Interventionsprinzipien der Motivierenden Gesprächsführung. Anwendung in deutschen Jobcentern als humanistischer und deeskalierender Ansatz


Hausarbeit, 2015

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundsätze der Motivierenden Gesprächsführung
2.1 Empathie ausdrücken
2.2 Diskrepanzen entwickeln
2.3 Widerstand aufgreifen/umlenken
2.4 Selbstwirksamkeit fördern

3. Beispiel „Inge Hannemann“

4. Fazit

Quellenverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Ursprünglich wurde die Motivierende Gesprächsführung (MG) für „Hard-to-Reach“- Klientel aus dem Setting der Suchthilfe entwickelt. Mittlerweile fand die MG Einzug in die verschiedensten sozialen, psychischen und psychiatrischen Fachbereiche. Die Methode der MG vermittelt wertvolles praktisches Wissen, wie eine konstruktive Beziehungsgestaltung zu „Hard-to-Reach“-Klienten gelingen kann. Sie zeigt praxisorientiert auf, wie Fachkräfte ihre Unterstützerrolle adäquat ausfüllen und gestalten können, sodass sinnvolle Veränderungen möglich werden.1

Die Begründer, MILLER & ROLLNICK, definieren die MG „als eine klientenzentrierte, direktive Methode zur Verbesserung der intrinsischen Motivation für eine Veränderung mittels Erforschung und Auflösung von Ambivalenz.“2

Die MG ist nicht nur als ein Gesprächsstil zu interpretieren, sondern als eine therapeutische Grundhaltung. Ihre Leitmotive der Autonomie, Kooperation und Evokation lassen eine schlüssige beraterisch-therapeutische Grundeinstellung entstehen. Diese Leitmotive finden innerhalb der Praxis ihren Ausdruck in den vier grundlegenden Interventionsprinzipien der MG.3

Im Folgenden wird der Versuch unternommen, die vier Basisprinzipien der MG prägnant in ihrem Grundverständnis zu erfassen und im Kontext von Langzeitarbeitslosigkeit im Setting deutscher Jobcenter zu betrachten.

2. Grundsätze der Motivierenden Gesprächsführung

2.1 Empathie ausdrücken

MILLER & ROLLNICK beschreiben in ihrem Grundlagenwerk den klientenzentrierten und empathischen Therapiestil nach Carl Rogers als grundlegende Voraussetzung für die MG.4

ROGERS erkannte auf der Grundlage von Forschungsergebnissen, dass folgende drei Bedingungen für den Therapieerfolg unabdingbar sind:

1. die Echtheit oder Kongruenz des Therapeuten,
2. das vollständige Akzeptieren oder die bedingungslose positive Wertschätzung des Klienten durch den Therapeuten und
3. ein empfindsames und genaues empathisches Verstehen der Gefühle des Klienten und ihrer persönlichen Bedeutungen durch den Therapeuten.5

Die empathische Haltung zieht sich durch den gesamten beratend-therapeutischen Prozess der MG und kann auch als „Akzeptanz“ bezeichnet werden. Mithilfe der Technik des aktiven Zuhörens sollen die Gefühle, Perspektiven und Standpunkte der Klienten verstanden werden, ohne dabei auf Wertungen, Stigmatisierungen, Schuldzuweisungen oder Kritik zurückzugreifen.6 „Eine professionelle Empathie verlangt Distanz bei gleichzeitigem Respekt vor der Würde des Gegenübers […].“7

Da die MG in der obigen Definition eindeutig als direktiv charakterisiert wurde, hat die „bedingungslose Akzeptanz“ ihre Grenzen, weil die MG gegenüber ihrer Klientel das klare Ziel verfolgt, eine Veränderungsabsicht zu bewirken. MILLER & ROLLNICK betonen, dass durch völlige Akzeptanz keine Verhaltensänderung angestrebt werden kann. Auch sollte das aktive Zuhören keinesfalls dazu dienen, Klienten ausschließlich passiv zu folgen.8 „Vielmehr ist es zum gegebenen Zeitpunkt wichtig, Expertenwissen und wenn nötig auch ‚ungemütliche‘ Realitäten zu vermitteln.“9

„Empathie fördert Veränderungsabsicht: Erst die Erfahrung, in der Arbeitsbeziehung unvoreingenommen akzeptiert zu werden, öffnet das Fenster hin zur Bereitschaft, sich auf die Vorschläge der Behandelnden einzulassen, eröffnet die Freiheit hin zu einer autonomen Entscheidung, ohne aus der Defensive heraus zu agieren.“10

2.2 Diskrepanzen entwickeln

Das zweite grundlegende Interventionsprinzip widmet sich dem Aufzeigen von Diskrepanzen. Nach dem Verständnis der MG kann eine Verhaltensänderung gefördert werden, wenn Klienten die Widersprüchlichkeiten zwischen ihrem gegenwärtigen Verhalten (Ist-Zustand) und ihren persönlichen Werten, Wünschen und Zielen (Soll-Zustand) wahrnehmen.11

Das bewusste Erleben und Spüren einer solchen Diskrepanz kann Klienten dazu anregen, ihr derzeitiges Verhalten zu überdenken und gegebenenfalls wieder verstärkt mit ihren eigenen Werten übereinstimmend abzuändern. Es ist wichtig als Berater oder Beraterin darauf zu achten, dass es sich bei der Diskrepanzentwicklung wirklich um die Werte und Ziele der Klienten handelt und nicht um die eigenen, da sonst die Entstehung einer angestrebten intrinsischen Motivation zunichte gemacht werden würde.12

Langzeitarbeitslose entwickeln nicht selten Ängste vor einen Wiedereintritt in die Erwerbstätigkeit, mit der Begründung, dass sie sich nicht mehr kompetent genug fühlen oder Sorgen haben, dass sich die Anforderungen des Arbeitsmarktes gravierend verändert haben. „Längere Nichtausübung der gewohnten beruflichen Tätigkeit führt […] zum Abbau erworbener beruflicher Fertigkeiten.“13 Diese erlebte innere Unsicherheit gegenüber den vorhandenen Wünschen, einer sinnvollen und erfüllenden Erwerbstätigkeit nachzugehen, seinen Lebensunterhalt eigenmächtig zu erwirtschaften oder befriedigende finanzielle Ressourcen zur Verfügung zu haben, kann beispielsweise Ausdruck eines Annäherungs-Vermeidungs-Konfliktes sein.

