Belastungsstörung
2.3.2 Komplexe Traumatisierung
2.3.3 Entwicklung und Bindung
2.3.4 Zentrale Lebensbereiche der Folgeerscheinungen

3. Traumapädagogik
3.1 Begriffsbestimmung
3.2 Ziele
3.3 Abgrenzung zur Traumatherapie
3.4 Handlungsmöglichkeiten und Methoden der Pädagogik
3.4.1 Grundhaltungen
3.4.2 Ansätze sozialpädagogischer Intervention
3.4.3 Der „Sichere Ort“
3.4.4 Bindungsorientierung und Neuerfahrung
3.4.5 Selbstbemächtigung

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Traumapädagogik hat sich in den letzten Jahren zu einer neuen, eigenständigen Fachdisziplin entwickelt und etabliert, denn im Gegensatz zu der Annahme, Traumatisierungen gehören ausschließlich dem therapeutischen Setting an, hat sich herausgestellt, dass auch die Pädagogik für traumatisierte Kinder und Jugendliche Unterstützungsmöglichkeiten bieten kann. Sie ist somit Bestandteil der Pädagogik und bezieht ihr Wissen aus den Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie1 und der Psychotraumatologie.2

Die Soziale Arbeit greift in Lebenssituationen, in denen Menschen Schweres geleistet haben. Ihr pädagogischer Arbeitsalltag wird ständig begleitet von traumatischen Erfahrungen der Betroffenen, sodass ein Ausschluss der Traumatisierungen von der Sozialen Arbeit nicht wegzudenken ist. Angesichts der steigenden Vernachlässigungs-, Missbrauchs- und Misshandlungserfahrungen3 von Kindern und Jugendlichen wächst also neben den therapeutischen Verfahren auch die Nachfrage nach traumabasierten pädagogischen Handlungsmöglichkeiten.

Diese Möglichkeiten, welche zur Bewältigung traumatischer Erlebnisse auf pädagogischer Ebene beitragen und somit den Heilungsprozess der betroffenen Kinder und Jugendliche aktivieren, möchte ich in meiner Hausarbeit erläutern. Zunächst werde ich auf das Thema „Trauma“ im Allgemeinen und insbesondere auf die schwerwiegenden Ursachen im Sozialen Nahbereich eingehen. Anschließend stelle ich die möglichen Folgeerscheinungen dar. Dieses Wissen ist notwendig um die nachfolgenden Punkte des zentralen Themas der Traumapädagogik und ihre Interventionsmöglichkeiten besser nachvollziehen zu können und diese von den therapeutischen Verfahren zu unterscheiden. Neben den grundlegenden Haltung der Traumapädagogik gehe ich ferner auf den Begriff der Bindung im traumatischen Kontext ein, um die Bedeutung für pädagogisches Handeln zu verdeutlichen.

2. Trauma

2.1 Begrifflichkeiten

Der Traumabegriff hat seinen Ursprung im Altgriechischen und bedeutet soviel wie „Verletzung“ oder „Wunde“. Im medizinischen Feld bezieht sich diese Übersetzung auf die Schädigung des Körpers, in der Psychologie hingegen auf die Verletzung der menschlichen Psyche, das sogenannte Psychotrauma.4 Ein Psychotrauma ist ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.5

Alle angeborenen Selbstschutzstrategien, sowie erlernte Hilfestrategien greifen nicht in traumatisierenden Situation und erscheinen als sinnlos. Betroffenen bleibt demnach nur die Möglichkeit in solchen Situationen mit Ohnmacht zu reagieren, welche allerdings nicht ohne Folgen bleibt. Diese können sich weit in das spätere Leben hinziehen. Der Betroffene empfindet diese Situation als ausweglos und durchleben das traumatische Erlebnis immer und immer wieder aufs Neue.

