Die literaturgeschichtliche Bedeutung des skandinavischen Nobelpreisträgers Knut Hamsun. Analyse und Bewertung seines Werkes "Segen der Erde"


Seminararbeit, 2014
21 Seiten
Julia Brendelmann (Autor)

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Heutige literaturgeschichtliche Bedeutung des Autors

2. Der Nobelpreis
2.1 Geschichte und Hintergründe der Zuerkennung
2.2 Motivation der Svenska Akademien
2.3 Kurzbegründung
2.4 Schwerpunkte der Laudatio
2.5 Nationale und internationale Reaktionen/Stellungnahmen

3. Das Werk
3.1 Heutige Zuordnung zur literaturgeschichtlichen Epoche
3.2 Textanalyse
3.2.1 Thema
3.2.2 Hauptlinien des Erzählgeschehens
3.2.3 Hauptfiguren
3.2.4 Erzählperspektive
3.3 Analyse und Bewertung nach den axiologischen Kriterien
3.3.1 Formale Werte
3.3.2 Inhaltliche Werte
3.3.3 Relationale Werte
3.3.4 Wirkungsbezogene Werte: Individuelle kognitive Werte
3.3.5 Wirkungsbezogene Werte: Individuelle praktische Werte
3.3.6 Wirkungsbezogene Werte: Gesellschaftliche Werte

4. Fazit

5. Abbildungsverzeichnis

6. Quellenverzeichnis

1. HEUTIGE LITERATURGESCHICHTLICHE BEDEUTUNG DES AUTORS

„Ich empfinde eine merkwürdige Wärme beim Lesen von Hamsuns Büchern, ich glaube, es gibt keinen heutigen Schriftsteller, der nicht von ihm beeinflusst worden ist.“ (vgl. Wamberg, S.58). Diese Worte äußerte der dänische Schriftsteller Hans Scherfig über Knut Hamsun und unterstreicht damit seine große nationale und internationale literaturgeschichtliche Bedeutung. Insbesondere die internationale Anerkennung wird in einer Festschrift deutlich, in der viele nennenswerte Schriftsteller wie Maxim Gorki, Gerhart Hauptmann, Thomas Mann, H.G. Wells, Stefan Zweig, Olav Duun oder André Gide einen Beitrag liefern (vgl. Bien, S.69). Zudem könne Hamsun auch nach dem Urteil von beispielsweise Arnold Schönberg, Albert Einstein, Gerhart Hauptmann und Maxim Gorki zu den größten Epikern des 20. Jahrhunderts gezählt werden (vgl. Baumgärtner, S.112). Auch heutzutage hat sich daran nicht geändert, Hamsun trägt mit Henrik Ibsen den bedeutendsten Teil zu Norwegens Weltliteratur bei (vgl. Baumgartner, S.1).

2. DER NOBELPREIS

2.1 GESCHICHTE UND HINTERGRÜNDE DER ZUERKENNUNG

Alfred Nobel legte in seinem Testament fest, dass der Nobelpreis für Literatur nur an denjenigen verliehen werden sollte, der „in der Literatur das Hervorragenste in ideaischer Richtung produziert hat“ (vgl. Espmark, S.10). Darüber, was genau Nobel unter dieser Formulierung verstand, herrscht bis heute Uneinigkeit. Ein Freund Nobels sagte einmal „Nobel war Anarchist; mit idealistisch meinte er das, was eine polemische oder kritische Haltung gegenüber Religion, Königstum, Ehe und Gesellschaftsordnung als Ganzes einnimmt“ (vgl. Schück, S.512). Während des ersten Weltkrieges konnte die Akademie die Gelegenheit nutzen, auch Vertreter der weniger großen Völker mit einem Preis zu würdigen. So erhielten 1916 und 1917 skandinavische Dichter den Literaturnobelpreis (vgl. Volz, Paul, S.49). Allerdings sank auch die Zahl der eingereichten Vorschläge in dieser Zeit stark. Während es 1913 noch 28 waren, reduzierte sich die Zahl 1919 auf 12, was dazu führte, dass das Komitee zunehmend ihr eigenes Vorschlagsrecht nutze (vgl. Volz, Paul, S.49ff.). Die Mitglieder des Komitees im Jahr 1920, als Hamsun den Preis zugesprochen bekam, waren Hararld Hjärne (er war gegen Demokratie, Parlamentarismus und für Königshaus, Militär und Religion), Per Hallström (Amerika- bzw. Modernismusgegener und Deutschlandfreund), Erik Axel Karlfeldt (Antikapitalist, - sozialist und -modernist), Henrik Schück (große Autorität, legte das Kriterium „idealisch“ etwas liberaler aus) und Esaias Tegnér (Traditionsbewahrer) (vgl. Baumgartner, S.3ff). In diesem Jahr erhielt neben Hamsun auch Carl Spitteler nachträglich den Preis für 1919, „im besonderen Hinblick auf sein machtvolles Epos ‚Olympischer Frühling’“ (vgl. Allén, Espmark).

