Der dänisch-schwedische Gegensatz im 16. Jahrhundert und der Stettiner Friede von 1570


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

30 Seiten, Note: keine Benotung


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das dänisch-schwedische Verhältnis bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts
2.1 Entstehung und Ende der Kalmarer Union
2.2 Phase der friedlichen Koexistenz und Kooperation

3. Konfliktpotentiale zwischen Schweden und Dänemark
3.1 Geographisch-politische Problemlage
3.2 Zerfall der livländischen Konföderation und die Narvafahrt
3.3 Bedeutung des Wappenstreits

4. Kriegsausbruch, Kriegsende und die Friedensverhandlungen in Stettin

5. Bestimmungen des Stettiner Friedens
5.1 Interimslösung im Wappenstreit
5.2 Verbot von Schmähschriften
5.3 Bestimmungen zu gegenseitigen Herrschaftsansprüchen
5.4 Regelungen in der Livlandfrage
5.5 Bestimmungen für die Narvafahrt
5.6 Grenztreffen zur Friedenssicherung

6. Schlussbetrachtung und Fazit

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit soll es um den Stettiner Frieden vom 13.12.1570 gehen, der den so genannten Nordischen Siebenjährigen Krieg zwischen Schweden und Dänemark sowie der Hansestadt Lübeck beendete. Im Mittelpunkt der Arbeit soll dabei die nähere Betrachtung der wesentlichen Vertragsbestimmungen stehen. Um die Bedeutung des Friedensschlusses bzw. der Vertragsinhalte einschätzen zu können, wird es notwendig sein, zunächst nach den entscheidenden Streitpunkten zu fragen, die zu einem dänisch-schwedischen Gegensatz und schließlich zum so genannten Nordischen Siebenjährigen Krieg geführt haben. In dem Verhältnis zwischen Schweden und Dänemark lassen sich im 16. Jahrhundert drei wesentliche Konfliktebenen ausmachen, die ursächlich verantwortlich für den Ausbruch des Nordischen Siebenjährigen Krieges waren. In diesem Zusammenhang ist eine kurze Darstellung der politischen Situation im Ostseeraum unabdingbar für das Verständnis der außenpolitischen Entscheidungen Schwedens und Dänemarks. Da sich in der Zeit der Kalmarer Union Konfliktpotentiale zwischen den beiden Ländern entwickelt haben, muss einleitend ein kurzer Abschnitt auf diesen Zeitraum eingehen. Die sich daraus ergebenden Spannungen und Rivalitäten bedeuteten in der Folgezeit eine nicht zu unterschätzende Belastung für die Beziehungen zwischen Schweden und Dänemark.

Im Anschluss an die genannte Herausarbeitung der Konfliktpotentiale sollen die wesentlichen Vertragsbestimmungen des Stettiner Friedens daraufhin untersucht werden, inwieweit mit dem Friedensschluss die zentralen Differenzen zwischen Schweden und Dänemark beigelegt werden konnten. An dieser Stelle wird es zudem von großem Interesse sein, nach den Verfahrenswegen zu fragen, die zur Streitschlichtung vorgesehen waren und mit denen ein Ausgleich hergestellt werden sollte. Abschließend muss erörtert werden, inwieweit die Regelungen des Stettiner Vertrages eine dauerhafte bzw. tragfähige Friedenssicherung gewährleisten konnten.

