Gewalt an Schulen als aktuelles Sozialisationsproblem


Examensarbeit, 2004

86 Seiten, Note: Inhalt 1, Methodik 4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Exposé

II. Gewalt an Schulen als aktuelles Sozialisationsproblem
1. Gewalt als Sozialisationsproblem
2. Erklärungsansätze für Gewalt
2.1 Theorien aus der Psychologie
2.1.1 Ansatz der Psychoanalyse – Freuds Aggressionstheorie
2.1.2 Die ethologische Aggressionstheorie
2.1.3 Die lerntheoretische Auffassung von Aggression
2.1.4 Frustrations-, Aggressionstheorie – Erklärung anhand eines Fallbeispiels
2.2 Theorien aus der Soziologie
2.2.1 Die Anomietheorie
2.2.2 Die Subkulturtheorie nach COHEN
2.2.3 Theorie der differentiellen Assoziation
2.2.4 Theorie der sozialen Desorganisation
2.2.5 Interaktionistische Theorie - Labeling Approach
3. Erscheinungsformen von Gewalt
3.1 Fremdenfeindlichkeit: Rassismus in der Schule
3.2 Verbale Gewalt bei Kindern und Jugendlichen
3.3 Gegenwärtige Situation der Schüler in Bayern
4. Pädagogische Maßnahmen als Konsequenz zu Gewalt an Schulen
4.1 Einführungen zum Thema Gewalt
4.2 Grenzen setzen
4.3 Funktionen von Regeln – Funktionen politischer Ordnungen
4.4 Stärkung des Selbstwertgefühls
4.4.1 Übungen zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden
4.4.2 Ich bin – ich kann – ich habe
4.4.3 Der heiße Stuhl
4.4.4 Auszeichnungen für Schüler
4.5 Schaffen einer positiven Schulatmosphäre
4.6 Freizeiterziehung
4.7 Förderung von Empathie
4.8 Umgang mit Multikulturalität – Vorbeugung von Fremdenfeindlichkeit
4.9 Das Projekt der Polizei: Abseits?!
4.10 Mediation
5. Exkurs: Konzept an einer Münchner Tagesheimschule

III. Resümee

IV. Bibliographie

I. EXPOSÉ

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Das Thema Gewalt macht seit Jahren Schlagzeilen.“[1]

Diesen Worten des Staatssekretärs im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Karl Freller, kann sich wohl jeder anschließen, der regelmäßig die Medien verfolgt und die Vorfälle in Metten, Brannenburg und Erfurt noch genau im Kopf hat. Der Mühldorfer Anzeiger schreibt in einer Ausgabe, dass das Erfurter Massaker vom 26. April 2002 auch sechs Monate danach als schwerste Gewalttat der deutschen Schulgeschichte gilt.[2] Doch man braucht nicht zu glauben, dass in früheren Zeiten die Gewalt vor den deutschen Schultüren Halt gemacht hat. Sogar das Kultusministerium schreibt auf seiner Internetseite[3], dass es Gewalt an Schulen schon immer gegeben hat, was auch Eduard Stenger, Schulforscher und Leiter des Lohrer Schulmuseums, bestätigen kann, der im Archiv nach historischen Vergleichsfällen gesucht und Belege gefunden hat, die bis ins Jahr 1880 zurückreichen.[4] Damals hat beispielsweise ein Elfjähriger versucht, seinen Lehrer mit dem Gewehr seines Vaters zu erschießen. Aber was sind die Ursachen solcher Gewaltakte?

Ziel der Arbeit soll unter anderem sein, darzustellen, welche Erklärungsansätze es für Gewalt gibt, welche Erscheinungsformen auftreten und welche pädagogischen Maßnahmen ergriffen werden können, um Gewaltausschreitungen zu verhindern.

Zu Beginn soll erst einmal der Titel der Arbeit `Gewalt an Schulen als aktuelles Sozialisationsproblem` in den Vordergrund rücken. Dabei soll geklärt werden, was überhaupt Sozialisation bedeutet und warum Gewalt ein Sozialisationsproblem sein kann, um somit ein besseres Verständnis beim Leser zu erreichen.

Im zweiten Teil werden sowohl Theorien aus der Psychologie als auch aus der Soziologie behandelt, die eine Basis für die späteren Erkenntnisse bilden sollen. Nicht zuletzt sollen einige Fallbeispiele die Theorien untermalen, um diese dem Leser anschaulicher zu gestalten. Darüber hinaus werden die Theorien dahingehend untersucht, so weit dies möglich ist, was sie in Hinblick auf Prävention in der Schule leisten können. Dies soll sofort im Anschluss an jede einzelne Theorie geschehen, um somit einen direkten Bezug herstellen zu können.

Obwohl die Theorien aus der Psychologie und Soziologie dem Leser sicherlich schon einige Formen von Gewalt anhand der Fallbeispiele vor Augen führen, sollen im dritten Abschnitt nochmals zwei wichtige Erscheinungsarten, nämlich Fremdenfeindlichkeit und verbale Gewalt, aufgezeigt werden. Mir erscheint es wichtig, Rassismus in der Schule ein weiteres Mal anzusprechen, da es ein immer aktuelleres Thema zu werden scheint, betrachtet man nur unsere multikulturell geprägte Gesellschaft, die nicht mehr nur in den Großstädten zu finden ist. Auch verbale Gewalt ist ein Diskussionspunkt, der oft verharmlost wird und meist schon als ganz normal angesehen wird. Um zu zeigen, dass Beleidigungen und Bedrohungen auch Formen von Gewalt sind, wird diese These ebenso in der folgenden Arbeit eine Rolle spielen. Dieser dritte Abschnitt soll darüber hinaus die gegenwärtige Situation der Schüler in Bayern aufzeigen, um die Problematik der Gewalt an unseren Schulen zu verdeutlichen. Hierzu sollen auch Daten aus Untersuchungen herangezogen werden.

