Mustafa Kemal Atatürk - Demokrat oder autoritärer Herrscher?


Seminararbeit, 2004
15 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Gliederung:

1.Einleitung

2.Die Vision Atatürks

3.Umsetzung der Vision
3.1. Ausgangslage Atatürks Herrschaft
3.2.Reformen in der Türkei bis 1924
3.3. Kemalistische Reformen ab 1924

4.Fazit

5.Quellen

1. Einleitung

„So viel Reform war nie in der Türkei.“[1], ist eine Beurteilung über die aktuellen Veränderungen in der Türkei. Der angestrebte Beitritt in die europäische Union ist der Hauptgrund, warum es in den letzten Jahren so viele Reformen in diesem Land gegeben hat. Es gab jedoch in der Geschichte der Türkei eine Zeit, wo ebenfalls viele Reformen durchgeführt wurden und somit auch große gesellschaftliche Veränderungen auftraten. Jene Zeit von 1918 bis 1938 wurde geprägt durch den Übergang vom osmanischen Reich in die türkische Republik. Diese Entwicklung hat das Land im wesentlichen Kemal Atatürk zu verdanken, der von 1923 bis zu seinem Tode 1938 Präsident des neuen türkischen Staates gewesen ist.[2]

Wer war Atatürk und wieso ist er einer dieser Persönlichkeiten, die die Geschichte eines Landes maßgeblich beeinflusst haben? Besonders interessant ist es zu klären, wie Atatürk es schaffte, die Veränderungen im Land durchzusetzen und mit welchen Mitteln er sie durchsetzte. Schaffte er es die Reformen mit einer breiten Zustimmung aus der Bevölkerung durchzusetzen oder hat er auch Gewalt eingesetzt, um seine Vorstellungen zu verwirklichen? Um diese Fragen zu klären, möchte ich in meiner Hausarbeit herausarbeiten, ob Atatürk ein Demokrat war oder ein autoritärer Herrscher, der seine Macht kontinuierlich ausbauen wollte.

An die Türkei zu Zeiten Atatürks kann man nicht einfach die Kriterien totalitärer Systeme anlegen und dann entscheiden, ob das Land damals totalitär, autoritär oder demokratisch regiert wurde. Dies geht nicht, weil es in diesem Land vor Atatürk noch nie ein System gegeben hat, welches demokratisch war oder demokratische Züge hatte. Zunächst musste eine demokratische Basis aufgebaut werden. Deshalb gilt es zu klären, inwieweit damals die einzelnen Kriterien der Demokratie erfüllt wurden und eventuell von einer Demokratie mit Abstrichen gesprochen werden kann.

Ich werde mich in meinen Ausführungen stets auf Atatürk beziehen, da er die türkische Politik bestimmte. Des Weiteren werde ich nur die wichtigen Fakten darstellen, die für die Bewertung Atatürks relevant sind, da eine detaillierte Einsicht in seine politischen Aktivitäten bei der Bewertung keine Rolle spielt. Deshalb kann ich den Anspruch auf Vollständigkeit nicht erfüllen. Zunächst werde ich auf die sechs Prinzipien, auf denen Atatürks Handeln basiert, eingehen.

2. Die Vision Atatürks

Bevor ich beschreibe, wie die Entwicklung der jungen Türkei von Atatürk beeinflusst wurde, muss ich den theoretischen Hintergrund klären. Dies ist nötig, damit es nicht zu Missverständnissen bei bestimmten Begriffen kommt und um die Vision Atatürks, die hinter seinem Handeln steht, zu verdeutlichen. Er wollte sein Land aus der Rückständigkeit befreien. Dies konnte er nur erreichen, wenn die Türkei die europäische Ökonomie und Technik, die die europäischen Länder so mächtig machten, kopierte. Um dieses Ziel zu erreichen, nutzte Atatürk den kemalistischen Entwicklungsweg. Nach seinen Vorstellungen konnte, die junge Nation nur so unabhängig sein und Einfluss in der Welt erwerben.[3]

Der kemalistische Entwicklungsweg war ein System, welches auf einer Vision Atatürks gründete. „Der Katechismus des Kemalismus (Kemalism oder Atatürkcülük) umfasste sechs Staatsprinzipien[4], die ich im Folgenden darlegen werde. Sie sollten den jungen Staat in die Moderne führen. Atatürks politisches Handeln richtete sich an diesen Prinzipien aus und am 5. Februar 1937 wurden diese Leitvorstellungen in die türkische Verfassung aufgenommen. Diese Vorstellungen gelten noch heute, wobei sich die einzelnen Bedeutungen der Prinzipien verschoben haben. Insgesamt kann gesagt werden, dass der Kemalismus keine Ideologie ist, sondern den Rahmen für die türkische Politik vorgibt und daher von entscheidender Bedeutung für das Verständnis der Politik ist.

