Die Wiederentdeckung der Konjunktur. Die bundesdeutsche Zäsur der Wirtschaftspolitik in den 1970er Jahren


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Konzeptionelle Grundlagen
2.1 Keynesianische Konjunkturtheorie
2.2 Monetarismus und neoklassische Konjunkturtheorie

3 Bewährung
3.1 Der erste Wachstumsrückgang von 1966/67
3.2 Stabilitäts- und Wachstumsgesetz
3.3 Die Sozialdemokratie und die Entdeckung des Keynesianismus

4 Bewahrung zwischen den Krisen
4.1 Ursachen der Krise von 1974/75
4.2 Beurteilung der Konjunktursteuerung
4.3 Das Festhalten am Keynesianismus

5 Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen

Literatur

1 Einleitung

In einer Fernsehsendung, die die gegenwärtige Staatsschuldenkrise in Europa thematisierte, wurde der Chef des Münchner Ifo-Instituts Prof. Hans Werner Sinn gefragt, warum Ökonomen derzeit medial so präsent sind. Er antwortete umgehend: „Ärzte werden ja auch nur dann gerufen, um Krebsgeschwüre zu heilen, wenn man gesund ist, dann braucht es auch keinen Arzt“.1 Jedoch zeigt sich, dass in der Krise stets auch der Rat des Historikers gefragt ist, die beinahe zyklisch auftretende Krisenerfahrung gehört zu den prägenden Ereignissen der Geschichte.2

Diese Arbeit richtet den Blick auf drei Krisen, die insgesamt betrachtet eine mehrfache wirtschafts- und sozialhistorische Zäsur darstellen. Die Krisen von 1966/67, 1974/75 und 1981/82 zerstörten die Planungs- und Steuerungsphantasien der 1960er Jahre, beförderten durch die Wiederkehr der Massenarbeitslosigkeit die gesellschaftliche Prekarisierung und sie beendeten den naiven Glauben einer immer währenden Prosperität mit Hilfe der keynesianischen Globalsteuerung. Der Fokus dieser Arbeit liegt jedoch nicht nur auf einer reinen Darstellung der Krise. Vielmehr geht es im Allgemeinen um die Frage wie die damalige Wirtschaftspolitik auf die Krise reagierte. Im Speziellen geht es um die Klärung der Frage, warum die sozialliberale Koalition so lange an dem Konzept der Globalsteuerung festgehalten hat. Insbesondere eine jüngere Arbeit von Gérald Bökenkamp kritisiert heftig den damaligen Bundeskanzler und heutigen „Weltökonomen“ Helmut Schmidt ob seines Festhaltens an dem keynesianischen Instrumentarium.3 Tatsächlich unterlag die sozialliberale Bundesregierung inneren und äußeren Zwängen.

Zunächst soll im einleitenden Kapitel das der Sozialdemokratie zugrunde liegende ökonomische Denken dargestellt werden. Insbesondere das Wachstums- und Stabilitätsgesetz, welches unter Federführung von Wirtschaftsminister Karl Schiller beschlossen wurde findet hierbei Erwähnung. Das zweite Kapitel analysiert und beurteilt die konkrete keynesianische Konjunktursteuerung. Das letzte Kapitel analysiert die sozialliberale Wirtschaftspolitik schwerpunktmäßig in den 1970er Jahren.

2 Konzeptionelle Grundlagen

Seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert verzeichnen die europäischen Volkswirtschaften eine stetige Ausweitung ihres Bruttoinlandsprodukts4. Diese Wachstumsbewegung wurde zwar durch Kriege und Krisen5 unterbrochen, jedoch zeigte sich kontinuierlich im Zeitablauf die Rückkehr der europäischen Volkswirtschaften auf einen allgemeinen Wachstumspfad. In der kurzen Frist können demzufolge volkswirtschaftliche Größen wie das Bruttoinlandsprodukt oder der Beschäftigungsstand von der allgemeinen Trendbewegung abweichen. Solche Abweichungen von dem tatsächlichen Produktionspotenzial einer Volkswirtschaft untersucht die Konjunkturtheorie. Mit Hilfe der Konjunkturtheorie sollen zwei Dinge erreicht werden. Einerseits sollen sogenannte Konjunkturindikatoren identifiziert werden, welche Aussagen über die konjunkturelle Entwicklung ermöglichen.6 Diese sind zum Beispiel die gesamtwirtschaftliche Produktion, aber auch der Output einzelner Sektoren, die Zinsstruktur oder die Preise. Andererseits versucht die Konjunkturtheorie Antworten für die Schwankungen der Auslastung des Produktionspotenzials zu finden und insbesondere die Frage zu klären, ob und in welcher Form staatliche Intervention die Konjunktur fördern kann oder sollte.7

In diesem grundlegenden Kapitel sollen zunächst die beiden wichtigsten wirtschaftswissenschaftlichen Theoriemodelle erläutert werden, welche den größten Einfluss auf die Entwicklung der bundesdeutschen Konjunkturpolitik hatten und teilweise in Form des Stabilitätsgesetzes von 1967 auch immer noch haben.