Ein besonderes Gewicht wird nicht zuletzt auf die Präventionsmaßnahmen gelegt werden. Es sollen pädagogische Maßnahmen aufgezeigt werden, die helfen sollen, Konflikte zu managen, Aggressionen einzudämmen und Gewaltausschreitungen zu verhindern. Auf diese Weise soll Kommilitonen und bereits unterrichtenden Lehrern, die diese Arbeit lesen, eine Hilfestellung geboten werden, wie sie in Konfliktsituationen vorgehen und Aggressionen und Gewaltakten vorbeugen können.

Den Abschluss bildet ein Konzept, das an einer Münchner Tagesheimschule praktiziert wurde, um eine aktuelle Aggressionsproblematik gemeinsam in der Gruppe aufzuarbeiten. Dadurch kann gezeigt werden, inwiefern mit den richtigen pädagogischen Maßnahmen gemeinsam gegen Aggression und Gewalt angegangen werden kann und welchen Erfolg ein solches Konzept bringen kann.

II. Gewalt an Schulen als aktuelles Sozialisationsproblem

1. Gewalt als Sozialisationsproblem

Sozialisation ist ein „Prozeß, in dem der Mensch in die ihn umgebende Gesellschaft und Kultur hineinwächst und durch das Erlernen sozialer Normen und Rollen zum eigenständigen, handlungsfähigen sozialen Wesen wird.“[5] Gerhard Wurzbacher sieht die Sozialisation „als `Vorgang der Führung, Betreuung und Prägung des Menschen durch Verhaltenserwartungen und Verhaltenskontrollen seiner Bezugspartner`“.[6] Wichtig bei dieser Entwicklung sind die sogenannten Sozialisationsinstanzen wie zum Beispiel Familie und Schule, die den Menschen die gesellschaftlichen Werte und Normen vermitteln sollen. Bestehen allerdings Störungen im Sozialisationsprozess, kann es zu Sozialisationsdefiziten kommen, die sehr negativ auf das jeweilige Individuum wirken können, was wiederum negative Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft haben kann. Solche Sozialisationsdefizite sind zumeist schwer reparabel. Wenn Normen und Werte nicht genügend vermittelt werden, ist es wahrscheinlich, dass Fehlentwicklungen im Verhalten auftreten. Nehmen Familie oder auch Schule ihre `Erziehungsfunktion` nicht wahr, so hat dies Sozialisationsprobleme zur Folge, wie auch die Gewalt eines dieser Probleme darstellt, da Gewalt nicht das Ergebnis einer werteorientierten Erziehung sein kann.

Durch die Pluralisierung der Familienformen, die unter anderem mit dem Monopolverlust der Familie einhergeht, haben sich die Sozialisationsbedingungen doch sehr stark verändert. Man hat sich von der Mehrkindfamilie abgewandt, hin zu einer Klein- beziehungsweise Kernfamilie mit nicht mehr als zwei Kindern. Auch die Zahl von Einkindfamilien hat erheblich zugenommen. Für Kinder und Jugendliche, die in kleinen Familien oder Haushalten aufwachsen, vielleicht auch noch als Einzelkind, gibt es „wenig Chancen, Erfahrungen sozialen Lernens zu sammeln und Solidarität zu erleben“.[7]

Aber auch der Wandel der räumlichen Umwelt, wie Verstädterung oder die explodierende Verkehrsentwicklung, tragen einen großen Teil zur Entwicklung der Kinder bei. Die Kinder werden gehemmt, ihren Aktivitätstrieb auszuleben und die Möglichkeiten des Spielens auszuschöpfen. So nehmen vor allem andere Spielarten, die zu Hause `erlebt` werden können, einen hohen Stellenwert bei den Kindern ein. Solche `Ausweichspielarten` sind zum Beispiel Video, Computer, Fernsehen, Radio und so weiter, was allerdings zu einer Abkapselung von der Außenwelt führen kann. Ebenso wird das Spielen auf der Straße immer gefährlicher. Kinder und Jugendliche werden in speziell für sie vorgesehene Spielräume `hineingedrängt`, aus denen sie oftmals auszubrechen versuchen. Die Folge daraus sind bereits schon sehr frühe Kontakte und Konflikte mit staatlichen Kontrollinstanzen. Kindern wird die Möglichkeit geraubt, ihren Bedürfnissen, die viel mit Erleben und Abenteuer zu tun haben, nachzugehen. Für die Übernahme gesellschaftlicher Normen und sozialer Fähigkeiten wird dem Spiel eine überaus gewichtige Rolle zuteil. Erst im Spiel mit anderen kann das Kind in Interaktionen Erfahrungen sammeln, die von großer Bedeutung für den Sozialisationsprozess sind. Hier lernt es, in spätere Rollen hineinzuwachsen und auch Grenzen des eigenen Handelns zu sehen.

Im Folgenden werden nun Theorien aus der Psychologie und der Soziologie behandelt, die einige Erklärungsansätze für Gewalt darstellen sollen. Hierbei werden manche, bereits oben aufgeführte Gesichtspunkte nochmals in Erscheinung treten und genau erklärt werden.