2.2 MOTIVATION DER SVENSKA AKADEMIEN

Die Entscheidung, Knut Hamsun 1920 den Nobelpreis zu überreichen, fiel der Akademie vergleichsweise schwer. Henrik Schück beispielsweise, seit 1913 Mitglied der Akademie, hätte den Preis in diesem Jahr bevorzugt an den gesellschafts- und deutschlandkri- tischen Georg Brandes und nicht an den reaktionären Deutschlandfreund Hamsun vergeben (vgl. Møller Kristensen, S.122ff.). Auch das Mitglied Hallström bemängelte, dass Hamsuns Romanprotagonisten keine ethisch vorbildlichen und tiefen Charaktere seien, wie er es erwarte (vgl. Baumgartner, S.6). Dafür lobte er aber durchweg Hamsuns Stilkunst und seine Naturschilderungen (vgl. Baumgartner, S.6). Nur sein Roman ‚Segen der Erde’ sei „gesund“, seine anderen Werke seien gehaltsarm und oberflächlich (vgl. Baumgartner, S.7). Die Qualität des Romans ‚Segen der Erde’ wurde zudem zwar nicht in Frage gestellt, aber der Lebensweg und Charakter der Protagonisten entspreche nicht unbedingt den konservativ-idealistischen Vorstellungen des Komitees (vgl. Zankl, S.173). Zuletzt entschied man sich doch für Hamsun, aber man verlieh ihm den Preis ausdrücklich (und unüblicherweise) nicht für sein Gesamtwerk, sondern nur für seinen Roman ‚Segen der Erde’. Einige Jahre später haben wohl einige der Mitglieder ihre Entscheidung für Hamsun bereut - einerseits wegen des nihilistischen und sarkastischen, im Preisverleihungsjahrs erschienenen, Romans ‚Die Weiber am Brunnen’. Andererseits wegen Hamsuns zunehmend offener Sympathie für das Naziregime, in dem auch ‚Segen der Erde’ wegen der Affinität zu der Blut-und-Boden-Ideologie auf große Begeisterung stieß (vgl. Baumgartner, S.2). Nach Baumgartner verdanke „Hamsun […] den Nobelpreis einem grotesken Missverständnis, was die Einschätzung der erbaulichen Qualitäten von ‚Segen der Erde’ und die Hoffnung auf seine weitere literarische und ethische Entwicklung betrifft.“ (vgl. Baumgartner, S.8).

2.3 KURZBEGRÜNDUNG

Hamsun erhielt den Nobelpreis „für sein monumentales Werk ‚Segen der Erde’“ (vgl. Allén, Espmark). Die Verleihungsrede hielt Harald Hjärne, der den Roman als „klassisches Werk“, „Heldenlied auf die Arbeit“ und ein „Abbild des Daseins, das überall wo Menschen leben und bauen, die Existenz und die Entwicklung der Gesellschaft kennzeichnet“ würdigte (vgl. Zankl, S.173).

