Politik und Theater im klassischen Athen. Die erzieherische Funktion der Tragödie in den "Persern" des Aischylos


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
31 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1.0 Einleitung

2.0 Die Ursprünge der Tragödie

3.0 Die zeitgeschichtliche Spiegelung in den „Persern“ des Aischylos
3.1. Der Botenbericht
3.1.1 Athens Aufstieg
3.1.2. Salamis und die Folgen
3.2. Demokratie contra Barbarenherrschaft

4.0. Schlussbetrachtung

5.0 Literaturverzeichnis

1.0 Einleitung

Was hat Theater eigentlich mit Politik zu tun? Warum verbrachte der athenische Staatsbürger einen ganzen Tag im Theater und wurde für den Verdienstausfall auch noch entlohnt?

Dass dem griechischen Theater, der Tragödie in seiner kulturellen und gesellschaftlichen Form eine ganz andere Bedeutung im klassischen Athen zukam, als das was wir heute mit Theater verbinden, muss hier als erstes festgehalten werden. Zwischen dem heutigen modernen Theaterbesucher und dem Athenischen der antiken Welt liegt ein ganzer Abgrund von Unterscheidungsmerkmalen.

Die Tragödie war Teil eines hochwichtigen Kultus und aufs Engste mit dem Stadtstaat der Polis Athen verknüpft. „ Es war keine Ressource, auch nicht eine Unterhaltung für eine Elite von Höhergebildeten und Gelangweilten, sondern es galt als große Angelegenheit für die ganze festliche Bürgerschaft.“[1] Die Tragödienspiele glichen einem Staatsereignis der Polis, an dem jeder Bürger teil zunehmen hatte. Von morgens bis zum späten Abend wurde unter freiem Himmel der Agora und später im Dionysostheater an der Akropolis gespielt. Die Aufführung der Tragödie und vor allem auch die Auswahl der Stücke wurde durch die Stadt Athen organisiert und war daher von Grund auf eine politische Angelegenheit. In der Polis war Politik nicht vom gesellschaftlichen Leben getrennt und jedes Individuum war Teil der Polis, der Gesellschaft und „des Politischen“. In seiner Schrift über Politik schreibt Aristoteles über den Menschen als ein von Natur aus staatenbildendes Wesen als Quintessenz: „Der Mensch ist ein soziales Wesen, der griechische Mensch ist ein Geschöpf der Polis.“[2] Eine Trennung bestand in polis und oikos, dem öffentlichen gesellschaftlichen und dem privaten, häuslichen Bereich der Frauen.

Die Tragödie war ein wichtiger Bestandteil der athenischen Gesellschaft und reflektierte das moralische und politische Handeln der Polis. Sie projizierte die aktuellen Anliegen der Gesellschaft fast immer anhand des Mythos. Aufgrund der Bekanntheit des Stoffes konnten die Dichter ihre eigenen Intentionen und Problemstellungen besser herausstellen. Dichter aber auch der Chorege[3], der die Aufführung finanzierte, konnte so politischen Einfluss auf die Bürger ausüben. Fragen nach politischen Entscheidungen und dem richtigen Maß des Handelns wurden auf der Plattform des Theaters ausgetragen. In der rasanten geschichtlichen Entwicklung, die Athen im fünften Jahrhundert. vollzogen hatte, brauchten die Athener um so eher eine Institution die sich der Fragen nach dem rechten Agieren und den emotionalen Aspekten annahm.

Aischylos[4]Perser“ ist eines der ältesten erhaltenen Tragödien, die selbst Erlebtes als Zeitgeschehen verarbeitet und sich keinem Mythenstoff bedient. Mit den Persern gewinnt Aischylos 472 v. Chr. den ersten Preis bei den großen Dionysien. In seinem Werk schildert er den entscheidenden Sieg der Griechen über die Großmacht der Perser in der Seeschlacht von Salamis um 480 v. Chr. Der Dichter selbst nahm als Krieger im griechischen Heer daran teil. Mit den Persern, wurden die direkten Auswirkungen der politischen Entscheidungen einer noch jungen Demokratie auf die Bühne gebracht. Nämlich der Sieg der Griechen über eine alte aristokratische Staatsform. Aus der Sicht der Niederlage der Perser geschrieben, konnten die Griechen ihren Triumph auf den Hängen der Akropolis noch einmal miterleben. Die Selbstdarstellung ermöglichte eine positive Reflexion, vor allem stärkte sie das Selbstbewusstsein und die neue Identifikation der Athener.