2.1 Keynesianische Konjunkturtheorie

Die Annahme der klassischen Wirtschaftstheorie von flexiblen, stets zu einem Gleichgewicht strebenden Gütermärkten schien durch die wirtschaftliche Entwicklung im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bestätigt. Jedoch zeigte sich in der länger als vorherige wirkende Weltwirtschaftskrise von 1929, wie brüchig dieses Konzept doch eigentlich war. Dieses Ereignis prägte den britischen Ökonom John Maynard Keynes, welcher durch seine Wirtschaftstheorie zu erklären versuchte, warum es zu dauerhaften Marktungleichgewichten in der Wirtschaftskrise kommen kann.8

Ausgangspunkt der keynesianischen Wirtschaftstheorie ist die These, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion allein durch die Nachfrageseite determiniert wird. Ein Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage führt demnach automatisch zu einer Nachfragelücke, die zu einer Unterauslastung der Produktion führt und sich damit zwangsläufig in einer höheren Arbeitslosigkeit manifestiert. Während die klassische Wirtschaftstheorie in einer solchen Situation annimmt, fallende Preise würden zu neuer Nachfrage führen, unterstellt die keynesianische Wirtschaftstheorie das Vorhandensein von Preisrigiditäten.9 Ein klassisches Beispiel für solche inflexiblen Preise wären zum Beispiel längerfristige Vertrags- und Zuliefererbeziehungen zwischen Unternehmen, die eine kurzfristige Preisanpassung auf der Angebotsseite unmöglich machen oder zu mindestens verzögern. In einer solchen Situation sah die keynesianische Wirtschaftstheorie den Staat in der Verpflichtung, durch eine expansive Fiskalpolitik zusätzliche gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu erzeugen. Dadurch sollte den Marktteilnehmern ein neuer Impuls gegeben werden um eine Rückkehr auf den Wachstumspfad zu ermöglichen. Es ist jedoch keineswegs so, dass John Maynard Keynes mit seinen Überlegungen alleine stand. In vielen der betroffenen Industrienationen machten sich Wirtschaftswissenschaftler Gedanken über staatliche Interventionen um die Weltwirtschaftskrise zu bewältigen.

Die Verbindung der keynesianischen Wirtschaftstheorie mit einem neoklassischen Rahmen bildete die Grundlage der Konjunkturpolitik in den westlichen Industriestaaten der 1960er und 1970er Jahre.10 In Deutschland fand diese bei der Konstruktion des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes ihren Ausdruck.

2.2 Monetarismus und neoklassische Konjunkturtheorie

Mit dem Scheitern der keynesianisch fundierten Konjunkturpolitik in den 1970er Jahren entwickelte sich eine neue Strömung in den Wirtschaftswissenschaften, die die Konjunktursteuerung des Staates mittels Geldpolitik ins Zentrum ihrer Überlegungen rückte. Der von den amerikanischen Ökonomen Milton Friedman und Edmund Phelps begründete „Monetarismus“ sah das primäre Betätigungsfeld staatlicher Wirtschaftspolitik in der stetigen Versorgung der Volkswirtschaft mit Geld durch die Zentralbank und in dem Setzen eines wirkungsvollen ordnungspolitischen Rahmen, der Marktversagen vorbeugen sollte.11 Der Fiskalpolitik wird, im Gegensatz zu Keynes, eine kontraktive Rolle zugewiesen. Diese angebotsseitig motivierte Theorie stellt somit einen direkten Affront gegen das nachfrageseitig orientierte keynesianische Modell dar, das eine expansive Fiskalpolitik vorsieht. Besonderer Angriffspunkt war die so genannte Philips-Kurve, die einen Zusammenhang zwischen niedriger Arbeitslosigkeit und hoher Inflation infolge konjunkturpolitischer Intervention zu beweisen schien. Die keynesianisch motivierte Konjunkturpolitik postulierte zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit eine Oder-Beziehung.12 Das Phänomen der Stagflation, also die Parallelität von hoher Inflation und hoher Arbeitslosigkeit Ende der 1970er Jahre, falsifizierte diese Annahme jedoch auf drastische Weise. Seit den 1980er Jahren wurde der Monetarismus durch die Theorie der Real Business Cycle erweitert. In dieser Betrachtung sind Schwankungen der Konjunktur völlig normale Anpassungsreaktionen auf Angebotsschocks (z.B. plötzlicher technologischer Fortschritt). Staatliche nachfrageorientierte Intervention in die Konjunktur verhindert somit notwendige Anpassungsprozesse.