2.4 SCHWERPUNKTE DER LAUDATIO

Hjärne würdigte Hamsuns Werk als „klassisch“ im Sinne von bedeutungsvoll“ in einer „selbst für kommende Zeiten noch gültigen Form“ (vgl. Hjärne). Der Roman ist ein „Epos der Arbeit, das Hamsun in einer wahrhaft monumentalen Weise ausgeformt hat. […] Die Arbeit des Schollenroders und ersten Siedlers mit all ihren Mühen erhält unter der Hand des Dichters ein Gepräge urzeitlichen heroischen Kampfes, der in keiner Weise hinter dem Dienst der mannhaften Selbstaufopferung für Waffenbrüder und Vaterland zurückbleibt.“ (vgl. Hjärne). Die Erde in Hamsuns Werk sei wild und zerfurcht, aber die Schweden fühlen sich in solchen Gebieten nicht unwohl. Hamsun habe die Schweden zu der Zeit charakterisiert, als die großen Städte entstanden und „ihre Herzen, schwer und schutzlos von dem harten Leben auf dem Land, ihren Verlockungen ausgesetzt sind“ (vgl. Hjärne). „Der Schreibstil, befreit von leeren Ausschmückungen, zeigt die Realität der Dinge in ihrer Klarheit. Dadurch erlebt der Leser den Reichtum und die Nuancen des Autors in seiner Muttersprache.“ (vgl. Hjärne).

2.5 NATIONALE UND INTERNATIONALE REAKTIONEN/STELLUNGNAHMEN

Per Hallström, seit 1913 Mitglied des Nobelkomitees, sagte „Hamsun sei mit Segen der Erde […] zum gefeiertsten und bewundersten lebenden Dichter Norwegens geworden“ (vgl. Baumgartner, S.7). Auch A. Rosenberg schloss sich dieser positiven Meinung an: „von keinem lebenden Künstler ist der mystisch-naturhafte Zug großartiger gestaltet worden […]. Der ‚Segen der Erde’ ist das heutige große Epos des nordischen Willens in seiner ewigen Urform, heldisch auch hinterm Holzflug, fruchtbringend in jeder Muskelre- gung, gradlinig bis ans unbekannte Ende“ (vgl. Rosenberg, S.438). Zudem habe es Hamsun, als „tiefer Kenner der Menschenseele“ (vgl. Bien, S.70) geschafft, eine ganze Schriftstellergeneration zu faszinieren (vgl. Killy, S.6420). Auch Harald Hjärne bestätigte in seiner Laudatio den Erfolg des Romans: ‚Segen der Erde habe in vielen Ländern bei vielen verschiedenen Rezipientengruppen großen Anklang gefunden (vgl. Hjärne). Aller- dings fand ‚Segen der Erde’, wie schon angedeutet, auch im Nationalsozialismus großen Anklang, da sich der Roman auf die Blut-und-Boden Ideologie besinne (vgl. Baumgartner, S.2). Laut Hamsuns Sohn Tore, wollte er aber lediglich seine „tiefsten und innerlichsten Gefühle für die Menschen und die Erde ausdrücken“ (vgl. Hamsun, S.274ff.).

3. DAS WERK

3.1 HEUTIGE ZUORDNUNG ZUR LITERATURGESCHICHTLICHEN EPOCHE

Hamsuns 1917 verfassten und 1918 zum ersten Mal veröffentlichten Roman ‚Segen der Erde’ kann man der Moderne zuordnen. Der Durchbruch dieser Epoche lässt sich anhand von politischen, ökonomischen und sozialen Faktoren um das Jahr 1890 ausmachen (vgl. Glauser, S.183). Von besonderer Bedeutung ist in dieser Zeit das unaufhaltsam voranschreitende Phänomen der Urbanisierung - die bis dahin kleinen nordischen Hauptstädte wuchsen zu großen Metropolen heran (vgl. Glauser, S.187). Die Befreiung aus Enge und Tradition brachte jedoch auch Anonymisierung und Nivellierung mit sich und Tempo, Masse, Lärm und Unruhe wurde oft als belastend empfunden (vgl. Glauser, S.188). Hamsun war dieser Entwicklung gegenüber äußerst kritisch eingestellt. Er verabscheute den Materialismus und die Kulturlosigkeit der Städte, was auch in ‚Segen der Erde’, in dem das einfache Landleben einen so wichtigen Stellenwert einnimmt, deutlich wird (vgl. Glauser, S.214).