Die Traumapädagogik ist nicht erdenklich ohne das Wissen um die Erkenntnisse der Psychotraumatologie. Sie ist die Lehre von psychischen Traumata, ihrem Wesen und ihren Folgen. Erforscht werden die Auswirkungen von traumatischen Erlebnissen auf die Individuen, sowie Gesellschaften. Um die Folgen zu bewältigen, werden neben psychologischen, psychiatrischen und medizinischen Verfahren nun auch neuere Methoden der Traumapädagogik und der psychosozialen Traumaarbeit eingesetzt.6

Mit dem Begriff des „Sozialen Nahbereichs“ ist ein geschützter Bereich gemeint, in dem jeder Mensch Sicherheit, Geborgenheit und Vertrauen erwartet. Es ist der Bereich, in den sich jeder zurückziehen und Kraft schöpfen kann. Wenn dieser Lebensraum verletzt wird, kann es beim Betroffenen zu schwerwiegenden psychischen und physischen Folgen führen. Insbesondere Kinder und Jugendliche können durch die Verletzung dieser intimen Sicherheit langfristige Traumatisierungen davon tragen.7

2.2 Ursachen und Entstehung

Ob sich nach einer Ohnmachtssituation eine Traumatisierung entwickelt hängt davon ab, wie die Lebensumstände nach dem traumatischen Erlebnis auf das Kind oder den Jugendlichen einwirken. Denn manchmal schaffen es die Betroffenen dem Erlebten und der darauffolgenden Phase des Leidens einen Sinn zu geben und es in ihr Leben zu integrieren.8 Ein Drittel der Betroffenen schafft es nicht das Ereignis ohne langfristige Schäden zu überstehen; ihnen geht es also nicht nur unmittelbar danach schlecht – so wie den anderen zwei Dritteln der Betroffenen - sondern weiter über Monate hinaus. Das ist der sogenannte Cut-Off-Wert, der den Übergang von einer posttraumatischen Akutreaktion in ein chronisches Leiden bestimmt.9 Es ist also gerade deswegen wichtig, die gesellschaftlichen und situativen Bedingungen zu betrachten, welche Auslöser für diese unterschiedlichen Reaktionen sind. Dazu zählen folgende drei Merkmale:

a) Art, Umstände und Dauer des Erlebten
b) Entwicklungsstand des Betroffenen zum Zeitpunkt der traumatischen Erfahrung
c) Das Fehlen oder Vorhandensein von unterstützenden Bedingungen

2.2.1 Gewalt im sozialen Nahbereich

Traumata entstehen aufgrund vielfältiger negativ erlebter Erfahrungen, die oft im sozialen Nahbereich stattfinden. Es spielt eine maßgebliche Rolle, ob ein Mensch durch das einmalige Erleben einer besonders negativen Erfahrung verletzt wird (Kollektiverfahrung), z.B. bei einer Naturkatastrophe, oder ob er zum wiederholten mal Opfer von Gewalterfahrungen wird und somit diesen traumatischen Erlebnissen immer wieder ausgesetzt ist (persönlich erlittene Gewalterfahrung). Hier differenzieren sich die „Monotraumatisierung“ und „komplexe Traumatisierung“. Entsteht ein Trauma aufgrund einer Kollektiverfahrung wird von der „Monotraumatisierung“ gesprochen, sofern keine traumatischen Vorerlebnisse bestehen. Die „komplexe Traumatisierung“ dagegen resultiert aus sich wiederholenden Gewalterfahrungen (kumulative Erfahrungen), die sich über eine längere Dauer hinziehen. Diese Erfahrungen finden meist im familiären Bereich in Form von Gewalt statt und haben für die Betroffenen schwerwiegendere Folgen als die Monotraumatisierung. In wieweit sich die Gewalt in verschiedene Arten unterteilen lässt, soll im Folgenden erläutert werden.10

2.2.1.1 Vernachlässigung

„Vernachlässigung ist die andauernde oder wiederholte Unterlassung fürsorglichen Handelns sorgeverantwortlicher Personen (Eltern oder andere von ihnen autorisierte Betreuungspersonen), welches eigentlich zur Sicherstellung der physischen und psychischen Versorgung des Kindes notwendig wäre.“11

Ferner wird zwischen physischer und emotionaler sowie aktiver (bewusster) und passiver (unbewusster) Vernachlässigung als Formen von Gewalt unterschieden. Die physische Vernachlässigung wird durch unzureichende Versorgung, Pflege und Ernährung von den Betreuungspersonen ausgelöst. Diese Form der Vernachlässigung kann gravierende Folgen besonders für die körperliche Entwicklung des Kindes haben und in den schlimmsten Fällen sogar zum Tode führen.

Wird Kindern und Jugendlichen nur mangelnde oder gar keine Aufmerksamkeit und liebevolle Zuwendung geschenkt, spricht man von emotionaler Vernachlässigung. Das Kind wird somit durch ein zu geringes Beziehungsangebot in seinem Bindungsverhalten verunsichert und verkümmert.12 Wie bereits erwähnt können diese Vernachlässigungen ebenso aus einem unbewussten Gewaltakt heraus resultieren. Ursachen liegen oft in Überforderungen durch psychische Erkrankungen oder Suchterkrankungen seitens der Eltern13.

