Zu Beginn unserer Betrachtungen steht die Karolingische Renaissance durch Karl den Großen (742-814). 787 verfügt Karl der Große in der „Epistula Litteris Colendis“ die Einrichtung von Schulen an allen Klöstern und Domstiften. Dies ist eine wichtige Grundlage, damit sich Philosophen (Theologen) wie Aquin und Ockham überhaupt herausbilden können. An den Schulen können Geistliche und einflussreiche Laien die „artes magicae“ (die sieben dunklen Künste), die „artes liberales“ (die sieben freien Künste) und die „artes mechanicae“ (die sieben Künste des Handwerks) studieren. Die sieben dunklen Künste haben auch den Beinamen „die Verbotenen“. Die Studenten lernen hier die Künste der „geomantia“ (Erde), der „hydromantia“ (Wasser), der „aeromantia“ (Luft), der „pyromantia“ (Feuer), der „nigramantia“ (Dunkel), der „chiromantia“ (Hand) und der „spatulamantia“ (Schulterblatt“ kennen. Die sieben freien Künste untergliedern sich in die „artes reales“ (Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie) und die „artes formales“ (Grammatik, Rhetorik, Dialektik). Die sieben Künste des Handwerks tragen auch den Beinamen „die Geschmähten“. Die Studenten lernen hier „lanificium“ (Wollarbeit), „armatura“ (Waffenbau), „navigatio“ (Handel), „agricultura“ (Ackerbau), „venatio“ (Jagd), „medicina“ (Medizin) und „theatrica“ (Schauspiel) kennen und nutzen.
Die Scholastik beginnt im 8. und 9. Jahrhundert mit der Vorscholastik. Ein wichtiger vorscholastischer Denker ist Johannes Scotus Eriugena (810-877). Aus der Vorscholastik entwickelt sich zum einen die Mystik mit Bernhard von Clairvaux (1090/91-1154) und die Frühscholastik (10-12 Jh.) mit Denkern wie Anselm von Canterbury (1033-1109), Petrus Abaelard (1079-1142) und Rocellinus (1050-1124). Der Vorscholastik folgt die Hochscholastik im 13. Jh. Wichtige Denker sind hier Bonaventura (1221-1274), Meister Eckhart (1260-1327), Dante (1265-1321) und Roger Bacon (1215-1295). Außerdem die Denker, welche von Ockham unter „via antiqua“ eingestuft werden wie Albertus Magnus (1193-1280), welcher auch Lehrer von Aquin war, Thomas von Aquin (1225-1274) und Johannes Duns Scotus (1265-1308). Aquin versucht als einer der Ersten die wissenschaftliche Lehre Aristoteles’ (Naturwissenschaft) mit dem christlichen Glauben zu verbinden. Dadurch kann im 19. Jh. der „Neuthomismus“ entstehen. Man kann sagen, dass die Lehre von Thomas von Aquin zur „Philosophie“ der katholischen Kirche wird.
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Gliederung
1. Einleitung
1.1 Ethik im lateinischen Mittelalter
1.2 Glück(seligkeit) im Mittelalter
1.2.1 Glück
1.2.2 Glückseligkeit
2. Thomas von Aquin
2.1 Kurzbiographie
2.2 Zur Ethik
2.2.1 Der Begriff der Person
2.2.2 Die Tugenden
2.2.3 Die Vernunft
2.2.4 Die Gesetze
2.3 Glückseligkeit
3. William von Ockham
3.1 Kurzbiographie
3.2 Zur Ethik
3.2.1 Praxis und praktische Philosophie
3.2.2 Handlungen
3.2.3 Recta Ratio und das Gute
3.2.4 Über die Freiheit des Willens
3.2.5 Die Tugendlehre
3.3 Rückschlüsse auf das Glück
4. Die Glücksvorstellungen im Vergleich
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit befasst sich mit der vergleichenden Analyse der ethischen Konzepte von Thomas von Aquin und William von Ockham, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf deren unterschiedlichen Vorstellungen vom menschlichen Glück liegt. Die Untersuchung zielt darauf ab, die verschiedenen philosophischen Ansätze der beiden Scholastiker im Kontext ihres jeweiligen mittelalterlichen Weltbildes zu beleuchten und ihre Ansichten zur moralischen Handlungsfähigkeit und dem Streben nach Glück einander gegenüberzustellen.
