Zukunftsforschung und Futurologie. Einführung und Buchrezension zu „Ihr werdet es erleben“ von Herman Kahn


Seminararbeit, 2014
21 Seiten, Note: 1,0
Simon Valentin (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Herman Kahn oder Dr. Seltsam

3. Das Buch „Ihr werdet es erleben“
3.1 Eckdaten zum Werk und zur Veröffentlichung
3.2 Inhalt und Grundideen

4. Prognose vs. Realität und Kritik aus heutiger Sicht
4.1. 100 technische Neuerungen
4.2. Kritik aus heutiger Sicht

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Bestreben der Menschen, die Zukunft in irgendeiner Art und Weise vorherzusagen ist vermutlich ebenso alt ist wie die Menschheit selbst. Die Versuche reichen von Phänomenen wie dem Orakel von Delphi über Cicero, der meinte „Kein Volk gibt es, wie ich sehe, mag es noch so fein und gebildet, noch so roh und unwissend sein, das nicht der Ansicht wäre, die Zukunft könne gedeutet und von gewissen Leuten erkannt und vorhergesagt werden“, bis hin zu den mathematisch berechneten Zukunftsvisionen unserer Zeit.

Die Zukunftsforschung als Wissenschaftsdisziplin, also der Versuch die Zukunft mit systematischen und kritischen wissenschaftlichen Mitteln zu prognostizieren ist hingegen eine recht junge Erscheinung, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg aufkam.

Die Blütezeit dieser sogenannten Futurologie war in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Zu dieser Zeitentwickelte sich ein regelrechter Hype um dieses Feld. Unterstützt durch die damals herrschende Technikgläubigkeit und -euphorie glaubte man damals zum ersten Mal wirklich die Zukunft vorherzusagen.

Unterstützt durch immer leistungsfähigere Computer und Rechenmaschinen, die die Modellberechnungen erst möglich machten entstand eine Hybris der Zukunftsforschung und ein resultierendes Selbstverständnis, das weit weg von dem der heutigen deutlich vorsichtigeren Forschung liegt.

Ein Hauptwerk dieser Hochphase der Futurologie war das in dieser Arbeit zu besprechende Buch „Ihr werdet es erleben“ von Herman Kahn.

2. Herman Kahn oder Dr. Seltsam

Herman Kahn wurde am 15. Februar 1922 in Bayonne, New Jersey geboren und starb am 07. Juli 1983 in Chappaqua, New York an einem Herzinfarkt.

Er wuchs als Sohn einer mittellosen jüdischen Familie in New York auf und ging im Alter von 18 Jahren an die University of California um sich erst für Physik und später auch für Volkswirtschaftslehre und Sozialwissenschaft einzuschreiben. Finanzieren musste er sein Studium selbst, über Neben- und Gelegenheitsjobs. Mit Unterbrechung durch den Militärdienst schloss er sein Studium mit einem Master of Science in Physik ab. Trotz seiner Fähigkeiten und Genialität, die später mit einem Intelligenzquotient von 200 attestiert wird, blieben ihm höhere akademische Ehren aus finanziellen Gründen verschlossen.1

So nahm Kahn nach kurzer Zeit als Immobilienmakler einen Ferienjob als Mathematiker bei der RAND Cooperation an. Diese Firma, bei welcher Kahn nun blieb repräsentierte das gerade in den USA aufkommende Phänomen des Thinktanks, der Denkfabrik. Einen, wie „Der Spiegel“ in einem Bericht von 1967 schreibt, „neuartigen Industriezweig der Vereinigten Staaten, in dem alljährlich Milliardenbeträge dafür ausgegeben werden, daß einige tausend kreative Köpfe sich berufsmäßig Gedanken machen“ 2 In Deutschland war man indes zur selben Zeit noch sehr skeptisch, sodass im Weiteren angeführt wird, „Die Jahresproduktion solcher "Denkfabriken" besteht nur in einigen dünnleibigen Bänden Schreibmaschinen-Skript.“ 3 Doch das Gewicht solcher Beratungsorgane wurde schon richtig eingeschätzt wenn man schreibt, dass sie „Amerikas Wirtschaft und Politik in den letzten Jahren entscheidender beeinflußt [haben] als Generationen von Militärs und Wirtschaftsführern je zuvor.“ 4