3.2 TEXTANAYSE

3.2.1 THEMA

‚Segen der Erde’ ist die Geschichte des Bauern Isak der, im Norden Norwegens ein Stück Ödland, weit entfernt von jeglicher Zivilisation, urbar macht und es bewirtschaftet. Er erbaut einen Hof, der im Laufe der Jahre beständig wächst und kauft Tiere, die sich reichlich vermehren. Bald findet er auch eine weibliche Hilfe namens Inger. Inger bleibt bei ihm, sie heiraten und bekommen zwei Söhne und zwei Töchter. Jedoch erschüttert bald der Einbruch der modernen Welt die ländliche Idylle.

Der Handlungszeitraum erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte, ungefähr von 1870 bis 1900. Der Roman ist in einem biblisch-mythischen Tonfall gehalten. Unter dem Gedanken des „Zurück zur Natur“ wird das einfache Leben des Bauerndaseins gelobt und die abgehobene Lebensweise der Stadtmenschen kritisiert.

3.2.2 HAUPTLINIEN DES ERZÄHLGESCHEHENS

Hauptsächlich dreht sich die Geschichte darum, wie der Bauer Isak seinen Hof Sellanraa in der Wildnis Norwegens aufbaut und im Laufe der Jahrzehnte immer weiter vergrößert. Inger gebiert Isak zwei Söhne und drei Töchter. Das dritte Kind, ein durch eine Hasenscharte entstelltes Mädchen, erwürgt Inger heimlich und vergräbt es im Wald. Oline, eine Verwandte Ingers, deckt ihre Tat auf und sie muss nach Drontheim ins Gefängnis. Während ihrer Zeit im Gefängnis lernt Inger viel, unter anderem Lesen und Schreiben. Von den städtischen Einflüssen sehr verändert kehrt sie mit ihrer Tochter, die sie während ihrer Haft gebar, nach Sellanraa zurück. In der Zwischenzeit hat Isak den Hof weiter vergrößert und seine zwei Söhne groß gezogen. Weil er eine Hilfe auf dem Hof brauchte, hat er Oline bei sich aufgenommen. Inger fällt die Eingewöhnung schwer, sie hat die Kultur kennengelernt und muss sich jetzt wieder an das primitive Bauernleben gewöhnen. Es kommt zu Konflikten zwischen ihr und Isak. Letztendlich gelingt ihr jedoch die Umkehr und das Leben nimmt wieder seinen gewohnten Gang. Mittlerweile haben sich neben Isak auch noch andere Ansiedler im Ödland niedergelassen, doch niemandem gelingt es so gut wie ihm, sein Land zu bewirtschaften. Einige Zeit nach Ingers Rückkehr aus dem Gefängnis eröffnet nicht weit entfernt ein Bergwerk für den Kupferabbau. Es kommt frischer Wind in die Ansiedlungen und manche hoffen ein gutes Warengeschäft mit den Bergleuten machen zu können. Die Kupferader ist jedoch dünn und der Abbau wird wieder eingestellt. Dem Dorf geht es daraufhin aufgrund mangelnden Geldes sehr schlecht. Isaks Leben ist unabhängig von derlei Einflüssen, alles was er für die Versorgung seiner Familie benötigt, kann er selber herstellen. Die Entwicklung der zwei Söhne steht im Kontrast zueinander: Eleseus beginnt in jungen Jahren eine Lehre bei einem Ingenieur in der Stadt. Diese Zeit verändert ihn, er kann sich nie wieder mit dem einfachen Landleben abfinden. Sivert hingegen bleibt auf des Vaters Hof, die Arbeit erfüllt ihn vollkommen und er ist glücklich mit diesem Leben. Im letzten Drittel kommt Axel Ström, ein neuer Ansiedler, ins Ödland. Er wagt sich sogar noch weiter in die Wildnis vor als Isak, sie sind von gleicher Natur. Auch Axels Hilfe auf dem Hof, Barbro, lässt das gemeinsame Kind tot im Wald zurück. Ihrer Aussage nach, sei es bei der Geburt versehentlich im Bach ertrunken. Es kommt aber unweigerlich der Verdacht auf, dass sie es absichtlich ertrinken ließ. Wieder sorgt Oline dafür, dass die Geschichte ans Licht kommt. Im Gegensatz zu Inger wird sie jedoch freigesprochen.

