In der linguistischen Forschung herrscht Konsens darüber, dass Lügen nur mit Behauptungen möglich sind (Falkenberg 1982, Chisholm/Feehan 1977, Giese 1992, Dietz 2002, Meibauer 2005 ). Notwendige Bedingung einer Lügendefinition ist demnach die Behauptungsbedingung. Diese Bedingung gilt, so Meibauer (2005), auch für falsche Implikaturen, auf die Meibauer seinen Lügenbegriff ausweitet. In dieser Arbeit sollen zunächst verschiedene linguistische Lügenbegriffe, insbesondere Falkenbergs Definition des „zentralen Falls der Lüge“ (Falkenberg 1982) und Meibauers „erweiterte Definition der Lüge“ (Meibauer 2005, 2011) kritisch untersucht werden. Ich stelle in Frage, ob falsche konversationelle Implikaturen mit dem allgemeinen Verständnis dessen, was eine Lüge ist, übereinstimmen, und komme damit zu meiner ersten Hypothese: Meibauers „erweiterte“ Lügendefinition entspricht nicht dem intuitiven Lügenbegriff von Sprechern. Zudem zweifle ich an, dass Lügen und falsche Implikaturen notwendig an Behauptungen gebunden sind. Hypothese 2: Lügen und falsche Implikaturen sind nicht notwendig an assertive Sprechakte gebunden.
Auf der Grundlage der Illokutionslogik (vgl. Searle/Vanderveken 1985) und Vandervekens Generalisierung der Grice’schen Konversationsmaximen (vgl. Vanderveken 1997) werde ich Lügen, Täuschungen und falsche Implikationen mit Behauptungen, anderen Sprechakten und illokutiven (Teil-) Komponenten analysieren. Dabei werde ich „Lügen im engeren Sinne“ illokutionslogisch bestimmen und eine „erweiterte“ illokutionslogische Definition verbaler Täuschung aufstellen, die auch falsches Implizieren und vorgetäuschte Sprechakte umfasst. Die verschiedenen Lügenbegriffe werde ich in einer experimentellen empirischen Untersuchung dahingehend prüfen, inwieweit sie tatsächlich dem intuitiven Lügenbegriff von Sprechern entsprechen.
Zum Aufbau der vorliegenden Arbeit: Im ersten Kapitel stelle ich verschiedene Analysen der Lüge vor und grenze die Begriffe Lüge und Täuschung voneinander ab. Im zweiten Kapitel wird der „Prototyp der Lüge“ betrachtet. In Kapitel 2.1 gehe ich auf notwendige und hinreichende Eigenschaften der Lüge ein, und formuliere darauf aufbauend eine vorläufige Definition der Lüge nach klassischer Kategorienauffassung. In Kapitel 2.2 werde ich einen prototypensemantischen Ansatz, insbesondere eine prototypensemantische Studie zur Lüge von Coleman/Kay (1982), vorstellen, die Lügen als graduelles Phänomen bestimmen.
