In den vergangen Jahrzehnten haben die Sozialwissenschaften die Schuld an mangelhaft erzogenen Kindern den Eltern in die Schuhe geschoben. Die Sozialwissenschaften gingen grundsätzlich davon aus, das Kultur durch die Familie weitervererbt, beziehungsweise weitergegeben wird. Dies hat zur Folge, dass sich Eltern zu viel auf im späteren Leben gesellschaftlich gut herausgekommene Kinder einbilden, respektive sich zu schuldig für missratene Kinder fühlen. Erst die Zwillings- und Adoptionsforschung aus der Genetik sowie Forschungen, welche von einem dynamisch-interaktionistischen Ansatz ausgehen, brachten Licht in die Erziehungs-Vererbungs-Problematik. Die vorliegende Arbeit vermittelt nun ausgehend von den verschiedenen Erklärungsansätzen, von Freuds Theorien bis zu den dynamisch-interaktionistischen Sichtweisen, mögliche Erklärungsansätze dazu. Dabei wird schlussgefolgert, dass in Zukunft vor allem von der Molekulargenetik her noch spezifischere und detailliertere Ergebnisse zu der Ausgangsfrage erwartet werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Grundlagen
2.1 Theorie Freuds
2.2 Frühe behavioristische Ansätze
2.3 Soziale Lerntheorie
2.4 Das Eigenschaftsparadigma
2.5 Das dynamisch-interaktionistische Paradigma
2.5.1 Das Kodeterminationsmodell
2.5.2 Das Katapultmodell
3 Zwillings- und Adoptionsforschung
4 Die Molekulargenetik
5 Das Bindeglied zwischen der Persönlichkeit, dem Genom und der Umwelt
6 Exkurs: Die Antisoziale Persönlichkeit
7 Koevolutionäres Denken: wie Meme die Gene überholen
8 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse die klassische Fragestellung „ererbt oder anerzogen?“. Dabei wird die Wechselwirkung zwischen genetischen Anlagen und Umwelteinflüssen analysiert, um zu verstehen, wie Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensweisen entstehen und sich entwickeln.
- Grundlagen der Verhaltensgenetik und Sozialisationsforschung
- Methoden der Zwillings- und Adoptionsstudien
- Dynamisch-interaktionistische Paradigmen der Persönlichkeitsentwicklung
- Analyse der antisozialen Persönlichkeit und kriminologischer Risikofaktoren
- Koevolutionäre Ansätze und die Mem-Theorie nach Dawkins
Auszug aus dem Buch
Die erzeugende Phase
In dieser Phase unterscheidet Farrington die Langzeitentwicklung von antisozialen Tendenzen und die Kurzzeitbereitschaft zu antisozialen Tendenzen. Wichtige direkte Faktoren für die Langzeitentwicklung von antisozialen Tendenzen sind der Status bei vertrauten Personen, Wünsche für materielle Dinge und die Faszination an antisozialem Verhalten. Dabei unterstützt das soziale Umfeld die Tendenz, kriminelle Gelegenheiten wahrzunehmen.
Die Kurzzeitbereitschaft zu antisozialen Tendenzen beschreibt Farrington durch viel konkretere Faktoren:
Langeweile
Frustration
Alkoholkonsum
Ärger
Faszination für Konsumgüter (vor allem bei ärmeren Kinder).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage zur Interaktion von Umwelt, Persönlichkeit und Genom sowie Überblick über die behandelten Paradigmen.
2 Grundlagen: Darstellung der klassischen Theorien wie Freuds Psychoanalyse, Behaviorismus und soziale Lerntheorie sowie Einführung des Eigenschaftsparadigmas.
3 Zwillings- und Adoptionsforschung: Analyse der populationsgenetischen Methoden zur Schätzung von Erblichkeitsanteilen und Umwelteinflüssen.
4 Die Molekulargenetik: Erläuterung der dynamisch-interaktionistischen Sichtweise der Genfunktion und der komplexen Netzwerke zwischen Genom und Umwelt.
5 Das Bindeglied zwischen der Persönlichkeit, dem Genom und der Umwelt: Diskussion des „Big Five“-Modells und der Varianzanteile von Umwelt- und Erblichkeitsfaktoren.
6 Exkurs: Die Antisoziale Persönlichkeit: Untersuchung der kriminologischen Risikofaktoren und der entwicklungspsychologischen Modelle antisozialen Verhaltens.
7 Koevolutionäres Denken: wie Meme die Gene überholen: Einführung der kulturellen Evolution und der Mem-Theorie im Vergleich zur biologischen Gen-Evolution.
8 Zusammenfassung: Resümee der Erziehungs-Vererbungs-Problematik und Ausblick auf die Bedeutung zukünftiger molekulargenetischer Forschung.
Schlüsselwörter
Persönlichkeitsforschung, Verhaltensgenetik, Sozialisation, Zwillingsforschung, Adoptionsforschung, dynamisch-interaktionistisches Paradigma, Antisoziale Persönlichkeit, Genom, Umweltvarianz, Erblichkeit, Molekulargenetik, Mem-Theorie, Kriminologie, Entwicklungspsychologie, Faktorenanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die klassische Debatte, ob Persönlichkeit und Verhalten durch genetische Veranlagung („ererbt“) oder durch Umwelteinflüsse („anerzogen“) geprägt werden, unter Berücksichtigung moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Verhaltensgenetik, die Persönlichkeitspsychologie, die kriminologische Forschung zu antisozialem Verhalten sowie evolutionstheoretische Ansätze der kulturellen Informationsübertragung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Entwicklung der Begriffe Umwelt, Persönlichkeit und Genom aufzuzeigen und ein modernes, integratives Verständnis ihrer Wechselwirkungen zu vermitteln.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Literaturanalyse klinischer und statistischer Studien, insbesondere Zwillings- und Adoptionsstudien, sowie auf entwicklungspsychologische und molekulargenetische Erklärungsmodelle.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Grundmodelle, genetische Forschungsmethoden, das Big-Five-Persönlichkeitsmodell sowie spezielle kriminologische Fallbeispiele der antisozialen Persönlichkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die Erblichkeit (Heriabilität), die Interaktion zwischen Genom und Umwelt, die Sozialisationsforschung sowie die Unterscheidung zwischen geteilten und nicht geteilten Umwelteinflüssen.
Welche Rolle spielt das „Katapultmodell“ in der Entwicklung?
Das Katapultmodell beschreibt sensible Phasen in der menschlichen Entwicklung, in denen massive Fortschritte möglich sind, sofern die entsprechenden Umweltstimuli vorhanden sind.
Wie unterscheiden sich die „Big Five“-Dimensionen in ihrer Erblichkeit?
Die Arbeit zeigt durch Vergleichstabellen auf, dass unterschiedliche Persönlichkeitsmerkmale wie Extraversion oder emotionale Stabilität verschieden hohe Schätzwerte für genetische Einflüsse aufweisen, wobei die Umwelt ebenfalls einen signifikanten Anteil ausmacht.
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- Dr. phil. Mike Schaub (Author), 2002, Ererbt oder anerzogen - Neue Untersuchungen zu einer alten Frage, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2998