3 Bewährung

Die Gesamtkapitulation der deutschen Wehrmacht am 8.Mai 1945 gegenüber den Alliierten und der Sowjetunion stellt über Deutschland hinaus eine historische Zäsur dar. Häufig wird dieses Ereignis mit dem Begriff der „Stunde null“ bezeichnet, aus wirtschaftshistorischer Perspektive kann dieser Begriff jedoch nicht geltend gemacht werden.13 Erstaunlich rasch entwickelten sich die wirtschaftlichen Kontinuitäten aus der Vorkriegszeit fort. Diese wirtschaftliche Entwicklung mündete nicht nur in Deutschland, sondern auch in Westeuropa, in einen lang anhaltenden wirtschaftlichen „Catch-Up“-Prozess, infolgedessen bis in den 1970er Jahre das Wohlstandsgefälle zu den USA aufgeholt werden konnte. Dieses „Wirtschaftswunder“ kann allerdings kaum als Leistung der staatlichen Wirtschaftspolitik bezeichnet werden. Die Binnennachfrage nach Investitions- und Konsumgütern war aufgrund der Kriegszerstörungen nahezu unbegrenzt, sofern Investoren und Konsumenten genügend Vertrauen in die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung hatten. Im Verbund mit den Erfolgen einer Währungsreform und der zusätzlichen Exportnachfrage im Zuge des Koreabooms gelang der Bundesregierung diese Vertrauensbasis zu schaffen.14

Die erste gravierende Rezession nach dem Krieg führte nicht nur zu einem Regierungswechsel, sondern bedeutete auch eine wirtschaftsgeschichtliche Zäsur. Sie beendete das Paradigma des „Maßhaltens“ Ludwig Erhards und bereitete den Weg für eine keynesianisch inspirierte Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage.15 Im Folgenden Abschnitt sollen die Krise von 1966/67 charakterisiert werden, welche sich zum ersten Prüfstein für die praktische Umsetzung des bundesdeutschen Keynesianismus entwickeln sollte. Der scheinbare Erfolg der Konjunktursteuerung befeuerte die Planungseuphorie. Sie führte dann auch zur Verabschiedung des Wachstums- und Stabilitätsgesetzes. Diese Kontinuität sollte, durch die Zuschreibung wirtschaftspolitischer Kompetenz der SPD durch den Wähler, ein wesentlicher Baustein für den Wahlerfolg der Sozialdemokraten im Jahr 1969 werden. Die Regierungsübernahme der SPD festigte ihren Glauben in die Macht keynesianischer Wirtschaftsbeeinflussung.

3.1 Der erste Wachstumsrückgang von 1966/67

Durch die Rezession zeigte sich das Auslaufen der bundesdeutschen Nachkriegsprosperität. Der aufholende Konsumbedarf war befriedigt, die Produktivitätslücke zu den USA war geschlossen und die Zerstörungen durch den Krieg waren weitestgehend beseitigt.16 Diese langanhaltende Erfahrung steten wirtschaftlichen Wachstums wirkte auf die Öffentlichkeit außerordentlich stark. Dies wird zu einen daran deutlich, wenn man bedenkt, dass im akademischen Diskurs tendenziell der Terminus des „Konjunkturzyklus“ durch den euphemistischen Begriff des „Wachstumszyklus“ abgelöst wurde.17 Zum anderen wurde die Krise schnell als Politikversagen interpretiert. Die NPD scheiterte zwar nur knapp bei den Bundestagswahlen, zog jedoch in mehrere Landesparlamente ein.18 "Es ist nicht mehr albern, wieder von den Krisenjahren 1929 bis 1932 zu sprechen", sagt der damalige Siemens-Chef Adolf Lohse.19