2.2.1.2 Psychische/Seelische Misshandlung

Die seelische oder auch psychische Misshandlung ist wohl die häufigste und grausamste Form der Kindesmisshandlung. Sie ist nicht so sichtbar wie andere Formen der Misshandlung, hat aber dennoch für die Psyche des Kindes extreme Folgen. Man spricht von dieser Form der Gewalt, wenn ein wiederholtes Verhaltensmuster der Eltern zu erkennen ist, welches darauf abzielt, dem Kind zu vermitteln, es sei wertlos und ungewollt, nicht geliebt und voller Fehler, es sei nur für die Erfüllung der Bedürfnisse anderer Menschen da und befinde sich in ständiger Gefahr. Das Kind wird hier nicht um seiner selbst willen geliebt und akzeptiert, sondern erfährt feindselige Ablehnung, Ausnutzung, Manipulation, Verspottung, Erniedrigung, Terrorisierung, Isolation und/oder das Verweigern von Reziprozität. Die gesunde Entwicklung der Persönlichkeit des Kindes wird erheblich beeinträchtigt.14 Psychische Gewalt ist nur selten auf ein einzelnes Ereignis zu beziehen und kommt eher als ständiges Merkmal in einer familiären Beziehungen vor15.

2.2.1.3 Physische Misshandlung

Mit der physischen Misshandlung sind alle absichtlichen und gewaltsamen Handlungen gemeint, die sich gegen den Körper des Kindes/ Jugendlichen richten, mit Schmerzen verbunden sind und in manchen Fällen sogar zum Tode führen. Dazu kommen oft gesundheitliche Beeinträchtigungen, Freiheitsberaubung sowie Ekelgefühle. Zur physischen Gewalt zählen beispielsweise Handlungen wie Ohrfeigen, kneifen, schütteln, Prügel, Schläge (auch mit Gegenständen), treten, ausreißen von Haaren, Vergiftungen, würgen, Verbrühungen, Verbrennungen und Unterkühlung. Von physischen Gewalthandlungen ist die Rede, wenn es sich um Wiederholungen handelt.16 Eine beispielsweise einmalige Ohrfeige aus dem Affekt heraus hat geringere Auswirkungen auf das Kind, als wenn es ständig unangemessen geschlagen wird.17 Besonders gefährdet sind Kleinkinder und Säuglinge. Bei Säuglingen liegt die Gefahr in dem sogenannten „Schütteltrauma“. Das Schütteln des Kindes kann insbesondere im ersten Lebensjahr zu lebensgefährlichen Verletzungen führen.18

2.2.1.4 Sexualisierte Gewalt

Unter sexualisierter Gewalt wird jede sexuelle Handlung an oder vor einem Menschen verstanden, welche gegen seinen Willen geschieht oder er aufgrund seines Entwicklungsstandes nicht verstehen und kein wissentliches Einverständnis geben kann.19

Sexualisierte Gewalt betrifft Menschen aus allen Gesellschaftsschichten; ebenso kommen die Täter aus allen Schichten der Gesellschaft. Die Täter bewirken gezielte sexuelle Handlungen an ihren Opfern. Sexuelle Gewalt geschieht somit niemals zufällig. Täter bedienen sich durch sexuelle Gewalthandlungen an Kindern und Jugendlichen ihrer Macht- und Autoritätspositionen.20 Um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, werden die Grenzen des Kindes bzw. Jugendlichen ignoriert und gleichzeitig die körperliche, psychische, kognitive und/oder sprachliche Unterlegenheit ausgenutzt21.