An erster Stelle im Kemalismus steht das Prinzip des Nationalismus. Seit seiner Offiziersausbildung spielte er im Denken Atatürks eine entscheidende Rolle.[5] Das positive Ziel des Nationalismus war die „vollständige politische Unabhängigkeit der Türken“[6]. Dazu gehörte die nationale Souveränität, die sehr wichtig war, weil sie die einzige Souveränität war, die, laut Atatürk, von allen Nationen der Welt anerkannt wurde. Des Weiteren verzichtete der Nationalismus auf einen Vielvölkerstaat aller Osmanen und auf die Idee des Panturanismus, welche eine Verbindung aller Türkvölker vorsah. Ein negatives Ziel war der Herrschaftsanspruch über islamische Länder und den Balkan. Seit der Gründung der Republik hat der Nationalismus ein neues Selbstwertgefühl der Türken hervorgerufen. Er definierte, im Gegensatz zum dritten Reich, jener Zeit die Nation nicht rassisch oder religiös.

Das zweite Prinzip, der Laizismus, ist eng mit dem Nationalismus verbunden. Unter Laizismus versteht man die Trennung von Staat und Religion. Der Islam sollte im öffentlichen Leben nicht mehr vorkommen. Dieses Prinzip hat die umfangreichsten Veränderungen in der Türkei bewirkt. Atatürks Vorstellungen in diesem Bereich waren problematisch, weil der Islam nicht nur eine Religion war, sondern auch Anweisungen für das weltliche Leben gab, wie z.B. das Tragen bestimmter Kleidung. Atatürk begründete diese Trennung mit der Überzeugung, dass die alten Anweisungen des Korans eine Ursache für die Rückständigkeit des Landes waren. Seine Einstellung gegenüber dem Islam verdeutlicht folgendes Zitat: „Der Islam, diese absurde Gotteslehre eines unmoralischen Beduinen, ist ein verwesender Kadaver, der unser Leben vergiftet.“[7]

Das Prinzip des Republikanismus sah die Abschaffung der monarchischen Staatsform vor. Die Staatsgewalt lag nun nicht mehr beim Sultan, sondern beim Volk. Seit den dreißiger Jahren wurde mit dem Republikanismus das Streben gegen eine Wiedereinführung der Sultanats- oder Kalifatherrschaft verbunden.[8] Die Gründung der Republik war eng verbunden mit der Mobilisierung des Volkes. Die Mobilisierung war Atatürks viertes Prinzip. Der Populismus, wie er dieses Prinzip nannte, war wichtig, um bestimmte Ziele zu erreichen. Ziele waren der Kampf um die Existenz der Nation und ihrer Rechte sowie die Gleichheit der Bürger, der Sprache und des Glaubens. Die Nation sollte nach innen Souveränität und nach außen Respekt erhalten.[9] Zum Republikanismud gehörte auch das Gemeinschaftserlebnis der Türken beim Kampf gegen die fremden Besatzungsmächte (1919-1922).

Das fünfte Prinzip – der Revolutionismus – sollte einen ähnlichen Stellenwert wie die französische (1789) und die russische (1919) Revolution erlangen. Die Umwälzungen sollten jedoch in der Türkei ohne Gewalt erfolgen. Sie sollte permanenten Charakter haben und nicht auf einem Stand verharren, wie das traditionelle osmanische Reich, als es seinem Ende entgegen ging.[10] Deshalb kann die Revolution als dynamisch betrachtet werden und die einzelnen Prinzipien sind modifizierbar und den aktuellen Gegebenheiten anpassbar.

[...]


[1] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,285631,00.html

[2] Vgl. Steinbach, Udo; Die Türkei im 20. Jahrhundert: schwieriger Partner Europas, S. 495

[3] Vgl. Rill, Bern: Kemal Atatürk, S.131

[4] Vgl. Steinbach, Udo; Die Türkei im 20. Jahrhundert: schwieriger Partner Europas, S. 139

[5] Von 1893 bis 1905 durchlief Atatürk verschiede Militärschultypen. Sie endete mit dem Abschluss der Kriegsakademie als Hauptmann. : Vgl. Rill, Bern: Kemal Atatürk, S.143

[6] Steinbach, Udo; Die Türkei im 20. Jahrhundert: schwieriger Partner Europas, S. 140

[7] Atatürk zitiert in: Rill, Bern: Kemal Atatürk, S.80

[8] Vgl. Steinbach, Udo; Geschichte der Türkei; S. 35

[9] Vgl. Steinbach, Udo; Die Türkei im 20. Jahrhundert: schwieriger Partner Europas, S.141

[10] Vgl. Wedel, Heidi; Der türkische Weg zwischen Laizismus und Islam, S. 41

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Mustafa Kemal Atatürk - Demokrat oder autoritärer Herrscher?
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Totalitäre und autoritäre Systeme im Vergleich
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V29959
ISBN (eBook)
9783638313384
ISBN (Buch)
9783640492282
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mustafa, Kemal, Atatürk, Demokrat, Herrscher, Totalitäre, Systeme, Vergleich
Arbeit zitieren
René Sternberg (Autor), 2004, Mustafa Kemal Atatürk - Demokrat oder autoritärer Herrscher?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/29959

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