„Im Fall von Arbeitslosigkeit liegt [in der Regel] eine Ziel-Mittel-Diskrepanz vor, da die Bemühung um einen Arbeitsplatz (bisher) offensichtlich nicht zum Erfolg geführt hat.“14

Die MG möchte mit solchen Ambivalenzen und Diskrepanzen arbeiten und sie nutzen, mit der Zielsetzung, sie schlussendlich aufzulösen. Klienten sollen sich ihrer meist latenten Ambivalenzen bewusst werden, indem sie die Gründe für eine Veränderung des Status Quo selbst erkennen, aussprechen und anschließend danach handeln. Diese Vorgehensweise beabsichtigt, dass sich Klienten nicht von außen bevormundet, gezwungen oder genötigt fühlen, sich zu ändern, sondern ihre Veränderungsabsicht, mittels intrinsischer Motivation, in ihnen selbst entstanden und gereift ist.15

2.3 Widerstand aufgreifen/umlenken

Die MG erachtet eine Berater/in-Klient/in-Konstellation, in der der Berater oder die Beraterin sich offen für eine Veränderung einsetzt, während Klienten dagegen argumentieren, als unerwünscht und kontraproduktiv. Dienlicher ist ein Vorgehen, das den Widerstand nicht direkt begegnet, sondern ihn aufgreift und umformuliert an den Sender zurückgibt beziehungsweise umlenkt, um neue Gesprächsimpulse in Richtung Veränderungstendenz einfließen zu lassen.16

Techniken, die im Umgang mit Widerstand hilfreich sind, können sein:

-sokratische Fragen stellen
-spiegeln oder zusammenfassen seinen Blickwinkel verändern
-persönliche Entscheidungen und Kontrolle betonen
-Diskrepanzen hervorheben17

Auch hier begegnet man dem Klienten mit großem Respekt. Klienten werden als kompetente und autonome Personen angesehen, die selbst in der Lage sind, Lösungen für ihre Probleme zu entwickeln und persönliche Entscheidungen zu treffen. Zögern und Ambivalenz werden als natürlich und normal akzeptiert. Dem Klienten werden keine neuen Betrachtungsweisen aufgezwängt oder vorgeschrieben, sondern lediglich Angebote unterbreitet, die zu neuen Perspektiven einladen. Aufkommender Klienten-Widerstand wird als Anhaltspunkt dafür gesehen, dass der Berater oder die Beraterin die aktuelle therapeutische Vorgehensweise ändert. Schlussfolgernd bedeutet „Widerstand umlenken“, dass man Klienten aktiv in den Problemlösungsprozess einbezieht.18

[...]


1 vgl. MILLER, W. R.; ROLLNICK, S. (2012), S. 11.

2 MILLER, W. R.; ROLLNICK, S. (2009), S. 47.

3 vgl. NAAR-KING, S.; SUAREZ, M. (2012), S. 34.

4 vgl. MILLER, W. R.; ROLLNICK, S. (2009), S. 58.

5 ROGERS, C. R.; SCHMID, P. F. (1998), S. 193.

6 vgl. MILLER, W. R.; ROLLNICK, S. (2009), S. 58.

7 KREMER, G.; SCHULZ, M. (2012), S. 38.

8 vgl. MILLER, W. R.; ROLLNICK, S. (2009), S. 59.

9 KREMER, G.; SCHULZ, M. (2012), S. 39.

10 Ebd., (2012), S. 39.

11 vgl. MILLER, W. R.; ROLLNICK, S. (2009), S. 60.

12 vgl. NAAR-KING, S.; SUAREZ, M. (2012), S. 35.

13 KNÖCHEL, W.; TRIER, M. (1995), S. 38.

14 NONNENMACHER, A. (2009), S. 38.

15 vgl. MILLER, W. R.; ROLLNICK, S. (2009), S. 61.

16 vgl. ebd., S. 62.

17 FULLER, C.; TAYLOR, P. (2012) S. 148.

18 vgl. MILLER, W. R.; ROLLNICK, S. (2009), S. 63.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Interventionsprinzipien der Motivierenden Gesprächsführung. Anwendung in deutschen Jobcentern als humanistischer und deeskalierender Ansatz
Hochschule
Fachhochschule Nordhausen
Veranstaltung
Sozialtherapeutische Interventionsmethoden
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
14
Katalognummer
V299805
ISBN (eBook)
9783656966050
ISBN (Buch)
9783656966067
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Carl Rogers, Inge Hannemann, Motivierende Gesprächsführung, Jobcenter, ARGE, Bundesagentur für Arbeit, klientenzentrierte Gesprächsführung, Arbeitslosigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit, Motivation, BAfA, Hartz, Hartz 4
Arbeit zitieren
Christoph Bärwald (Autor), 2015, Interventionsprinzipien der Motivierenden Gesprächsführung. Anwendung in deutschen Jobcentern als humanistischer und deeskalierender Ansatz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/299805

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