Ererbt oder anerzogen - Neue Untersuchungen zu einer alten Frage


Hausarbeit, 2002

16 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen
2.1 Theorie Freuds
2.2 Frühe behavioristische Ansätze
2.3 Soziale Lerntheorie
2.4 Das Eigenschaftsparadigma
2.5 Das dynamisch-interaktionistische Paradigma
2.5.1 Das Kodeterminationsmodell
2.5.2 Das Katapultmodell

3 Zwillings- und Adoptionsforschung

4 Die Molekulargenetik

5 Das Bindeglied zwischen der Persönlichkeit, dem Genom und der Umwelt

6 Exkurs: Die Antisoziale Persönlichkeit

7 Koevolutionäres Denken: wie Meme die Gene überholen

8 Zusammenfassung

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll die Frage „ererbt oder anerzogen?“ nach dem aktuellsten Stand der Wissenschaft beantworten. In den Grundlagen wird die aktuelle Unterscheidung von Umwelt, Persönlichkeit und Genom sowie die Entwicklung dieser drei Begriffe aus wichtigen Paradigmen Schritt für Schritt erklärt. Dann folgen Sichtweisen und Forschungsweisen der Genetik. Erklärt werden Grundbegriffe der Genetik, die Zwillings- und Adoptionsforschung sowie die Sichtweisen der aktuellen Molekulargenetik. Als Bindeglied zwischen der Genetik und der Umwelt wird die Persönlichkeitsforschung der Psychologie in einem weiteren Kapitel hinzugezogen. Nach einem Exkurs zur Antisozialen Persönlichkeit folgt die Beleuchtung koevolutionärer Denkweisen.

2 Grundlagen

Die klassische Sozialisationsforschung geht davon aus, dass Umwelteinflüsse auf die Persönlichkeit von Kindern vor allem familiäre Einflüsse sind. Darunter zählt sie zum Beispiel die soziale Schicht, Erziehungsstile der Eltern, Familienklima und Bildungsniveau. Diese klassische Sicht der Sozialisationsforschung über die Umwelteinflüsse auf die Persönlichkeit hat ihre Wurzeln grundsätzlich in drei Theorien: In der Freudschen Psychoanalyse, in frühen behavioristischen Ansätzen und in der Sozialen Lerntheorie. Das Eigenschaftsparadigma und der daraus entstandene dynamisch-interaktionistische Ansatz, lenken das Augenmerk mehr der Persönlichkeit zu und dienen dem genaueren Verständnis des Bindeglieds zwischen Persönlichkeit, Genom und Umwelt (folglich Kapitel 5).

2.1 Theorie Freuds

In der Periode von 1920 bis in die 1950er Jahre inspirierten Freuds Theorien die Forschung der Sozialwissenschaftler. Da Freud die frühen Kindheitserfahrungen für die spätere Persönlichkeitsentwicklung verantwortlich machte, suchten die Sozialwissenschaftler die Erklärung der Persönlichkeitsentwicklung in der Elterlichen Erziehung. Für viele Sozialwissenschaftler waren Freuds Theorien jedoch zu eigenwillig im Detail. Speziell die Differenzierung zwischen den drei psychosexuellen Phasen (orale, anale und phallische Phase) gingen ihnen zu weit (nach Rowe, 1994).

2.2 Frühe behavioristische Ansätze

Starker Enthusiasmus für die Forschung nach Umwelteinflüssen in der Sicht der klassischen Sozialisationsforschung erweckte Watson (1924) (nach Rowe, 1994, S. 10) indem er bei einer Rede die folgende Behauptung aufstellte: Er könne jedes zufällig gewählte Kind mit der passenden Umwelt zu einem x-beliebigen Spezialisten erziehen. Sei dies ein Arzt, ein Jurist, ein Künstler oder gar ein Baggerführer oder ein Dieb. Diese Behauptung entstand aufgrund einer Einzelstudie an einem Kleinkind. Watson trainierte dieses Kind darauf, dass es Angst an einer Laborratte hatte. Er nannte diesen Vorgang Konditionierung. Nachdem das Kind jedesmal Angst auf diese Laborratte zeigte, präsentierte Watson gleichzeitig mit der Ratte einen akustischen Reiz. Nach vielen Wiederholungen, begann das Kind schliesslich auch Angst zu zeigen, wenn nur der akustische Reiz erschien. Watson replizierte diese Studie nie und ging über, eine Fülle von ähnlichen Experimenten an Tieren durchzuführen. Trotz dem Mangel an Erziehungsexperimenten bei Kindern, beeinflusste die Idee der Konditionierung durch immer wieder präsentierte Umweltstimuli die Sozialisationsforschung während Jahrzehnten.