Inhaltsverzeichnis
1 Grundlagen
1.1 Analysen der Lüge
1.2 Lüge vs. Täuschung
2 Der „Prototyp“ der Lüge
2.1 Dimensionen der Lüge
2.1.1 Die Glaubensbedingung
2.1.2 Die Täuschungsabsicht
2.1.3 Die Behauptungsbedingung
2.2 Prototypensemantische Analysen der Lüge
2.2.1 Prototypensemantik: Das englische Verb „to lie“
2.2.2 Kritik an Coleman und Kays‘ Ansatz
2.3 Falkenberg: Der „zentrale Fall“ der Lüge
2.3.1 Falkenbergs Behauptungsbedingung
2.3.2 Falkenbergs Definition des „zentralen Falls“ der Lüge
2.3.3 Falkenbergs „Grade der Lügenhaftigkeit“
2.4 Zwischenfazit
3 Falsch Implizieren: Lügen, obwohl man die Wahrheit behauptet
3.1 Die konversationelle Implikatur und andere Implikaturentypen
3.2 Falkenbergs Definitionsversuch „indirekter“ Lügen
3.3 Meibauers „erweiterte Definition der Lüge“
3.3.1 Meibauers modifizierte Definition der Behauptung
3.3.2 Exkurs über die Wahrheitsfunktionalität von Implikaturen
3.3.3 Meibauers erweiterte Lügendefinition
3.3.4 Lügentauglichkeit generalisierter und partikulärer Implikaturen
3.3.5 Lügen mit Tautologie und Ironie
3.3.6 Lügen mit Tautologie
3.3.7 Lügen mit Ironie
3.4 Exkurs über Präsuppositionen
3.5 Zwischenfazit
4 Vorgetäuschte Sprechakte
4.1 Grundzüge der Illokutionslogik
4.1.1 Taxonomie, Gelingen und Erfüllen illokutionärer Akte
4.1.2 Illokutionslogische Relationen
4.1.3 Vandervekens Generalisierung der Grice’schen Maximen
4.1.4 Nicht-wörtliche Bedeutung
4.1.5 Indirekte Sprechakte
4.1.6 Konversationelle Implikaturen
4.1.7 Ironie
4.1.8 Exkurs: Die Simulation der Aufrichtigkeit vs. die Simulation der Unaufrichtigkeit
4.2 Lügen und Täuschungen mit illokutiven Komponenten
4.2.1 Illokutionslogische Erklärung des „Lügenbegriffs im engeren Sinne“
4.2.2 Versuchsweise Definition eines „weitesten Lügenbegriffs“
4.2.3 Vorgetäuschte Sprechakte hinsichtlich illokutiver Komponenten
4.2.4 Nicht-assertiv gebundene falsche konversationelle Implikaturen
4.2.5 Präsuppositionen und ihre illokutionslogischen Entsprechungen
4.3 Zwischenfazit und Ausblick
5 Empirische Untersuchung zum intuitiven Lügenbegriff
5.1 Linguistische Hypothesen zur Lüge
5.2 Methodik
5.3 Ergebnisse
5.3.1 Erläuterungen zur Auswertung
5.3.2 Auswertung der einzelnen Items
5.3.3 Auswertung der Gruppen
5.4 Diskussion
5.4.1 Analyse der Kontrollgruppen
5.4.2 Analyse der Gruppen partikuläre und generalisierte Implikaturen
5.4.3 Analyse der Gruppe Vorgetäuschte Sprechakte
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht linguistische Definitionen der Lüge, insbesondere im Hinblick auf ihre Eindeutigkeit und Anwendbarkeit auf komplexe Fälle wie falsche Implikaturen oder vorgetäuschte Sprechakte. Das primäre Ziel ist es, zu hinterfragen, ob herkömmliche, oft eng gefasste Lügenbegriffe dem intuitiven Sprachgebrauch von Sprechern entsprechen, und mittels illokutionslogischer Analysen sowie einer empirischen Untersuchung einen realistischeren Begriff zu erarbeiten.
- Kritische Analyse von Falkenbergs zentralem Lügenbegriff und Meibauers erweiterter Definition.
- Untersuchung der Rolle von Behauptungen und Assertiven für das Lügen.
- Anwendung der Illokutionslogik auf Täuschungen und vorgetäuschte Sprechakte.
- Empirische Überprüfung linguistischer Lügenhypothesen durch Probandenbefragungen.
- Differenzierung zwischen partikulären und generalisierten Implikaturen in Bezug auf Lügenhaftigkeit.