- Historische Einordnung der Ethik und Glücksauffassungen im lateinischen Mittelalter
- Ethische Grundpositionen und Tugendverständnis bei Thomas von Aquin
- Ockhams Philosophie der Praxis und die Bedeutung des freien Willens
- Die Rolle der göttlichen Gebote und der Vernunft für die moralische Qualität menschlichen Handelns
- Vergleichende Gegenüberstellung der Glücksmodelle von Aquin und Ockham
Auszug aus dem Buch
Die Tugenden
Das Gegenteil der Tugend ist das Laster. Aquin versucht die von Aristoteles vorgegebene ausführliche Wesensbeschreibung der Tugend mit dem geringst möglichen Maß an Änderungen in die christliche Lehre aufzunehmen. Tugend bedeutet demnach das Maß und den Ausgleich von vernunftwidrigen Gegensätzen. Sie besteht im Einhalten der vorgegebenen Vernunftordnung, die zugleich dem göttlichen Gesetzeswillen entspricht.
Die Tugend des Menschen ist eine Qualitätskategorie, sie gehört ganz eindeutig zum Habitus. Die Tugend qualifiziert den Menschen zu persönlicher Kompetenz, dass heißt das der Mensch in eine Seinslage kommt, die auf das Gute (das Endziel) ausgerichtet ist. Tugend ist ein inneres Prinzip, welches vor allem auf menschliches Handeln ausgelegt ist. Tugend besitzt nach Aquin nur derjenige, der im Inneren seiner Person eins mit der Tugend geworden ist. Das bedeutet, dass man nicht nur ab und zu tugendvoll handeln soll, sondern immer tugendvoll handeln muss, um tugendvoll zu sein. Aquin behauptet, dass der Mensch erst durch Tugend Identität mit sich selbst erreichen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in den historischen Kontext der Scholastik ein und erläutert die Grundbegriffe von Ethik und Glück im mittelalterlichen Denken.
2. Thomas von Aquin: Dieser Abschnitt bietet eine biographische Skizze sowie eine detaillierte Analyse von Aquins Tugendethik, seinem Verständnis von Person, Vernunft, Gesetz und der Ausrichtung auf das vollkommene Glück in Gott.
3. William von Ockham: Hier wird Ockhams philosophischer Ansatz dargestellt, wobei der Fokus auf seinem Begriff der Praxis, der Bedeutung des freien Willens sowie der engen Verbindung von Tugend und göttlichem Gebot liegt.
4. Die Glücksvorstellungen im Vergleich: Das abschließende Kapitel führt die Erkenntnisse über Aquin und Ockham zusammen und stellt ihre konträren Positionen hinsichtlich der Beeinflussung des Willens durch die Vernunft versus die Freiheit der Willensentscheidung gegenüber.
Schlüsselwörter
Thomas von Aquin, William von Ockham, Scholastik, Mittelalter, Ethik, Glückseligkeit, Tugendethik, freier Wille, göttliche Gebote, Vernunft, Beatitudo, Recta Ratio, Moralphilosophie, Praxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die ethischen Lehren von Thomas von Aquin und William von Ockham und stellt deren unterschiedliche Konzepte zum Thema Glück gegenüber.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Tugendlehre, die Rolle des freien Willens, das Verhältnis zwischen Vernunft und göttlichem Gebot sowie die mittelalterliche Definition von Glückseligkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist ein systematischer Vergleich, um zu zeigen, wie zwei bedeutende Denker der Scholastik moralisches Handeln und das letzte Ziel des Menschen begründen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt einer strukturierten philosophisch-historischen Textanalyse, wobei die zentralen Begriffe und Konzepte anhand der Primär- und Sekundärliteratur zur mittelalterlichen Philosophie erarbeitet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei ausführliche Porträts der Philosophen, in denen jeweils Biographie, Ethikbegriff, Tugendlehre und das jeweilige Glücksmodell analysiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Scholastik, Tugend, Wille, Vernunft, Glückseligkeit sowie die spezifischen Begriffe wie "lex naturalis" und "recta ratio".
Wie unterscheidet sich Aquins Tugendkonzept von dem Ockhams?
Aquin betont die Tugend als Habitus, der auf eine vernunftgemäße Ordnung ausgerichtet ist, während Ockham die Tugenden stark theologisch begründet und eng an den Willen Gottes bindet.
Was bedeutet "beatitudo" bei Thomas von Aquin?
Für Aquin ist die "beatitudo" das höchste Gut, welches in der Schau Gottes seine vollkommene Erfüllung findet und das menschliche Streben zur Ruhe bringt.
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- Jasmin Weitzel (Author), 2004, Die Ethik bei Aquin und Ockham mit Rücksicht auf Glücksvorstellungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/30037