2. Erklärungsansätze für Gewalt

2.1 Theorien aus der Psychologie

2.1.1 Ansatz der Psychoanalyse – Freuds Aggressionstheorie

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Grundlage für die Anwendung der Psychoanalyse in kriminologischer Hinsicht stellen die Theorien Sigmund Freuds dar, die ein Persönlichkeitsmodell des Menschen beschreiben. Die Psychostruktur des Menschen zeichnet sich somit in drei Ebenen ab: Das ES, das ICH und das ÜBER-ICH. Das ES ist das Ererbte, das von Anfang unseres Lebens an festgelegt ist, und das Zentrum unserer Bedürfnisse und Triebe darstellt. Es gilt als unpersönlich und primitiv und wird als triebhaft-unbewusstes Element der Persönlichkeit beschrieben. Das ES strebt die ganze Zeit danach, die Triebe auszuleben und kann sich dadurch nicht selbst kontrollieren. Hierfür gibt es deshalb die Instanz des ÜBER-ICHs, „die die Rolle des sozialen Gewissens übernimmt“[9]. Sie allein verhindert, dass das ES die Bedürfnisse zügellos auslebt. Das ÜBER-ICH entwickelt sich durch die Sozialisation, vor allem durch die frühkindliche Beziehung zu den Eltern, die dem Kind Normen und Werte, die unter anderem auch gesellschaftlich bedingt sind, vermitteln. Das Kind internalisiert die Regeln soweit, dass es oft nicht mehr erkennbar ist, dass diese erlernt worden sind. Aufgrund der Tatsache, dass bestimmte Wünsche, Vorstellungen und Handlungen mit Hilfe des ÜBER-ICHs, das durch Sozialisationsinstanzen geprägt worden ist, bewertet und beurteilt werden, bewusst oder unbewusst, kann das ES somit `im Zaum gehalten werden`.[8]

Die Vermittlerrolle spielt das ICH, das die Aufgabe hat, zu entscheiden, ob Triebe und Wünsche unterdrückt werden müssen oder ob das ES in seinem Verlangen befriedigt wird. Das ICH hat somit eine regulierende Wirkung, die zwischen ES und ÜBER-ICH lavieren muss, was nicht zuletzt zu Konflikten führen kann, da es ständig bestrebt ist, einen Ausgleichsmechanismus herzustellen.

Doch was bedeutet diese Theorie nun im Zusammenhang mit delinquentem Verhalten?

Ist das ÜBER-ICH unterentwickelt, was beispielsweise der Fall ist, wenn Sozialisationsdefizite auftreten, dann gewinnt das ES die Oberhand, was letztendlich dazu führt, dass Triebe ausgelebt und dadurch soziale Normen verletzt werden.

Natürlich ist es auch möglich, dass bei `normaler` Entwicklung des ÜBER-ICHs, das ES trotz allem stärker ist und es zu abweichendem Verhalten kommt.

Nicht zuletzt können sowohl das ÜBER-ICH als auch das ES so schwach ausgeprägt sein, dass immer noch eine Balance besteht, die Aggression und Regelverletzung verhindert.

In einem Briefwechsel mit Albert Einstein schreibt Sigmund Freud 1934:

„`..., daß es keine Aussicht hat, die aggressiven Neigungen der Menschen abschaffen zu wollen.`“[10]

Freud ist der Meinung, dass sich aggressive Impulse nicht vermeiden lassen und zu den biologischen Funktionen des Körpers gehören. Aggression gilt somit als angeborener Trieb beziehungsweise Instinkt. Durch ein hydraulisches Modell versuchte er zu beweisen, dass durch Spannung und Erregung Energie im Körper erzeugt wird, die über verschiedene Kanäle wieder abgeführt werden kann. Wird die Abfuhr der Energie an einer Stelle blockiert, so wird man versuchen, die Aggression in anderer Weise zu entladen und den entstandenen Druck dadurch abzubauen.

Aggressive Impulse können sich nun alleine in feindseligem oder destruktivem Verhalten, zum Beispiel Schlagen, Zerstören von Gegenständen, oder im Zusammenhang mit lebenserhaltenden Instinkten, beispielsweise bei der Abwehr von Angriffen, äußern. Nicht zuletzt können Kräfte gegeneinander, aber auch miteinander wirken, das heißt, dass sie sich einzeln oder als Kompromiss durchsetzen können. Menschliches Handeln kann deshalb als äußerst vielschichtig beschrieben werden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es sich nach Freuds Ansicht bei der Aggression um einen Trieb des Menschen handelt, der immer wieder auftritt und den Organismus direkt zur Befriedigung drängt, um diesen Trieb in einem erträglichen Zustand zu halten. Dieses Abreagieren, beziehungsweise diese Befriedigung des Triebs, erklärte er mit dem Begriff `Kartharsis`, was soviel wie `Reinigung` bedeutet. Allerdings wäre es falsch, zu glauben, dass menschliche Aggressionen dadurch dauerhaft beseitigt werden können. Für Freud war es vielmehr entscheidend, „die menschliche Aggressionsneigung `so weit abzulenken, dass sie nicht ihren Ausdruck im Kriege finden muß.`“ Daher ist es von Nöten, Aggressionen in die richtigen Bahnen zu lenken, damit sie nicht eskalieren, in welcher Form auch immer. Das Problem dieser Theorie besteht darin, dass es keine eindeutigen empirischen Befunde gibt, weshalb sie aus gegenwärtiger Sicht wissenschaftlich problematisch erscheint. Dennoch haben Freuds Ansichten eine nicht abzustreitende historische Bedeutung und können trotzdem, bei Einbeziehung anderer Theorien, einen sinnvollen Ansatz darstellen.

Untersucht man nun diese Theorie daraufhin, was sie in Hinblick auf Prävention in der Schule bedeutet, so müsste man meiner Meinung nach vor allem bei der richtigen Ausbildung des ÜBER-ICHs ansetzen. Man sollte deshalb als Lehrer in seinem Fach versuchen, den Schülern gesellschaftliche Normen und Werte zu vermitteln, die beispielsweise im Elternhaus noch nicht oder vielleicht nur unzureichend an die Kinder herangebracht wurden, um dadurch eine Balance zwischen ÜBER-ICH und ES herzustellen und somit aggressives Verhalten zu verhindern. Dies wäre sicherlich ein guter Ansatzpunkt für den Sozialkundeunterricht. Nicht das sture Auswendiglernen politischer Systeme sollte im Vordergrund stehen, sondern die Schüler sollen begreifen lernen, was Politik überhaupt ist und für was man einen Staat braucht. Nur wer die Hintergründe kennt, kann sich auch mit den gesellschaftlichen Werten und Normen kritisch auseinandersetzen und verstehen, warum diese allgemeingültigen Regeln für das Zusammenleben unabdingbar sind. Nicht zuletzt ist es von überaus großer Bedeutung, auch das ICH zu stärken, um somit dem Balanceakt zwischen ÜBER-ICH und ES angemessen begegnen zu können und daraufhin zu agieren. Ebenso sollte eine Erziehung zum rechten Gebrauch der Freiheit praktiziert werden, die dem einzelnen die Erkenntnis bringen soll, dass es keine grenzenlose Freiheit gibt und dass die eigene Freiheit ihre Grenzen an der Freiheit anderer findet.[11]