In meiner Arbeit gehe ich der Frage nach, welche Funktion die Tragödie für die Polis hatte. Einerseits werde ich eine allgemein theoretische Betrachtung der Tragödie vornehmen, andererseits habe ich in der vorliegenden Abhandlung versucht, anhand der Tragödie „Die Perser“ von Aischylos die Frage nach der Funktion konkreter und anschaulicher zu beantworten. Ich habe für meine Arbeit dieses Dramenbeispiel ausgewählt, weil sich meiner Meinung nach aufgrund des direkten, historischen Bezuges des Stückes zur Geschichte, eine sehr klare Verbindung zwischen Politik, Geschichte Athens und der Tragödie herstellen lässt. Weiterhin ist Aischylos Gegenwartsstück ein frühes Werk der gerade noch im Entstehen begriffenen Polisdemokratie. Die Folgen der dargestellten Politik und Geschichte Athens lassen sich erahnen und die daraus resultierende Funktion des Theaterstückes, welches den Durchbruch Athens auf der Bühne für die Polis verkündet, wird verständlich. Letztendlich möchte ich mit meiner Darstellung zeigen, inwieweit die Tragödie eine pädagogische Funktion für die attische Polis in Athen einnahm und dass sie eine wichtige moralisch-politische Institution darstellte, die sich mit der Politik Athens bedingte.

In meiner Darstellung werde ich erst in einem kurzen Überblick, auf die Ursprünge und die Entstehung der Tragödie in ihrem religiösen Kontext eingehen. Darauf folgt der historische Bezug anhand des Botenberichts aus dem Drama „Die Perser“. Mit einer sehr geschichtlich orientierten Darstellung, versuche ich an der historischen Entwicklung Athens die Verbindung zum Drama herzustellen. Im letzten Abschnitt untersuche ich die Tragödie in ihrer Funktion konkret am Vergleich zwischen zwei Kulturen und ihren Herrschaftsformen, den Aischylos in seinem Stück zwischen Persern und Griechen vornimmt.

In Bezug auf mein Ergebnis über die pädagogischen Aufgaben der Tragödie habe ich mich hauptsächlich an den Texten von Christian Meier und Egon Flaig orientiert.

2.0. Die Ursprünge der Tragödie

Von allen literarischen Formen ist es die Tragödie, die für die antike Gesellschaft so bedeutend wurde. Weder Homers Epen noch andere Literaturformen haben jemals die Bedeutung eingenommen, die die Tragödie für das gesellschaftliche Leben der Polis hatte. Homer konnte nur mit archaischen Werten und aristokratischen Idealen dienen, an denen die neue Polis sich nicht mehr zu orientieren vermochte. Man wollte sich von Altem loslösen. Insbesondere den aristokratischen Einfluß möglichst gering halten und jegliche Gelegenheit zu Tyrannis oder Oligarchie, die die gerade entstehende Demokratie bedrohen könnte, fernhalten.[5] Aufgrund dessen wird ersichtlich warum ein Homer sich zur Identifikation mit der neuen Staatsform gerade nicht mehr anbot. Die Tragödie in ihrer ursprünglichen Form entstanden aus einem religiös-mystischen Hintergrund, war vom Beginn Athens an, engstens mit der Stadt verbunden. Die Wurzeln liegen in der Verehrung des Gottes Dionysos. Nach Burckhardt liegt der entscheidende Impetus zur Hervorbringung einer dramatischen Entwicklung im Dionysos Kult mit seiner emotionalen Gefühlswelt und seinen exzessiven Feierlichkeiten.[6] Im Opferkult und dem religiösen Fest manifestierte sich schon seit der Zeit Homers nicht nur die Frömmigkeit des Einzelnen, sondern die Selbstverpflichtung der Gemeinde als ganzer.[7] Das Fest in seiner Bedeutung als Festkultur, war ein wichtiger Bestandteil der staatlichen und städtischen Gemeinde. Es diente neben dem Ausgleich zum Alltag, mit einem kontrollierten Freiraum zum Ausleben von Gefühlen und irrationalem Ausdruck.[8] Damit ließ sich eine entlastende Distanz zum politischen Alltagsgeschehen herstellen, welcher von den Bürgern hohe Disziplin, Verantwortung und ständiger Beteiligung am öffentlichen Geschehen abverlangte. Zum anderen stellte das Fest in seiner euphorischen Stimmung ein Gefühl des Zusammenhalts und der Kollektivität her. Gerade in der Entstehungsphase der Polis in Athen, war die Identifizierung mit der Bürgergemeinde, aber auch mit der Polis sehr wichtig. Besonders die Kluft zwischen Aristokraten und Nicht-Aristokraten ließ sich in diesem Kollektivitätsgefühl besser überbrücken.[9]

