Sprachliche Relativität in der Akustik. Ein deutsch-spanischer Vergleich


Projektarbeit, 2014
26 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINFÜHRUNG

2. VERGANGENE STUDIEN

3. FORSCHUNGSFRAGEN

4. HYPOTHESEN

5. BEGRIFFSKLÄRUNG
5.1. SCHALL
5.2. SCHALLWAHRNEHMUNG

6. METHODEN
6.1. EXPERIMENT
6.1.1. TEILNAHMEVORAUSSETZUNG
6.1.2. HÖRTEST
6.1.3. BEFRAGUNG: TONBEWERTUNG
6.1.4. ERGEBNISSICHERUNG IN EXCEL
6.2. KORPUSANALYSE
6.2.1. AUSWERTUNG KORPUSANALYE

7. AUSBLICK UND DISKUSSION

8. SCHWIERIGKEITEN BEI DER DURCHFÜHRUNG
8.1. PROBLEM 1. - GENDERSPEZIFISCHE ABWEICHUNGEN
8.2. PROBLEM 2. - BILDUNGSSPEZIFISCHE ABWEICHUNGEN

9. BIBLIOGRAPHIE

10. ANHANG

1. EINFÜHRUNG

Im Alltag werden Kulturunterschiede zwischen der eigenen und anderen Kulturen häufig wahrgenommen. Auch in Hinsicht auf die subjektive Lautstärkewahrnehmung, die sogenannte Lautheit (engl. loudness)1 fällt auf, dass es mehr oder weniger lautstärkeempfindliche Völkergruppen zu geben scheint.

Spanien gilt als eines der lautesten Länder der Welt. (Süddeutsche Zeitung 2010: Spanien geht auf die Ohren)

Doch was für Unterschiede stecken dahinter? Immerhin verfügen doch Menschen über mehr oder minder gleich ausgeprägte Sinnesorgane. So ist der Mensch in der Lage, Schall im Frequenzbereich von 16 bis 16.000 Hz2 wahrzunehmen (Möser 2012:1). Besonders gut hören wir im Bereich zwischen 3.000 und 4.000 Hz.3 Men- schen selbst sind außerdem in der Lage, Geräusche im Frequenzbereich zwischen 80 Hz und 12000 Hz zu erzeugen. Der entscheidende Unterschied, der uns offenbar ausmacht, wird durch die menschliche Lautstärkewahrnehmung (Lautheit) und das Lautstärkeverhalten bestimmt, die individuell variieren und durch vielerlei Einflussfaktoren bestimmt werden.

Als Indikator zur Messung der Lautstärke von Völkern wird häufig die Wohnraum- lautstärke gewählt, die wiederum durch Straßenverkehrslärm bedingt wird. Es ist davon auszugehen, dass durch die Umgebungslautstärke folglich auch das Lautstärkeverhalten z.B. die Sprechlautstärke beeinflusst wird, was wiederum auf das eigene Lautstärkeempfinden Einfluss nehmen könnte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. VERGANGENE STUDIEN

Als theoretische Grundannahme der vorliegenden Studie dient die Theorie der Sprachlichen Relativität. Dabei wird davon ausgegangen, dass unsere Weltwahrnehmung zumindest größtenteils von unserer Sprache abhängt. Den Gedanke der sprachlichen Relativität finden wir erstmals bei Humboldt im 19. Jh.

Der Mensch lebt auch hauptsächlich mit den Gegenständen, wie sie ihm die Sprache zuführt, und da Empfinden und Handeln in ihm von seinen Vorstellungen abhängt, sogar ausschließlich so. (Humboldt 1900:387)

Ähnliche, jedoch präziser ausformulierte Gedanken finden wir bei Wissenschaftlern aus der Anthropologie, Psychologie und Linguistik. Die bekanntesten von ihnen sind Boas, Sapir und Whorf. (vgl. Gumperz/Levinson 1991: 614f)

Sie alle glaubten, dass die semantischen Strukturen unterschiedlicher Sprachen nicht miteinander vergleichbar sind und, dass dies zu Unterschieden im Denken und Handeln der Sprecher von bestimmten Sprachen und damit einem anderen Weltbild führt (vgl. ebd.)