2.3 Soziale Lerntheorie

Flexibler als die frühen behavioristischen Ansätze ist die soziale Lerntheorie, wie sie erstmals Bandura (1965) (nach Rowe, 1994, S. 12) formulierte. Bandura beeinflusste die Sozialisationsforschung mit seinem Paradigma des Modellernens. Unter Modellernen versteht Bandura, dass beispielsweise Kinder durch Beobachten von Handlungen Erwachsener, neue Verhaltensweisen lernen. Dabei spielt die Aufmerksamkeit auf die Handlung eine zentrale Rolle. Die Aufmerksamkeit eines Kindes auf Handlungen der Eltern ist besonders hoch, wenn eine enge, emotionale befriedigende Beziehung zwischen ihnen besteht.

2.4 Das Eigenschaftsparadigma

Um den Einfluss der Umwelt auf die Persönlichkeit eines Menschen verstehen zu können, muss zuerst definiert werden, was unter dem Begriff Persönlichkeit verstanden wird. Dies ist im Rahmen der vorliegenden Arbeit wichtig, da die sogenannte Antisoziale Persönlichkeit (siehe Kapitel 6) eine wichtige Rolle für antisoziales Verhalten in der Kriminologie spielt. In der Persönlichkeitsforschung entstand mit der zunehmenden Entwicklung der statistischen Faktorenanalyse ein den empirischen Wissenschaften genügendes Mittel, das Eigenschaftsparadigma. Es beruht ursprünglich auf den Überlegungen von William Stern (1871- 1938) und Gordon Allport (1897-1967) und fand erst nach der Blütezeit der Freudschen Theorien und des Behaviorismus breite Anwendung in den empirischen Wissenschaften. Im Eigenschaftsparadigma wird versucht, den Eigenschaftsbegriff der Alltagspsychologie zu präzisieren und ihn für diagnostische Zwecke zu nutzen. Als Beispiel für eine alltagspsychologische Aussage wäre etwa, dass ein Schüler über einen Mitschüler X sagt: „Der ist einfach Intelligent, darum ist er immer so gut in den Prüfungen.“ Mit Hilfe von Messinstrumenten, welche im Rahmen des Eigenschaftsparadigmas entwickelt wurden, kann nun festgestellt werden, ob dieser als intelligent bezeichnete Schüler X im Vergleich zu seinen Mitschülern wirklich bessere Intelligenzleistungen besitzt. Dafür müssten alle Schüler einen Intelligenztest ausfüllen. Dann kann geschaut werden, ob der Schüler X sich wirklich in seiner gemessenen Intelligenz (durch seinen Intelligenz Quotient skaliert) von seinen Mitschülern unterscheidet. Das Eigenschaftsparadigma betont jedoch, das mit der Messung aller Schüler noch nicht sicher gesagt werden kann, ob der Schüler X immer besser ist als seine Mitschüler. Erst durch mehrere Messungen unter möglichst gleichen Bedingungen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten, kann etwas über die Intelligenz des Schüler X ausgesagt werden.

Unter der Persönlichkeit einer Person wird im Eigenschaftsparadigma folgendes verstanden (Asendorpf, 1996, S.42): Die Gesamtheit ihrer Merkmalsausprägungen in allen Merkmalen, die Mitglieder der betrachteten Population voneinander unterscheiden. Zudem kann die Persönlichkeit durch ein Persönlichkeitsprofil veranschaulicht werden. Ein einzelnes Merkmal eines Persönlichkeitsprofils kann zum Beispiel die Antisoziale Persönlichkeit sein. Das Eigenschaftsparadigma stösst aber dennoch an gewisse Grenzen. Es geht von zumindest mittelfristig stabilen Merkmalen der Persönlichkeit aus und ist deshalb nur bedingt mit entwicklungspsychologischen Phänomenen vereinbar. Das aktuelle Paradigma vieler empirischen Wissenschaften ist das dynamisch-interaktionistische Paradigma.

2.5 Das dynamisch-interaktionistische Paradigma

Im dynamisch-interaktionistischen Paradigma ist die Organisation des Verhalten einer Person und die Organisation ihrer Umwelt konstant. Person und Umwelt können sich jedoch längerfristig ändern. Es existieren kontinuierliche Wechselwirkungen zwischen Person und Umwelt (Asendorpf 1996, S. 82). Als Beschreibung dieser Wechselwirkungen dienen Korrelationen. Da das dynamisch-interaktionistische Paradigma Längsschnittstudien voraussetzt, wird es aber nur selten gebraucht und bleibt eher eine Ideologie der empirischen Wissenschaften. Oftmals sind die Kosten für solche Untersuchungen zu hoch. Auf Grund des schlechten Kosten-Nutzen- Verhältnis, entwickelten sich verkürzte Varianten des dynamisch-interaktionistischen Untersuchungsansatzes. Nicht jede Person-Umwelt-Interaktion wird längerfristig untersucht, sondern nur einzelne Ausschnitte daraus. Im Folgenden werden zwei aus dieser Kosten-Nutzen- Problematik entstandene Ansätze kurz erläutert.

