Antizionismus zwischen Befreiungskampf und neuen Formen der Judenfeindschaft

Eine Betrachtung der Neuen Linken in Westdeutschland zwischen 1945 und 1970


Hausarbeit, 2015

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen
2.1. Zionismus und Antizionismus - Entstehungsgeschichte und Hintergründe
2.2. Die 'Neue Linke' in Abgrenzung zur traditionellen Linken

3. Entwicklung nach 1945
3.1. Deutsch-israelische Annäherung und Philosemitismus
3.2. Antizionistische Wende Ende der 60er Jahre

4. Analyse
4.1. Antizionismus als Parteinahme für die Unterdrückten?
4.2. Antizionismus als verdeckte Judenfeindschaft?

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Seit jeher ist es das erklärte Ziel einer politischen Linken, auf der guten, das heißt, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Moralisch richtig heißt: Im Zweifel gegen den Unterdrücker, für die Entrechteten, für Selbstbestimmung, oder, wie der linke Philosoph Jean Amery es einst formulierte: „Wo es Stärkere gibt, immer auf der Seite des Schwächeren.“1. In vielen realpolitischen Fragen war und ist deshalb schnell ein Konsens zu finden. Die moralische Verwerflichkeit etwa des Faschismus wurde unter Linken daher nie in Frage gestellt.

Darüber hinaus gab und gibt es aber auch immer wieder politische Konflikte, die von Linken fundamental unterschiedlich bewertet werden. Eines der wohl brisantesten Themen ist dabei der Nahost-Konflikt und im Besonderen die Rolle Israels. Von der einen Seite wird Israel als Handlanger der US-amerikanischen Außenpolitik betrachtet, der gegenüber seinen arabischen Nachbarn vor Allem als Besatzungsmacht auftrete und dessen vordergründiges Ziel der Machtausbau im arabischen Raum sei, koste es, was es wolle. Von nicht wenigen dieser sich selbst als Antiimperialisten bezeichnenden Linken ist daher auch immer wieder zu hören, dass Israel als Staat keinerlei Existenzrecht besitze, da sein Konzept seit der Staatsgründung auf Terror, Vertreibung und militärischer Aufrüstung basiere und dieses strukturelle Unrecht nur durch die Beseitigung des Staates selbst aufgehoben werden könne.2 Die den Antiimperialisten gegenüberstehende Fraktion betont dagegen stets, dass die Staatsgründung Israels 1948 angesichts der Shoa sowie eines strukturellen globalen Antisemitismus unausweichlich und damit richtig gewesen sei. Da der jüdische Staat von seinen Nachbarn jedoch seit Beginn der Staatsgründung aufs Schärfste bekämpft wurde, habe er keine andere Möglichkeit gehabt, als sich zu wehren und seine militärische Schlagkraft entschieden auszubauen.3

Die hier vorliegende Arbeit widmet sich daher der Frage, ob man den neulinken Antizionismus nach dem Holocaust als eine legitime, weil scheinbar für die Unterdrückten partei-ergreifende Ausrichtung verstehen kann oder ob sich hinter der Begrifflichkeit seit 1945 eher ein verdeckter, gegebenenfalls auch latenter Antisemitismus verbirgt, der aufgrund der geschichtlichen Vergangenheit insbesondere in Deutschland heute nicht mehr offen artikuliert werden kann. Dabei soll zu Beginn auf die Geschichte und Beweggründe des Zionismus sowie des Antizionismus eingegangen werden, bevor die 'Neue Linke' in Abgrenzung zur traditionellen Linken definiert wird. Daraufhin wird auf die geschichtlichen Ereignisse nach 1945 in der BRD (beziehungsweise der westlichen Besatzungszone) Bezug genommen. Dabei soll zum einen die pro-israelische, teilweise auch philosemitische Strömung untersucht werden, die ab den 50er Jahren die vorherrschende Strömung innerhalb der Linken wurde. Zum anderen soll der radikale Bruch, der sich im Vorfeld und Zuge des sechs-Tage-Krieges 1967 ereignete, erläutert werden. Ein besonderes Augenmerk soll bei dieser geschichtlichen Einordnung auf dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) liegen, der wie kein zweiter sowohl den pro-israelischen Kurs vor 1967 als auch die antizionistische Wende danach repräsentiert.

