Die Kolonialfrage im Spektrum der politischen Parteien im Zeitraum von der Reichsgründung 1871 bis zur Jahrhundertwende.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kolonialpolitik im Kaiserreich

3. Das Parteienspektrum
3.1. Konservatismus
3.2. Liberalismus
3.3. Katholische Zentrum
3.4. Sozialdemokratie

5. Schlussfolgerungen

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die Kolonialgeschichte Deutschlands ist heute im Bewusstsein der Deutschen weit weniger präsent als beispielsweise die Weimarer Republik oder die Geschichte des Nationalsozialismus. Dabei herrschte die „verspätete Nation“ im Vergleich zu den europäischen Kolonialmächten der damaligen Zeit über ein beachtliches Kolonialreich. Der größte Teil des Kolonialreiches wurde in den 1880er Jahren unter Kaiser Wilhelm I. und Reichskanzler Otto von Bismarck erobert, des Kaisers Enkel Wilhelm II. konnte den Kolonialbesitz nur noch geringfügig erweitern. Die koloniale Eroberung bedurfte allerdings auch große Mengen von finanziellen Mitteln, die in der deutschen konstitutionellen Monarchie durch den Reichstag bewilligt werden mussten. Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Kolonialfrage im Spektrum der politischen Parteien, eingegrenzt auf den Zeitraum von der Reichsgründung 1871 bis zur Jahrhundertwende. Die Forschungsfrage lautet: Welche Einstellung gegenüber der Kolonisierung bestand in den verschiedenen politischen Lagern? Dabei liegt ein Hauptaugenmerk auf der Auseinandersetzung des Reichskanzlers Bismarck, in dessen Regierungszeit die Kolonisation begann und ein Großteil der Überseegebiete erobert wurden. Die Geschichtswissenschaft legt in der Frage des deutschen Kolonialismus ihren Fokus stark auf die Person Bismarck und erforscht darüber hinaus, in welcher Weise die deutschen Interessen in den Kolonien vertreten wurden. Diese Arbeit leistet den Beitrag, dass sie die Einstellung der Parteien in der Kolonialfrage genauer untersucht. Dabei geht sie auch auf den entflammten „Kolonialenthusiasmus“ in der Bevölkerung ein und zeichnet ein größeres Bild über die Einflussfaktoren und Rahmenbedingungen, in denen sich die Parteien im Kaiserreich zurechtfinden mussten. In einem ersten Schritt wird die Kolonialpolitik im Allgemeinen beschrieben. Anschließend wird das politische System und das Parteiwesen im deutschen Reich vorgestellt, bevor die vier maßgeblichen politischen Ideologien (Konservatismus, Liberalismus, politischer Katholizismus und Sozialdemokratie) und deren dazugehörige Parteien im Hinblick auf ihre Einstellung zur Kolonialfrage untersucht werden. In den Schlussfolgerungen werden abschließend die Ergebnisse dieser Arbeit präsentiert. Es wird erwartet, dass die Kolonialfrage für die politischen Parteien nur ein Thema unter vielen gewesen ist und sie mit ihr sehr pragmatisch umgegangen sind. Darüber hinaus galt es für die Parteien abzuwägen, inwieweit sie sich den gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen wollten, um ihrem Ziel der Stimmenmaximierung gerecht zu werden, ohne dabei ihre Ideologie und Klientel aus den Augen zu verlieren.