2.5.1 Das Kodeterminationsmodell

Im Kodeterminationsmodell (Asendorpf 1996, S. 92) wird erwartet, dass Merkmale der Umwelt und der Persönlichkeit gemeinsam auf spätere Merkmale der Persönlichkeit wirken. Diese Wirkung kann additiv sein, aber es kann auch eine statistische Interaktion zwischen Umwelt und Persönlichkeit bestehen, so dass dasselbe Umweltmerkmal bei unterschiedlichen Personen unterschiedliche Wirkungen auf deren weitere Entwicklung hat. Zum Beispiel kann der gleiche Unterrichtsstil einer Lehrerin völlig unterschiedliche Entwicklungen zweier Schüler verursachen.

2.5.2 Das Katapultmodell

Hinter dem Katapultmodell (Asendorpf 1996, S. 93) steckt die entwicklungspsychologische Tatsache, dass es in gewissen Zeitabschnitten eines Menschen sogenannte sensible Phasen gibt. In sensiblen Phasen kann es zu grossen Entwicklungsfortschritten innert kürzester Zeit kommen. Beispielsweise kommen sensible Phasen in der Sprachentwicklung von Kindern vor: Japaner, welche in Japan aufwachsen, verlernen mit der Zeit, „r“ und „l“ im Sprechen und im Hören zu unterscheiden. Dabei handelt es sich aber nicht um einen genetischen Effekt, denn Japaner welche in einer Englischsprachigen Umgebung aufwachsen, haben dabei keine Unterscheidungsschwierigkeiten (Bornstein 1989 in Asendorpf 1996). Es würde also reichen, die Umwelt im entsprechenden Alter dieser Japaner zu erfassen um vorauszusagen, ob sie später „r“ und „l“ mühelos unterscheiden können. Ein Auseinanderhalten der beiden Konsonanten nach einer solch sensiblen Phase, ist für Japaner äusserst umständlich und mühevoll. Ein Problem des Katapultmodells bleibt. Es geht von einer sensiblen Phase aus. Ob es sich tatsächlich um eine sensible Phase handelt, wird nicht in allen Studien, welche Katapultmodelle benutzen, überprüft.

3 Zwillings- und Adoptionsforschung

Die Populationsgenetik (Rowe 1994, S. 29-32) interessiert sich für genetische Unterschiede zwischen Mitgliedern derselben Population. Beim Menschen ist die genetische Information, das Genom (früher auch Genotyp genannt), in allen Zellen gespeichert und bleibt während des gesamten Lebens unverändert. Davon abgesehen sind krankhafte Veränderungen von Zellen. Das Genom beruht auf Genen, welche durch ihre Funktion im Stoffwechsel eines Menschen definiert sind. Dasselbe Gen kann bei unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen Varianten, den sogenannten Allelen des Gens, auftreten. Menschen unterscheiden sich in ihrem Allelmuster. Das Genom ist also durch ein bestimmtes Allelmuster definiert, das von Mensch zu Mensch stark variiert.

Etwa die Hälfte der Allele eines Kindes stammen von der Mutter und die andere Hälfte vom Vater. Die Aufteilung von Gen zu Gen variiert dabei zufällig. Geschwister unterschiedlichen Alters sowie zweieiige Zwillinge, welche unterschiedlichen Eizellen der Mutter entstammen, teilen etwa 50% ihrer Allele. Eineiige Zwillinge entstammen derselben mütterlichen Eizelle und sind deshalb genetisch identisch. Bei adoptierten Kindern beträgt die genetische Ähnlichkeit zu den Eltern hingegen 0%.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese vom Verwandtschaftsgrad abhängige genetische Ähnlichkeit machen sich die Populationsgenetiker zu nutzen. Sie gehen davon aus, dass sich der sogenannte Phänotyp aus einem genetischen Anteil (Genom), einem Umweltanteil und einem Messfehleranteil zusammensetzt. Bei eineiigen Zwillingen, die gleich nach der Geburt getrennt werden und in unterschiedlichen Umwelten aufwachsen, müsste also jede Ähnlichkeit auf das Genom zurückgeführt werden können.

Für zusammen aufgewachsene Eineiige Zwillinge lässt sich der Anteil des gemeinsamen Genoms an den manifestierten Genotypen mit der sogenannten Heriabilität (h²) ausdrücken:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es lassen sich aber auch Korrelationen schätzen. Zwei traditionelle indirekte Schätzmethoden sind die Zwillingsmethode zusammen aufgewachsener Geschwister und die Adoptionsmethode.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Ererbt oder anerzogen - Neue Untersuchungen zu einer alten Frage
Hochschule
Universität Zürich  (Kriminologisches Institut)
Veranstaltung
Psychologie, Psychopathologie
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V2998
ISBN (eBook)
9783638118071
Dateigröße
803 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
sehr dicht - einzeiliger Zeilenabstand. 572 KB
Schlagworte
Ererbt, Neue, Untersuchungen, Frage, Psychologie, Psychopathologie
Arbeit zitieren
Dr. phil. Mike Schaub (Autor), 2002, Ererbt oder anerzogen - Neue Untersuchungen zu einer alten Frage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2998

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