Zusätzlich zu einem Nullwachstum des Bruttosozialprodukts stieg die Arbeitslosigkeit aus einem Zustand der Vollbeschäftigung auf über zwei Prozent.20 Im Zuge eines Streits über Steuererhöhungen zur Deckung eines Haushaltsdefizits von sieben Mrd. DM verließ die FDP 1966 die Regierungskoalition und Ludwig Erhardt verlor das Vertrauen seiner Fraktion. Die Bildung der Großen Koalition unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger bedeutete nicht nur die erstmalige Regierungsbeteiligung der SPD, sondern auch das Ende des Wirtschaftsliberalismus, welcher an die autonome Funktionsweise des Markt- und Preismechanismus glaubte.21

Es war die Stunde des wirtschaftspolitischen Vordenkers der SPD, des Hamburger Professors für Volkswirtschaftslehre Karl Schiller. Zum Zwecke der Krisenüberwindung erschienen ihm staatliche Interventionen als ein notwendiges Mittel zur Beseitigung von Marktungleichgewichten. Dieser Aspekt zeigte sich bereits bei den Ausführungen zum Keynesianismus. Darüber hinaus interpretierte Schiller den Markt aus einer koalitionstheoretischen Sichtweise. Wirtschaftliche Entwicklung war seiner Ansicht nach stets das Ergebnis von Interessensvertretung, Folge von Konsens und Dissens.22 Von diesem Denken ist das Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes geprägt.

Der Grund für die schnelle Bewältigung der wirtschaftlichen Krise wurde in der öffentlichen Wahrnehmung in der Wirksamkeit der staatlichen Konjunktursteuerung gesehen. In den Jahren 1968 und 1969 stieg das Wirtschaftswachstum auf die hohen Werte der 1950er Jahre, die Arbeitslosenquote sank wieder unter die Marke von einem Prozent. Es gab mehr offene Stellen als Arbeitslose. Ab 1969 wurde die Konjunktursteuerung dämpfend eingesetzt und so überschüssige Nachfrage abgeschöpft. Der Schuldenstand der öffentlichen Haushalte sank sogar in der Folge der Konjunkturpolitik.

Bereits im Vorfeld der Verabschiedung des Stabilitätsgesetzes beschloss die Bundesregierung im Januar 1967 ein Konjunkturprogramm, welches zusätzliche Investitionen in der Höhe von 2,5 Mrd. DM vorsah.23 Finanziert wurde diese Maßnahme durch die Ausgabe zusätzlicher staatlicher Anleihen. Dieses Konjunkturprogramm sollte den Auftakt zu einer ganzen Reihe von fiskalpolitischen Maßnahmen sein, jedoch wurde im September 1967 ein vorerst letztes Konjunkturprogramm in der Höhe von 5,2 Mrd. DM verabschiedet.24 Ein drittes Konjunkturprogramm zu Beginn des Jahres 1968, welches ein vom Bundeswirtschaftsministerium unter Minister Karl Schiller lanciertes Volumen von etwa 10-12 Mrd. DM haben sollte, scheiterte an dem Widerstand der an der konzertierten Aktion beteiligten Parteien.25

Retrospektiv erwies sich dies, wie es Alexander Nützenadel darstellt, auch als Glücksfall. Bereits in der Mitte des Jahres 1968 wurde ein deutlicher wirtschaftlicher Aufschwung sichtbar. Das Wirtschaftswachstum betrug 6,3 Prozent und die Arbeitslosenquote sank auf 1,5 Prozent.26 Alexander Nützenadel arbeitet in seiner Studie zwei bemerkenswerte Feststellungen heraus, die die bundesdeutsche Konjunktursteuerung in den 1970er Jahren unter Kanzler Helmut Schmidt prägen sollte. Es zeigte sich bereits in dieser Frühphase wie anfällig und ungenau die Prognosen und Expertisen der Planungsstäbe im Bundeswirtschaftsministerium, als auch des Sachverständigenrat waren. So heißt es denn auch im Jahresgutachten 1966/67 des Sachverständigenrates:

„In einer konjunkturellen Situation wie der gegenwärtigen gilt mehr denn je, was der Sachverständigenrat schon früher zur Aussagefähigkeit von Koniunkturprognosen gesagt hat, vor allem, daß niemand, auch nicht ein Gremium, in der Lage ist, die künftige wirtschaftliche Entwicklung vorherzusagen. ,Was wir verantworten können, ist sehr viel weniger: Wir können nur die Entwicklungen, die unsere Wirtschaft in der Zukunft nehmen könnte, der Reihe nachüberprüfen, um aus dem weiten Bereich der Möglichkeiten jene Zukunftshypothese herauszufinden, die nach unserer Auffassung um besten mit den uns bekannten Tatsachen und Theoremen in Einklang steht und die wir deshalb als unsere beste Setzung' ansehen. Sie ist eine Projektion, der wir zwar eine größere Wahrscheinlichkeit beimessen als allen anderen, aber sie braucht noch nicht einmal eine hohe Wahrscheinlichkeit zu besitzen.“27

So prognostizierte der Sachverständigenrat in dem nachfolgenden Jahresgutachten von 1967/68 eine enorme Unterauslastung des Produktionspotenzials in den Jahren 1968 und 1969. Daher leitete er die Empfehlung ab, dass die staatlichen Investitionen um mindestens 25 Prozent steigen müssten, um den „erstrebenswerten Expansionspfad“ zu erreichen.28 Dieses Muster einer Überschätzung eines wirtschaftlichen Abschwungs, sowie der Unterschätzung eines wirtschaftlichen Aufschwungs ließe sich anhand vieler Beispiele in den 1960er und 1970er Jahren nachweisen. Nun könnte man argumentieren, eine Rückschau sei stets einfacher als eine Vorschau. Jedoch erfordert eine antizyklische Politik verlässliche Prognosen für die Zukunft damit diese auch im Sinne der keynesianischen Konjunktursteuerung agieren kann.29 So ist es allgemeine Lehrmeinung, dass die beschlossenen Maßnahmen eher prozyklisch gewirkt haben.30 Aber auch für zeitgenössische Experten war klar, dass der wirtschaftliche Aufschwung vor allem von der stark anziehenden Exportnachfrage, einer expansiven Geldpolitik der Bundesbank und Lohnzurückhaltung getragen wurde.31 Auf das Gesetz, welches unter dem Eindruck dieser Ereignisse beschlossen wurde, wird nun im folgenden Abschnitt detaillierter eingegangen.

3.2 Stabilitäts- und Wachstumsgesetz

Das am 8. Juni 1967 in kraftgetretene Stabilitäts- und Wachstumsgesetz (im Folgenden vereinfachend Stabilitätsgesetz genannt) war der sichtbarste Ausdruck des Einflusses der keynesianischen Konjunkturtheorie auf die deutsche Wirtschaftspolitik der 1960er und 1970er Jahre. Kernelement des Stabilitätsgesetzes war das so genannte magische Viereck dem sich alle föderalen Organe der Bundes- und der Landes-/Kommunalebene auszurichten hatten. Das magische Viereck besteht aus den Zielen eines „angemessenen“ Wachstums, Vollbeschäftigung, Preisniveaustabilität sowie eines außenwirtschaftlichen Gleichgewichts. Der Begriff „Magisch“ rührt daher, dass die einzelnen wirtschaftspolitischen Ziele des Stabilitätsgesetzes simultan nur selten erreicht werden können und wirtschaftspolitisch teilweise in Konkurrenz zueinander stehen.32 So wird auch das Problem einer unausgeglichenen Außenwirtschaftsbilanz von der Politik mehrheitlich gar nicht oder als wenig problematisch angesehen.

[...]


1 In der ZDF-Fernsehsendung „Maybritt Illner“ zum Thema „Flächenbrand in Euro-Land. Wer rettet unser Geld“. Erstausstrahlung am 14.07.2011.

2 Vgl.: Werner PLUMPE: Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart, München 2011, S.7f.

3 Vgl.: Gérald BÖKENKAMP: Das Ende des Wirtschaftswunders. Geschichte der Sozial-, Wirtschafts- und Finanzpolitik in der Bundesrepublik 1969-1998, Stuttgart 2010.

4 Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gibt den Wert aller Waren und Dienstleistungen an, die innerhalb der Grenzen einer Volkswirtschaft in einem Jahr hergestellt werden. Das BIP gilt als eines der einflussreichsten Maße für die Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Vgl.: Gregory MANKIW: Makroökonomik, Stuttgart 2003, S.5-7, sowie S.53-S.57.