Nach 12 Jahren im Dienst der RAND Cooperation gründet Herman Kahn 1961 in der heißen Phase des Kalten Krieges seine eigene Denkfabrik, das Hudson Institute, 60km nördlich von New York mit der komplizierten Zielsetzung die Kahn mit den Worten formuliert: „Wir müssen mit der Historie fertig werden, noch ehe sie sich ereignet“ 5

Neben seiner Beteiligung bei der Entwicklung der Wasserstoffbombe unter Edward Teller war er der Erste, der „das Undenkbare dachte“, der den atomaren Weltkrieg als Denkmodell durchspielte. So konstatierte der amerikanische Soziologe Amitai Etzioni 1961: „Kahn does for nuclear arms what free-loved advocates did for sex: he speaks candidly of acts about which others whisper behind closed doors.“ 6 Ganz schonungslos, kühl und berechnend dachte er über einen tatsächlich eintretenden Atomkrieg nach. Es war sein Ansatz, dass die Menschen und auch die politischen Entscheidungsträger meist falsch oder gar nicht über diesen Fall nachdachten und er in den Augen vieler das absolute Ende bedeutete.

Mit seinem Buch „On Thermonuclear War“, einer Reminiszenz an den preußischen General und Militärtheoretiker Carl von Clausewitz, vertritt er die These, dass ein Atomkrieg, da er denkbar ist auch wahrscheinlich ist und vor allem, dass ein Atomkrieg tatsächlich zu führen und zu gewinnen ist. Er liefert Zahlen und rechnet vor, dass wenn bei einem schweren Atomangriff auf die USA 157 Städte zerstört würden etwa 160 Millionen Amerikaner den Tod finden würden. Dann blieben immerhin 20 Millionen übrig, die nach seinen Berechnungen etwa 100 Jahre bräuchten um den wirtschaftlichen und technologischen Standard der Vorkriegszeit wieder zu erreichen. Wenn hingegen nur 40 Millionen Amerikaner zu Tode kämen betrüge die Zeit nur etwa 20 Jahre.7

Mit derartigen Überlegungen erntete er bestürzte Kritik. Doch er verteidigte sich. Er war fest davon überzeugt nur der analytische Blick könne die Menschheit zum richtigen Handeln führen, wenn er sagt: „Ich muß den distanzierten Standpunkt eines Arztes einnehmen. Auch ein Arzt wird sich nicht ein Photo von der Frau und den Kindern seines Patienten auf den Schreibtisch stellen.“ 8 Mit Hilfe der Mathematik und insbesondere der Spieltheorie versuchte er das Monster des Atomkrieges zu bezwingen.

Dieses Image des unterkühlten Rationalisten, die körperliche Fülle des Drei-Zentner-Mannes und immer obskurere Ideen und Theorien wie die einer Doomsday-Maschine, einer Weltuntergangsmaschine, einer fiktive Abschreckungswaffe, die bei einer Verwendung alle Konfliktparteien ausschaltet, und somit die perfekte Abschreckung kriegslüsterner Atommächte und Friedensgarantie sei, machte Herman Kahn auch zu einem Stereotyp des verrückten Wissenschaftlers.

So diente er wohl auch als Vorbild des Dr. Seltsam, im englischen Original Dr. Strangelove, im Film „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ von Stanley Kubrick und seit dem Filmdebüt 1964 bis zum Ende seiner Karriere wurde Kahn vor allem in den Medien immer wieder als Real Dr. Strangelove, bezeichnet.9

3. Das Buch „Ihr werdet es erleben“

3.1. Eckdaten zum Werk und zur Veröffentlichung

Im Jahre 1967 veröffentlichte Herman Kahn zusammen mit seinem Kollegen Anthony J. Wiener ein spekulatives Buch zur langfristigen Entwicklung der Gesellschaft und des internationalen Systems unter dem Titel „The Year 2000 - A Framework for Speculation on the Next Thirty-Three Years“ das auf Deutsch als „Ihr werdet es erleben. Voraussagen der Wissenschaft bis zum Jahre 2000“ erschienen ist.