Sapir und Whorf entwickelten aus diesen Kerngedanken in den 1950ern die soge- nannte Sapir-Whorf Theorie. Diese besteht aus zwei Behauptungen. Die extremere der beiden, die des sprachlichen Determinismus, besagt, dass Sprache unser Den- ken bestimmt. Die abgeschwächte Variante, die der sprachlichen Relativität, geht davon aus, dass Sprache und Weltwahrnehmung sich gegenseitig lediglich bedin- gen. 1960 wurde die erste These aufgrund neuer Erkenntnissen der Kognitionswis- senschaften als widerlegt betrachtet. Man hatte sprachübergreifend semantische Universalia (auch Primitive) bei der Untersuchung von Farbtermini (basic color terms (Berlin/Kay 1969), ethnobotanischen Bezeichnungen und Verwandtschafts- bezeichnungen (Berlin/Breedlove 1970) gefunden. (vgl. Gumperz/Levinson 1991: 614) Diese Erkenntnis begünstigte stattdessen die bereits vorherrschende Theorie Chomskys, dass grundlegende menschliche Denkmuster mittels einer sogenannten Universalgrammatik genetisch verankert seien.

Die zweite These wird durch Studien gestützt, die eindeutige semantische Unter- schiede bei der Kategorisierung von Sprachfeldern auf lexikalischer, wie auch grammatikalischer Ebene gefunden haben. Hierbei wird davon ausgegangen, dass Sprache auf das menschliche Denken wie ein Filter wirkt. So wurde zum Beispiel festgestellt, dass Körperteile in manchen Sprachen grundlegend anders kategori- siert werden, weshalb Personen unterschiedlicher Kulturen ihren Körper auch un- terschiedlich wahrnehmen. (vgl. Malt et al. 2010: 58) Auch im Bereich der Farbter- mini wurden Unterschiede in der Ausdifferenzierung gefunden, so dass davon auszugehen ist, dass zwar eine kleine Anzahl an Universalia das Grundgerüst der Kategorisierung bestimmen, die Feinkategorisierung jedoch durch äußere Einflussfaktoren bedingt wird. (vgl. ebd.: 183)

Da es nach wie vor keine Methode zum Messen von Gedanken gibt, müssen ausgehend von dem Sprachverhalten Rückschlüsse gezogen werden.

Interlinguistische Unterschiede wurden durch den soziokulturellen Einfluss auf die menschliche Entwicklung begründet. Grice stützte diese Theorie durch die von ihr entwickelten Konversationsmaximen, nach denen wir situationsabhängig unterschiedlich interpretieren.

Laut Malt und Whorf ist die sprachliche Relativität mit einem sprachlichen und kultu- rellen Determinismus üblicher Denkmuster verknüpft. Das heißt, dass uns gewisse sprachliche Kategorien dazu zwingen, unsere konzeptuellen Kategorien zu definie- ren.

It is important too, to remember that humans entertain crucial concepts (e.g., „guilty“, „not guilty“) whose application can only be determined by a social procedure embedded in a political institution, which acts like a dis- tributed information processing device.“ (Gumperz/Levinson 1991: 615)

Auch der Forscher John Lucy kam zu dem Schluss, dass es vermutlich eine Art sprachliche Relativität auf der Ebene von Sprachfunktion und -gebrauch geben muss. Er hatte in einem eigenen Experiment Zahlensubstantive des Englischen mit denen des Yucatec Maya verglichen. Dabei hatte er festgestellt, dass die englischen Wörter die Form und Einheit beschrieben, wohingegen im Yucatec Maya die Sub- stanz eine große Rolle spielte.

[...]semantic structures of different languages might be fundamen- tally incommensurable, with consequences for the way in which speakers of specific languages might think and act. (Gumperz 1991: 2)

In der Annahme, dass Whorfs Hypothese des sprachlichen Determinismus fehlin- terpretiert werde, formulierte Slobin (2003:157ff) sie neu. Dabei schuf er den Begriff 'thinking for speaking' und argumentierte, dass kodierende Kategorien einer be- stimmten Sprache den Sprecher dazu zwingen würden, eine Art online-thinking auszuüben. So würden zum Beispiel räumliche Konzepte unsere gesamte Wahr- nehmung beeinflussen. In einer seiner Studien verglich er räumliche Präpositionen des Englischen mit jenen des Guguu Yinmidhirr, einer australischen Aborigine Sprache. Dabei fand er heraus, dass diese sich mittels eines Kardinalsystems an den Himmelsrichtungen orientieren. Somit würden sie keine Präpositionen wie vor, hinter usw. gebrauchen, sondern alles in Relation zu den Himmelsrichtungen beschreiben und dadurch eine ganz andere Raumwahrnehmung erfahren.