5 Besonders nachhaltige Krisenerfahrungen kennzeichneten die deutschen Staaten beziehungsweise Deutschland in der Neuzeit. Diese waren die erste Weltwirtschaftskrise von 1857, der Gründerkrach im deutschen Kaiserreich 1873, die wirtschaftlichen Folgen des ersten Weltkriegs durch die Weltwirtschaftskrise 1920 und die große Depression, die Weltwirtschaftskrise von 1928-1932. Vgl.: PLUMPE, Wirtschaftskrisen.

6 Vgl.: Claus-Martin GAUL: Konjunkturprogramme in der Geschichte der Bundesrepublik, S.5. Deutschland. Einordnung und Bewertung der Globalsteuerung von 1967 bis 1982, Berlin 2009, S. 5.

7 Vgl.: ebd.

8 Vgl.: SCHERF, Harald: John Maynard Keynes, in: STARBATTY, Joachim (Hg.): Klassiker des ökonomischen Denkens. Von Platon bis John Maynard Keynes, S. 280-283.

9 Vgl.: GAUL, Claus-Martin: Konjunkturprogramme, S. 6.

10 Vgl.: Fritz W. SCHARPF, Sozialdemokratische Krisenpolitik in Europa, Frankfurt/New York 1987, S.39-42.

11 Vgl.: GAUL, Konjunkturprogramme, S. 7.

12 Vgl: MANKIW, Makroökonomik, S.414-418.

13 Vgl.: Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, München 2004, S.24-28.

14 Vgl.: SCHARPF, Krisenpolitik, S. 151-153.

15 Vgl.: PLUMPE, Wirtschaftskrisen, S. 94.

16 Vgl.: PLUMPE, Wirtschaftskrisen, S. 94.

17 Vgl.: Alexandra EHRLICHER: Die Finanzpolitik 1967-1976 im Spannungsfeld zwischen konjunkturpolitischen Erfordernissen und Haushaltskonsolidierung, Berlin 1991, S.43ff.

18 Vgl.: Gerhard RITTER/ Merith NIEHUSS: Wahlen in der Bundesrepublik Deutschland. Bundestags- und Landtagswahlen 1946-1987, München 1987, S.60.

19 Vgl.: Spiegel (1966), Nr. 35 (22.08.1966), S.18. Es ist unklar ob hier Adolf Lohse als Privatperson oder aber in seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender spricht. Es muss angemerkt werden, das eine übermäßige Dramatisierung durchaus im Interesse des Konzerns gestanden haben könnte. Die Siemens AG begann im gleichen Jahr eine mehrjährige und umfangreiche Restrukturierung seiner Konzernstruktur.

20 Vgl.: Klaus SCHRÖDER: Der Weg in die Stagnation, 1984 Opladen, S. 48.

21 Vgl.: Plumpe, Wirtschaftskrisen, S.95.

22 Vgl.: PLUMPE, Wirtschaftskrisen, S.95f.

23 Vgl.: Alexander NÜTZENADEL, Die Stunde der Ökonomen. Wissenschaft, Politik und Expertenkultur in der Bundesrepublik 1949-1974, Göttingen 2005, S. 321.

24 Vgl.: ebd., S. 325.

25 Vgl.: ebd., S. 326.

26 Vgl.: ebd., S. 327.

27 Vgl. SVR, Jahresgutachten, Wiesbaden 1966/67, S. 123.

28 Vgl.: NÜTZENADEL, Stunde, S. 321.

29 Vgl.: SCHRÖDER, Stagnation, S. 8-15.

30 Vgl.: ebd., S. 32.

31 Vgl.: SCHARPF, Krisenpolitik, S. 154; NÜTZENADEL, Stunde, S.326-328.

32 Vgl.: SCHARPF, Krisenpolitik, S. 45-60.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Wiederentdeckung der Konjunktur. Die bundesdeutsche Zäsur der Wirtschaftspolitik in den 1970er Jahren
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für mittlere und neuere Geschichte)
Veranstaltung
Die Bundesrepublik in den den 1970er Jahren
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V300397
ISBN (eBook)
9783656970262
ISBN (Buch)
9783656970279
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konjunktur, Wirtschaftspolitik, Globalsteuerung, Keynes, 1970er, Karl Schiller, Konzertierte Aktion;, Sachverständigenrat, Rezession, Machbarkeitsdenken, Wirtschaftskrise, Politik, Wirtschaftsweise
Arbeit zitieren
Manuel Schwalm (Autor), 2012, Die Wiederentdeckung der Konjunktur. Die bundesdeutsche Zäsur der Wirtschaftspolitik in den 1970er Jahren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300397

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