Stereotype Darstellungen der naiven Jungfrau. Vergleich der Mären "Der Sperber" und "Das Häslein"


Hausarbeit, 2015
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Der Sperber“ und „das Häslein“ - ein Vergleich zweier Mären
2.1. Erzählverlauf
2.2. Darstellung der Protagonistinnen und ihrer Naivität
2.3. Perspektivenführung beider Mären und Schlussepisode des „Häslein“

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Literatur des Mittelalters kennt viele verschiedene Weiblichkeitsdarstellungen. In der höfischen Epik finden sich mächtige, unnahbar wirkende Frauen neben hingebungsvollen, liebenden, die treu an der Seite ihrer Männer stehen. Legenden erzählen von der Frau als Heiliger und in der Minnelyrik werden die edlen und anziehenden Seiten der Weiblichkeit besungen.

Aus diesem Rahmen der positiven, wenn auch grundsätzlich patriarchalen Betrachtungsweise, sticht die Weiblichkeitsdarstellung in der Gattung Märe hervor.

Denn das Märe, oft als minderwertige Schundliteratur verschrien,[1] beschäftigt sich nicht mit dem erhabenen Geschehen am Adelshof. Es beschäftigt sich vornehmlich mit Sexualität und moralischen Vergehen. Diese Thematik setzt es nicht selten durch Beschreibungen um, die bis ins Obszöne gehen. Mit der abweichenden Thematik geht auch eine andere Darstellung von Weiblichkeit einher. Wo sich in höfischer Literatur die edle, tugendvolle Dame findet, setzt das Märe seinen Fokus auf eine ganz andere Art von Weiblichkeit, die überwiegend negativ konnotiert ist: Hier finden sich z.B. listige und boshafte Frauen, die ihre Männer mit viel Aufwand belügen und betrügen – meist, um sexuelle Befriedigung zu erlangen. Neben diesen stehen als Umkehrung die dummen oder naiven Frauen, die sich durch die List von Männern z.B. um ihre Jungfräulichkeit bringen lassen. Gemeinsam ist diesen verschiedenen Frauenbildern ihre typisierte, kaum individuelle Darstellung. Ich möchte mich in meiner Hausarbeit auf den Stereotyp der „naiven Jungfrau“ fokussieren.

Hierfür habe ich mir zwei Mären ausgesucht, die diesen Frauentypus thematisieren und dabei sogar auf die gleiche Geschichte in unterschiedlicher Darstellung zurückgreifen: „Der Sperber“[2] und „Das Häslein“[3], beide von unbekannten Verfassern geschrieben.

Nach einer kurzen Einleitung und Begründung meiner Vorgehensweise möchte ich untersuchen, wie die Darstellung der Protagonistinnen und ihrer Naivität in den Mären funktioniert, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es gibt und was diese für das Gesamtkonzept des Typus „naive Jungfrau“ in beiden Erzählungen bedeutet.

2. „Der Sperber“ und „das Häslein“ - ein Vergleich zweier Mären

Das Märe gehört zur epischen Kleindichtung der mittelalterlichen Literatur und erlebte seine Blütezeit im 13. Jahrhundert.[4] Wie schon in der Einleitung erwähnt, wurde es durch seine zu sonstigen literarischen Gattungen des Mittelalters kontraststarke Themenwahl und Darstellung oft als niedere Literaturform angesehen – hat es doch in seiner starken Sexualisierung gar nichts gemeinsam mit der hohen Liebesliteratur. Trotzdem, so jedenfalls Heinz Rupp, zielen beide Literaturformen auf ein ähnliches Ziel.[5] Der Ehebruch z.B. wird auch in höfischer Liebesliteratur thematisiert, hier aber emporgehoben als ein Akt der geistigen Liebe zu einer anderen Person als dem eigenen Partner. Demgegenüber steht im Märe die Darstellung des Ehebruchs als etwas Natürliches und Derbes, als etwas durch den menschlichen Trieb Hervorgerufenes.[6] Mit dieser Formulierung reagiert Rupp auf die Degradation des Märe durch viele Literaturwissenschaftler, die er aus zweierlei Gründen für unzulässig hält: moralische Gründe und Verurteilungen sollten in der Literaturwissenschaft keine Rolle spielen, und diese moralischen Gründe dürfe man auch nicht an heutigen Maßstäben messen.[7]

Ich möchte im Folgenden nicht weiter auf die verschiedenen Diskussionsfragen der Forschung eingehen und auch nicht die Frage behandeln, wie und warum die Märenschreibung entstehen konnte, denn das empfinde ich für meine eigene Analyse als irrelevant. Trotzdem möchte ich noch einige weitere Worte zur Gattung des Märe verlieren, die auf die eigentliche Analyse vorbereiten sollen.

Das Märe ist ein Ort der Typisierung und der Klischees. Geschehen und Figureninventar werden gleichsam in Stereotype gefasst. So werden den Figuren z.B. zumeist keine Namen gegeben und Charakterzüge, wenn man sie überhaupt so nennen kann, sind nur in Form von stilisierten Rollenklischees vorhanden. Diese zeigen keine vielschichtige Persönlichkeit, sondern nur die Oberfläche eines klischeehaften Charaktermerkmals der jeweiligen Personengruppe (z.B. Frau, Bauer, Geistlicher).[8]

Auch die Geschichten handeln oft von ähnlichen Geschehen, die sich in verschiedenen Mären wiederholen, wie z.B. der Betrug des Ehemanns oder eben die Jungfrau, die durch männliche List ihre Unschuld verliert. Sie laufen meist nach einem ähnlichen Schema ab: zwei (oder mehrere) miteinander charakterlich in Kontrast stehende Figuren werden miteinander konfrontiert, dadurch entsteht ein Konflikt, dieser wird mit zumeist komischen Mitteln gelöst.[9] Auch die Konflikte sind, wie die oben genannten, in verschiedenen Mären oft dieselben.

Wichtig ist in den Mären die Frau als Mittelpunkt und Ausgangsgrund für den Konflikt. Ihr kommt oft eine (natürlich stereotype) Beschreibung zu, die schon den Konflikt andeutet – je nachdem welche Position sie in der Geschichte annehmen soll eher negativ oder eher positiv konnotiert. Gleich ist aber allen Frauentypen der Mären ihre Schönheit und Jugend, die als konfliktauslösende Elemente unverzichtbar sind.[10]

Die beiden ausgewählten Mären sind ein gutes Beispiel dafür, dass sich wenige Grundtypen der Geschichte, Konflikte und Figuren in verschiedenen Mären wiederholen können. So wird „Der Sperber“ als Vorlage für „Das Häslein“ vermutet, während er selbst vermutlich eine Bearbeitung einer französischen Vorlage, eines Fabliau, darstellt.[11] Inwieweit der Stoff nun tatsächlich in beiden Mären gleichwertig umgesetzt wird, wird sich im Laufe meiner Untersuchung zeigen.

Wie ich verdeutlicht habe, gehört das Märe zu den Gattungen, die sich stereotypen Handlungen und Figuren bedienen. Dies führt dazu, dass die Figuren in ihren Charaktereigenschaften flach und einfach gezeichnet werden und von ihrer Funktion in der Erzählhandlung determiniert sind – weitere Persönlichkeitsmerkmale, die über diese Funktion hinausgehen, existieren nicht.[12] Diese Abgeschlossenheit und Einschränkung der Figuren möchte ich in meiner Analyse berücksichtigen.

Ich möchte nun die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten in beiden Mären aufdecken. Dabei werden auch die oben schon kurz erwähnten, für meine Analyse relevanten Merkmale von Mären aufgegriffen werden. Hierfür werde ich die Mären immer nacheinander auf verschiedene Bewertungseinheiten hin untersuchen und vergleichen. Beginnen werde ich jeweils mit dem „Sperber.“ Der erste Punkt in meiner Analyse soll zunächst der Aufbau beider Geschichten sein, der einen ersten Einblick in den unterschiedlichen Erzählverlauf beider Mären gibt.Darauf aufbauend möchte ich dann ins Detail gehen und untersuchen, mit welchen Mitteln jedes Märe für seine jeweilige Darstellung arbeitet und welchen Einfluss diese auf die Wirkung der Erzählungen haben.

2.1. Erzählverlauf

Zu Beginn des „Sperbers“ proklamiert der Erzähler das Erzählte als wahr (V. 1-6). Er berichtet zunächst ausführlich über ein Kloster und das Leben, das sich in ihm abspielt (V. 7-49), dann geht er über auf die Beschreibung der jungen Nonne, die er mit vielen positiven Attributen versieht (V. 50-60), um ihre Schönheit darzustellen. Gleichzeitig erwähnt er aber auch ihr Unwissen gegenüber der Welt außerhalb des Klosters (V. 61-74) Erst nach dieser ausführlichen Einleitung wird der Ritter eingeführt.

Im „Häslein“ läuft die Situation andersherum. Zunächst wird der Ritter eingeführt, der auf Jagd ist, hierbei eine Häslein fängt (V. 21-60) und schließlich auf dem Ritt an einem Dorf vorbei ein junges Mädchen an einem Gartenzaun stehen sieht (V. 61-65). Beide Mären beginnen also mit einem unterschiedlichen Blickwinkel, doch die Situation scheint zunächst doch ähnlich: ein Ritter trifft auf ein junges Mädchen. Sowohl „Sperber“ als auch „Häslein“ geben den Figuren keine Namen und bedienen sich somit einem der oben genannten typischen Merkmale des Märe.

Der „Sperber“ führt die Erzählung fort mit der Begegnung des Ritters, der einen Sperber bei sich trägt und der Nonne, die auf der Klostermauer steht (V. 75-84). Mit dem Interesse der jungen Nonne an dem Sperber setzt der Dialog zwischen beiden Figuren ein (V. 90-93). Die junge Nonne äußert ihre Bewunderung für die Schönheit des Vogels, die sie einzig durch seinen krummen Schnabel gestört sieht (V. 95-103), und vermutet er sei ein Geschenk für eine Frau (V. 104-105). Hieraufhin bietet der Ritter ihr den Vogel zum Verkauf an (V. 113-115) – als Bezahlung möchte er ihre Minne haben (V. 125). Die Nonne weist dies zunächst ab mit der Begründung, dass sie keine Minne habe (V. 128-133). Der Ritter bietet ihr daraufhin an, die Minne bei ihr zu suchen, denn er sei sicher, dass sie welche besitze (V. 145-151). Die Nonne willigt hieraufhin ein. Die Situation im „Häslein“ ist ähnlich, dennoch mit dem Unterschied, dass es sich bei dem Objekt der Begierde des Mädchens um ein Häslein handelt und sie lediglich ihr Entzücken über die Niedlichkeit des Tieres äußert (V. 70-73), also kein Dialog über die Art des Tieres geführt wird.Auch im „Häslein“ bietet der Ritter dem Mädchen das Tier zum Verkauf für ihre Minne; auch sie sagt zunächst dass sie keine Minne besitze, lässt dann aber ebenso zu, dass der Ritter danach sucht (V. 74-109).

Im „Sperber“ schläft die junge Nonne auf das Angebot des Ritters mehrmals mit ihm (V.166-194). Es scheint ihr sogar sehr gut zu gefallen, denn sie fordert ihn auf, sich auch ja genug Minne zu nehmen, damit sie auch genug bezahle (V. 175-197). Der Ritter nimmt dieses Angebot freudig wahr (V. 190-197). Dann, mit ihrem frisch erworbenem Sperber, eilt sie zu der Klosteroberin und zeigt ihn stolz, sogar mit dem Rat, doch für das ganze Kloster so einen „Minnesucher“ anzuschaffen (V. 203-229). Als die Klosteroberin davon hört, wird sie zornig und schlägt die junge Nonne (230-245), die gar nicht weiß wie ihr geschieht und daraufhin den Tausch rückgängig machen will (V. 246-257). Als der Ritter nun erneut am Kloster vorbereitet, fordert sie ihn zum Rückkauf auf, und erneut schlafen sie miteinander, die Nonne im Glauben, so ihre Minne zurückzukaufen (V. 260-318). Auch diesmal fordert sie ihn auf, die Minne vollständig zurückzugeben (V. 299-311). Als sie daraufhin zurück zur Klosteroberin geht und ihr berichtet, dass nun alles wieder gut sei, resigniert diese über die Naivität ihrer Nonne, sieht jedoch auch ein dass sie selbst nichts dazu getan hat, um sie zu warnen und lässt daher von einer weiteren Strafe ab (V. 320-355).

[...]


[1] Vgl. Rupp, Heinz: Schwank und Schwankdichtung in der deutschen Literatur des Mittelalters. S. 35.

[2] Vgl. Grubmüller. Klaus (Hg.): Der Sperber. S. 569-589.

[3] Vgl. Grubmüller, Klaus (Hg.): Das Häslein. S. 590-617.

[4] Vgl. Rupp, Heinz: Schwank und Schwankdichtung in der deutschen Literatur des Mittelalters. S. 34.

[5] Ebd.

[6] Vgl. Rupp, Heinz: Schwank und Schwankdichtung in der deutschen Literatur des Mittelalters. S. 37.

[7] Vgl. Rupp, Heinz: Schwank und Schwankdichtung in der deutschen Literatur des Mittelalters. S. 37-38.

[8] Vgl. Jonas, Monika: Idealisierung und Dämonisierung als Mittel der Repression. S. 70.

[9] Vgl. Jonas, Monika: Idealisierung und Dämonisierung als Mittel der Repression. S. 69-72.

[10] Vgl. Jonas, Monika: Idealisierung und Dämonisierung als Mittel der Repression. S. 74.

[11] Vgl. Grubmüller, Klaus: Die Ordnung, der Witz und das Chaos. S. 132.

[12] Vgl. Matías Martinez: Figur. S. 147-148.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Stereotype Darstellungen der naiven Jungfrau. Vergleich der Mären "Der Sperber" und "Das Häslein"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Veranstaltung
Figuration von Weiblichkeit in mittelalterlichen Erzähltexten
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V299735
ISBN (eBook)
9783668283381
ISBN (Buch)
9783668283398
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stereotype, darstellungen, jungfrau, vergleich, mären, sperber, häslein
Arbeit zitieren
Sarah Fromm (Autor), 2015, Stereotype Darstellungen der naiven Jungfrau. Vergleich der Mären "Der Sperber" und "Das Häslein", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299735

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