Lucy kam zu dem Schluss, dass unsere Sprachen in unserem Denken einschränken und zu bestimmten gewohnten Unterscheidungen und Orientierungen führen. Le- vinson geht noch weiter und bemerkt, dass bestimmte sprachliche Praktiken deut- lich weitgreifendere Konsequenzen auf unser Denken haben, noch bevor wir diese Gedanken veräußern. Maddieson (1984) geht davon aus, dass auch unser phoneti- sches Sprachinventar sprachtypologischen Einschränkungen unterliegt.

Laut Ochs wird Kultur durch ihre Praxis, insbesondere durch Sprachpraktiken, er- lernt. Zudem vermutet sie, dass Partikel, grammatische Elemente, prosodische Eigenschaften, etc. durch starke universelle Raster geprägt sind, die wiederum kulturspezifischen Ausprägungen unterliegen. (vgl. Gumperz et al.1991: 618)

Auch im Bereich der Sprachwahrnehmung gibt es laut Bohn (1998) gravierende Unterschiede bedingt durch sprachliche Relativität. So würden Sprachwahrnehmungsräume und die Art, Laute zu kategorisieren und zu unterscheiden, bedeutend durch die Art, in der ihre Muttersprache (L1) mögliche phonetische Unterscheidungen umfasst, bestimmt. (vgl. Bohn 1998: 18)

Adult monolingual listeners are language specific perceivers who identify and discriminate speech sounds according to the ways in which their L1 organizes phonetic distinctions into phonologically relevant contrasts. (Bohn 1998: 4)

Die Sprachwahrnehmung wird Bohn zufolge noch bereits vor der Vollendung des ersten Lebensjahres durch die Umgebungssprache bestimmt. (vgl. ebd.: 1) So verfügt jede menschliche Sprache über ein Repertoire an phonetischen Lauten um Kontraste zu setzen. (vgl. ebd.: 3). L1 geprägte Sprachwahrnehmungsmuster können Bohn zufolge auch noch im Erwachsenenalter modifiziert werden, was allerdings sehr viel Zeit benötige, wobei manche Muster leichter und andere schwerere anzunehmen sind, abhängig von der L1. (vgl. ebd.: 19).

[...] phonetic systems, even those of adults, undergo constant change in the face of new phonetic input. Thus speech is never fully acquired. (Flege 1992:565 zitiert durch Bohn 1998: 5)

So haben Bohn zufolge zahlreiche Studien zur kindlichen Sprachwahrnehmung gezeigt, dass Kinder auf biologischer Ebene mit der Fähigkeit ausgestattet sind jeg- liche phonetischen Unterschiede wahrzunehmen, die durch Sprachen genutzt wer- den, um Bedeutungsunterschiede zu markieren. (vgl. Bohn 1998: 6) Diese Erkennt- nisse könnten darauf hindeuten, dass Lautstärkeunterschiede bereits in der frühen Kindheit konzeptualisiert und sprachlich kodiert wird.

Um diese Vermutung zu untersuchen gilt es, das folgende Paradigma abzulösen:

Es gibt eine Einteilung der Lautstärkeadjektive, sodass jeder Mensch beim Erlernen einer Sprache nur herausfinden muss, welcher Lautstär- kebereich mit welcher Bezeichnung in seiner Sprache in Bezug gebracht wird.

Im Folgenden werden Forschungsfragen und Hypothesen aufgestellt, auf die sich die vorliegende Studie fokussiert.

