Stadtplanung und Architektur in Beirut von 1830 bis ins 20. Jahrhundert. Ein kosmopolitisches Mit- oder Gegeneinander?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Umstände und Motive der Stadtentwicklung Beiruts

3. Die Stadtentwicklung Beiruts

4. Architektur

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Stadtentwicklung und –planung im Beirut des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Speziell soll untersucht werden, inwiefern diese Entwicklungen von einem Gedanken des Kosmopolitismus befördert wurden.

Es gibt hierbei verschiedene Ansatzpunkte und Definitionen von Kosmopolitismus. An dieser Stelle soll vornehmlich ein Begriff des Kosmopolitismus aus einem Essay von Nora Lafi zugrunde gelegt werden, nachdem Kosmopolitismus in einer Herrschaft durch Einbeziehung verschiedener Gruppen in Fragen des Miteinanders im Alltag und der Politik bestehen sollte. Diversität der Gruppen einer Stadt war dabei kein einfaches demographisches Phänomen, sondern zeigte sich in einem Miteinander im Alltag, in der Verwaltung und der politischen Führung. Die unterschiedlichen Gruppen lebten dabei nicht einfach getrennt voneinander, sondern standen grundsätzlich miteinander im Kontakt.1

Daher ergibt sich die Fragestellung: Wie kosmopolitisch war die Stadtplanung und –Entwicklung Beiruts in der Zeit von 1830 bis ins 20. Jahrhundert hinein? Hierzu sollen zunächst die näheren Umstände, welche die Entwicklung der Stadt Beirut beeinflussten untersucht werden und die Motive einzelner ethnischer und gesellschaftlicher Gruppen, gewisse Fortschritte in der Stadt zu befördern, näher beleuchtet werden. Im nächsten Schritt soll dann der Verlauf der Stadtentwicklung von etwa 1830 bis ins 20. Jahrhundert hinein nachgezeichnet werden und verdeutlicht werden, wie die einzelnen Gruppen die Stadt auf ihre Art und Weise prägten und der Frage nachgegangen werden, ob sie dies eher gemeinschaftlich oder doch individuell angingen. In einem weiteren Schritt soll die Veränderung der Architektur in Beirut kurz untersucht werden. Es soll aufgezeigt werden, dass diese sich in recht kurzer Zeit von einem typisch orientalischen Stil, der zum Teil noch aus dem Mittelalter stammte, zu einem europäischen Stil wandelte, wobei diese Entwicklung eher auf die in der betrachteten Zeit neu entstehenden Viertel am damaligen Stadtrand begrenzt blieb. Die gefundenen Ergebnisse sollen danach in einem Fazit kurz zusammengefasst werden.

Als Literaturgrundlage dienten vornehmlich die Werke von Philip Mansel, „Levant, Splendour and Catastrophe on the Mediterranean“, sowie „Fin de Siècle Beirut, The Making of an Ottoman Provincial Capital“ von Jens Hanssen, welche die Geschichte der Stadt Beirut detailliert nachzeichnen und dabei auch auf die Stadtentwicklung und –planung näher eingehen. Ebenfalls erwiesen sich die Untersuchungen von Samir Khalet und Per Kongstad zur rasanten Entwicklung der Stadt in der Zeit vor dem Bürgerkrieg als hilfreich.

Eben dieser Bürgerkrieg prägt die aktuelle Forschung über Beirut nachhaltig, so dass es kaum aktuelle Untersuchungen über die reine Entwicklung der Stadt gibt und vielmehr untersucht wird, wie es zu diesem Krieg kommen konnte und wie speziell nach dem Krieg die Stadt auch wieder aufgebaut wurde. Vor dem Bürgerkrieg, speziell in der Mitte des 20. Jahrhunderts wuchs die Stadt darüber hinaus beinahe unkontrolliert und weitgehend planlos, weshalb es nur wenige Untersuchungen zu ihrer Entwicklung gab. Daher ist die Forschungsgrundlange zur Stadtentwicklung Beiruts eher dürftig und es war notwendig, angesichts des überaus großen Einschnitts in den Betrachtungen, durch den Bürgerkrieg im Libanon zwischen den 70er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts, zum Teil auf ältere Literatur zurückzugreifen. Hierbei wurde auch deutlich, dass das Stadtbild Beiruts sich heute sehr stark von dem im betrachteten Zeitraum unterscheidet. Im Krieg wurden große Teile der Stadt zerstört oder dem Verfall preisgegeben, so dass sich nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Realität ein großer Einschnitt durch den Krieg zeigt.