Im vierten Punkt folgt eine Analyse, die den Antizionismus jeweils unter der Fragestellung untersucht, ob er entweder als Parteinahme für die Unterdrückten oder aber als versteckte Judenfeindschaft zu verstehen ist, bevor die Ergebnisse im Fazit zusammengefasst und resümiert werden.

2. Begriffsdefinitionen

2.1. Zionismus und Antizionismus - Entstehungsgeschichte und Hintergründe

Den Beginn der Geschichte des politischen Zionismus (von Zion, Name des heiligen Tempelberges)4 kann man in etwa auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts datieren.5 Aufbauend auf der Einsicht, dass eine vollständige Emanzipation des Judentums innerhalb Europas illusionär geworden sei, war das vordergründige Ziel der Bewegung, die Judenfrage und die damit verbundenen Probleme durch die Schaffung eines jüdischen Staates aus der Welt zu schaffen.

Als einflussreichster Theoretiker des Zionismus wird heutzutage der 1860 geborene Journalist und Autor Theodor Herzl betrachtet.6 Während er in der Anfangszeit seines Wirkens noch die Ansicht vertrat, dass dem Judenproblem durch eine kollektive Assimilierung seitens der Juden begegnet werden könne, änderte er seine Meinung diesbezüglich schließlich im Laufe der 1890er Jahre. Ausschlaggebend für seinen Sinneswandel war insbesondere die Dreyfuß-Affäre, über die er als Zeitungsjournalist berichtete. Der Hintergrund war die Verurteilung des französischen Juden Alfred Dreyfuß durch ein französisches Militärgericht 1894 aufgrund von Hochverrats. Dies Verurteilung zog langanhaltende und exzessive anti-jüdische Stimmungsmache durch die französische Bevölkerung nach sich. Diese waren kein Einzelfall, sondern reihten sich ein in eine europaweite Kette zunehmender Judenfeindschaft, die auch Herzl nicht verborgen blieben.7

Im Jahr 1896 veröffentliche er sein Hauptwerk Der Judenstaat, in welchem er erstmals seine Pläne für die Schaffung eines jüdischen Staates darlegte. Diese verteidigte er vehement gegen den Vorwurf des politischen Utopismus, mit dem Argument, dass die „Lage der Juden in verschiedenen Ländern arg genug“8 sei, um realisiert zu werden. Im Gegensatz zu vorherigen Werken anderer zionistischer Theoretiker wie Leo Pinsker oder Nathan Birnbaum konnte Herzl mit seiner Schrift ein großes Medienecho erwirken, sodass die Bewegung neuen Auftrieb erlangte und bereits ein Jahr nach Erscheinen des Judenstaates in Basel der erste zionistische Weltkongress tagte.9

Der Zionismus war in der Anfangszeit unter den europäischen Juden allerdings hoch umstritten. Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 fristete er ein Schattendasein gegenüber der jüdischen Mehrheit, die den Antisemitismus als temporäres Phänomen betrachtete, dem durch Aufklärung und eine schrittweise Assimilierung beizukommen sei. Durch den systematischen Völkermord des HitlerRegimes gab es innerhalb des Judentums aber einen radikalen Sinneswandel, der die Notwendigkeit der Schaffung des Staates Israel im kollektiven jüdischen Gedächtnis manifestierte. Mit der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 wurde schließlich das Kernanliegen der zionistischen Bewegung verwirklicht, was aufgrund der damit einhergehenden Probleme im Nahen Osten zugleich zu einem Wiedererstarken des Antizionismus führte.10 Federführend war diesbezüglich ab Anfang der 50er Jahre zunächst die Sowjetunion, die damit die Unterstützung des israelischen Staates revidierte, dessen Gründung sie 1947 noch als „legitimes Interesse des jüdischen Volkes“11 bezeichnet hatte. Politisch drückte sich die neue Haltung durch eine enge militärische Zusammenarbeit mit den arabischen Staaten sowie eine aggressiv- antizionistische, gelegentlich auch offen antisemitische Rhetorik aus.12