Auszug aus dem Buch
Die Behauptungsbedingung
Schon das Lügenverbot in den Geboten der großen Weltreligionen bezieht sich - wörtlich - fast immer auf Behauptungen: „Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten“ heißt es beispielsweise im Lügenverbot der Lutherbibel. „Zeugnis ablegen“ gehört wie „behaupten“ in die Sprechaktklasse der Assertive und hat sprechakttheoretisch den von Searle in seiner Taxonomie der Sprechakte festgestellten illokutionären Zweck:
Der Witz oder Zweck der Elemente dieser Klasse ist es, den Sprecher (in unterschiedlichem Maß) darauf festzulegen, dass etwas der Fall ist, dass die zum Ausdruck gebrachte Proposition wahr ist. Alle assertiven Äußerungen lassen sich in der Dimension, die wahr und falsch umfasst, beurteilen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Grundlagen: Das Kapitel bietet eine Einführung in die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Lüge und Täuschung, wobei vor allem die linguistische und philosophische Perspektive auf die Behauptungsbedingung beleuchtet wird.
2 Der „Prototyp“ der Lüge: Hier werden zentrale Variablen der Lügendefinition diskutiert und prototypensemantische Ansätze zur Erfassung des intuitiven Lügenbegriffs kritisch untersucht.
3 Falsch Implizieren: Lügen, obwohl man die Wahrheit behauptet: Der Fokus liegt auf der Analyse von Lügen mittels konversationeller Implikaturen, Tautologien und Ironie, wobei Meibauers erweiterte Lügendefinition kritisch hinterfragt wird.
4 Vorgetäuschte Sprechakte: In diesem Kapitel erfolgt eine illokutionslogische Analyse von Täuschungen, um zu untersuchen, ob auch andere Sprechaktklassen lügentauglich sind.
5 Empirische Untersuchung zum intuitiven Lügenbegriff: Dieser Teil präsentiert das methodische Vorgehen und die Ergebnisse einer empirischen Studie, die linguistische Lügenhypothesen am intuitiven Verständnis von Nicht-Linguisten prüft.
Schlüsselwörter
Lüge, Täuschung, Behauptung, Assertive Sprechakte, Konversationelle Implikatur, Illokutionslogik, Prototypensemantik, Sprechakttheorie, Wahrheitsbedingungen, Präsupposition, Sprachphilosophie, Intuition, Empirische Untersuchung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert linguistische Lügenbegriffe und untersucht, inwieweit diese mit dem intuitiven Verständnis von Sprechern übereinstimmen, insbesondere bei komplexen Formen der Täuschung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Sprechakttheorie, die pragmatische Analyse von Implikaturen und Täuschungen sowie die illokutionslogische Modellierung von Sprechakten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob die gängige linguistische Annahme, dass Lügen zwingend an Behauptungen gebunden sind, haltbar ist oder ob auch andere vorgetäuschte Sprechakte als Lügen klassifiziert werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine theoretische, handlungstheoretische Analyse (basierend auf Falkenberg, Meibauer, Searle/Vanderveken) mit einer experimentellen, empirischen Untersuchung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden verschiedene Lügendefinitionen diskutiert, die Abgrenzung von Ironie und Implikaturen vorgenommen sowie mittels Illokutionslogik neue Konzepte für "weiteste" Lügenbegriffe entwickelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Lüge, Täuschung, Sprechakt, Implikatur, Behauptung, Illokutionslogik und linguistische Intuition.
Wie unterscheidet sich eine "glatte Lüge" von falschen Implikaturen?
Eine "glatte Lüge" ist direkt mit einer unwahren Behauptung verbunden, während falsche Implikaturen eine Wahrheit behaupten, aber den Hörer zu einem unwahren Rückschluss verleiten.
Welches Ergebnis lieferte die empirische Untersuchung bezüglich des Lügenbegriffs?
Die Studie zeigt, dass der engere Lügenbegriff (Lüge = unwahre Behauptung) am ehesten dem intuitiven Verständnis entspricht, während Erweiterungen auf Implikaturen oder andere Sprechakte von Probanden oft nicht als Lüge identifiziert werden.
- Arbeit zitieren
- Eva Lippold (Autor:in), 2013, Lügen, falsch Implizieren und vorgetäuschte Sprechakte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300262