2.3 Folgeerscheinungen

2.3.1 Posttraumatische Belastungsstörung

Kinder und Jugendliche, sowie bereits Erwachsene können nach traumatischen Erlebnissen die sogenannte Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder Post-Traumatic-Stress-Disorder (PTSD) erfahren. Von dieser wird gesprochen, wenn die Belastungen über Monate hinweg unvermindert anhalten. Chronisch wird die Belastung ab einer Zeitdauer von drei Monaten. Kennzeichnend für diese Störung ist das sich immer wiederholende unfreiwillige Erleben der traumatischen Erfahrung, sowie ein daraus resultierendes Vermeidungsverhalten von jeglichen Reizen, welche mit dem Trauma verbunden sind. Dazu gehören beispielsweise das bewusste Vermeiden von Menschen; Orten und Gefühlen, Gedanken sowie Gesprächen, welche an die traumatische Situation erinnern könnten. Außerdem leben die Betroffenen auf einem andauernd erhöhten Erregungslevel, welches die ständige Alarmbereitschaft des Körpers zum Ausdruck bringt. Diese körperliche Überregung sorgt für erhöhte Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit, Konzentrationsschwäche, ausgelöst durch Überwachsamkeit und Schlafstörungen, sowie Alpträumen. Langfristig können psychosomatische Krankheitsbilder resultieren. Kommt es bei den Betroffenen zu einem plötzlichen „Flashback“ führt dieser zu einer besonders belastenden und lebendigen Situation, die sich anfühlt, als würde das traumatische Erlebnis genau im selben Moment noch einmal geschehen. In dieser Situation können die Betroffenen ihre Gedanken und Sinneswahrnehmungen nicht steuern. Diese Erinnerungsattacken gehen mit äußerst intensiven psychischen und physischen Belastungen einher.22

2.3.2 Komplexe Traumatisierung

Im Gegensatz zu dem oben beschriebenen Typ I Traumata wird die komplexe Traumatisierung als Typ II Traumata beschrieben und charakterisiert eine Reihe von Persönlichkeitsveränderungen. Diese können dann entstehen, wenn sich die Belastung nicht nur über Monate hinwegzieht, sondern wenn sie über Jahre und Jahrzehnte eine fortsetzende Beeinträchtigung für den Betroffenen darstellt. Sie kann dann von einer posttraumatischen Belastungsstörung in eine Persönlichkeitsveränderung übergehen, bei der Erscheinungsbilder auftreten können, die von psychiatrischen und psychosomatischen Störungsbilder kaum noch zu unterscheiden sind.23 Die komplexe Traumatisierung ist durch psychische Fragmentierung gekennzeichnet, bei der sich die Verbindungen von Erleben, Erinnern, Wissen und Fühlen auflösen. Obwohl das traumatische Erlebnis bereits schon seit Jahren vergangen sein kann, wird diese Überlebensstrategie vom Betroffenen weiterhin fortgeführt. Ferner treten auch Auffälligkeiten im neuronalen Bereich auf; traumatisierte Menschen nehmen Reize anders auf als Menschen ohne traumatische Erfahrungen. Zudem können sie das Erlebte nur schwer verstehen, da es hirnphysiologisch schwierig ist, die Erinnerungen mit Sprache zu verbinden. Erst die Versprachlichung ermöglicht kognitive Zuordnungen.

Es wird deutlich, dass Trauma als Ergebnis eines komplexen Beziehungsgefüges zwischen psychologischen, physiologischen und sozialen Prozessen gesehen werden muss, das die Auswirkung im Leben der Opfer gestaltet.

Das traumatisierte Kind wird in jeder neuen Entwicklungsstufe vor neue Herausforderungen gestellt, welche zu bewältigen sind und die durch die Geschichte der vorangegangenen Erfahrungen geprägt sind. Traumafolgen bringen demnach nicht nur psychische Störungen und Problematiken mit sich, sondern führen zu Veränderungen, die eine neue Situation für zukünftige Verhaltensmuster und Bewältigungsmechanismen schaffen.