Als Kultfeste der Stadt Athen wurden die Dionysien im 6.Jhd. offiziell zu Ehren des Weingottes Dionysos eingeführt. Mit der Wiederaufnahme der Schifffahrt beging man die großen Dionysien nun alljährlich in der zweiten Märzhälfte. Diese bekamen allmählich nationalen Charakter und waren von da an aufs Engste mit der Stadt Athen verbunden. Mit großen sakralen Umzügen und rauschhaften Tänzen und Gesängen feierte und repräsentierte die Polis damit auch sich selbst. Aus den kultischen, satyrhaften Tänzen in Verbindung mit Musik entwickelten im Laufe der Zeit musische Wettkämpfe. Diesen lagen mimisches Spiel, welches in der volkstümlichen Kultverehrung gebräuchlich war und die dionysischen Bocksgesänge, zu Grunde.[10] Nach Aristoteles hat die Tragödie zwei Wurzeln: zum einen den übermütigen Tanz und Gesang der „Satyrn“[11] und den Dithyrambos, dem Kultlied des Dionysos. Bei diesem stehen sich der Chor und die Vorsänger gegenüber. Hieraus entwickelte sich bald die Form der dialogisch-dramatischen Kunst. Die Verbindung dieser beiden Elemente geht auf Arion zurück. Er ließ während seiner künstlerischen Tätigkeit in Korinth um 600 dithrambische Chöre in satyrhafter Form aufführen.[12] Wesentlicher und ältester Bestandteil ist also der Chorgesang. Von ihm aus als Substanz, entwickelte sich die ganze spätere Ordnung des Dramas. „Der Dithrambos aber war ein Lied auf Dionysos, das früher ohne strenge Ordnung von trunkenen Genossen eines Festmahls gesungen, aber seit Arion regelmäßig von Chören aufgeführt wurde. Es gab fröhliche und jauchzende Lieder, die den Beginn des Frühlings feierten.[13] Aus dem Gegensatz von Chor und Einzelnem entwickelte sich schließlich die dramatische Bewegung. Die große Neuerung dem Chor einen Entgegner gegenüberzustellen, geschah zur Zeit des Pesistratos. Dieser Entgegner erschien nacheinander in verschiedenen Masken. Die Konzentration lag auf dem Chor und seinen Tänzen. Der Sprechanteil, der Reden trat noch stark in den Hintergrund und gab dem Chor Anlass und Stoff für seinen Affekt. Irgendwann wurden die Wechselgesänge zu Sprechgesängen und begannen sich in Dialogform umzuwandeln.[14] Im fünften Jahrhundert des klassischen Athen erreichte die Tragödie ihre höchste Blüte auf dem Boden der entwickelten Polisdemokratie. Man könnte sagen, dass die Tragödie und die entstehende Polisdemokratie eine parallel verlaufende Entwicklung einnahmen und sich beiderseits beeinflussten.