2. Umstände und Motive der Stadtentwicklung Beiruts

Trotz der langen Besiedlung des Gebiets in und um das heutige Beirut war die Stadt selbst zu Beginn des betrachteten Zeitraums eine sehr junge Stadt. Obwohl als wichtige Verbindung zwischen Ost und West geographisch und strategisch überaus günstig gelegen, blieb Beirut überraschend klein und entwickelte sich nur sehr langsam.2 Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde die Stadt in regelmäßigen Abständen fast komplett zerstört und ebenso regelmäßig wieder aufgebaut. Auch zu Beginn des untersuchten Zeitraums, etwa in den 1830er Jahren wurde Beirut zu großen Teilen zerstört und wieder aufgebaut.3

Das Wachstum und die Ökologie Beiruts sind daher nur schwer mit westlichen Mustern von Urbanisierung und Stadtentwicklung zu vergleichen und in ihrer Form recht einzigartig. In Beirut gab es schon immer eine viel größere Varianz von Kulturen, Religionen, ethnischen und sozialen Gruppen, was sich deutlich in der Entwicklung der Stadt an sich, wie auch in ihrer Architektur zeigt. Dennoch entwickelte sich die Stadt ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts rasant. Vor Beginn des Bürgerkriegs im Libanon in den 1970er Jahren war Beirut etwa 100 Mal größer als 1800. Aufstieg und Fall Beiruts waren im Verlauf der Geschichte immer stark mit der Funktion der Stadt als wirtschaftliches Zentrum und Regierungssitz verbunden.4 Dabei fand die Urbanisierung Beiruts vor der wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt statt. Beirut stellte sich dabei als Schmelztiegel verschiedener Gruppen und Kulturen dar und absorbierte im Prozess der Urbanisierung immer wieder Wellen von Migranten oder Flüchtlingen, die in die Stadt kamen.5 Dennoch ist das Bild vom Schmelztiegel Beirut problematisch, denn bei näherer Betrachtung stellt sich Beirut weniger eine urbane Einheit, als vielmehr ein Mosaik einzelner religiöser und ethnischer Gruppen dar, deren Nebeneinander und deren einzelne Geschichten das Bild der Stadt prägen.6 Im Kontext der Entwicklung Beiruts gab es immer wieder Querelen und Gerangel zwischen den verschiedenen ansässigen Ethnien und Religionen, die zwar im Grunde friedlich neben- und miteinander in der Stadt existierten, jedoch auch immer wieder um ihre Position im Machtgefüge der Stadt, sowie um ihre Identität und ihr Verhältnis untereinander, sowie eine eventuelle Vormachtstellung stritten. Hieraus ergaben sich zahlreiche Probleme, dennoch waren die Querelen auch immer für die jeweiligen Gruppen Ansporn zur Entwicklung.7

Auch in einem weiteren Punkt unterscheiden sich das Wachstum und die Entwicklung Beiruts deutlich von den Mechanismen in westlichen Metropolen. Die Urbanisierung in Beirut hing nicht mit der Industrialisierung zusammen, sondern vielmehr mit der Migration von Flüchtlingen oder auch der Ansiedlung von externen Fach- und Verwaltungskräften, sowie wohlhabenden Investoren, die in Beirut ihre Chance witterten. Eine demographische Besonderheit besteht des Weiteren darin, dass dieser Region die Kindersterblichkeit niedriger, sowie die Lebenserwartung in der Stadt allgemein höher als auf dem Land war. Die Geburtenrate war daneben ähnlich hoch wie auf dem Land.8 So ergab sich ein schnelleres Bevölkerungswachstum, als dies in Westeuropa möglich gewesen wäre, wo es sich genau umgekehrt verhielt. Dort war das Leben in den neu entstanden Industriestädten ungesund und die Versorgung mangelhaft, wodurch die Lebenserwartung sank und die Kindersterblichkeit stieg. Dort wuchs die Bevölkerung hierdurch entsprechend langsamer.

Ferner gab es in Beirut das Muster des sogenannten „Pull-And-Push“ nicht. Nach diesem Muster kommen Menschen, angelockt von neuen Verdienstmöglichkeiten und Gelegenheiten in wirtschaftlich starken Zeiten in die Städte, verlassen sie jedoch auch schnell wieder, wenn die wirtschaftlichen Möglichkeiten schlechter werden. Dies ist im Libanon anders, denn hier wurde schon recht schnell die Landwirtschaft technisiert. Dadurch war auf dem Land bald deutlich weniger Personal nötig, was es einmal weggezogenen Arbeitern schwerer und unattraktiv machte, in wirtschaftlich schlechten Situationen wieder aufs Land zurückzukehren.9

Wie andere arabische Hauptstädte stellte auch Beirut bald eine Art Leuchtturm von Tradition und Modernisierung für das Umland dar, war daneben auch ein „Schaufenster des Westens“ und zeigte, bis dato unbekannte Möglichkeiten zum Konsum und neue Lebensstile auf.10 Daher war das Wachstum Beiruts, anders als etwa in vergleichbaren Europäischen Städten, nicht parasitär zum Rest des Landes. Es hatte vielmehr einen generativen Charakter und war eher ein Stimulus für die Entwicklung des Umlandes. Bei der Vereinigung und Assimilation der verschiedenen Kulturen und Ethnien der Stadt kam es darüber hinaus zu deutlich weniger Konflikten und Aufständen als in anderen Hafenstädten des Mittelmeers.11 Im nahen Aleppo etwa führten die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen Christen und Muslimen und die empfundene Ungerechtigkeit daraus 1850 zu größeren Unruhen.12 In Saloniki etwa blieben die zahlreichen unterschiedlichen Kulturen und Ethnien der Stadt über weite Teile seiner Geschichte zum Teil deutlich voneinander getrennt und standen nur allzu oft in offenem Konflikt miteinander.13 In Beirut führte die Urbanisierung nicht zu einer Entfremdung der eigenen Kultur, vielmehr blieben die Leute ihren eigenen Gruppen loyal und ihren Auffassungen treu. Dennoch lebten die verschiedenen Kulturen über lange Phasen friedlich miteinander in der Stadt.14

Diese Loyalität barg allerdings auch Probleme, da die Entwicklung Beiruts hierdurch nicht einheitlich von statten ging und sich vielmehr einzelne Gruppen zu gewissen Zeiten schneller und wirtschaftlich erfolgreicher entwickelten, was letztlich auch einen gewissen Neid bei denjenigen schürte, die sich von diesem neuen Wohlstand abgehängt fühlten. So führten etwa die Modernisierungen, die in den 1840er Jahren von Mehmet Ali Pasa initiiert wurden, zu einer Spaltung der Gesellschaft. Als Maßnahmen zur Verbesserung des Klimas für Handel und Wirtschaft geschaffen wurden und generell mehr auf Effizienz in Stadtverwaltung und Produktion geachtet wurde, empfand sich die alteingesessene, vornehmlich muslimische Bevölkerung ungleich stärker belastet. Sie sahen sich plötzlich Zwangsarbeit, Steuererhöhungen, einem um sich greifenden Monopolismus und der Konfiszierung ihrer Ernten ausgesetzt, während neuzugereiste Ausländer von den neuen Bedingungen der gesteigerten Effizienz und Rechtssicherheit nachhaltig profitierten.15

3. Die Stadtentwicklung Beiruts

1831 war Beirut noch eine stark mittelalterlich geprägte Kleinstadt. Das Zentrum war von engen Gassen, überhängenden Häusern und Schmutz geprägt.16 Beim Aufbau der Stadt 1830 war weniger auf soziale Fragen oder Gruppenbildungen geachtet worden, es ging vielmehr darum, fiskale Einnahmen zu sichern und den raschen Aufbau von Geschäften zu begünstigen, daneben gab es noch etwas Kosmetik.17 Die Stadt war vollständig von einer dicken Stadtmauer, die noch aus der Zeit der Kreuzfahrer stammte und über sechs Tore verfügte, umschlossen und weniger als eine Viertelquadratmeile groß. Wie viele vorindustrielle Städte war Beirut dabei in ethnisch weitgehend homogene Stadtviertel eingeteilt und zwischen den einzelnen Gruppen fand nur sehr wenig Kontakt, beziehungsweise Durchmengung zwischen ihnen statt.18 Im Gegensatz zum benachbarten Damaskus, das mehrheitlich muslimisch geprägt war, war das Verhältnis von Christen zu Muslimen in Beirut allerdings schon damals ausgeglichen und es herrschte ein recht freies Klima.19