2.3.3 Entwicklung und Bindung

Kinder suchen aufgrund einer evolutiv vorgegebenen Bindungsneigung die Nähe vertrauter Personen auf. Diese frühe Bindung zwischen Kind und Eltern, ist maßgeblich und gilt als sichere Basis für die gesamte weitere Entwicklung des Kindes. Diese Auffassung vertrat der Kinderpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby (1907-1990), nachdem er bei der Behandlung schwer traumatisierter Kinder und Jugendlicher immer wieder auf frühkindliche Defizite traf. Um eine stabile Bindung zu ermöglichen, ist es wichtig, dass die Fürsorgepersonen die Signale des Kindes korrekt wahrnehmen, interpretieren, sowie prompt und angemessen beantworten24. Wesentlich ist hierbei, wie sich die Bezugsperson dem Kind gegenüber verhält, wenn es negative Emotionen wie beispielsweise Wut, Trauer oder Angst verspürt. Das Bindungsverhalten wird aktiv, wenn sich bei einem Kind Verunsicherung in einer Situation ausbreitet. Wenn dieses Sicherheitsbedürfnis durch die Bezugsperson gestillt wird, kann das Kind explorieren. Durch dieses wechselseitige Zusammenspiel von Bindungsperson und Kind in den vielfältigsten, alltäglichen Situationen entsteht in den ersten Lebensmonaten ein typisches Bindungsmuster. Das Kind verinnerlicht diese Erfahrungen und bildet ein „inneres Arbeitsmodell“ dieser bestimmten Bindungsperson gegenüber aus (für jede Bezugsperson kann ein eigenständiges Arbeitsmodell ausgebildet werden25 ), welches als Grundlage für seine psychische Organisation und Handlungsgrundlage im Umgang mit seinen Gefühlen, dem Verhalten in Beziehungen bei emotionaler Belastung, dem Aufbau eigener Beziehungen und der Entwicklung von Selbstwertgefühl und Kompetenz dient26. Fehlt einem Kind diese Sicherheit, wird seine Entwicklung und der Ausbau emotionaler, kognitiver sowie sozialer Fähigkeiten beeinträchtigt. Die Bindung stellt für die Entwicklung somit einen zentralen Schutzfaktor dar.

Kinder, die keine positive Bindungserfahrung durch die Bezugsperson erleben durften, sind oftmals durch Misshandlungen im sozialen Nahraum geprägt. Sie leiden unter einer ständigen Konfrontation mit Reizen, welche das traumatische Erlebnis immer wieder aufleben lassen, falls die Misshandlung nicht ohnehin in der Realität fortgeführt wird. Durch das Fehlen des zentralen Schutzfaktors können sie somit für sich keine Orientierungspunkte für die weitere Entwicklung schaffen. Zudem entsteht die sogenannte Double-Bind-Situation, in der sich das Kind spürbar zu seiner Bezugsperson hingezogen aber andererseits auch bedroht fühlt.

Je nach dem, wie die Bezugsperson auf die Emotionen des Kindes reagiert, bildet das Kind ein entsprechendes Bindungsmuster aus. Die Bindungsforschung hat umfangreiche Erkenntnisse in diesen Bereichen gewonnen, welche sich im Folgenden vereinfacht darstellen lassen:

Feinfühligkeit dem Kind gegenüber bewirkt ein sicheres Bindungsmuster. Reagiert die Bezugsperson eher mit Zurückweisung, droht ein sich unsicher-vermeidendes Bindungsmuster beim Kind auszubilden. Das unsicher-ambivalente Bindungsmuster entsteht durch ein unbeständiges Verhalten der Bezugsperson dem Kind gegenüber. Dabei reagiert die Bezugsperson sowohl feinfühlig als auch ablehnend oder kaum angemessen. Eine unsichere Bindung des Kindes entwickelt sich, wenn die Bezugsperson eine chronisch und häufig zurückweisende Haltung dem Kind gegenüber hat und die kindlichen Bindungsbedürfnisse inkonsistent beantwortet oder ignoriert werden. Eine chaotisch-desorganisierte Bindung ist zurückzuführen auf eine Angstreaktion des Kindes gegenüber der Bezugsperson. Diese Angstreaktion entsteht durch traumatisierende Lebenserfahrungen wie beispielsweise eine Misshandlung durch die Bezugsperson. Das Kind lebt in einer permanent traumatischen Überstimulierung, welche eine Überforderungssituation auf Dauer unumgänglich macht. Neben einer Veränderung der Neurophysiologie können komplexe Entwicklungsstörungen sowohl auf der psychischen als auch der physischen Ebene resultieren, die sich dann auf die Selbstregulation, die Reaktionsbereitschaft und die Sprach- und Kognitionsentwicklung auswirken. Folglich können dissoziative Fähigkeiten beim Kind entstehen, die ihnen als eine wichtige psychische Ressource dient.27 Dissoziation wird als ein Schutzmechanismus zum Überlebenssichern verstanden, also eine gesunde Reaktion auf eine anormale und lebensbedrohliche Situation. Es ist ein Prozess, der die Psyche vor überwältigendem Stress und daraus resultierendem Trauma schützt aber auch andererseits zu einer Belastung führen und dadurch das Leben des Betroffenen erschweren kann.28 In hoch belastenden Situationen spalten Kinder ihre Empfindungen ab:

„Wenn man nicht physisch fliehen kann, wird man versuchen, psychisch zu 'fliehen', die Situation selbst 'unwirklich' zu machen und den eigenen Körper als fremd, als nicht mehr zugehörig erleben, um den physischen und seelischen Schmerz zu verringern29.“

Das Selbst- und Weltbild des Kindes kann sich durch erlebte Gewalt in der Familie dahingehend entwickeln, dass es von Angst-, Scham- und Schuldgefühlen geprägt ist und das Kind seine zukünftigen Erwartungen und Handlungen an diesem orientiert30. Damit das Kind die lebenswichtige Beziehung zu seiner Bezugsperson aufrecht erhalten kann, wird diese, trotz Misshandlungstaten häufig idealisiert31. Das Kind sucht daher die Gründe für die traumatischen Erlebnisse in der eigenen Person und reagiert mit den Bewältigungsmechanismen der Dissoziation wie beispielsweise Aggression, Einnässen und Rückzug. Anstatt einem gesunden Explorations- und Entwicklungsverhalten nachzugehen, sind die Kinder damit beschäftigt sich dem Ausgleich der oben genannten Beeinträchtigungen zu widmen.

Wenn Jugendlichen keine Unterstützung in Gewalterfahrungen zu teil wird reagieren sie zwar ebenso wie Kinder mit massiven Schuld-und Schamgefühlen, allerdings können sie hingegen eine klare Vorstellung über das Erlebte entwickeln. Oft äußern sich ihre Reaktionen in Gewaltkonflikten mit Gleichaltrigen ohne, dass ein Zusammenhang zwischen dem Erlebten und dem aktuellen Geschehen besteht.

2.3.4 Zentrale Lebensbereiche der Folgeerscheinungen

Da misshandelten und dadurch traumatisierten Kindern das uneingeschränkte Grundbedürfnis eine liebevolle, sichere und vertraute Beziehung zu ihrer Bezugsperson zu entwickeln verwehrt wurde, haben sich die Erwartungen an ihre Mitmenschen auch im späteren Leben verzerrt. Sie haben gelernt, dass Situationen, die von Nähe und Vertrauen geschaffen sein sollten, Gefahren bergen. Es fällt ihnen schwer neue Beziehungen einzugehen, da die Angst vor erneuten Verletzung allgegenwärtig ist. Es fehlt an konstruktiven Bindungsmustern und Abgrenzungsfähigkeit. Diese Angst ist mitverantwortlich für Selbstwert-, Intimitäts-, Beziehungs- und Kontaktprobleme, sowie depressive Verstimmungen. Auf lange Sicht gesehen isolieren sich die von menschenhand traumatisierten Opfer von anderen Menschen was u.a. zu Risikoverhalten und/oder autoaggressiven Tendenzen führen kann. Sie verbringen häufig ihr ganzes Leben mit dem Gefühl nirgendwo sicher zu sein und werden von ihren Ängsten und Ohnmachtsgefühlen immer wieder eingeholt. Diese können dafür verantwortlich sein, dass sich Albträume, Phobien, Konzentrationsstörungen, sowie psychosomatische und Zwangsstörungen entwickeln. Angstgefühle können als besonders lähmend beim Betroffenen auswirken, sodass sich auf Dauer eine depressive oder aggressive Grundstimmung manifestiert und somit eine aktive Hilfesuche verwehrt wird. Manche Betroffenen werden selbst zum Täter, da sie sich mit der Rolle des damaligen Täters identifizieren. Sie versuchen damit Ängste zu bannen, die sich für sie auf andere Weise nicht bewältigen lassen.32

[...]


1 Teildisziplin der Psychologie

2 Vgl. Bausum, J, Besser, L. U., Kühn, M. & Weiß, W. (Hrsg.) (2013). Traumapädagogik. Grundlagen, Arbeitsfelder und Methoden für die pädagogische Praxis, S. 7

3 So auch RP Online: Zahl der Kindesmisshandlungen steigt. http://www.rp-online.de/panorama/zahl-der-kindesmisshandlungen-steigt-aid-1.4302164, 18.08.2014

4 Vgl. Scherwath, C. & Friedrich, S. (2012). Soziale und pädagogische Arbeit bei Traumatisierung, S. 17

5 Siehe Fischer G. & Riedesser P. (2009). Lehrbuch der Psychotraumatologie, S. 84

6 Vgl. Weiß, W. Et al. (2014). „Als wäre ich ein Geist, der auf mich runter schaut“. Dissoziation und Traumapädagogik, S. 243