Unter anderem sollten Stresssituationen weitgehend vermieden werden, da Spannungen die Energie im Körper erzeugen, die, laut Freud, dann ein Ventil sucht, um sich zu entladen. Dies kann man zum Beispiel durch eine Auflockerung des Unterrichts erreichen, in der nicht zuletzt auch Raum für freie Meinungsäußerung bleibt.

Um menschliche Aggressionsneigung in den Griff zu bekommen, sollte man auch den Sportunterricht in den Schulen wieder mehr fördern. Durch das Spielen und Sich-Bewegen-Können kann aufgestaute Wut und überschüssige Energie abgebaut werden, ohne dass sie sich in gewalttätigen Handlungen niederschlägt.

2.1.2 Die ethologische Aggressionstheorie

Die ethologische Aggressionstheorie ist neben der psychoanalytischen ein Modell der internalen Position, das heißt, dass die meisten Ethologen, wie zum Beispiel Konrad Lorenz, Aggression als natürlichen Instinkt ansehen, der sich „`spontan` im Inneren des Menschen bildet.“[13] [12]

Lorenz hat sich vor allem mit der intraspezifischen Aggression beschäftigt, also mit der Aggression innerhalb der selben Art. Seine Theorie begründet er mit Versuchen, in denen er feststellte, dass sich Tiere der selben Spezies bekriegen, wenn man sie zusammen in einen Raum sperrt. Bei Tieren unterschiedlicher Art ist dies jedoch nicht der Fall, sofern keine Raubtier-Beute-Beziehung besteht. Hieraus kann man unter anderem eine gewisse Verbindung zwischen ethologischen Fragestellungen und den Ideen Darwins sehen.

Es ist allerdings zu beobachten, dass im Gegensatz zu den Tieren nur Menschen es schaffen, sich auch gegenseitig zu töten. Bei Tieren hingegen sind schwerere Verletzungen und Blutvergießen in der Regel eine Ausnahme, schon aus dem Grund der Arterhaltung. Die Ethologen sind der Meinung, dass Aggression „ein fester Bestandteil menschlichen Verhaltens“[14] sei, dass sich aber im Laufe der Evolution „die Mechanismen für Drohverhalten und ritualisiertes Kämpfen nicht mitentwickelt“[15] haben. Sowohl Lorenz als auch Freud vertreten die Ansicht, dass sich Aggression auch gegen Artgenossen oder Objekte richten kann, die ursprünglich nicht den auslösenden Reiz darstellen. Bestes Beispiel hierfür wäre das Schlagen der Hand auf den Tisch, aber auch vorsätzliche Sachbeschädigung. Wie oben bereits erwähnt wurde, sucht sich die angestaute Energie immer einen Weg, sich zu entladen, auch wenn der eigentliche Kanal blockiert ist. Eine solche Blockade ist zum Beispiel die Überlegenheit des eigentlichen Gegners, der die Spannungen vermutlich erst ausgelöst hat. Aus diesem Grund werden auch häufig Schwächere zum Opfer, die allerdings mit der auslösenden Situation im Endeffekt überhaupt nichts zu tun haben.

Wie auch bei Freud herrscht bei den Ethologen eher Pessimismus vor, da menschliches Aggressionsverhalten als natürlicher, biologischer Trieb, beziehungsweise Instinkt gesehen wird, der den Menschen immer wieder dazu zwingt, aggressive Impulse zu entladen, gleich auf welche Art. Lorenz glaubt, dass man „die Angriffslust kaum durch Erziehung abbauen könne“[16]. Er spricht sich aber dafür aus, dass beispielsweise „Freundschaften oder Bindungen zwischen Angehörigen verschiedener Nationen herzustellen und die aggressiven Energien auf andere Aktivitäten umzuorientieren“[17] sind. Dies ist unter anderem ein Ansatzpunkt, der noch im Verlauf der Arbeit angesprochen wird, wenn das Thema Fremdenfeindlichkeit in der Schule aufgegriffen wird. Unter der Umleitung auf andere Aktivitäten versteht Lorenz die Hervorhebung des Sports, was bereits im Punkt 2.1.1 erwähnt wurde.

Beide Theorien führen letztendlich zu dem Schluss, dass aggressive Verhaltensweisen zu der natürlichen Entwicklung des Menschen gehören und sich nicht vermeiden lassen. Hierin besteht meiner Meinung nach die Gefahr, Aggressionen als natürlich anzusehen, diese zu akzeptieren und widerstandslos hinzunehmen, und nicht zuletzt auch für Kriege Verständnis zu zeigen.

Würde man nun diese Theorien in den Vordergrund seiner eigenen Erziehungsarbeit rücken, so ist es von äußerster Wichtigkeit, Aggressionen von Schülern in die richtige Richtung zu lenken. Neben den bereits aufgeführten Präventivmaßnahmen ist es von großer Bedeutung, den Schülern eine Anleitung zu geben, wie überschüssige Energie abgebaut werden kann. Dies kann neben Freizeitaktivitäten auch der Ansporn zum Lernen sein. Wahrscheinlich würden sich an dieser Stelle auch die Befürworter einer Ganztagsschule zu Wort melden, denn mit einer solchen Etablierung wäre vielen Jugendlichen die Möglichkeit gegeben, unter Aufsicht ihre Zeit sinnvoll zu nutzen und Aggressionen nicht `auf die Straße` hinauszutragen und dort in Form von Schlägereien oder Sachbeschädigungen auszuleben. Auch Eltern haben oft aus beruflichen Gründen nicht mehr die Zeit, sich genügend um ihre Kinder zu kümmern oder scheuen nicht zuletzt die Mühen, dem Kind sinnvolle Freizeitgestaltung nahe zu bringen.

2.1.3 Die lerntheoretische Auffassung von Aggression

„`Es gibt im Menschen keinen angeborenen Trieb zum Krieg...Soziale mehr als biologische Merkmale bestimmen über Aggressivität und Kriegsbereitschaft von Nationen und anderen Gruppen.`“ (L. Berkowitz 1962)[19] [18]

Die lerntheoretische Auffassung sieht Aggressivität im Gegensatz zu den beiden vorausgegangenen Theorien als Produkt des Lernens, das heißt, dass Aggressionen vom sozialen Umfeld eines Menschen abhängen. Vor allem Albert Bandura betont, dass Umweltbedingungen wichtige Formen menschlichen Verhaltens auslösen und aufrechterhalten. Es gibt zwei Möglichkeiten, aggressive Verhaltensweisen seitens der Umwelt zu beeinflussen. Das ist zum einen das Beobachtungslernen und zum anderen das sogenannte Verstärkungslernen.

Beim Verstärkungslernen[20] sollte man einen der wichtigsten Vertreter beim Namen nennen, nämlich Iwan Pawlow, der das Lernen mit dem Prozess der klassischen Konditionierung erklärte. Hierbei tritt zu einem unbedingten (ungelernten, angeborenen) Reiz ein neutraler hinzu, der nach Abschluss des Lernvorgangs zum bedingten Reiz wird. In Bezug auf die Schule bedeutet dies, dass ursprünglich neutrale Reize später zu konditionierten werden. Den Schülern werden im Laufe ihrer Schulzeit viele Möglichkeiten gegeben, bestimmte Assoziationen mit Lehrern, bestimmten Unterrichtsfächern und so weiter, zu bilden. Die Institution Schule, die ursprünglich als neutraler Reiz angesehen wurde, wird später durch Lob oder Tadel, Billigung oder Missbilligung von schulischen Leistungen zu einem bedingten Reiz. „Diese emotionalen Konsequenzen von Erfolg und Mißerfolg können zum Bestandteil Klassischer Konditionierung werden. Bei mehrfacher Wiederholung dieser Abfolge werden aus den ursprünglich neutralen allmählich konditionierte Reize und diese zu Auslösern emotionaler Erlebnisse, wie z.B. Freude oder Angst.“[21] Lehrern wird deshalb nahegelegt, ein angenehmes Schulklima zu schaffen, in dem positive Gefühle aufgebaut werden können. Darüber hinaus ist es von großer Bedeutung, dass Misserfolge immer nur auf die konkrete Aufgabenstellung bezogen werden und nicht auf die (Ab-)Wertung einer bestimmten Person abzielen. Dies kann aber nur geschehen, wenn Schüler vom Lehrer eine allgemeine Wertschätzung erfahren.[22]

Edward Lee Thorndike, der das Verhalten als Instrument beziehungsweise Mittel sah, das bestimmte Konsequenzen hervorruft, war ein weiterer Vertreter des Lernens durch Verstärkung. Er war der Meinung, dass Konsequenzen, die dem Verhalten folgen, über dessen zukünftiges Auftreten entscheiden. Lernen kam nach Thorndike durch Versuch und Irrtum zustande, was er mit Hilfe seines Versuchs mit den hungrigen Katzen (1898) zu beweisen versuchte. Sie sollten lernen, die Käfigtür zu öffnen, um an den Futternapf heranzukommen. Dieses Lernen am Erfolg ging als `instrumentelles Lernen` in die Geschichte der Psychologie ein. Erfolg hat dabei immer die Funktion der Verstärkung eines Verhaltens. Um ein Beispiel aus dem Schulalltag zu nennen, wird im Folgenden ein Fallbeispiel aufgezeigt, das der Veranschaulichung dienen soll.

Ein Individuum setzt bestimmte Verhaltensweisen ein, um ein gewünschtes Ziel zu erreichen. Ein Kind, das unbedingt einen Stift haben will, wird wahrscheinlich zu einem anderen Kind rennen, um sich einen Stift zu beschaffen. Ist dieser Stift allerdings gerade im Gebrauch, kann es passieren, dass versucht wird, diesen dem Schüler direkt aus der Hand zu reißen. Wenn nun dieses Verhalten zum Erfolg führt, so wird das Kind auch in späteren Situationen versuchen, dasselbe Mittel anzuwenden. Mittlerweile ist belegt, dass Menschen verschiedene Formen gewaltsamen Verhaltens über diesen Prozess des instrumentellen Konditionierens erwerben.[23]