Beide erreichten ihren höchsten Entwicklungspunkt im fünften Jahrhundert des klassischen Attika. Es macht den Eindruck, als ob der politische Charakter der Öffentlichkeit alle Lebensbereiche in Athen durchdrang. So entwickelte sich die attische Kultur in dem Maße erst mit den ersten politischen Reformen und schließlich entscheidend mit der Aufnahme der Außen- und expansiveren Politik. Erst aus diesen außenpolitischen Konstellationen und Dynamiken konnte sich die eigentliche Demokratie, die ihren Namen als solche verdient, entwickeln.[15] Die Tragödie nahm an all diesen Entwicklungen teil. Sie selbst veränderte sich durch die Entstehung des klassischen Athen und der Demokratie. Doch sie wirkte in ihrer Form auf politische Entscheidungen im Handeln der Polis aktiv mit ein. Michael Stahl bezeichnet die Tragödie als die Reflexion des Politischen.[16]

3.0 Die zeitgeschichtliche Spiegelung in den „Persern“ des Aischylos

Eine zeitgeschichtliche Spiegelung der aktuellsten politischen Ereignisse zeigt Aischylos Perser. Es ist eines der wenigen Werke in denen damals Zeitgeschichte dargestellt wurde. Ein Faktor dafür war sicher der übergroße Erfolg der eigenen griechischen Geschichte. Sonst war es eher üblich die aktuellen Fragen und Anliegen in den wohlbekannten und zeitlich weit entfernten Mythos zu verpacken. Der Mythos wurde von der Bevölkerung als historisch angesehen, aber er entstammte so grauer Vorzeit, dass man sich von den Ereignissen, die oft brutal und tragisch waren gut distanzieren konnte. Man fürchtete die Zeitgeschichte, weil sie eine sehr starke Wirkung verursachen konnte.[17] Aischylos Tragödiendarstellung könnte als historischer Bericht angesehen werden. Ein Blick auf Herodot gibt mehr Aufschluss über die Vereinbarkeit beider Schriftsteller. Im Vergleich findet man übereinstimmende Fakten über den Verlauf der Schlacht. Wohl anzunehmen ist, dass Aischylos als Tragödiendichter literarische Ausschmückungen vornahm, die vielleicht nicht hundertprozentig nachzuvollziehen waren. Aber das spielte in der Aufführung keine große Rolle und wurde vom Publikum nicht kritisiert. Das tatsächliche Ereignis der Seeschlacht lag zur Aufführung der Perser bei den Dionysien um 472 v. Chr., noch in greifbarer Nähe. Das Publikum konnte sich entweder daran erinnern oder kannte den Ablauf aus Erzählungen. Der Botenbericht am Anfang der Tragödie, gibt eine relativ genaue Wiedergabe vom Ablauf des Schlachtgeschehens. Da Aischylos selbst als Krieger sowohl an der Schlacht bei Marathon um 490 v. Chr., als auch beim entscheidenden Sieg der Griechen gegen die Perser bei Salamis um 480 v. Chr. teilgenommen hatte, könnte man sich auf die literarische Berichterstattung relativ gut verlassen und Aischylos Werk in abstrakter Weise als Zeit- und Augenzeugenbericht einordnen.[18]

In den Persern des Aischylos hat der Seesieg der Griechen über die Perser schon stattgefunden. Der Ort des Geschehens indem dies deutlich wird, ist der persische Königshof. Aus der Sicht der Verlierer, der so mächtigen Perser schildert Aischylos die Aufnahme der Nachricht des Niederfalls am Königshof. Dies lässt einerseits auf ein kulturelles Interesse an der persischen Kultur schließen, lässt aber den Sieg der Griechen auf der anderen Seite erst recht viel größer wirken. Ebenso die Darstellung der Perser in prunkvoller Macht am Anfang des Geschehens, lässt den plötzlichen Sieg der Hellenen noch bedeutender erscheinen. Jedes Jammergeschrei um die plötzliche Niederlage der Perser und den Untergang jener luxuriösen Macht, lässt die Griechen im Theater umso triumphaler aufheulen. Das Werk scheint eine Abfolge heftigster Affekte.[19] (...)-„ ein Widerspiel (von Klage und Triumph) wie es der tragische Dichter sich nicht erregender wünschen kann.“[20]