2.2. Die 'Neue Linke' in Abgrenzung zur traditionellen Linken

Unter dem Begriff der 'Neuen Linken' wird im Wesentlichen eine pluralistische und überaus heterogene Gruppierung innerhalb des linken Spektrums verstanden, die sich im Vorfeld und im Zuge der 68er-Bewegung heraus kristallisierte. In Abgrenzung zu der traditionellen, oftmals dogmatisch-kommunistisch ausgerichteten Linken war ein kritisches Verhältnis gegenüber der Sowjetunion sowie dem Ostblock im Allgemeinen ein wesentlicher Bestandteil des Selbstverständnisses. Dem Konzept einer Massenpartei, einer 'Partei neuen Typus', der sich die Bevölkerung bedingungslos unterzuordnen und zu fügen hatte, wurde das Konzept einer anti-autoritären und basisdemokratischen Ausrichtung entgegengestellt.13

Sprachrohr der überwiegend studentisch geprägten Bewegung war anfangs der 'Sozialistische Deutsche Studentenbund' (SDS), der 1946 zunächst noch als Hochschulgruppe der SPD gegründet worden war. Eine zunehmende Radikalisierung und verbale Distanzierung seitens des SDS führten 1961 jedoch schließlich zum Bruch mit der Partei, die sich ihrerseits zunehmend realpolitischer positionierte. In der Folgezeit wurde der Kampf gegen den Imperialismus zum dominierenden Thema innerhalb des SDS. Damit einher ging eine stark anti-amerikanische Ausrichtung, da man in den USA die Verkörperung des Imperialismus und des kapitalistischen Gesellschaftsmodells sah. Solidarisch erklärte man sich hingegen mit den GuerillaBewegungen Lateinamerikas und Asiens, etwa in Vietnam, Kambodscha oder Bolivien.14

Neben dem Imperialismus wurde der Faschismus beziehungsweise seine Bekämpfung zum zweiten wichtigen Standbein der 'Neuen Linken'. Bei der Anwendung des Faschismusbegriffes wurde in Vergangenheit und Gegenwart unterschieden: Zum einen durch das Eintreten für eine lückenlose Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands, die bis weit in die 60er Jahre von großen Teilen der Gesellschaft verweigert wurde. Damit bahnte sich ein Generationenkonflikt an zwischen der Elterngeneration, der eine Mitverantwortung und Schuldabwehr an beziehungsweise gegenüber den nationalsozialistischen Verbrechen vorgeworfen wurde, sowie der Nachkriegsgeneration. Das Aufkommen neuer, neofaschistischer Gruppierungen wie der NPD oder die Wahl Kurt-Georg Kiesingers zum deutschen Bundeskanzler 1966 hatten zugleich aber zur Folge, dass man Indikatoren für die Entstehung eines neuen Faschismus zu erkennen glaubte. Populär war darüber hinaus die These, dass der Faschismus die höchste Stufe des Imperialismus sei, was zugleich zu einer gelegentlichen Gleichsetzung und damit einer zunehmenden Konturlosigkeit beider Begriffe führte.15

Nachdem personelle Querelen und Streitigkeiten über die zukünftige Ausrichtung 1970 zur Auflösung des SDS führten, kam es in den Folgejahren zu einer zunehmenden Zersplitterung des neulinken Lagers, die ihrerseits Grabenkämpfe zwischen Maoisten, Leninisten, Trotzkisten, Stalinisten und damit letztlich das Aufkommen eines neuen Dogmatismus zur Folge hatten.16