Der Lernpsychologe Burrhus Frederic Skinner (1904-1990) beschäftigte sich während seiner Tätigkeit auch mit den Arbeiten Thorndikes, wartete aber im Gegensatz zu Thorndike nicht ab, bis die Tiere zufällig das gewünschte Verhalten zeigten, sondern jede Bewegung wurde in Richtung des gewünschten Verhaltens sofort verstärkt. Skinner kritisierte, dass Thorndike zu keinem Zeitpunkt seiner Experimente die Kontrolle über das Verhalten der Tiere hatte, das heißt, dass er keinen direkten Einfluss darauf hatte. Mietzel weist darauf hin, dass `Kontrolle` oft missverstanden wird. „Man hat Kontrolle über ein Verhalten, wenn man Bedingungen schafft, die mit erhöhter Wahrscheinlichkeit Einfluß auf ein bestimmtes Verhalten nehmen. So `kontrollieren` Wolken beispielsweise, ob man einen Schirm mitnimmt.“[24] Das Verfahren der operanten Konditionierung, Verhaltensweisen in gewünschter Weise zu verändern, weckten mit der Zeit auch das Interesse der Lehrer. Nach Skinner gibt es vier verschiedene Arten von Konsequenzen, nämliche die positive Verstärkung, die negative Verstärkung, die Bestrafung und die Löschung. Von einer positiven Verstärkung kann gesprochen werden, wenn die Umwelt positiv auf ein Verhalten reagiert und daraufhin eine angenehme Konsequenz dargeboten wird. Dies wäre beispielsweise der Fall, wenn ein Schüler, der sich vorher mit einem Mitschüler gestritten hat, sich bei diesem entschuldigt. Ein solches Verhalten sollte seitens des Lehrers sofort verstärkt werden, indem man zum Beispiel dem Schüler ein Lob ausspricht. Eine negative Verstärkung hingegen bedeutet den Entzug einer angenehmen Konsequenz. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Schülern, die sich oft ungehorsam oder aggressiv im Unterricht benehmen, häufig angedroht wird, nicht auf die nächste Klassenfahrt mitfahren zu dürfen. Wird das Unterrichtsgeschehen in der Folgezeit nicht mehr gestört, so wird diese Drohung auch nicht wahrgemacht. Als Bestrafung betrachtet man die Darbietung einer unangenehmen Konsequenz oder auch der Entzug einer angenehmen. Schlägt ein Kind ein anderes, so kann man es beispielsweise durch Schimpfen oder auch durch einen Verweis bestrafen. Aber es könnte ihm auch die Beteiligung am nächsten Schulausflug verweigert werden. Solche Bestrafungen sollten immer im Ermessen des Lehrers stehen, der seine Schüler genau kennt, und weiß, welche Strafe beim jeweiligen Schüler die beste Wirkung zeigt, um solches Verhalten abzubauen. Die letzte Form ist die sogenannte Löschung. Hier folgen dem Verhalten weder angenehme noch unangenehme Konsequenzen. Ein unerwünschter Schimpfausdruck seitens des Schülers wird dann mit Nichtbeachtung verfolgt.

Die positive und die negative Verstärkung ermöglichen den Aufbau eines erwünschten Verhaltens, das bedeutet, dass der Vorgang der Verstärkung zu einer Erhöhung der Auftretenswahrscheinlichkeit des Verhaltens führt. Es gibt unterschiedliche Formen von Verstärkern. Hier sind beispielsweise materielle Verstärker, wie zum Beispiel Spielsachen oder Fleißbildchen, die vor allem in der Grundschule eine gute Möglichkeit darstellen, Verhalten zu bekräftigen, aufzuführen, aber auch Sozialverstärker (anerkennende Gesten), Aktivitätsverstärker (Filme ansehen, Fußball spielen) oder auch informative Verstärker, also die Mitteilung über die Erreichung eines Ziels, spielen eine Rolle. Eine Verstärkung zeigt die beste Wirkung, wenn sie dem Verhalten unmittelbar folgt. In der Anfangsphase sollte eine Immerverstärkung folgen, später eine gelegentliche Verstärkung. Bei komplexen Verhaltensmustern kann das Verhalten nicht immer gleich perfekt auftreten, so wie es sich der Lehrer vielleicht wünschen würde. Das Verhalten muss deshalb erst geformt werden. Außerdem sollte eine stufenweise Annäherung erfolgen, die im Fachchargon auch `sukzessive Approximation` genannt wird. So sollte man auch kleinste Schritte des Schülers im Hinblick auf das erwünschte Verhalten als Lehrer würdigen und weiterhin verstärken.

Die Bestrafung und die Extinktion sollen einen Abbau des unerwünschten Verhaltens hervorrufen. Laut Mietzel ist der positiven Verhaltenskontrolle, der die positive Verstärkung und die Löschung zuzuordnen sind, im Gegensatz zur negativen, nämlich der negativen Verstärkung und der Bestrafung, der Vorzug zu geben, da sie allgemein als effizienter gilt und weniger unerwünschte Nebenwirkungen aufweist. Eine Bestrafung hat häufig einen unangenehmen Beigeschmack, da eine solche Änderung der Verhaltensmodifikation auch genau die umgekehrte Reaktion auslösen kann. Würde man einen aggressiven Schüler immer nur bestrafen, so könnte sich die Aggression mit der Zeit auch gegen den Lehrer oder auf sämtliche andere Dinge, die mit der Schule in Zusammenhang stehen, richten, da Bestrafung „stets negative emotionale Reaktionen bei ihrem Empfänger“[25] auslöst. Sachbeschädigung, wie sie häufig in unseren Schulen vorkommt, könnte eine Folge sein. Bestrafung sollte nur verwendet werden, wenn ein Verhalten unverzüglich beendet werden soll. Dabei darf nicht vergessen werden, dem Schüler die Notwendigkeit dieser Maßnahme zu erklären. Nicht zuletzt ist es nötig, ihm die Möglichkeit zu geben, das erwünschte Verhalten zu zeigen, beispielsweise eine Entschuldigung auszusprechen.

Ein weiterer Erklärungsansatz für das Auftreten von aggressiven Verhaltensweisen ist das sogenannte Modell-Lernen[26], das von Albert Bandura begründet wurde. Für Bandura bot Skinners Konzept der Operanten Konditionierung keine ausreichende Erklärung für menschliches Lernen. Er war der Ansicht, dass Belohnung und Bestrafung nicht ausreicht, kognitive Prozesse zu steuern, vielmehr wird das eigene Verhalten durch vorgelebte Verhaltensweisen von Modellen zusehends mitbestimmt, das heißt von Personen in seiner Umgebung, also von Eltern, Lehrern aber auch Gleichaltrigen. Bandura führte mit Hilfe von Mitarbeitern ein Experiment durch, das seine These bekräftigen sollte. So teilte er Kindergartenkinder in vier Gruppen auf. Die erste Gruppe wurde in einen Raum geführt, in der eine erwachsene Person auf eine Gummipuppe einschlug und sie zudem noch anschrie. In der zweiten Versuchsgruppe konnten die Kinder dasselbe Verhalten in einem Film beobachten. Der Gruppe Drei wurde ein Zeichentrickfilm gezeigt, in der eine aggressive Katze zu sehen war, wohingegen die vierte Gruppe keinerlei Aggressionen sah. Im Anschluss an das Experiment wurden die Kinder nacheinander in ein Zimmer geführt, in denen sich Spielsachen befanden. Allerdings wurden sie darauf hingewiesen, die Spielsachen nicht anzufassen, da sie für andere Kinder reserviert waren. Dies sollte ein frustrierendes Erlebnis darstellen. Nach dieser Zwischenszene wurden sie in ein Zimmer mit relativ uninteressanten Spielsachen geführt, in dem sich auch eine kleine aufgeblasene Gummipuppe befand, die der aus dem Experiment glich. Die Kinder der ersten drei Gruppen reagierten fast alle in gleichem Maße aggressiv auf die Puppe, im Gegensatz zur Kontrollgruppe, die kein aggressives Modell beobachtet hatte. Bandura präzisierte das Experiment, indem er das Verhalten der Kinder im ersten Fall belohnte. Das aggressive Modell wurde deshalb häufiger und intensiver nachgeahmt, was unter der Bedingung der Bestrafung oder auch dem Nichtfolgen einer Konsequenz auf das aggressive Verhalten nicht der Fall war.

Die gezeigten Aggressionen wertete Bandura als Folge der Beobachtung des zuvor gezeigten Modells. Zwar wird hier auch der Verstärkungsbegriff aufgegriffen, allerdings in einer anderen Funktion als bei Skinner, da die Verstärkungen „über den Wert oder die Angemessenheit bestimmter Verhaltensweisen“[27] informieren. Die Kinder, die im Experiment wahrgenommen haben, dass Aggression belohnt wird, dürften für sich zu dem Schluss gekommen sein, dass es erwünscht ist, solches Verhalten zu zeigen. „Belohnungen, die aggressives Verhalten aufrechterhalten, können direkt oder stellvertretend erfahren werden.“[28] Bei der stellvertretenden Bekräftigung nimmt der Beobachter wahr, dass bei anderen eine Verhaltensweise verstärkt wird. Diese wird daraufhin nachgeahmt. Eine stellvertretende Verstärkung kann entweder den gleichen oder eventuell sogar einen stärkeren Effekt haben als die direkte Verstärkung. Mietzel ist der Meinung, dass vor allem Lehrer die Wirkung der stellvertretenden Bekräftigung nicht unterschätzen dürfen. Werden Leistungen von Schülern gelobt oder Verhalten getadelt, so haben Lehrer stets aufmerksame Beobachter. Wird auf ein nicht angemessenes Verhalten eines Schülers im Klassenzimmer seitens des Lehrers nicht reagiert, so kann bei den anderen Schülern der Eindruck entstehen, dass eine solche Verhaltensweise zumindest toleriert wird.[29]

Die Tatsache, dass Kinder aggressives Verhalten, ebenso wie andere Verhaltensweisen, nicht nur durch eigene Erfahrungen erwerben, sondern auch durch Modelle, also Vorbilder aus ihrer Umwelt, sollten sich vor allem Lehrer wie Eltern bewusst sein. Ein autoritärer Erziehungsstil, der häufig aggressive Elemente wie Schreien oder sogar Schlagen enthält, kann das Sozialverhalten der Kinder negativ beeinflussen, da solche Verhaltensweisen von ihnen übernommen werden und sich dann im Verhalten untereinander widerspiegeln können.

Auch Lehrer sollten stets versuchen, ihr Verhalten zu reflektieren und sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein. Sie sollen den Schülern positive Verhaltensweisen vermitteln, indem sie ihnen als Modell zur Verfügung stehen. Aggressive Verhaltensweisen von Schülern im Unterricht sollten meiner Meinung nach sofort unterbunden werden, um ein Nachahmen seitens der anderen Schüler zu verhindern. Ich schließe mich der Ansicht Mietzels an, dass unangemessenes Verhalten, jedenfalls auf Dauer, nicht einfach ignoriert werden darf. Allerdings sollte, wie oben bereits erwähnt, mit dem Mittel der Bestrafung vorsichtig umgegangen werden. Ein sehr hilfreiches Instrument, mit dem einem aggressiven Verhalten begegnet werden kann, ist sicherlich ein Gespräch unter vier Augen, das nach einer Schulstunde oder der Unterrichtszeit mit dem Betroffenen geführt wird. Nicht zuletzt besteht hier die Möglichkeit, die Gründe für solche Verhaltensweisen zu erfahren, da durch ein persönliches Gespräch auch ein Vertrauensverhältnis hergestellt werden kann, das erheblich zur Prävention beitragen kann.

2.1.4 Frustrations-, Aggressionstheorie – Erklärung anhand eines Fallbeispiels

Manche Psychologen, wie zum Beispiel Dollard, sind der Meinung, dass Aggression eine Reaktion auf Frustration ist.[30] Dabei versteht man unter Frustration „ein Ereignis, als dessen Wirkung eine Handlung verhindert und / oder in Hinblick auf die mit ihr verfolgten Ziele erfolglos bleibt.“[31] Die Theorie umfasst sowohl die Annahme, dass Aggression stets eine Folge von Frustration ist, und umgekehrt jede Frustration zwangsläufig zur Aggression führt. Aggression wäre demzufolge ein Verhalten reaktiver Art, das durch die erlebte Enttäuschung ausgelöst wird und sich zum Beispiel in einer Tätigkeit gegenüber der frustrierenden oder aber auch anderen Personen oder Objekten äußert. Allerdings können auch Emotionen verschiedenster Art wie beispielsweise Neid, Hass, Schmerz und so weiter zu Aggressionen führen. Rosenzweig sah alle Mangelzustände, Verluste und Konflikte als Frustrationen an.[32] Viele Psychologen schreiben Frustration heute eher eine auslösende als eine ursächliche Funktion zu, denn es kommt hier vor allem darauf an, wie die betreffende Person mit Frustration umgeht und wie groß ihre Frustrationstoleranz, also die Fähigkeit, Frustration zu ertragen, ist. Deshalb müssen Frustrationen nicht in jedem Fall zur Aggression führen. Wird eine Aggression aber ausgeführt, so wird der von der Frustration erzeugte Anreiz zur Aggression reduziert, was man mit dem Begriff `Katharsis`, den Freud bereits verwendete, umschreibt. Es ist aber falsch zu glauben, dass der Konflikt damit beendet ist. „Vielmehr besteht die Gefahr, daß sich die Interaktion zwischen den Konfliktparteien in einen Teufelskreis von Aggression und Gegenaggression entwickelt.“[33] Eine Abbildung soll die Verselbständigung aggressiver Interaktionen zu autonomen Prozessen verdeutlichen, bei denen sich die Konfliktparteien gleichermaßen selbst in einer Verteidigungs- und den anderen in einer Angriffsposition sehen.[34]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es muss nicht immer von vornherein bedeuten, dass Aggression Gewaltanwendung beinhaltet, da Konflikte auch häufig, zumindest über eine weite Strecke, mit gewaltfreien Mitteln ausgetragen werden können. Allerdings besteht stets die Gefahr einer gewaltförmigen Eskalation.[35] Manifestes aggressives Verhalten tritt dann auf, wenn der Anreiz zur Aggression stärker ist als die Hemmung der Aggression, wobei die Hemmung der Aggression wächst, je stärker das Ausmaß der Bestrafung ausfällt, die als Folge der Aggression erwartet wird.[36]

[...]


[1] Rede des Staatssekretärs im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, Karl Freller, bei der Auftaktveranstaltung der Aktion „Ja zur Jugend!“ – „Nein zur Gewalt!“ des Mittelfränkischen Elternverbandes e.V. am 12. Februar 1999 in Bad Windsheim (Quelle: Internet)

[2] Vgl. Mühldorfer Anzeiger (28.10.2002)

[3] http://www.km.bayern.de/a3/r5/teil1/oeff3.html

[4] Vgl. Mühldorfer Anzeiger (28.10.2002)

[5] Schäfers, Grundbegriffe der Soziologie, Seite 269

[6] Schäfers, Grundbegriffe der Soziologie, Seite 269/270

7 Schad, Verbale Gewalt bei Jugendlichen, Seite 30/31

[8] Vgl. zu diesem Kapitel: Lamnek, Theorien abweichenden Verhaltens, S. 80 ff. Pervin, Persönlichkeitspsychologie in Kontroversen, S. 74 ff.

[9] Lamnek, Theorien abweichenden Verhaltens, S. 81

[10] Pervin, Persönlichkeitspsychologie in Kontroversen, S. 78

[11] Vgl. Zöpfl, Gesellschaft – Schule - Kind, S. 106

[12] Vgl. zu diesem Kapitel: Pervin, Persönlichkeitspsychologie in Kontroversen, S. 79 ff.

[13] Pervin, Persönlichkeitspsychologie in Kontroversen, S. 80

[14] Pervin, Persönlichkeitspsychologie in Kontroversen, S. 82

[15] Pervin, Persönlichkeitspsychologie in Kontroversen, S. 82

[16] Pervin, Persönlichkeitspsychologie in Kontroversen, S. 82

[17] Pervin, Persönlichkeitspsychologie in Kontroversen, S. 82

[18] Vgl zu diesem Kapitel: Pervin, Persönlichkeitspsychologie in Kontroversen, S. 82 ff.

[19] Pervin, Persönlichkeitspsychologie in Kontroversen, S. 87

[20] Vgl. Mietzel, Pädagogische Psychologie, S. 133 ff.

[21] Mietzel, Pädagogische Psychologie, S. 130

[22] Vgl. Mietzel, Pädagogische Psychologie, S. 130

[23] Vgl. hierzu die Aufzeichnungen von Martin Marketsmüller (Seminar: Gewalt an Schulen)

[24] Mietzel, Pädagogische Psychologie, S. 134

[25] Mietzel, Pädagogische Psychologie, S. 145

[26] Vgl. zu diesem Kapitel: Mietzel, Pädagogische Psychologie, S. 159 ff.

Pervin, Persönlichkeitsstruktur in Kontroversen, S. 85 ff.

[27] Mietzel, Pädagogische Psychologie, S. 163

[28] Pervin, Persönlichkeitsstruktur in Kontroversen, S. 86

[29] Vgl. Mietzel, Pädagogische Psychologie, S. 163

[30] Vgl. Gruber, Schulpädagogik und Fachdidaktik in Frage und Antwort, S.13

[31] Kempf, Konflikt und Gewalt, S. 48

[32] Vgl. Kempf, Konfliktlösung und Aggression, S. 128

[33] Kempf, Konflikt und Gewalt, S. 49

[34] Vgl. Kempf, Konflikt und Gewalt, S. 50

[35] Vgl. Kempf, Konflikt und Gewalt, S.50

[36] Vgl. hierzu die Aufzeichnungen von Ilona Haberkorn im Seminar Gewalt an Schulen

Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
Gewalt an Schulen als aktuelles Sozialisationsproblem
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft)
Note
Inhalt 1, Methodik 4
Autor
Jahr
2004
Seiten
86
Katalognummer
V29935
ISBN (eBook)
9783638313254
Dateigröße
1437 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Benotung: Inhalt 1, Methodik 4 Problem war die nicht ausreichende Verknüpfung des Theorieteils mit dem Praxisteil
Schlagworte
Gewalt, Schulen, Sozialisationsproblem
Arbeit zitieren
Claudia Faschingbauer (Autor), 2004, Gewalt an Schulen als aktuelles Sozialisationsproblem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29935

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