Aischylos verarbeitete, das zentrale Ereignis für die griechische Geschichte. Die politischen Ereignisse von 480-490 v. Chr. spiegeln sich in der Tragödie wieder und fanden zu literarischer Verarbeitung. „Die Perser“ reflektieren mehr als deutlich was sich damals politisch ereignete und vor allem welche Auswirkungen die Ereignisse für die Griechen haben würden, ließ sich erahnen. Politik und Theater fanden hier ganz deutlich eine Verknüpfung.[21]

3.1. Der Botenbericht

Im Botenbericht wird die Katastrophe zur Gewissheit. Was zunächst geahnt wurde und sich durch Zeichen ankündigte, ist in Erfüllung gegangen. Immer wieder in Wehgeschrei ausbrechend schildert der Bote die Niederlage der Perser, wobei die Orte Athen und Salamis, die Stätten des Geschehens immer wieder genannt werden.[22] Nach der Darstellung der Perser als unbezwingbare Übermacht, die durch den Chor als adlige Ratsherrenversammlung und Atossas Beschreibung dargestellt werden, tritt der Bote auf und berichtet das Übel.[23] Dieser Kontrast der Gegenüberstellung von großer Macht und ihr Verlust durch den Sieg der Griechen, gibt diesen ein überragendes Gefühl Großes vollbracht zu haben. Nachdem der Bote schließlich im Klagemodos das Unglück groß verkündet hat, erfolgt ein Namenskatalog großer gefallener persischer Führer und Feldherrn, die Anfangs noch vom Chor, in ihrer Größe und Ehre gehuldigt wurden.[24] Nach der Gewissheit das Xerxes selbst noch lebt (zu Atossas Beruhigung), wird der Verlauf der Schlacht bei Salamis und der Grund der Niederlage besprochen. Der Bote vergleicht die Chancen, anhand der Zahl der Schiffe. Demnach waren die Griechen mit ihren 300 Schiffen stark im Nachteil. Trotzdem haben sie gegen die riesige Macht der Perser mit ihren 1000 schnellen Schiffen gewonnen.[25] Das war doch unerhört. Wie konnte es ein so kleiner Stadtstaat mit einem so mächtigen Imperium aufnehmen? Es gab nur eine Begründung für die Perser und die frommen Zeitgenossen: „ Die Götter wachen über der Göttin Pallas Stadt.“[26] Ein Daimon hat den Xerxes in den Untergang und mit ihm das ganze Perserreich geschickt. Dieses Motiv durchzieht den ganzen Botenbericht. Später wird es dann in den weisen Worten in der Epiphanie des Dareios als moralischer Zeigefinger auch für das griechische Publikum, wieder aufgenommen. Man sollte es sich nicht mit den Göttern verscherzen, trotz aller Macht und Reichtum, unterliegen auch die mächtigsten Herrscher den Göttern. Der Kriegszug des Xerxes gegen Griechenland wird als Hybris erkannt: die expansiven politischen Ziele weit hinauszudehnen und die geographischen Gegebenheiten zu verändern sowie eine Landmacht zu Wasser niederzulassen. In dieser bedeutenden Niederlage für die Perser zeigt sich die Nichtigkeit menschlicher Macht gegenüber Gott. Dies spiegelt sich in den Worten des Boten wieder. Die Götter haben die Perser vernichtet. In der Überleitung zum Chorlied (V.528ff.) wird die Wahrheit von den Perser selbst hart ausgesprochen: „ Zeus selbst hat das Heer der Perser vertilgt.“[27] Es ist aber nicht so, dass man den Göttern einfach so ausgeliefert wäre, ohne eigenes Zutun. Dareios gibt die Schuld seinem Sohn Xerxes, dafür, dass es sich Persien nun mit Zeus verscherzt hatte (V.742): „ Denn ist ein Mensch selbst zu eifrig, packt ein Gott mit an und trägt zu seinem Fall mit bei.[28] Diese theologische Deutung des menschlichen Handelns, Lebens und Leidens durchziehen kontrapunktisch die Stücke des Aischylos. Trotzdem die handelnden Personen unter einem äußeren Zwang stehen (z.B. ein Fluch der Familie), laden sie mit jeder freiwillig entschiedenen Handlung wieder neue Schuld auf sich. So verkündet der Chor im Agamemnon: „ Wer handelt, muss auch leiden, denn das ist göttliches Gesetz.- Tun, Leiden, Lernen!“[29] Die Verkettung von Schuld, menschlicher Anmaßung (hýbris) und Verblendung (áte) mit Sühne und Leid (páthos) findet ihre Erklärung in der Vorstellung und Theodizee in der Leid als menschliche Erfahrung zum Lernen und zur Entwicklung beiträgt. Diese harte Erziehung soll den Menschen zur vernünftigen Einsicht und Selbstbescheidung (phrosýne) führen.[30] Aischylos war ein Erzieher, der diesem klassischen Denken angetan war. Die richtige Balance zwischen Hybrìs und Phrosýne zu finden entsprach dem griechischen Werteempfinden vom Maß aller Dinge. Die antike griechische Mentalität war von diesem Denken durchzogen. Das Mittelmaß sollte von den Bürgern angestrebt werden. Es galt ein Equilibrium zu finden zwischen Vorwärtsstreben und Innehalten. Respekt vor den göttlichen Gesetzmäßigkeiten, denen ein jeder unterworfen war, sollte man bewahren. Gerade nach den ersten politischen Erfolgen Athens und dem wachsenden Selbstbewusstsein der Athener und besonders nach dem ersten großen Sieg über die Perser bei Salamis könnten solche Gedanken für das Moralbewusstsein der Bürger wieder wichtig geworden sein. Innerhalb von weniger als 50 Jahren machte Athen den Sprung aus dem Dunkel eines unbedeutenden Kleinstaates zur herrschenden Position im griechischen Mittelmeerraum. Es war eine rasante Entwicklung die diese kleine Polis vollzog. Das hatte auf die Bürger und ihre Identität und wiederum auf die Politik, die von ihnen ausging einen entscheidenden Einfluss. Hier setzt die Tragödie in ihrer Funktion an, eine moralische Reflexion über das Handeln zu geben. Dies war nötig in dem starken Aktionsraum indem sich Athen befand und den immer schneller werdenden politischen Abläufen.[31]