2. Kolonialpolitik im Kaiserreich

Um die Einstellung der politischen Parteien im deutschen Kaiserreich im Hinblick auf die koloniale Frage zu untersuchen, gilt es zunächst die inneren und äußeren Einflüsse, unter denen sich die Parteien zurechtfinden mussten, zu klären. Unter Kaiser Wilhelm I. und Reichskanzler Otto von Bismarck wurde das Deutsche Reich im Jahr 1871 zu einem Nationalstaat und im Zuge der Industrialisierung zu einer Großmacht in Europa. Die Kolonialpolitik im deutschen Reich bis zur Jahrhundertwende lässt sich in zwei Phasen einteilen: Die erste Phase von 1871 bis 1890 war geprägt durch den deutschen Reichskanzler Bismarck und dessen innen- und außenpolitische Gestaltung. Im Jahr 1888 bestieg Wilhelm II. nach dem Tod seines Großvaters den Thron und wollte eine aktivere Rolle in der Politik spielen. Aufgrund von Differenzen mit Reichskanzler Bismarck musste dieser sein Amt im Jahr 1890 niederlegen, sein Nachfolger wurde Leo von Caprivi und es begann die 2.Phase der deutschen Kolonialpolitik, die in dieser Arbeit bis zur Jahrhundertwende untersucht wird (Halder 2003). Im Vergleich zu anderen Großmächten ist Deutschland erst sehr spät in die Kolonialpolitik eingestiegen, was zweierlei Gründe hatte. Zum einen entwickelte sich die Industrialisierung in Deutschland im Vergleich zu den anderen Großmächten erst sehr spät, zum anderen vertrat Bismarck eine hartnäckige antikoloniale Haltung bis in die Mitte der 1880er Jahre (Gründer 2004). Diese Haltung begründete sich aus finanziellen und außenpolitischen Überlegungen. Bismarck legte den Schwerpunkt seiner Außenpolitik auf den Erhalt des Status Quo in Europa und wollte die anderen Großmächte nicht durch den Erwerb von Kolonien reizen. Er lehnte sogar ein Angebot Frankreichs ab, das im Jahr 1871 angeboten hatte seine Kolonie Cochinchina (südlicher Teil des heutigen Vietnams/ östlicher Teil des heutigen Kambodschas) an Deutschland abzugeben. Zudem war er sich über die Kosten von Kolonien bewusst: "O! O! Cochinchina. Das ist aber ein sehr fetter Brocken für uns; wir sind aber noch nicht reich genug, um uns den Luxus von Kolonien leisten zu können." (Bölsche 2004). Für Bismarck standen die Ausgaben für Beamte in der Verwaltung und eine Flotte, die nötig war um die Kolonie zu schützen, in keinem Verhältnis zu den Erträgen. Diesen Standpunkt vertrat er auch noch im Jahr 1881: "So lange ich Reichskanzler bin, treiben wird keine Kolonialpolitik. Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann... und wir dürfen keine verwundbaren Punkte in fernen Weltteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht" (Gründer 2004).

Dennoch erwarb Deutschland zwischen 1884 und 1886 mehrere Gebiete in Südwestafrika, Togo, Kamerun, Ostafrika und im Pazifik. Die deutsche Kolonialpolitik wurde nach dem Vorbild Englands konstruiert, d.h. Privatunternehmen wurde es mit Hilfe von staatlichen Schutzbriefen ermöglicht, vor Ort sicher zu agieren (Osterhammel 2012). Damit waren die staatlichen Ausgaben auf ein Mindestmaß reduziert. Wodurch hatte sich die Einstellung Bismarcks zur Kolonialpolitik verändert? Aus außenpolitischer Sicht war die Zeit für den Erwerb von Kolonien sehr günstig, immerhin befand sich England in Ägypten im Streit mit den Franzosen über die Zukunft des Suez- Kanals und in Afghanistan befand sich England kurz vor einem Krieg mit Russland (Kinder/Hilgemann/Herget 2006). Des Weiteren spielte die Prestigefrage eine große Rolle. Das Nationalgefühl der Deutschen war seit der Reichsgründung stark angestiegen und man konnte auch wirtschaftlich mit den Großmächten mithalten. Um als Großmacht wahrgenommen zu werden, gehörte es sich aber, einige Kolonien zu besitzen. Die Prestigefrage spiegelte sich auch in dem aufkeimenden Kolonialenthusiasmus in Deutschland wieder. Zunächst interessierten sich nur einige Industrielle, Kaufleute, Politiker und Forscher für die Kolonisierung (Halder 2003), in den frühen 1880er Jahren begann allerdings eine massive Kolonialpropaganda, die breite Bevölkerungsschichten erfasste, wie Bismarck feststellte: „Die öffentliche Meinung legt gegenwärtig ein so starkes Gewicht auf die Kolonialpolitik, daß die Stellung der Regierung im Innern von dem Gelingen derselben wesentlich abhängt“ (Osterhammel 2012). Am 06.12.1882 wurde der „Deutsche- Kolonial- Verein“ in Frankfurt am Main gegründet und entwickelte sich rasch zu einem überregionalen Sammelbecken für koloniale Interessen, hinzu kam die 1884 gegründete „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“ und im Jahr darauf die "Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft" und die "Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika". Während die Kolonialpropaganda anfangs noch eine kultur- missionarische Argumentation im Sinne von „Herrenmenschen“ in Abgrenzung zum „faulen und kulturlosen Neger“ vertrat, entwickelte sich der Fokus rasch in eine ökonomische Handelsagitation (Schubert 2003). Für die einzelnen Investoren entstand durch die Interessenvertretungen die Möglichkeit, geschlossen Druck auf die Regierung auszuüben, um ihre Ziele zu erreichen. Aus wirtschaftlicher Sicht erhoffte man sich durch den Erwerb von Kolonien neue Absatzgebiete und Rohstoffressourcen für die heimische Industrie. Zu Beginn der 1880er Jahre errichteten die Kolonialmächte England, Frankreich und Spanien große Zollschutzzonen in ihren Einflussbereichen und beschränkten damit den freien Handel. Für Deutschland hatte dies eine Absatzkrise in Industrie und Landwirtschaft zur Folge und man hoffte, dass die Konjunktur durch neue Absatzgebiete und Rohstoffquellen wieder belebt werden könnte. Hans- Ulrich Wehler betrachtet diesen Ansatz als eine „Frühform von antizyklischer Konjunkturpolitik“ (Wehler 1988). Die Hauptargumente für die Befürwortung der deutschen Kolonialpolitik bezogen sich auf die Innenpolitik. Der Kolonialismus sollte die gesellschaftlichen Widersprüche und Konflikte ausgleichen, die von der der Industrialisierung herbeigeführt wurden (Halder 2003). Die mit der Industrialisierung einhergehende Entstehung eines Arbeiterproletariats, das eine Gefahr für das Staatssystem werden könnte, und der rapide Bevölkerungsanstieg (die Bevölkerung war von 1875-1913 um 60% angestiegen) durch die Verbesserung der hygienischen und medizinischen Versorgung, führte zu gesellschaftlichen Spannungen, die man durch den „Export der sozialen Frage“ beziehungsweise durch das „Ventil für soziale Spannungen in Deutschland“ zu lösen versuchte. Dadurch, dass man den Deutschen die Möglichkeit gab, in deutsche Gebiete auszuwandern, wollte man das Problem lösen (Gründer 2004). Durch die anstehenden Reichstagswahlen im Herbst 1884 gab es für Reichskanzler Bismarck einen weiteren Grund die Kolonialfrage zu beantworten. Wie sich im späteren Verlauf dieser Arbeit noch zeigen wird, gab es im Reichstag ganz unterschiedliche Konstellationen und Mehrheiten auf die sich Bismarck stützen konnte. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Bismarck die Kolonialparolen zugunsten der regierungsfreundlichen Parteien nutzen wollte, wie er selbst gegenüber einem Mitarbeiter zugibt: „Die ganze Kolonialgeschichte ist ja Schwindel, aber wir brauchen sie für die Wahlen“ (Bölsche 2004).