2. Das dänisch-schwedische Verhältnis bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts

2.1 Entstehung und Ende der Kalmarer Union

1380 schlossen sich Dänemark und Norwegen in einem Bund unter dem gemeinsamen König Olaf II. zusammen. Dadurch fielen auch Island und die Färöer an Dänemark. Nach Olafs Tod 1387 trat seine Mutter Margarethe I. die Nachfolge an. 1389 wurde sie auch Königin von Schweden und bemühte sich, die drei Königreiche zu vereinigen. Dies gelang 1397 durch die Gründung der Kalmarer Union.[1] Innenpolitisch blieben die drei Reiche zunächst voneinander getrennt. Die jeweiligen Rechte und Gesetze sowie die Trennung der Reichsräte wurden beibehalten. Wesentlich war die außen- und verteidigungspolitische Einheit, die gegenseitige Hilfeleistung im Kriegsfall vorsah.[2] Dazu hieß es: „Wenn eines dieser Reiche in einen Krieg gerät [...], dann sollen die beiden anderen Reiche [...] dem [angegriffenen Reich, der Verf.] [...] zur Hilfe und Abwehr kommen“.[3] Dänemark stellte in der Union die führende Macht dar, doch der schwedische Adel trat wiederholt und mit einigem Erfolg für die Unabhängigkeit Schwedens innerhalb der Union ein. Nachdem die Dänen 1502 aus Schweden vertrieben worden waren, versuchte Christian II. von Dänemark die dänische Vorherrschaft in Schweden wiederherzustellen. 1520 ließ er sich in Stockholm als erblichen König krönen und liquidierte einen Großteil der schwedischen Adelsopposition im so genannten Stockholmer Blutbad.[4] Spätestens zu diesem Zeitpunkt war die dänische Herrschaft in Schweden unwiderruflich diskreditiert. Die Kalmarer Union endete 1523, nachdem Schweden zuvor durch einen von Gustav Wasa geführten Aufstand seine Unabhängigkeit von Dänemark erkämpft hatte. Dabei ließ sich Gustav Wasa von der Hansestadt Lübeck finanziell und militärisch unterstützen. Der Hansestadt war im Gegenzug die Zollfreiheit für den Handel mit Schweden versprochen worden.[5] Außerdem war Lübeck daran gelegen, die Position Christians II. zu schwächen, da dieser versucht hatte die Ostseeherrschaft der hansischen Städte durch die Förderung der dänischen Kaufmannschaft zu brechen.[6] Nach dem erfolgreichen Aufstand wurde Gustav Wasa 1523 zum König von Schweden gewählt. Damit wurde die bis 1654 dauernde Herrschaft des Hauses Wasa in Schweden begründet. Gustav Wasa erreichte durch den wirtschaftlichen und militärischen Aufschwung Schwedens eine Eigenständigkeit, die das Land von dänischen Vormundschaftsversuchen, gerade im Bereich der Außenpolitik, zunehmend unabhängiger machen sollte.[7] Der Wunsch nach einer umfassenden Kontrolle des Wirtschaftslebens bedeutete zugleich eine Zurückdrängung des hansischen Einflusses in Schweden, der vor allem durch Lübeck verkörpert wurde.[8]

2.2 Phase der friedlichen Koexistenz und Kooperation

Die Zeit nach dem Ende der Kalmarer Union war jedoch zunächst keineswegs von erneuten Spannungen zwischen den beiden Reichen geprägt, sondern von einer notwendig gewordenen Zusammenarbeit. 1523 verlor der letzte Unionskönig Christian II. auch den dänischen Thron, da sein Versuch, die Privilegien von Adel und Klerus zu beschneiden, auf deren Widerstand gestoßen war. Der dänische Reichsrat kündigte Christian II. nach dessen Flucht ins holländische Exil umgehend den Treueid. Nachfolger Christians wurde dessen Onkel Friedrich I.[9] Dieser schloss 1524 mit Schweden in Malmö einen Friedensvertrag, da nach wie vor –zumindest formell- der Kriegszustand herrschte.[10] Diese Übereinkunft wurde wegweisend für die dänisch-schwedischen Beziehungen bis in die Mitte der 1540er Jahre. Schweden und Dänemark bemühten sich um ein Einvernehmen, da durch den letzten vertriebenen Unionskönig Christian II., seine Anhänger und möglichen Helfer eine latente politisch-militärische Bedrohung ausging. Die Abwehr von möglichen erneuten Herrschaftsansprüchen Christians II. –sowohl auf den dänischen als auch auf den schwedischen Thron- führte zu einer vorübergehenden friedlichen Koexistenz der beiden Reiche.[11] Das gemeinsame Interesse fand seinen Ausdruck in Beistandsverträgen 1534 in Stockholm[12] und 1541 in Brömsebro.[13] Es wurde auf fünfzig Jahre ein Friede und Beistandspakt vereinbart. Damit erinnert die Übereinkunft in gewisser Weise an die Unionszeit. Im Artikel 15 des Vertrages von Brömsebro wurde explizit der Zusammenschluss von Dänemark-Norwegen und Schweden gegen Christian II. und seine Partei betont.[14] Schweden und Dänemark einte u.a. die gemeinsame Sorge vor einem habsburgischen Eingreifen zugunsten des gestürzten Christian II., der Schwager Kaiser Karls V. war. Ein Zusammenschluss Dänemarks mit dem Schmalkaldischen Bund 1538 gegen den Kaiser ergab sich u.a. aus dieser Situation. Dass eine Bedrohung zudem von anderer Seite gegeben war, zeigt sich bspw. an der so genannten Grafenfehde, in der die Hansestadt Lübeck unter dem Bürgermeister Jürgen Wullenwewer versuchte, Christian II. wieder auf den Thron zu bringen. Lübecks erstaunliche Hinwendung zu Christian II. war begründet in dem zunehmend schwindenden Einfluss der Hansestadt. Schweden zahlte diverse Kredite an Lübeck, die Gustav Wasa als Unterstützung für seinen Unabhängigkeitskampf erhalten hatte- nicht zurück und außerdem drohte der Hansestadt der Verlust des Monopols im schwedischen Außenhandel. Zusätzlich dazu zeichnete sich auf dänischer Seite eine zunehmende Begünstigung der Niederlande im Handel ab, die auf Kosten Lübecks gehen musste.[15] Eine weitere Bedrohung bestand - wie gesagt- darin, dass Karl V. diverse Versuche unternahm, seine Ansprüche durchzusetzen. Die Auseinandersetzungen mit Karl V. wurden schließlich durch den Frieden zu Speyer 1544 beendet.[16] Der Kaiser sicherte sich in diesem Sonderfrieden mit Dänemark die freie Sundschifffahrt für die niederländischen Schiffe und erkannte Christian III. als neuen dänischen König an. Christian II. verzichtete 1546 endgültig auf alle Herrschaftsansprüche.

Die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen Dänemark und Schweden verlor nach der Konsolidierung der Herrschaft in beiden Ländern zunehmend an Bedeutung. Um 1560 wechselten in Dänemark wie auch in Schweden die Regenten, was zur Beendigung der bisherigen friedlichen Koexistenz führte. Die schwedische Führung unter Erik XIV. wollte die dänische Vormachtstellung brechen, wohingegen der Nachfolger Christians III. Frederik II. Hoffnungen auf eine Erneuerung dänischer Rechtstitel auf die Krone Schwedens hegte.

Im folgenden sollen –wie bereits einleitend angesprochen- die verschiedenen Problemebenen bzw. Konfliktpotentiale angesprochen werden, die zu einer erneuten Verschärfung des dänisch-schwedischen Gegensatzes in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und schließlich zum Nordischen Siebenjährigen Krieg geführt haben.

3. Konfliktpotentiale zwischen Schweden und Dänemark

3.1 Geographisch-politische Problemlage

Ein entscheidendes Konfliktpotential entstand durch eine geographisch-politische Problemlage im Ostseeraum, wodurch Schweden in negativer Weise betroffen war. Dänemark stellte zu diesem Zeitpunkt die führende Macht im Norden dar, und die Ostsee war zu diesem Zeitpunkt noch ein beinahe geschlossenes, von Dänemark beherrschtes Meer, das von der dänischen Kriegsflotte kontrolliert wurde. Am deutlichsten sichtbar wurde das dänische Hoheitsrecht dadurch, dass ausländische Handelsschiffe bei Helsingör den so genannten Öresund-Zoll an Dänemark zu entrichten hatten. Für Dänemark ergab sich hieraus eine der bedeutsamsten Einnahmequellen für die Krone. Außerdem bot die Kontrolle über den Öresund entscheidende Verhandlungsoptionen in Konfliktlagen.[17] Die geographisch-politische Lage Schwedens im Ostseeraum war demgegenüber deutlich ungünstiger. Schweden berührte das Westmeer nur mit einem schmalen Landstreifen zwischen den dänischen und norwegischen Küstenlandschaften. Um einen Zugang nach Westeuropa zu erhalten, mussten die schwedischen Schiffe den Öresund passieren. Da diese Wasserstraße von Dänemark kontrolliert wurde, konnte die Verbindung jedoch jederzeit eingeschränkt bzw. abgeschnitten werden.[18] Ebenso wie im Westen war für Schweden der Zugang nach Süden eingeschränkt. Solange nämlich Lübeck seine Stellung als Seemacht aufrecht erhielt, hing die Verbindung nach Norddeutschland vom Wohlwollen Lübecks ab.[19] Im Osten ergaben sich aus der Nachbarschaft zu Russland einerseits und zu dem livländischen Ordensstaat andererseits Probleme für Schweden. Das mit Schweden verbundene Finnland grenzte an Russland. Die russische Grenze reichte im Norden weiter nach Westen als heute. Die Grenzlinien im äußersten Norden waren in den so genannten Ödmarken ohnehin nicht eindeutig festgelegt zwischen Schweden-Finnland, Norwegen und Russland und waren deshalb immer wieder Gegenstand militärischer Auseinandersetzungen.[20] Die Handelsstadt Reval beanspruchte das Monopol im Russlandhandel und bedeutete deshalb eine Konkurrenz für Schweden, das mit dem finnischen Viborg ebenfalls am Russlandhandel beteiligt war.[21] Dänemark hatte neben dem bereits erwähnten Öresund eine Reihe weiterer strategisch wichtiger Stützpunkte im Ostseeraum. Dazu gehörten vor allem die südschwedischen Gebiete Schonen, Halland und Blekinge, in der Ostsee die Inseln Bornholm ( bis 1524) , Gotland und seit 1559 das zuvor zu Livland gehörende Ösel. Damit besaß Dänemark ein strategisches Übergewicht in der Ostsee. Schweden befand sich sozusagen in einer dänischen „Umklammerung“.[22]

3.2 Zerfall der livländischen Konföderation und die Narvafahrt

Die zweite große Konfliktebene zwischen den beiden Reichen betraf den Zerfall der livländischen Konföderation und die Sperrung der Narvafahrt. Mit dem russischen Angriff auf Livland 1558 und dem folgenden Zusammenbruch des livländischen Ordensstaates geriet der gesamte Ostseeraum in politische Turbulenzen. Russland bemühte sich mit diesem Vorgehen u.a. um einen direkten Zugang zur Ostsee, da es zuvor keinen Hafen an der Ostsee besessen hatte. Ein wesentliches Motiv dieser Politik bestand in der von Russland als dringlich angesehenen Aufnahme direkter Handelsbeziehungen zu anderen europäischen Staaten. Damit sollte die Monopolstellung Rigas und Revals gebrochen werden, die es den Übersee-Kaufleuten von 1540 an unmöglich gemacht hatte, direkten Handel mit den Russen („von Gast zu Gast“) durchzuführen. Die Geschäfte durften nur über die Kaufleute der beiden Städte abgewickelt werden. Da der zunehmend wichtiger werdende Russlandhandel nicht mehr über Novgorod erfolgen konnte, seitdem Ivan III. 1494 das dortige Hansekontor geschlossen hatte, erlangten die livländischen Häfen eine stetig wachsende Bedeutung im Russlandhandel. Die oben genannte Monopolstellung hatte zudem verhindert, dass Narva als Nachfolger Novgorods für den Russlandhandel hätte fungieren können.[23] Nun galt es für Russland, den Einfluss der livländischen Städte im Russlandhandel einzuschränken. Die Gründung Ivangorods 1557 als erste Stadt Russlands in Ostseenähe war ein Schritt in diese Richtung. Als 1557 die livländischen Städte Reval, Dorpat und Riga ein Embargo über die anderen Städte des Russlandhandels, Narva, das russische Ivangorod und Pskov verhängten, eröffnete kurz darauf der Zar Ivan Groznyj 1558 den Krieg gegen Livland. Die Einnahme Narvas und den weiteren Vormarsch in Livland konnte Russland schließlich zur konsequenten Umsetzung der sich daraus ergebenden handelspolitischen Möglichkeiten nutzen.[24] Inwieweit der russischen Vorgehensweise eine längerfristige Programmatik des handelspolitischen „Drangs zur Ostsee“ zugrunde liegt, soll an dieser Stelle nicht weiter diskutiert werden.[25] Livland war mit seiner verkehrsgeographischen, wirtschaftlichen und strategischen Schlüssellage zwischen Ost und West für alle Nachbarn und Ostseeanlieger von hohem Interesse.[26] Das livländische Machtvakuum[27] ließ die Nachbarn in „Expansionskonkurrenz“[28] zueinander treten. Livland wurde vor allem vom livländischen Ordensstaat, den Bistümern Dorpat und Ösel/Wiek auf dem Territorium Estlands sowie von Kurland in Lettland und einer Reihe von Städten gebildet. Bisher war Livland vom Livländischen Orden politisch und ökonomisch von den wichtigen Handelsstädten Riga, Reval und Dorpat beherrscht worden.[29] Nach dem russischen Angriff intervenierte Polen-Litauen 1560 in Livland. Es drohte eine Teilung Livlands zwischen Russland und Polen-Litauen. Schweden besetzte daraufhin im Jahre 1561 die Stadt Reval und Teile Estlands.[30] Damit wollte Schweden verhindern, dass Polen oder Russland die Kontrolle über einen Hafen wie Reval erlangen könnten. MIt der Einnahme Revals sollte eine umfassende Beherrschung des Finnischen Meerbusens erreicht werden, um daraus Zolleinkünfte gewinnen zu können, die denen Dänemarks mit seiner Sundkontrolle entsprachen.[31] Dänemark hatte 1559 bereits die westlich von Estland gelegene Insel Ösel und Teile Kurlands erworben.[32] Durch das Eingreifen Schwedens in den Konflikt waren Dänemarks Optionen im Baltikum zunächst eingeschränkt worden. Schweden hatte mit dem Einmarsch in Estland und Reval eine weitere Umklammerung Schwedens durch Dänemark verhindern können. Dass diese nicht abwegig gewesen wäre, zeigt die Tatsache, dass der Rat Revals bereits Christian III. die Unterwerfung der Stadt unter die dänische Krone angetragen hatte. Dieser hatte aber zur Vermeidung unwägbarer militärischer Verwicklungen das Angebot abgelehnt bzw. keine eindeutige Stellungsnahme bezogen.[33] Nun besaß Schweden mit Reval einen der wichtigsten Umschlagplätze im Ost-West-Handel. Mit der Hafenstadt Narva hatte aber Russland einen für den Russlandhandel zunehmend wichtiger werdenden Stützpunkt unter seine Kontrolle gebracht. Über Narva erhielt der Ost-West-Handel einen direkten Zugang zum russischen Markt und wurde so zwangsläufig zu einer großen Konkurrenz für die livländischen Häfen. Innerhalb kurzer Zeit stieg Narva zu einem der verkehrsreichsten Häfen Nordosteuropas auf.[34] Erik XIV. verhängte 1562 eine Blockade über Narva, um den finnischen Meerbusen und damit gleichzeitig den Russlandhandel beherrschen zu können.[35] Durch diese Maßnahme wurden aber wiederum Russland, die westeuropäischen Handelsmächte sowie Dänemark und Lübeck gereizt, die ebenfalls ein großes ökonomisches Interesse am Russlandhandel besaßen. Mit Polen-Litauen vollzog sich ein offener Bruch dadurch, dass Erik seinen Bruder Johann, Herzog von Finnland, wegen dessen eigenständiger Politik im Baltikum des Hochverrats bezichtigte. Johann war mit der Schwester des polnischen Königs Sigismund August verheiratet und Polen trat in Livland von Süden her als Konkurrent Schwedens auf.[36] Somit ergab sich eine gegen Schweden gerichtete dänisch-polnisch-lübeckische Koalition. Für Lübeck bedeutete die Aneignung der Verkehrswege nach Osten durch Schweden eine Gefährdung ihrer Position als Handelsmacht.[37] Dänemark hatte sich 1562 mit dem dänisch-russischen Freundschafts- und Neutralitätsvertrag Russlands Nichteingreifen bei einer möglichen dänisch-schwedischen militärischen Auseinandersetzung sowie Teile Livlands gesichert.[38] Ein Beistandspakt, der von dänischer Seite erstrebt worden war, konnte aber nicht erreicht werden. Bei einem Abschluss hätte Russland im Fall eines Krieges gegen Schweden auf dänischer Seite stehen müssen.[39] Am 13. Juni 1563 wurde ein Bündnisvertrag zwischen Dänemark und Lübeck abgeschlossen, in den Polen am 5. Oktober aufgenommen wurde. Polen wurde in dem Vertrag ganz Livland und Estland zugesichert.[40] Aufgrund dieser sich gegen Schweden bildenden Koalition musste sich Erik mit dem Zaren arrangieren und die Narvafahrt zumindest für Russen und Westeuropäer freigeben, um nicht völlig isoliert zu werden. Für Dänemark, Lübeck und Polen blieb die Narva-Blockade aber bestehen.[41] Neben der erneuten Annäherung an Russland, versuchte Erik XIV. über Ehe- und Bündnisverhandlungen in England, Deutschland und Lothringen aus der Isolierung herauszukommen, was ihm letztlich aber nicht gelang.[42]

[...]


[1] Vgl. Findeisen, Jörg-Peter: Dänemark: von den Anfängen bis zur Gegenwart, Regensburg 1999, S. 83 ff.;

[2] Vgl. Krüger, Kersten: Die Unionsakten der Jahre 1397, 1436 und 1438, in: Kattinger, Detlef; Putensen, Dörte; Wernicke, Horst (Hrsg.), „huru thet war talet j kalmarn“. Union und Zusammenarbeit in der Nordischen Geschichte. 600 Jahre Kalmarer Union (1397-1997), S. 153 ff.

[3] Samling af Danske Kongers Haandaestninger og andre lignende Acter: Kopenhagen 1856-1858, Neudruck Kopenhagen 1974, S. 28 ff., zit. nach Krüger: a.a.O., S. 156.

[4] Vgl. Brandt, Ahasver von: Die Ausbildung des Ostseestaaten-Systems (1521-1611), in: Schieder, Theodor, Handbuch der europäischen Geschichte, Bd. III, Stuttgart 1971, S. 962 ff.

[5] Vgl. Andersson, Ingvar: Schwedische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 1950, S. 156 ff.

[6] Vgl. Bohn, Robert: Dänische Geschichte, München 2001, S. 46 f.; Findeisen: Dänemark, S. 96 f.

[7] Vgl. Imhof, Arthur E.: Christian III. von Dänemark, Landgraf Philipp von Hessen und Gustav Wasa. Bemühungen um ein Bündnis zwischen den drei evangelischen Staaten 1537-1544 und die Hintergründe ihres Scheiterns, in: ARG 62, 1971, S. 55 ff.

[8] Vgl. Zernack: Klaus: Das Zeitalter der nordischen Kriege von 1558 bis 1809 als frühneuzeitliche Geschichtsepoche, in: ZHF 1, 1974, S. 60.

[9] Vgl. Bohn: a.a.O., S. 45 ff.

[10] Vgl. Brandt: a.a.O., S. 978.

[11] Vgl. Findeisen: Dänemark, S. 113 f.

[12] Danmark-Norges Traktater 1523-1750, Bd. I (1523-1560), hg. von Laursen, L., Kopenhagen 1907 (Abk. DNT), Nr. 34, S. 174 ff.

[13] Ebd., Nr. 57 A und B, S. 348-384.

[14] Ebd., S. 364. Es hieß dazu, dass die „drei konigreich, Dennemarck, Norwegen und Schweden, dermassen mit einander voreiniget und zusamen gebunden sein, das kein teil von inen soll macht noch gewalt haben, sich von deme andern zu sondern oder einige vorgleichunge oder vertrag mit herrn Christiern, etwa gewesenem konige zu Dennemarken, seinen anhengern und vorwandten, so gerurten drey reich nun zugegen sein oder hiernachmals erlangen mochten, anzunehmen, aufzurichten noch zu volnziehen, es geschee dan mit aller drey reiche wissen, bewilligung, volge und volwort“.

[15] Vgl. Findeisen: Dänemark, S. 106 ff.

[16] DNT I, Nr. 65 A, B, C, S. 450-473.

[17] Vgl. Bohn: a.a.O., S. 63 f.

[18] Vgl. Imhof, Arthur E.: Grundzüge der nordischen Geschichte, Darmstadt 1970, S. 117 ff.

[19] Vgl. Andersson: a.a.O., S. 184.

[20] Vgl. ebd., S. 184.

[21] Vgl. Imhof: Grundzüge, S. 92 f.

[22] Vgl. Andersson: a.a.O., S. 184 f.; Zernack, Klaus: Schweden als europäische Großmacht der Frühen Neuzeit, in: HZ 232, 1981, S. 334 f.

[23] Vgl. Kirchner, Walther: Die Bedeutung Narvas im 16. Jahrhundert.. Ein Beitrag zum Studium der Beziehungen zwischen Russland und Europa, in: HZ 172, 1951, S. 267 f.

[24] Vgl. Schildhauer, Johannes: Reformation im Ostseeraum und beginnender Kampf um das Dominium maris Baltici im 16. Jahrhundert, in: Fritze, Konrad; Müller-Mertens, Eckhard; Schildhauer, Johannes (Hrsg.), Der Ost- und Nordseeraum. Politik-Ideologie-Kultur vom 12. bis zum 17. Jahrhundert, Weimar 1986, S. 29 f; Zernack, Klaus: Nordosteuropa: Skizzen und Beiträge zu einer Geschichte der Ostseeländer, Lüneburg 1993, S. 92.

[25] Vgl. die Diskussion bei Zernack: Zeitalter, S. 58; Angermann, Norbert: Studien zur Livlandpolitik Ivan Groznyjs, Marburg/ Lahn 1972, S. 1 ff. Angermann sieht als wesentliches Motiv für die Livlandpolitik des Zaren nicht den „livländisch-russischen Wirtschaftsgegensatz“ und den sich daraus ergebenden „Vorstoß zur Ostsee“, sondern vor allem eine übersteigerte Anspruchshaltung des Zaren gegenüber Livland als Hauptantriebskraft. Die Haltung Russlands äußert sich seiner Meinung nach u.a. darin, dass Livland als ein Staat untergeordneten Ranges betrachtet wurde. Jeder eintretende Konflikt verschärfte dieses –von russischer Seite als ungleich betrachtete- Verhältnis und rechtfertigte für den Zaren ein Eingreifen in Livland. Angermann stellt aber auch fest, dass der Zar in der Folge die wirtschaftlichen Vorteile seiner Livlandpolitik erkannte.

[26] Vgl. Brandt: a.a.O., S. 980 f.

[27] Vgl. Wittram, Reinhard: Baltische Geschichte. Die Ostseelande Livland, Estland, Kurland 1180-1918, München 1954, S. 64 ff.

[28] Zernack: Schweden als Großmacht, S. 334.

[29] Vgl. Schildhauer: a.a.O., S. 33.

[30] Vgl. Donnert, Erich: Der livländische Ordensritterstaat und Rußland. Der Livländische Krieg und die baltische Frage in der europäischen Politik 1558-1583, Berlin 1963, S. 206f. und S. 229 f.

[31] Vgl. Andersson: a.a.O., S. 185.

[32] Vgl. Schäfer, Dietrich: Geschichte von Dänemark, Bd. V, Gotha 1902, S. 52.

[33] Vgl. Bohn: a.a.O., 64 f.; Donnert: a.a.O., S. 175 ff.

[34] Vgl. Kirchner: a.a.O., S. 265 ff.

[35] Vgl. Imhof: Grundzüge, S. 94.

[36] Vgl. Andersson: a.a.O., S. 186.

[37] Vgl. Gerhardt, Martin; Hubatsch, Walther: Deutschland und Skandinavien im Wandel der Jahrhunderte, Bonn 1977, S. 169 f.

[38] DNT II, Nr. 4, S. 20 ff.

[39] Vgl. Donnert: a.a.O., S. 186.

[40] Vgl. Fritze, Konrad; Krause, Günter: Seekrieg der Hanse. Das erste Kapitel deutscher Seekriegsgeschichte, Berlin 1997, S. 170 ff. Zu den Widersprüchen der Koalition Fritze: a.a.O., Seekrieg, S. 173. Das Bündnis erscheint widersprüchlich, da weder Lübeck noch Dänemark auf längere Sicht ein Interesse an dem Aufstieg des jeweils anderen haben konnten. Polen sperrte sich gegen die Narvafahrt, da diese den russischen Gegner stärkte. Die Koalition konnte somit nur auf Zeit Bestand haben. Polens Kaperfahrten, die König Sigismund August seit Beginn des Krieges im Finnischen Meerbusen veranlasste und die auch die Verbündeten betrafen, zeigen dies anschaulich.

[41] Vgl. Donnert: a.a.O., S. 211 f.; Brandt: a.a.O., S. 982.

[42] Vgl. Findeisen, Jörg-Peter: Das Ringen um die Ostseeherrschaft. Schwedens Könige der Großmachtzeit, Berlin 1992, S. 58 ff.

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Details

Titel
Der dänisch-schwedische Gegensatz im 16. Jahrhundert und der Stettiner Friede von 1570
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich-Meinecke-Institut)
Veranstaltung
Das Friedensproblem in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Ausgewählte Themen im europäischen Vergleich
Note
keine Benotung
Autor
Jahr
2003
Seiten
30
Katalognummer
V30002
ISBN (eBook)
9783638313704
ISBN (Buch)
9783656474838
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gegensatz, Jahrhundert, Stettiner, Friede, Friedensproblem, Hälfte, Jahrhunderts, Ausgewählte, Themen, Vergleich
Arbeit zitieren
Oliver Lilienthal (Autor), 2003, Der dänisch-schwedische Gegensatz im 16. Jahrhundert und der Stettiner Friede von 1570, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30002

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