Schon hier fällt der deutlich unterschiedliche Titel auf. Ist der Originaltitel noch relativ offen und den spekulativen Charakter unterstreichend, so ist die deutsche Übersetzung sehr viel reißerischer, plakativer und dramatischer und suggeriert mit dem Wort Voraussagen eine viel größere Sicherheit als von den Autoren gewollt. So insistieren Kahn und Wiener immer wieder auf der Unvollständigkeit und dem Gedankenspielcharakter ihres Werkes. So meinte der deutsche Zukunftsforscher Robert Jungk 1969 mit Blick auf den Titel: „Die Öffentlichkeit wird die meist naiven, manchmal verwegenen Gedankenexperimente Herman Kahns als Orakelsprüche fehlinterpretieren, so wie sie bereits bei seinen früheren Versuchen, "das Undenkbare zu denken", gewagten Spekulationen über künftige nukleare Konflikte und "absolute Waffen", zu Unrecht zynische Kriegshetze vermutete.“ 10 Wobei vermutlich diese Art der Aufnahme seines Werkes nicht ganz ungewollt ist. So oft Kahn auch den heuristischen Charakter betonen mag, er weiß auch, dass sein Welterfolg darin begründet liegt, dass seine Vorhersagen für bare Münze genommen werden.

Ziel des Werkes war es, durch möglichst wissenschaftliche Zukunftsforschung eine Prognose zu erstellen, und somit eine Grundlage für politisches Handeln in der Gegenwart zu schaffen. Die Menschheit soll die Möglichkeit bekommen ihre Zukunft selbst zu wählen.

3.2 Inhalt und Grundideen

Die Kernidee des Herman Kahn war es Voraussagen über die Zukunft zu machen ohne den Charakter der Wahrsagerei und ohne romantische Phantasien. Die Prognosen sollen vielmehr das Ergebnis statistischer Zahlen aus demoskopischen und soziologischen Entwicklungskurven und letztlich naturwissenschaftlicher Erkenntnisse sein.

Die wichtigste Methode hierzu war die Trendanalyse und das Fortführen bestehender Entwicklungskurven durch Extrapolation in die Zukunft. Die Wissenschaftler bedienten sich bestehender statistisch gesicherter Zahlen zu den für sie wichtigen Indikatoren, wie beispielsweise die Bevölkerungsentwicklung oder das Bruttonationalprodukt eines Landes für einen Zeitraum in der Vergangenheit und verlängerten diese Entwicklung in die Zukunft wie an folgender Darstellung (Abbildung 2) deutlich wird.

Abbildung 1: Prognose des wirtschaftlichen Wachstums

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Vgl. Ghamari-Tabrizi, Sharon: The Worlds of Herman Kahn, 2005, S. 61ff.

2 Duell im Dunkeln, in: Der Spiegel vom 03.04.1967, Rubrik Ausland S.124.

3 Duell im Dunkeln, in: Der Spiegel vom 03.04.1967, Rubrik Ausland S.124.

4 Duell im Dunkeln, in: Der Spiegel vom 03.04.1967, Rubrik Ausland S.124.

5 Duell im Dunkeln, in: Der Spiegel vom 03.04.1967, Rubrik Ausland S.124.

6 Ghamari-Tabrizi, Sharon: The Worlds of Herman Kahn, 2005, S. 10.

7 Vgl. Duell im Dunkeln, in: Der Spiegel vom 03.04.1967, Rubrik Ausland S.129.

8 Duell im Dunkeln, in: Der Spiegel vom 03.04.1967, Rubrik Ausland S.129.

9 Vgl. Ghamari-Tabrizi, Sharon: The Worlds of Herman Kahn, 2005, S. 41.

10 Nachrichten von Morgen - Robert Jungk über Kahn/Wiener: Ihr werdet es erleben, in Der Spiegel vom 03.03.1969, Rubrik Kultur, S. 150

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Zukunftsforschung und Futurologie. Einführung und Buchrezension zu „Ihr werdet es erleben“ von Herman Kahn
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (ZAK | Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Zukunfts- oder Nachhaltigkeitsforschung
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
21
Katalognummer
V299236
ISBN (eBook)
9783656955917
ISBN (Buch)
9783656955924
Dateigröße
1309 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zukunftsforschung, Futurologie, Trendforschung, Trendanalyse, Szenariotechnik, Szenariomethode
Arbeit zitieren
Simon Valentin (Autor), 2014, Zukunftsforschung und Futurologie. Einführung und Buchrezension zu „Ihr werdet es erleben“ von Herman Kahn, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299236

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