7 Vgl. Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes: Gute „Verkannte“. http://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/gewalt/gewalt-im-sozialen-nahbereich.html, 18.08.2014

8 Vgl. Schulze, H. Loch, U. & Gahleitner S. B.( Hrsg.) (2012). Soziale Arbeit mit traumatisierten Menschen. Plädoyer für eine Psychosoziale Traumatologie, S. 6, 7

9 Vgl. Huber, M. (2003) Trauma und die Folgen. Trauma und Traumabehandlung. Teil 1, S. 22

10 Vgl. Schulze, H. Loch, U. & Gahleitner S. B. (2012), S. 7

11 Schone, R. et al. (1997). Kinder in Not. Vernachlässigung im frühen Kindesalter und Perspektiven sozialer Arbeit, S. 21

12 Vgl. Krieger et al. (2007). Kindesmisshandlung, Vernachlässigung und sexueller Missbrauch im Aufgabenbereich der öffentlichen Träger der Jugendhilfe. Eine Einführung, S. 16

13 Vgl. Schulze, H. Loch, U. & Gahleitner S. B. (2012), S. 13

14 Bareis, H. (2014). Psychische Kindesmisshandlung. http://dasboesekind.de/, 20.08.2014

15 Vgl. Kindler, H. (2006). Was ist unter psychischer Gewalt zu verstehen? S. 4f. nach Schulze, H. Loch, U. & Gahleitner S. B. (2012), S. 13

16 Vgl. Krieger et al. (2007), S. 14

17 Seifert, A. (2001). Folgen sexuellen Missbrauchs. Formen der Gewalt gegen Kinder. http://www.traumatherapie.de/users/seifert/seifert.html, 21.08.2014

18 Vgl. Schulze, H. Loch, U. & Gahleitner S. B. (2012), S. 15

19 Vgl. Wenninger, K. (1994). Langzeitfolgen sexuellen Kindesmißbrauchs. Dysfunktionale Kognitionen, psychophysiologische Reagibilität und ihr Zusammenhang mit der Symptomatik, S. 1

20 Vgl. Schulze, H. Loch, U. & Gahleitner S. B. (2012), S. 14

21 Vgl. Unabhängiger Beauftragter für Frage des sexuellen Kindesmissbrauchs (2014). http://beauftragter-missbrauch.de/course/view.php?id=42, 22.08.2014

22 Vgl. Schulze, H. Loch, U. & Gahleitner S. B. (2012), S. 24, 25

23 Vgl. Fischer, G. & Riedesser, P. (2009). Lehrbuch der Psychotraumatologie & Flatten, G. et al. (2001). Posttraumatische Belastungsstörung. Leitlinie und Quellentexte.

24 Konzept der Feinfühligkeit (Mary Ainsworth)

25 Steele, H., Steele, M., Fonagy, P. (1996)

26 Vgl. Lang, B. et all (Hrsg.) (2013). Traumapädagogische Standards in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Eine Praxis- und Orientierungshilfe der BAG Traumapädagogik, S. 189

27 Vgl. Schulze, H. Loch, U. & Gahleitner S. B. (2012), S. 27, 28

28 Vgl. Weiß, W. et al. (2014), S. 13

29 Wirtz, U. (1989). Seelenmord. Inzest und Therapie

30 van der Kolk, B.A. (1999). Zur Psychologie und Psychobiologie von Kindheitstraumata. In: Streeck-Fischer, A. (Hrsg.). Adoleszenz und Trauma

31 Vgl. Schulze, H. Loch, U. & Gahleitner S. B. (2012), S. 30

32 Ebd., S. 29-31

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Traumapädagogik bei Kindern und Jugendlichen im sozialen Nahbereich
Untertitel
Pädagogische Handlungsmöglichkeiten zur Bewältigung traumatischer Erfahrungen
Hochschule
Universität Kassel
Veranstaltung
Soziale Therapie
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
30
Katalognummer
V299228
ISBN (eBook)
9783656956792
ISBN (Buch)
9783656956808
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Traumapädagogik, Pädagogik, Soziale Arbeit, Kinder- und Jugendhilfe, Soziale Therapie, Trauma
Arbeit zitieren
Jaqueline Grauer (Autor), 2014, Traumapädagogik bei Kindern und Jugendlichen im sozialen Nahbereich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299228

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