1835 wurde ein neuer Verladekai gebaut, wodurch der Hafen an Bedeutung gewann und der Handel in der Stadt zunahm. So steigerten vervierfachten sich die Zolleinahmen Beiruts von 1830 bis 40 und während 1835 noch 310 Schiffe Beirut anliefen, waren es drei Jahre später 1838 bereits 680. 1839 gab es im Stadtgebiet Beiruts 68 Geschäftsbetriebe, von denen knapp die Hälfte Ausländern gehörte. Das Klima für den Handel entwickelte sich gut, Rechtssicherheit und die günstige Lage der Stadt machten sie attraktiv für Händler und Unternehmer, so dass immer mehr Auswärtige und Ausländer in die Stadt kamen.20 Viele dieser Ausländer zogen schon bald aus der engen Altstadt intra mures vor die Tore, außerhalb der alten Stadtmauer extra mures. Sie wohnten zu dieser Zeit gewöhnlich zur Miete, da sie zu Beginn noch keine wirklichen Bestrebungen hatten, sich endgültig in der Stadt niederzulassen.21 Es entstanden die ersten größeren Villen in der Umgebung, was jedoch auch zu den, bereits angesprochenen Schwierigkeiten und Spannungen zwischen den einzelnen Gruppen führte.22

Dennoch entwickelte sich Beirut speziell mit dem Aufbau neuer Marktverbindungen nach Europa, nach der Intervention Frankreichs und vor allem nach dem Ausbau der Stadt zum administrativen Zentrum rasant.23 Schnell zeichneten sich drei größere Untergemeinden ab. Im Stadtteil Achrafieh, der sich bald durch eine Mittel- und Oberschicht mit großen Residenzen auszeichnete, siedelte sich eine frankophile christliche, maronitische und orthodoxe Gemeinde an. Im Stadtteil Basta, westlich in der Nähe des historischen Zentrums, der jedoch sichtbar ärmer, aber auch traditioneller geprägt war, fanden sich mehrheitlich sunnitische Muslime ein. Ras-Beirut schließlich war eher englisch geprägt und nahm eine Sonderstellung ein, da es dort zu einer relativen Durchmischung von verschiedenen Ethnien kam, die sich auch in der Architektur und der Landnutzung wiederspiegelte.24

Zwischen 1835 und 1845 wuchs Beirut um das Doppelte. Nach einigen Unruhen in der Stadt 1842 wurde die Stadt zwischen Christen und Muslimen aufgeteilt.25 Der nun stärkere europäische, speziell französische Einfluss im Libanon brachte einen relativen Frieden und Stabilität auch in Beirut, was die Entwicklung der Stadt weiter begünstigte und beschleunigte.26 Mit der Gründung der Université St. Joséph, die vom französischen Staat wissenschaftlich und wirtschaftlich unterstützt wurde, sowie der Gründung zahlreicher Journale und Zeitungen direkt von, beziehungsweise mit Europäischen Kräften im Hintergrund, entwickelte sich die Stadt bald zu einer Verleger- und Bildungsstadt. Beirut zog im Zuge dieser Aufbrüche so immer mehr Europäer an.27 Auch bei diesen Entwicklungen spielte allerdings wiederum die Rivalität und Konkurrenz zwischen den verschiedenen ethnischen und Religiösen Gruppen eine Rolle, da quasi jede Partei ihre eigene Zeitung, Verlag oder Schule aufbauen wollte.28

1846 lebten nach Schätzungen des französischen Konsuls etwa 9000 Christen, 9000 Muslime, 850 Drusen und 250 Juden im Stadtgebiet Beiruts.29

1847 wurde auf europäische Initiative eine Gesellschaft für Kunst und Wissenschaft gegründet und der Einfluss Europas auf die Stadtentwicklung stieg an. Die Stadt begann sich nach europäischem Muster zu entwickeln, Fabriken wurden gegründet und es entstanden größere und nunmehr auch eingerichtete Wohnhäuser, die sich immer mehr von den traditionellen Bauten der Altstadt unterschieden30 Dennoch führte die Hinwendung einzelner Gruppen nach Europa wiederum bei anderen auch zu einer Besinnung auf die osmanischen Traditionen der Stadt, so dass zum Beispiel in den Jahren 1851 bis 1856 auf den Bergen über der Stadt der „grand Seray“ entstand, zunächst eine große Kasernenanlage, die über Jahrzehnte das Bild der Stadt nachhaltig prägte.31

Zentralisierte Baupolitik blieb jedoch eher die Ausnahme in der Stadtentwicklung Beiruts in dieser Zeit. Anders als in europäischen Hauptstädten waren es vor allem lokale Unternehmer und Vereinigungen, die, etwa im Hafenausbau, eine Chance witterten durch Investitionen in die Infrastruktur ihren eigenen Geschäften Auftrieb zu geben. Die Zentralregierung zeigte sich bei größeren Projekten und ihrer Finanzierung eher zögerlich, unterstützte einmal entstandene Initiativen allerdings durchaus. Die privaten Konsortien und Initiativen legten jedoch deutlich höheren Wert auf die Rendite und Rentabilität ihrer Investitionen als auf die Sicherung des Stadtbildes oder der Sicherung von Kulturgut. So wurden etwa beim weiteren Ausbau des Hafens in den 1860er Jahren ohne größeres Zögern zwei historische Türme, ein Leuchtturm aus der Kreuzfahrerzeit sowie die ehemalige Burg der Kreuzfahrer, Bauwerke, die über Jahrhunderte das Bild Beiruts prägten, abgerissen. Das Alte musste dem Neuen, mehr oder weniger ersatzlos weichen. Ähnliches geschah später auch beim Bau der Eisenbahn.32

1860 wurden die mittelalterlichen Stadtmauern abgetragen und so ein wesentliches Hindernis für die Stadtentwicklung beseitigt. Beirut wurde in dieser Zeit, mit der Eröffnung des Suez-Kanals, durch den das gesamte östliche Mittelmeer wieder an Bedeutung im Verkehrswesen gewann, wirtschaftlich immer interessanter für den Handel und die Stadt wuchs schnell weiter. Zwischen 1876 und 1892 begann sich die Außenbezirke fingerförmig an den neuen Ausfallstraßen auszudehnen, zunächst kleine Streusiedlungen wuchsen zu Dörfern und Unterzentren zusammen.33

Die Entwicklung Beiruts wurde dabei immer wieder durch den Status der Stadt ausgebremst, die über lange Zeit zwar wirtschaftlich immer bedeutender wurde, administrativ jedoch weiterhin kaum eine Rolle spielte und immer wieder hinter die bedeutenderen Provinzhauptstädte gerückt wurde. So zum Beispiel, als 1860 in Beirut eine Telegraphenstation eröffnet wurde, jedoch das erste Telegramm erst 1863, also drei Jahre später, versandt wurde, nachdem auch das für bedeutender erachtetere Aleppo über eine solche Einrichtung verfügte.34 Daher wurde 1865 von Händlern und Beamten aus Beirut eine Petition in die Wege geleitet, dass die Stadt in den Status einer Provinzhauptstadt gehoben werden sollte, es dauerte dennoch bis 1888 bis Beirut dieser Status auch zuerkannt wurde.35

Dies bedeutete einen neuen Impuls für die Entwicklung der Stadt. 1884 entstand bereits ein neues Herrschaftsgebäude, der „petit Seray“ am zentralen Platz der Stadt. 1889 wurde, als einer von 150 neuen phares de l’empire ottoman ein neuer Leuchtturm in der Stadt gebaut, sowie ein großer Glockenturm, an dem die Zifferblätter auf einer Seite mit arabischen, auf der anderen mit römischen Zahlen versehen waren. 1883 wurde ein englischer Garten errichtet, 1889 begann man die Stadt mit modernen Gaslaternen zu beleuchten und 1893 wurde eine Rennbahn gebaut.36 Hieran ist deutlich eine gewisse Durchmengung und das Miteinander, beziehungsweise Nebeneinander der unterschiedlichen Ethnien der Stadt zu erkennen, die sich in den neuen Bauwerken wieder finden konnten. Zwar baute jede Gruppe für sich oder investierte in lohnenswert erscheinende Projekte, dennoch prägten alle gemeinsam das Bild der Stadt nachhaltig.

[...]


1 Nora Lafi: Mediterranean Cosmopolitanism and its Contemporary Revivals. A Critical Approach, in: New Geographies 5 (2013), S. 325-333.

2 Samir Khalat u. Per Kongstad: Hamra of Beirut. A Case of rapid Urbanization, Leiden 1973. Im Folgenden zitiert als: Khalat u. Kongstad, Hamra. S. 117.

3 Philip Mansel: Levant. Splendour and Catastrophe on the Mediterranean, London 2010. Im Folgenden zitiert als: Mansel, Levant. S. 91.

4 Samir Khalat u. Per Kongstad: Urbanization and Urbanism in Beirut. Some Preliminary Results, in: Carl L. Brown (Hg.) From Madina to Metropolis. Heritage and Change in the Near Eastern City, Princeton 1973, S. 116-149. Im Folgenden zitiert als: Khalat u. Kongstad, Urbanization. S. 118-120.

5 Khalat u. Kongstad, Hamra, S. 2-3.

6 Ebd. S. 4-12.

7 Leila Fauvaz: Foreign Presence and Perception of Ottoman Rule in Beirut, in: Hanssen, Jens (u.a.) (Hgg.): The Empire in the City. Arab Provincial Capitals in the Late Ottoman Empire, Beirut u. Würzburg 2002, S, 93-104. S. 93.

8 Galal Ahmad Amin: Urbanization an Economic Developement in the Arab World, Beirut 1972 Im Folgenden zitiert als Ahmad, Urbanization and Developement. S. 12-13.

9 Ebd. S. 14-15.

10 Ahmad, Urbanization and Development, S. 24.

11 Khalat u. Kongstad, Urbanization, S. 120.

12 Bruce Masters: The 1850 Events in Aleppo: An Aftershock of Syria’s Incorporation into the Capitalist World System, in: International Journal of Middle East Studies 22/1 (1990), S. 3-20.

13 Mark Mazower: Salonica, City of Ghosts. Christians, Muslims and Jews 1430-1950, New York 2005.

14 Khalat u. Kongstad, Urbanization, S. 120.

15 Mansel, Levant , S. 93-95.

16 Mansel, Levant, S. 91.

17 Jens Hanssen: Fin de Siècle Beirut. The Making of an Ottoman Provincial Capital, Oxford 2005. Im Folgenden zitiert als Hanssen, Fin de Siècle Beirut. S. 214.

18 Khalat, Kongstad, Hamra, S.16.

19 Ebd. S. 3.

20 Mansel, Levant, S. 93.

21 Ralph Bodenstein: Housing the Foreign. A European’s exotic Home in Late Nineteenth-Century Beirut, in: Hanssen, Jens (u.a.) (Hgg.): The Empire in the City. Arab Provincial Capitals in the Late Ottoman Empire, Beirut u. Würzburg 2002, S. 105-127. S. 105-106.

22 Mansel, Levant, S. 93-95.

23 Khalat, Kongstad, Hamra, S. 16-17.

24 Khalat, Kongstad, Urbanization, S. 120-121.

25 Mansel, Levant, S. 98-100.

26 Ebd. S. 148-149.

27 Asher Kaufman: Reviving Phoenicia. In Search of Identity in Lebanon, London 2004, S. 30-40.

28 Mansel, Levant, S. 150.

29 Mansel, Levant, S. 96.

30 Ebd. S. 97.

31 Ebd. S. 151-152.

32 Hansen, Fin de Siècle beirut, S. 86-96.

33 Helmut Ruppert: Beirut. Eine westlich geprägte Stadt des Orients, Erlangen 1969. (Erlanger Geographische Arbeiten, Heft 27) Im Folgenden zitiert als: Ruppert, Beirut. S. 15-17.

34 Hansen, Fin de Siècle beirut, S. 39.

35 Ebd. S. 25.

36 Mansel, Levant, S.151-153.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Stadtplanung und Architektur in Beirut von 1830 bis ins 20. Jahrhundert. Ein kosmopolitisches Mit- oder Gegeneinander?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar: Die Hafenstädte des östlichen Mittelmeers im 19 Jahrhundert - Orte des kosmopolitischen Miteinanders?
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V299687
ISBN (eBook)
9783656962106
ISBN (Buch)
9783656962113
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beirut;, Libanon;, 19. Jahrhundert;, Geschichte;, Stadtplanung
Arbeit zitieren
Christian Risse (Autor), 2015, Stadtplanung und Architektur in Beirut von 1830 bis ins 20. Jahrhundert. Ein kosmopolitisches Mit- oder Gegeneinander?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299687

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