3.2.3 HAUPTFIGUREN

ISAK. Ein Mann, biblisch Isak benannt, nimmt sich ein Stück Land und macht es urbar. Mit Hilfe von Inger, einer Frau die sich bei ihm niedergelassen hat und die er wenig später heiratet und lieben lernt, baut er Stück für Stück einen großen Hof auf („Nun wurde es großartig und behaglich auf dem Hofe, bald gab es nichts mehr, was noch fehlte! O diese Inger, er liebte sie, und sie liebte ihn wieder, sie waren genügsam, sie lebten im Zeitalter des Holzlöffels und hatten es gut.“ (vgl. Hamsun, S.15)). Isak hat „eine eiserne Gesundheit […] stark und ungeschwächt in jeder Beziehung, die Gesundheit eines ganzen Mannes!“ (vgl. Hamsun, S.90). Natürlich gibt es von Zeit zu Zeit auch einige Missernten, aber davon abgesehen entwickelt sich der Hof prächtig („Ein Wunder nach dem anderen war nach Sellanraa gekommen“ (vgl. Hamsun, S.243), „der Hof wird immer größer, wird gewaltig groß, es geht auch nicht mehr ohne Dienstmagd“ (vgl. Hamsun, S.228)). Bald nachdem Isak sich das Land genommen hat, erfährt er von Geißler, dem Lehnsmann aus dem Dorf, dass er das Land vom Staat kaufen müsse. Isak ist überrascht („Isak erschrak bis ins innerste Mark und erwidert nichts (vgl. Hamsun, S.44)), sieht jedoch keine andere Möglichkeit und kauft schließlich. Ein Teil seines Landes kauft Geißler ihm später, der wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten die Stadt verlassen musste, wieder ab, da der sich dort befindliche Berg Kupfer beherbergen soll. Nach einiger Zeit beginnt der Abbau des Kupfers, die Ader ist jedoch sehr dünn und die Arbeit wird zum Nachteil einiger Ansiedler und der Dorfbewohner bald wieder eingestellt. Isaks Hof bleibt davon jedoch unbeeinflusst. Als Inger wegen des Kindsmordes ins Gefängnis muss, trifft das Isak schwer („Isak war öde und düster zumute“ (vgl. Hamsun, S.65)), er vermisst Inger („er war ein freudloser, einsamer Mann geworden, ach ja, wieder ein unverheirateter Mann mit allem, was drum und dran war“ (vgl. Hamsun, S.68)), die er sehr in sein Herz geschlossen hat. In dieser Zeit hat er viel Ärger mit Oline, seiner Haushaltshilfe („Was für ein Dummkopf war ich, dass ich sie nicht am ersten Tag erschlagen habe!“ (vgl. Hamsun, S.83)). Jede Neuigkeit über Inger saugt er mit großem Interesse auf („Isak hörte aufmerksam zu, das war ergreifend, ein Märchen aus fremdem Land. Unverwandt hingen seine Augen an Geißlers Mund.“ (vgl. Hamsun, S.86)). Als Inger endlich (und sogar vorzeitig) entlassen wird, rasiert Isak sich vorher sogar seinen fünf Jahre alten Vollbart um ihr zu gefallen („Der eitle Mühlengeist, wollte er sich geradezu prachtvoll machen und sich von seinem fünf Jahre alten Vollbart trennen?“ (vgl. Hamsun, S.93)) und streicht die Häuser auf Sellanraa neu an („Das Ödland war [nun] bebaut und nicht mehr zu erkennen, Segen ruhte darauf, Leben war entstanden aus einem langen Traum“ (vgl. Hamsun, S.91)). Zunächst erkennt er seine Frau nicht wieder, denn „die Frau war hübscher als Inger, obgleich Inger nicht hässlich war“ (Hamsun, S.93). Ingers Veränderung durch den Aufenthalt in der Stadt war offensichtlich („Aber du bist sehr vornehm geworden! (vgl. Hamsun, S.95)) und es „war ihm höchst sonderbar zumute, […] er war ein Fremder unter ihnen“ (Hamsun, S.94). Trotzdem freute er sich sehr über ihre Rückkehr. In der folgenden Zeit hat er jedoch einige Schwierigkeiten mit Inger, die nicht mehr gut mit dem einfachen ländlichen Leben zurechtkommt. Schließlich kann sie sich aber wieder besinnen und das Leben auf dem Hof nimmt wieder seinen gewohnten Gang, sie gebiert Isak sogar noch eine kleine Tochter. Nach der jahrzehntelangen Arbeit auf dem Hof „hat [Isak] nicht mehr die alte Kraft […], er hat die zähe Biegsamkeit des Körpers eingebüßt.“ (vgl. Hamsun, S.299). Nach Meinung von Geißler, sollte es mindestens 32.000 Männer wie Isak im Land geben, denn seine Lebensart ist die einzig Richtige (vgl. Hamsun, S.334).

INGER. Als Inger hört, dass der neue Ansiedler Isak eine Hilfe für den Hof braucht, macht sie sich auf den Weg zu ihm. Zu diesem Zeitpunkt ist Inger schon recht alt, denn aufgrund der Hasenscharte die ihr Aussehen entstellt, hat sie bisher noch keinen Mann gefunden. Inger ist Isak eine große Hilfe und treue Gefährtin, die beiden heiraten und bekommen zwei Söhne. Das dritte Kind, ein Mädchen, erwürgt Inger heimlich und begräbt es im Wald. Der Grund dafür ist die Hasenscharte des Kindes, denn Inger möchte nicht, dass ihre Tochter die gleichen Leiden ertragen muss wie sie („Und sie hatte nichts von den geheimen Leiden ihrer Kindheit und Jugend vorbringen können.“ (vgl. Hamsun, S.62)). Ihre Tat wird entdeckt und sie muss dafür einige Jahre ins Gefängnis in die Stadt. Diesen Aufenthalt empfindet sie jedoch nie als Strafe, sondern eher als Segen. Inger lernt Lesen, Schreiben, Weben, Nähen, Färben und Schneidern und ihr Mund wird operiert und zusammengenäht. Bei ihrer Rückkehr hat der städtische Einfluss sie sehr verändert, sie trägt modische Kleidung („[sie sitzt so], dass ihre Waden in den rotgestreiften Strümpfen zum Vorschein kamen“ (vgl. Hamsun, S.97)), verwendet ein anderes Vokabular („ihre Sprache war eine andere geworden, eine bessere, gewähltere (vgl. Hamsun, S.101)) und besitzt sogar eine eigene Nähmaschine. Sich wieder an das einfache Landleben zu gewöhnen bereitet ihr große Schwierigkeiten, sie ist oft unruhig und unzufrieden. Am Ende gelingt es ihr jedoch, trotz einiger Rückfälle, sich mithilfe von Willensstärke und Gottesgläubigkeit wieder auf das Wesentliche (das bodenständige Bauernleben auf dem Hof) zu besinnen („Inger hatte keine heiße Gut mehr zu verstecken, keine innere Leidenschaft mehr im Zaum zu halten […] sie hatte nur noch Glut genug für den Hausgebrauch“ (vgl. Hamsun, S.319)).

[...]

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Details

Titel
Die literaturgeschichtliche Bedeutung des skandinavischen Nobelpreisträgers Knut Hamsun. Analyse und Bewertung seines Werkes "Segen der Erde"
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Fennistik und Skandinavistik)
Autor
Jahr
2014
Seiten
21
Katalognummer
V299684
ISBN (eBook)
9783656963547
ISBN (Buch)
9783656963554
Dateigröße
950 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Knut Hamsun, Skandinavistik, Literaturpreis, Nobelpreis, Segen der Erde
Arbeit zitieren
Julia Brendelmann (Autor), 2014, Die literaturgeschichtliche Bedeutung des skandinavischen Nobelpreisträgers Knut Hamsun. Analyse und Bewertung seines Werkes "Segen der Erde", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299684

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