Als der junge Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1888 den Thron bestieg, verschärfte er mit aufbrausenden Temperament und seiner Militärbegeisterung den Ton der deutschen Außenpolitik erheblich. Wilhelm II. wollte aktiv in die Politik eingreifen und ein „persönliches Regiment“ führen. Im Jahr 1891 ließ er den gesamten deutschen Kolonialbesitz dem Auswärtigen Amt in Berlin unterstellen. Zudem gab er die defensive Kolonialpolitik Bismarcks auf und wollte der „zu spät gekommenen Nation“ einen „Platz an der Sonne schaffen“. Durch die provokative militärische Aufrüstung der deutschen Streitkräfte brach der von Bismarck aufgebaute Status Quo in Europa zusammen und die entstehenden Spannungen führten letztlich mit zum Ausbruch des 1.Weltkriegs (Osterhammel 2012). In den 1890er Jahren wurde dem deutschen Kolonialreich das chinesische Kiautschou und in der Südsee Samoa, sowie die Karolinen-Marianen- und Palau-Inseln hinzugefügt. Insgesamt herrschte Deutschland in der Ära zwischen 1884 und 1918 über das weltweit drittgrößte Kolonialreich, mit über 12 Millionen Untertanen in Übersee und ein Gebiet das fünfmal so groß war wie das Mutterland. Nach dem Ausbruch des 1. Weltkrieges mussten sich die deutschen Schutztruppen relativ schnell den überlegenen „Ententemächten“ geschlagen geben. Nach der Niederlage der Deutschen 1918 verloren sie durch den „Versailler Vertrag“ offiziell alle Kolonien und die Siegermächte teilten die deutschen Besitztümer als Mandatsgebiete unter sich auf (Bölsche 2004).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Kolonialfrage im Spektrum der politischen Parteien im Zeitraum von der Reichsgründung 1871 bis zur Jahrhundertwende.
Hochschule
Universität Mannheim  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Das deutsche Kolonialreich
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V300446
ISBN (eBook)
9783656975113
ISBN (Buch)
9783656975120
Dateigröße
709 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kolonialfrage, spektrum, parteien, zeitraum, reichsgründung, jahrhundertwende
Arbeit zitieren
Carsten Müller (Autor), 2012, Die Kolonialfrage im Spektrum der politischen Parteien im Zeitraum von der Reichsgründung 1871 bis zur Jahrhundertwende., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/300446

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Kolonialfrage im Spektrum der politischen Parteien im Zeitraum von der Reichsgründung 1871 bis zur Jahrhundertwende.


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden