Die Erzählung des Turmalin handelt von der Geschiedenheit vom Ich und der Welt, was sich an der Figur des Rentherrn zeigt. Diese Abgeschiedenheit überträgt er ebenso auf seine Tochter. Die Räume, die der Rentherr bewohnt, verdeutlichen dies.
Turmalin spielt in der Stadt Wien. Stifter, der besonders eindrucksvoll ländliche Räume seiner eigenen Heimat thematisiert, wählt in Turmalin eine Großstadt als Raum, der sich auf das Handeln sowie auf die Beziehungen zwischen den handelnden Figuren auswirkt.
In Turmalin schafft es Stifter insbesondere ein Stadtbild mit verschiedenen Bauarten und Wohnweisen zu erzeugen sowie den darin enthaltenen Einrichtungsgegenständen, die mit den Eigenschaften der Menschen, die diese beheimaten, verbunden sind.
In dieser Arbeit werde ich aufzeigen, inwiefern der Wohnraum mit seiner Einrichtung als Stilmittel dazu genutzt wird, Charaktereigenschaften der dargestellten Figuren in Turmalin widerzuspiegeln. Dazu gehe ich zunächst theoretisch auf die Raumsemantik im Realismus, insbesondere bei Adalbert Stifter ein. Dazu werde ich vergleichend die Darstellung des Stadt-, Vorstadt- sowie Naturraums in Turmalin erläutern und ebenso vergleichend die dargestellten abgeschlossenen Räume.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Raumsemantik im Realismus
3. Interpretation der Raumsemantik in Stifters Turmalin
3.1 Gegenüberstellung Stadtraum und Landschaft
3.1.1 Die Stadt Wien
3.1.2 Peripherie
3.2 Analyse der Beschreibung abgeschlossener Räume und ihrer Einrichtung mit Bezug auf die Wirkung auf das Handeln des Menschen
3.2.1 Das Zimmer des Rentherrn
3.2.2 Die Zimmer der Frau des Rentherrn
3.2.3 Die Wohnung der 2. Erzählerin
3.2.4 Das Perronsche Haus
3.2.5 Das Haus des Pförtners
4. Schluss
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die funktionale Bedeutung des Stadtraums und der Innenarchitektur in Adalbert Stifters Erzählung "Turmalin". Dabei wird analysiert, inwiefern die spezifische Gestaltung von Wohnräumen und deren Einrichtung als Stilmittel eingesetzt wird, um Charaktereigenschaften der Figuren sowie ihre psychische Verfassung und ihre soziale Integration oder Isolation innerhalb der Erzählung widerzuspiegeln.
- Analyse der Raumsemantik im literarischen Realismus bei Adalbert Stifter.
- Kontrastive Untersuchung von Stadt-, Vorstadt- und Naturraum als Handlungsorte.
- Untersuchung der psychologischen Wirkung abgeschlossener Wohnräume auf die Bewohner.
- Deutung der Symbolik von Objekten, Farben und architektonischen Barrieren.
- Beleuchtung der Rolle der Tochter des Rentherrn als Spiegelbild der elterlichen Isolation.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Die Stadt Wien
„In der Stadt Wien wohnte vor manchen Jahren ein wunderlicher Mensch, wie in solchen großen Städten verschiedene Arten von Menschen wohnen.“12
Zu Beginn der Erzählung erläutert der Erzähler, dass die Menschen, die innerhalb von großen Städten ausgegrenzt von der Natur leben, Eigenarten entwickeln. Der künstlich von Menschenhand geschaffene Stadt- und Kulturraum entfernt das Wesen des Menschen von der Wirklichkeit, welche nach Stifter nur in der Natur zu finden sei. Das Leben der Menschen in der Stadt Wien wird von dem Erzähler mithilfe der Figuren des Rentherrn, seiner Frau und Dalls veranschaulicht, wobei deutlich wird, dass sich der Rentherr von der Stadtgesellschaft ausgrenzt, wobei der Künstler Dall in dieser integriert ist, was auch der Frau des Rentherrn imponiert. Der Rentherr ist ein Beobachter, der in der Erzählung ein Kaffeehaus besucht, um Schachspieler zu beobachten oder bei einem Gang durch die Stadt die Verhaltensweisen der Menschen zu studieren. Der Erzähler ist bei der Darstellung dessen lediglich leicht abwertend, indem er die Aktivitäten der Stadtmenschen als „verschiedene Dinge“13 bezeichnet, da er sich mit diesen nicht zu identifizieren weiß und das wirklich Schöne nur in der in der Natur selbst zu finden sei. Dall ist der einzige Freund des Rentherrn, welcher in der Erzählung erwähnt wird. Sie treffen sich allerdings nur in der von der Außenwelt abgeschiedenen Wohnung des Rentherrn.
Der Erzähler weist nach dem Verschwinden des Rentherrn und seiner Frau darauf hin, dass das einzelne Individuum in der Stadt, einer großen Ansammlung von Menschen, untergehen und es vergessen werden würde, was die Unbedeutsamkeit und Anonymität des Einzelnen im Stadtleben unterstreichen soll.
„Aber es kamen andere Ereignisse der großen Stadt, wie sich überhaupt die Dinge in solchen Orten drängen, man redete von etwas anderem, und nach Kurzem war der Rentherr und seine Begebenheit vergessen.“14
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der Raumgestaltung in Stifters "Turmalin" und Darlegung der Zielsetzung, den Wohnraum als Spiegelbild psychischer Zustände zu analysieren.
2. Raumsemantik im Realismus: Theoretische Herleitung der literarischen Bedeutung von Objekten und Räumen als Ausdrucksmittel seelischer Sachverhalte im Kontext des 19. Jahrhunderts.
3. Interpretation der Raumsemantik in Stifters Turmalin: Hauptteil der Arbeit, der die theoretischen Ansätze auf die spezifischen Orte der Erzählung anwendet und deren Symbolik entschlüsselt.
4. Schluss: Zusammenfassung der Ergebnisse, wonach die Konzentration auf die Behausungen essentiell für das Verständnis der Figuren ist und die Raumbeschreibungen als Kontrast zur chaotischen Außenwelt fungieren.
Schlüsselwörter
Adalbert Stifter, Turmalin, Raumsemantik, Realismus, Literaturanalyse, Stadt Wien, Innenraum, Wohnraum, Psychologie, Symbolik, Isolation, Naturdarstellung, Erzählstruktur, Wiener Vorstadt, Objektbeschreibung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Funktion von Räumen und deren Einrichtung in Adalbert Stifters Erzählung "Turmalin" und wie diese dazu dienen, die Charaktere und psychischen Zustände der Figuren darzustellen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind die Raumsemantik im Realismus, die Gegenüberstellung von Stadt und Natur sowie die Analyse von abgeschlossenen Räumen und Wohnwelten.
Was ist das primäre Forschungsziel der Arbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, inwiefern der Wohnraum und seine Ausstattung als Stilmittel genutzt werden, um die inneren Eigenschaften der dargestellten Figuren in "Turmalin" widerzuspiegeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Analyse verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die theoretische Grundlagen zur Raumsemantik mit einer detaillierten textimmanenten Interpretation der Raumbeschreibungen in Stifters Erzählung verbindet.
Welche Inhalte werden im Hauptteil fokussiert?
Der Hauptteil befasst sich mit der Gegenüberstellung von Stadtraum und Landschaft sowie der detaillierten Analyse spezifischer Räume, wie dem Zimmer des Rentherrn, den Räumen seiner Frau und der Wohnung der zweiten Erzählerin.
Durch welche Schlüsselbegriffe ist die Arbeit geprägt?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie Raumsemantik, Realismus, Isolation, psychische Verfassung und die Gegenüberstellung von Natur und Künstlichkeit aus.
Wie symbolisiert das "Gitter" in der Erzählung die psychische Verfassung des Rentherrn?
Das eiserne Gitter an der Wohnung des Rentherrn symbolisiert seine krankhafte Zurückgezogenheit, die Barriere zwischen seinem Ich und der Außenwelt sowie eine bewusste Abschottung von der städtischen Gesellschaft.
Inwiefern beeinflusst der Aufenthaltsort die körperliche und geistige Entwicklung der Tochter?
Die Untersuchung zeigt, dass die Isolation in dunklen, städtischen Räumen die Tochter in ihrer Entwicklung hemmt, während ein Aufenthaltswechsel auf das Land maßgeblich zu ihrer physischen und psychischen Erholung beiträgt.
Warum spielt die farbliche Gestaltung der Zimmer der Ehefrau eine so wichtige Rolle?
Die farblichen Kontraste (Schwarz/Dunkel vs. Weiß) unterstreichen die Zerrissenheit des Charakters der Frau und markieren die Grenze zwischen tugendhaften und lasterhaften Aspekten ihres Lebens.
Welche Funktion hat die Natur bei Stifter im Kontext dieser Erzählung?
Die Natur steht für Stifter für die Wirklichkeit und eine geordnete Welt, von der sich die Figuren in der Großstadt entfremden, was durch die detaillierte Beschreibung der Außenwelten und das Scheitern in den städtischen Behausungen deutlich wird.
- Arbeit zitieren
- Thomas Gantner (Autor:in), 2014, Realismus und Raumsemantik. Der Stadtraum und seine Funktion in Adalbert Stifters "Turmalin", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300305