[...]


[1] Burckhardt Jacob, Griechische Kulturgeschichte Bd.3. Die Tragödie, nach der von F. Stähelin und S. Merian besorgten kritischen Ausgabe Stuttgart und Basel 1930-1931, München, 1977, S.189.

[2] Aristoteles, Politik, (1.1253a) in: Murray Oswyn, Der griechische Mensch und die Formen der Geselligkeit

[3] Chorege: Chorführer, ein reicher Bürger aus der Oberschicht, der alles finanzierte oder ein Politiker,

[4] Aischylos: * 525 v. Chr. in Eleusis Attika, + 456 v. Chr. in Gela Sizilien, war der Älteste der drei großen griechischen Tragiker, wird als Schöpfer der klassischen Tragödie gesehen, da er den zweiten Schauspieler einführte, seine Stücke sind in einem starken religiösen Weltbild verankert, das menschliche Schicksal findet nach dem Willen der Götter seinen sinnstiftenden Zusammenhang

[5] Vgl. Meier, Christian, Die politische Kunst der griechischen Tragödie, München , 1988, S.25-26.

[6] Vgl. Burckhardt Jacob, Griechische Kulturgeschichte Bd.3. Die Tragödie, nach der von F. Stähelin und S. Merian besorgten kritischen Ausgabe Stuttgart und Basel 1930-1931, München, 1977, S.190.

[7] Stahl, Michael, Gesellschaft und Staat bei den Griechen. Klassische Zeit, Paderborn, 2003, S.122.