3. Entwicklung nach 1945

3.1. Deutsch-israelische Annäherung und Philosemitismus

Unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkrieges war in der deutschen Öffentlichkeit zunächst kein Diskurs über die Ursachen eines strukturellen Antisemitismus oder die Unterstützung der Gründung eines jüdischen Staates in Palästina zu vernehmen. Dem Thema wurde mit Schweigen begegnet; auf der politischen Agenda waren andere Themen von höherer Relevanz. Auch auf die Gründung Israels 1948 wurde größtenteils nicht näher eingegangen, was zugleich ein Indiz dafür ist, dass man den Zusammenhang zwischen der deutschen Vergangenheit und der Gründung eines eigenständigen jüdischen Staates nicht erkannte oder aber nicht erkennen wollte.17

Erste Forderungen, Verhandlungen zwischen deutschen und jüdischen Vertretern über mögliche Schadensersatzzahlungen aufzunehmen, waren ab 1947 zunächst aus der SPD zu verlautbaren, während sie in konservativen wie in liberalen Kreisen auf Ablehnung stießen.18 Auch in studentischen Kreisen wurde die deutsch-israelische Annäherung von linken und linksliberalen Kräften entschieden vorangetrieben.

[...]


1 Amery, Jean, „Der ehrbare Antisemitismus“ , in: Die Zeit v. 25. Juli 1969, S. 16.

2 Vgl. Kloke, Martin, Israel und die deutsche Linke, Frankfurt a.M. 1994, S. 125.

3 Vgl. Ebd. S. 106 ff.

4 Vgl. http://www.bpb.de/izpb/9570/von-der-zionistischen-vision-zum-juedischen-staat (zugegriffen am 10.04.2015).

5 Vgl. Brenner, Michael, Geschichte des Zionismus, München 2005, S. 10.

6 Vgl. Brenner, Geschichte des Zionismus, S. 21.

7 Vgl. Brenner, Geschichte des Zionismus, S. 18 ff.

8 Vgl. Herzl, Theodor, Der Judenstaat, 2005, S. 4.

9 http://www.bpb.de/internationales/asien/israel/44945/politischer-und-kulturzionismus (zugegriffen am 12.04.2015).

10 Vgl. Ebd.

11 http://www.bpb.de/internationales/asien/israel/45014/ddr-israel?p=all (zugegriffen am 13.04.2015).

12 Vgl. Wolffsohn, Michael; Bokovoy, Douglas: Israel: Geschichte, Politik, Gesellschft, Wirtschaft, 2003, S. 257 ff.

13 Vgl. Stein, Timo, Zwischen Antisemitismus und Israelkritik, Wiesbaden 2011, S. 39 ff.

14 Vgl. Schmidtke, Michael, Der Aufbruch der jungen Intelligenz. Die 68er Jahre in der Bundesrepublik und den USA, 2003 Frankfurt a.M., S. 270 ff.

15 Vgl. Schmidtke, Aufbruch der jungen Intelligenz, S. 156 ff.

16 Vgl. Stein, Zwischen Antisemitismus und Israelkritik, S. 39 ff.

17 Vgl. Kloke, Israel und die deutsche Linke, S. 70 ff.

18 Vgl. Ebd. S. 73 f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Antizionismus zwischen Befreiungskampf und neuen Formen der Judenfeindschaft
Untertitel
Eine Betrachtung der Neuen Linken in Westdeutschland zwischen 1945 und 1970
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Antisemitismus und die deutsch-jüdische Reaktion (Seminar)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V300218
ISBN (eBook)
9783656967309
ISBN (Buch)
9783656967316
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
antizionismus, befreiungskampf, formen, judenfeindschaft, eine, betrachtung, neuen, linken, westdeutschland
Arbeit zitieren
Luca Glenzer (Autor), 2015, Antizionismus zwischen Befreiungskampf und neuen Formen der Judenfeindschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300218

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