3. FORSCHUNGSFRAGEN

1. Gibt es zwischen dem Spanischen und Deutschen semantische Unter- schiede bei der Kategorisierung von Schallereignissen?
2. Reflektieren sie fundamentale Denk- bzw. Wahrnehmungsunterschiede?
3. Spiegeln sich diese konzeptuellen Unterschiede im Gebrauch negativ kon- notierter bzw. positiv konnotierter Adjektive nieder, die zur Beschreibung von Schallgeräuschen verwendet werden. (z.B. ohrenbetäubend)

4. HYPOTHESEN

H1: Zwischen dem Deutschen und dominikanischen Spanisch existieren semantische Unterschiede bei der Kategorisierung von Schallereignissen

H1.1: Die Konzepte von Lautstärkeadjektiven wie alto und bajo entsprechen insofern den deutschen Vergleichspaaren wie laut und leise nicht, da die dominikanischen Lautstärkekodierungen eine bestimmten Lautstärkebereich nach unten differieren.

H1.2: Die Konzepte der Substantive ruido und sonido entsprechen insofern den deutschen Vergleichspaaren Lärm und Geräusch nicht, da das Thema Lautstärke im Deutschen einer stärkeren medialen Aufmerksamkeit unterliegt, was zu einer abweichenden sprachlichen Kodierung führt.

5. BEGRIFFSKLÄRUNG

5.1. SCHALL

Schall entspricht Teilchenbewegungen in Form von Schwingungen, die von einer Schallquelle ausgehen. Er wird in Körperschall und Luftschall unterteilt. Durch Ver- änderungen der Teilchenkonzentration entstehen Druckschwankungen, die sich mit dem Ruhedruck überlagern. Diese werden meist in Form von Sinuskurven visuali- siert. Dabei wird die Tonhöhenfrequenz, die in Hertz (Hz) gemessen wird, durch die Weite/Enge einer Schallwelle verbildlicht und der Schalldruckpegel, der in Dezibel (dB) angegeben wird, durch die Höhe der Amplitude visualisiert.

5.2. SCHALLWAHRNEHMUNG

Luftschall ist in bestimmten Bereichen für das menschliche Ohr wahrnehmbar und wird in Töne und Geräusche unterteilt, wobei Töne periodischen und Geräusche aperiodischen Schwingungen entsprechen. Aufgrund der schlechten Messbarkeit von Geräuschen wurde in der folgenden Untersuchung ausschließlich die Wahrnehmung von Tönen überprüft.

Der Schalldruck wird für das menschliche Ohr als Tonintensität wahrgenommen, wohingegen die Schallfrequenz als Tonhöhe wahrnehmbar ist. Obgleich im Bereich der Lautstärke immer von Dezibel die Rede ist, ist es wichtig zu beachten, dass bestimmte Frequenzbereiche lauter bzw. leiser als andere wahrnehmbar sind. So sind zum Beispiel sehr hohe und sehr niedrige Frequenzen schlechter hörbar als Frequenzen im mittleren Bereich. Die Kombination aus Schalldruck und Schallfrequenz bestimmt demnach die Lautstärke. (siehe Abb.1)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Darstellung Schallwellen

Das menschliche Hörvermögen kann durch Hörtests ermittelt werden.

[...]


1 "Die subjektiv empfundene Lautstärke wird mit dem Begriff Lautheit (engl. loudness) bezeichnet, [...] der [im deutschen häufig] mit dem Begriff Lautstärke gleichgesetzt wird." (Hellbrück et al. 2004: 92).

2 Gesunder Mensch von etwa 20 Jahren; die obere Grenze nimmt danach im Schnitt um rund 1kHz pro Lebensdekade ab. (Moser 2012: 1).

3 Lärmminderungsplanung Berlin.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Sprachliche Relativität in der Akustik. Ein deutsch-spanischer Vergleich
Hochschule
Universität Mannheim  (Romanistik)
Veranstaltung
Projektseminar
Note
2
Autor
Jahr
2014
Seiten
26
Katalognummer
V299529
ISBN (eBook)
9783668011281
ISBN (Buch)
9783668011298
Dateigröße
812 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachliche Relativität, Sprache, Denken, Schallwahrnehmung, Lautstärke
Arbeit zitieren
Katrin Klug (Autor), 2014, Sprachliche Relativität in der Akustik. Ein deutsch-spanischer Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299529

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