[8] Vielleicht daher der Bezug zum Kultus des Dionysos, der ja per se für die irrationalen und exzessiven Ausdruck steht in seiner Verehrung, die Verspieltheit, Trunken- und Ausgelassenheit, kurz all das Unkontrollierte stellt den Kontrast und Ausgleich zum politischen und verantwortungsschweren und eher rationalem Tun dar, weiterhin steht Dionysos für die Fruchtbarkeit, den Frühling, Vegetation- seine Verehrung und Bedeutung ist ganz erdgebundener, paganer Art und entstammt den agrarischen Kulturen, zu der auch Griechenland gehört. Unter der Tyrannenherrschaft wurde der Kult des Dionysos besonders gefördert und das Kultfest der Dionysien unterlag einer Neugestaltung

[9] Vgl.: Ebd. S.122-124

[10] Vgl.: Snell, Bruno, Aischylos und das Handeln im Drama, Leipzig, 1928, S. 66.

[11] Satyrn=lüsterne Fruchtbarkeitsdämonen mit phallischen Symbolen, Begleiter des Dionysos

[12] Vgl. Kulturgeschichte der Antike, Bd.1 Griechenland, Hrsg.: Herrmann, Joachim, Akademie Verlag Berlin, 1976, S.213.

[13] Burckhardt Jacob, Griechische Kulturgeschichte Bd.3. Die Tragödie, nach der von F. Stähelin und S. Merian besorgten kritischen Ausgabe Stuttgart und Basel 1930-1931, München, 1977, S.191.

[14] Vgl.: Ebd. S. 192.

[15] Vgl. Bleicken, Jochen, Wann begann die athenische Demokratie, in: Historische Zeitschrift Bd. 260 (1995), S.362.

[16] Vgl.: Stahl, Michael, Gesellschaft und Staat bei den Griechen. Klassische Zeit, Paderborn, 2003, S.119.

[17] Vgl.: Burckhardt Jacob, Griechische Kulturgeschichte Bd.3. Die Tragödie, nach der von F. Stähelin und S. Merian besorgten kritischen Ausgabe Stuttgart und Basel 1930-1931, München, 1977, S.193.

[18] Vgl.: Staiger, Emil, Aischylos, Die Perser. Nachwort, Stuttgart, 2001, S.96.

[19] Vgl. Ebd. S.96-97.

[20] Staiger, Emil, Aischylos, Die Perser. Nachwort, Stuttgart, 2001, S.97.

[21] Vgl.: Flaig, Egon, Die Tragödie als soziale Institution der Politikbewältigung, München, 1998, S.44.

[22] Vgl.: Böer, Dietrich, Aischylos, Die Perser, Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas, Frankfurt am Main, 1972, S.26.

[23] Vgl.: V. 249, Aischylos, Die Perser , Übersetzung nach Emil Staiger Stuttgart, 2001, S. 16.

[24] Vgl.: Böer, Dietrich, Aischylos Perser, Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas, Frankfurt am Main, 1972, S.26.

[25] Vgl.: Aischylos, Die Perser , Übersetzung nach Emil Staiger Stuttgart, 2001, S. 19.

[26] V.347, Ebd.

[27] Böer, Dietrich, Aischylos Perser, Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas, Frankfurt am Main, 1972, S.29.

[28] Zimmermann, Bernhard, Europa und die griechische Tragödie, Franfurt am Main, 2000, S.70.

[29] Ebd. S.68.

[30] Vgl.: Ebd. S.68.

[31] Vgl.: Meier, Christian, Die politische Kunst der griechischen Tragödie, München, 1988, S.37.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Politik und Theater im klassischen Athen. Die erzieherische Funktion der Tragödie in den "Persern" des Aischylos
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Fachgebiet für Alte Geschichte - Fakultät 1)
Veranstaltung
HS-Politik und Theater im klassischen Athen
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
31
Katalognummer
V299581
ISBN (eBook)
9783656960317
ISBN (Buch)
9783656960324
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tragödie, Polis, Aischylos, klassisches Athen, griechisches Theater, Dyonisos, Die Perser, Antike, Griechenland, attische Tragödie
Arbeit zitieren
Ines Eisenbruch (Autor), 2008, Politik und Theater im klassischen Athen. Die erzieherische Funktion der Tragödie in den "Persern" des Aischylos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299581

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Politik und Theater im klassischen Athen. Die erzieherische Funktion der Tragödie in den "Persern" des Aischylos


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden